Cook jedenfalls war nicht ahnungslos von dem, was der Besucher harrte, die zum erstenmal in die Südsee einfuhren, als die Felsenufer von Neuseeland hinter ihnen versanken und sie Anfang Juli durch einen furchtbar festlichen Tanz turmhoher, wandernder Wasserhosen den Kurs weiter nordöstlich nahmen. George, mit einer feinen Witterung für die Stimmungen des Gewaltigen begabt, merkte ihm etwas an, — es war kaum der Rede wert, ein verschmitzter Zug um den Mund herum, das Zukneifen eines Auges, nur so ein Zucken im unteren Lid, aber genügend, um auf diesem gesammelten Gesicht wie ein Lächeln zu wirken, — dies alles beim Zusammensein während des Essens oder bei ähnlichen Gelegenheiten, wenn der eine oder der andere Äußerungen eines rätselhaften Behagens tat, das ihn urplötzlich überkommen hatte, — o, durchaus nicht einzig als Folge des erholsamen Aufenthaltes auf dem Eiland der Winde und Wasserfälle, in dessen feuchten Urwäldern voller Schlinggewächse und Farnkräuter man sich nach Herzenslust die Beine vertreten hatte, umrauscht von dem stehenden Gesang der Sturzbäche und unzähliger Drosseln, — nicht allein neu belebt durch die veränderte Nahrung aus wildem, grünem Gemüse und frischen Fischen und Wasservögeln, von denen die Buchten gewimmelt hatten, — durch die Abwechslung köstlich erregender Jagdausflüge und ergiebiger Forscherfahrten. Nein, es war noch ein anderes, etwas, das erwachte, unter dem beständigen zärtlichen Fächeln des Südostpassats, vielleicht auch nur eine gewisse Einschläferung unter demselben warmen, holden Blasen, das mit süßem Harfensang im Takelwerk sauste. Hodges redete viel vom Mittelmeer, vom Golf von Neapel, und verlor sich in Träumereien über das ewige Rom, denen niemand recht zuhörte, denn jeder war in seiner Art geschwätzig geworden und der Mannschaft hatte sich eine geschäftige Aufregung bemächtigt, die sie ganz ohne Branntwein in bester Stimmung erhielt, — waren doch einige unter ihnen, die schon Cooks erste Expedition mitgemacht hatten und die wußten, was sich von O’Tahiti erwarten ließ, — nun, und die nicht darüber geschwiegen hatten. Der irische Leichtmatrose, — er hieß Larry, — sang und pfiff den ganzen Tag und immer diese „Rakes of Mallow“; George, bei dem sonst keine Melodie haften bleiben wollte, ertappte sich, wie er eines Tages etwas Ähnliches vor sich hinbrummte und Larry, der in seiner Nähe Loggleinen aufrollte, grinste ihn wohlwollend an, indem er seine blanken breiten Zähne zeigte. Die Sache war die, daß zwischen George und Larry ein unbeschworenes Bündnis bestand, eine Art Anlächelverhältnis auf Gegenseitigkeit, ein stummes Einverständnis, begründet von Larrys Seite auf grenzenloser Bewunderung von Georges gelehrten Beschäftigungen des Schreibens und Lesens und seitens Georges auf der Erfahrung von Larrys eisernen Muskeln, die er auf einem Ausflug auf Neuseeland kennengelernt hatte, als er sich den Fuß verstaucht und der brave Bursche außer allerhand Gerät, Proviant und der gesamten Jagdbeute ihn selbst stundenlang nahezu geschleppt hatte. Seitdem fühlte er hier ein körperliches Vertrauen, eine uneingestandene heiße Dankbarkeit, — ja, Larry hatte für ihn gesorgt, hatte Geduld mit ihm gehabt, als die anderen alle vorausgingen und niemand sich um ihn kümmerte („Nimm dich ein wenig zusammen!“ hatte der Vater gesagt), als es in dem fremden Wald so entsetzlich naß, dampfig und unheimlich gewesen war. Nun und weiter, — Larry am Lagerfeuer, das er mit erstaunlicher Geschicklichkeit an den feuchtesten Tagen anzufachen verstand, unermüdlich in die Glut blasend und mit geröteten, rauchgebeizten Augen vergnügt blinzelnd, — Larry, eine vorzügliche Löffelgans schmunzelnd am selbstgeschnitzten Spieß drehend, — Larry, des Nachts unter dem notdürftig schützenden Zeltdach geruhig schlummernd wie in der Mutter Schoß, während George, unmäßig erregt durch diese lebendige, bewegte Finsternis, kühl durchschauert vom Nachtwind, namenlos bedrückt durch das unaufhörliche Rauschen der Gewässer, keinen Schlaf fand, ehe er sich nicht nah an den anderen gedrängt und den Kopf an Larrys Schulter gebettet hatte, oder auf Larrys Bein, gleichviel, dieser merkte ja nichts und atmete so stark und tröstlich, war so beruhigend durchwärmt wie ein großer, zottiger Hund …
So war Larry. Er hatte keine Auffassung für empfindsame Sonnenuntergänge, vermutlich. Aber als an jenem Abend Hodges an der Schulter von Mr. Forster schluchzte und stammelnd mit der Rechten nach Westen wies, während Mr. Forster gewaltig dastand, breitbeinig und die Arme verschränkt, die Glut des Himmels in unbeweglichen blanken Augäpfeln spiegelnd, — als George verwirrt lächelnd unwillkürlich die Hand auf seine Brust legte, in der das Herz zu steigen begann wie im Rhythmus großer Gesänge, — mein Gott, wie ward ihm nur diesem aufgerissenen Himmel gegenüber, aus dem Purpur und Safran quoll und in den das Meer feierlich einströmte, das Schiff erklingend mit sich ziehend, — und da löste sich von der Topmastspitze ein schimmernder Vogel und strich ihnen mit hartem Sehnsuchtsschrei vorauf, die glatte, spiegelnde Dünung fast streifend, langschwänzig, edelsteinglühend, — well, da pfiff auch Larry anerkennend durch die Zähne. —
Am nächsten Morgen lag O’Tahiti vor ihnen, ein waldiger Inselberg, gekrönt von schaumigem Rosengewölk, einen sanften Strand voll winkender Palmen ins Meer sendend. Das Abenteuer der Inseln nahm seinen Anfang. —
Immerhin, man lieferte sich ihm nicht aus, — immerhin, man bewahrte Haltung. Man blieb dessen eingedenk, blieb es ganz unwillkürlich, daß man einen Leibrock trug, eine Schoßweste und tuchene Hosen, lange Strümpfe und Schnallenschuhe, und zu allerunterst ein Hemde, kurzum, daß man bekleidet war, daß man das Haar in strammer Tracht gebändigt hielt, daß man es gewohnt war, auf Stühlen zu sitzen, sich beim Essen der Teller und der Bestecke zu bedienen, — daß man eine christliche Moral und eine menschliche Gesittung hatte, die einen instand setzten, diese Wilden zu bemitleiden und zu belächeln, — daß — kurzum, kurzum, — man sein Europäertum besaß, diesen Schatz und Schutz, und es nicht nötig hatte, hier mehr zu sehen als etwa menschenähnliche Tiere von bemerkenswerter Geschicklichkeit. Aber da war eine Versuchung in ihnen allen, in der Knospe mitgebracht aus eben diesem wundervollen Europa und unterwegs erblüht und gereift, eine Versuchung, dies alles übellaunig zu verachten, zu verachten, weiß Gott, dies, daß man auf Stühlen saß und mit Gabeln aß, ein Jabot trug und es vermied, laut aufzustoßen. Sie hatten irgendwelche Bücher gelesen, — Cook nicht, der natürlich nicht, aber doch Hodges, der Maler, Wales, der ein Schöngeist war, soweit die Betrachtung des Universums ihm Zeit dazu ließ, Forster, selbstverständlich, und sogar George, — Bücher eines Franzosen, jenes Jean Jacques Rousseau, aus denen ein Niederschlag von Schwermut in ihren Adern lag, der nicht wohl fortzuschwemmen war, einer Schwermut, die ihnen den Blick geklärt hatte für die Windigkeit dieser ganzen sogenannten Zivilisation, und aus der sie ein Recht schöpften, sympathisch über die einfachen Zustände dieser Völker zu philosophieren, — ja, sie zu beneiden. Dies zugestanden: trotzdem bewahrte man selbstverständlich Haltung und hatte vielleicht eine Hemmung mehr, sich jener sanften Gehirne und verlockenden Körper allzu unbedenklich zu bedienen, hatte eine gewisse wehmütige Achtung vor ihnen, empfand einen Abstand, als von Brüdern, die am Sündenfall nicht teilgehabt hatten …
Wie sie da an Bord gekommen waren, täppisch-zutraulich, gleich arglosen jungen Tieren, nackt bis auf das Lendentuch, mit dem bezaubernden Spiel der geschmeidigen Muskeln unter der mahagonibraunen mattglänzenden Haut, Augen und Nüstern in ständiger witternder Bewegung! „Tayo!“ sagten sie lieblich und grinsten ganz unwiderstehlich, „Willkommen!“ und sie bewegten einen Pisangschoß als grünen Friedenswimpel. Es war nahezu empörend, daß der Kapitän angesichts von so viel harmlosem Vertrauen kalten Blutes den Befehl ausgab, Gewehre mit scharfer Ladung bereit zu halten! Indessen erlebte es sich, daß, während Herr Forster zum Beispiel eben mit einem treuherzigen Burschen um ein paar Kokosnüsse handelte und ihm eine Schnur bunter Glasperlen verlockend vor der Nase tanzen ließ, daß ein anderer, ein ebenso treuherziger Bursche, gleichzeitig daran ging, ihm von hinten die blanken Knöpfe über den Rockschößen behutsam abzusägen, vermittelst eines ganz kleinen, ganz scharfen Messerchens aus Feuerstein! O gewiß, er hatte dem königlichen Fremden nicht weh tun wollen, der königliche Fremde hatte es ja gar nicht merken sollen, gleich ihnen selbst unbewußt gereiften köstlichen kleinen Früchten hatten sie geerntet werden sollen, diese vortrefflichen blanken Korallchen von dem Rücken des Fremden … Jedoch nun gab es ein zorniges Gebrüll und Herumfahren und etwas wie die Gebärde einer Ohrfeige ins Leere hinein, wobei die Glasperlen herumgeschleudert wurden und sonderbar schnell verschwanden, und der Ertrag dieses Erlebnisses bestand für Herrn Forster in dem Entschluß, nicht mehr ohne sein Meerrohr in der Hand mit diesem Volk zu verkehren, das, nun freilich, ganze Bootslasten voll köstlicher Früchte an Bord gebracht hatte, darunter eine safttriefende Apfelart von ananasähnlichem Geschmack, — das aber der Ansicht schien, alles bewegliche Gut stünde zu allgemeinster Besitzergreifung frei, und daß das meiste auch wert sei, mitgenommen zu werden. Als der Kapitän nach Sonnenuntergang einige blinde Schüsse abfeuern ließ und damit das Verdeck in kürzester Frist von den anhänglichen Gästen gesäubert hatte, da hatten auch die gefühlvollsten Herzen nichts mehr gegen diese Maßregel einzuwenden. George sah ihnen nach, wie sie in den schnellen flachen Booten zwischen den Riffen hindurchkreuzten, lärmend und glückselig ihrem Eiland zufahrend, das geheimnisvoll dunkelnd unter dem türkisblauen, grün und golden getönten Himmel lag. Düfte wehten von dort herüber, und eine wunderliche Sehnsucht, an Land zu gehen, durchströmte ihn magnetisch, so daß er die Arme auseinanderwarf und sich reckte und schüttelte, nur um diesen bezaubernden körperlichen Drang zugleich zu genießen und sich seiner zu entledigen. Indessen war ein gewaltiges Treiben an Bord, um die Spuren des Besuches zu vertilgen, ganze Haufen von goldenen Äpfeln und Bananen wurden zusammengefegt, und den bloßbeinigen Kerlen lief der Saft vom Munde, während doch allgemeine zornige Erregung darüber herrschte, daß die Bande kein Fleisch, kein Schweinefleisch mitgebracht hatte. Denn nach frischem Fleisch waren sie lüstern wie die Raubtiere geworden, ihre Zähne juckten danach, und was hatte ihnen Billy, der Koch, so viel von den Tahitianer Schweinchen erzählen müssen, die so zarten rosigen Speck hätten und deren Schinken auf der Zunge zerschmölzen wie junge Grasbutter und schmeckten, — nun, etwa nach Haselnuß. Es erübrigt sich, der Vergleiche zu gedenken, die Billy von hier aus zu der weiblichen Jugend von Tahiti gezogen hatte, — kurz und gut, Jan Maat war alles andre als beseligt von dem bloßen Anblick der Insel, als zufrieden mit frischem Obst, von dem man Koliken bekam, — was denn sonst? Er stierte gefährlich landeinwärts, er murrte, — die ganze Nacht über war das Volkslogis unruhig wie ein Bienenstock vor dem Schwärmen und Cook, der die zweite Wache selbst übernommen hatte, kniff die Lippen schmäler zusammen als je. Jedoch geschah es, daß George, als er mitten in der Nacht von seiner seltsam seligen Unruhe geweckt, wach lag, ihn flöten hörte, — es hätte vielleicht niemand außer ihm vermutet, daß dies Captain Cooks Odem sei, der da unter den dunstig verschleierten Sternen der Südsee so süß und glasklar sang, wie daheim eine Grasmücke im Gesträuch, — aber er kannte es, er hatte es zuweilen, — abgerissen, — gehört, als eine Lebensäußerung des Gestrengen, die niemand zu beachten pflegte, — und jetzt lag er, hingegeben an die großen stillen Bewegungen des Schiffes, das sanft am Anker zerrte, lag und spürte etwas Fremdes, Beglückendes in der Luft, meinte ein Rauschen zu vernehmen, nicht von Wogen, sondern von vollen Baumwipfeln im Morgenwind, durchrieselt von diesem in sich selbst gekehrten Getön, — lag und lächelte ins Dunkel und schlief wieder ein. Am nächsten Morgen erlangte man auch Schweinchen, soviel das Herz nur begehren konnte, erlangte sie von König Aheatua, der die Fremden, im Kreise seiner fetten Vasallen sitzend, mit furchtsamen Blicken empfing. Er trug einen blendend weißen Schurz, sonst war er nackt und rührend in irgendetwas, durch eine sanfte Schönheit, vielleicht dadurch, daß seine Haut heller war, als die seiner Untertanen, daß sein langes Haar nicht gekräuselt, sondern schlicht und lichtbraun war, an den Spitzen bernsteinfarben, — ja, er rührte ungemein, und wahrscheinlich, weil er sich so offensichtlich fürchtete, nicht nur vor den Europäern mit ihren schwarzen Lederfüßen und dicken Tuchröcken, mit ihren rötlichen Gesichtern und harten hellen Augen, — nein, er fürchtete sich entschieden auch vor den nackten fetten braunen Männern seiner Umgebung, die doch so demütig waren, und die Schultern in seiner Gegenwart entblößten … König Aheatua war sehr jung, fast ein Knabe noch. Es gelang Cook, ihn zu veranlassen, von seinem Throne zu steigen und die Fremden an einen Ort zu begleiten, von wo aus er die „Resolution“ liegen sehen konnte. Dies versetzte ihn augenblicks in eine ausgesprochen sprühende Laune, die sich durch eine unnachahmliche Albernheit kundgab. Sie wurde durch das Geschenk einer kleinen Axt ins Groteske gesteigert und Seine Majestät gaben sich nun mit dem Ausdruck eines zufriedenen Kaninchens der Beschäftigung hin, Gestrüpp in kleine Stücke zu zerhacken, wobei ihm seine Umgebung ernsthaft, neugierig und ersichtlich nicht ganz neidlos zur Seite stand. Dann begann ein schottischer Matrose auf Cooks Befehl den Dudelsack zu spielen; König Aheatua horchte entzückt auf, sicherte die Axt, indem er sich darauf setzte, sehr zum Mißvergnügen seines ersten Ministers Tuahau, der vergeblich versuchte, den begehrten Gegenstand unter der königlichen Basis hervorzuzupfen (— er wurde angefaucht und bekam einen Tatzenhieb über die Finger —), und lauschte hingerissen, die Augen schließend und den Oberkörper hin- und herwiegend. Der Dr. Sparrmann fühlte sich bewogen, einen nachdenklichen Vergleich zwischen diesem Monarchen und dem unter so düsteren Umständen verstorbenen Gemahl der großen Katharina, dem Großfürsten Peter, zu ziehen, — hatte jener nicht ähnliche Liebhabereien gehabt und einem Knaben mehr geglichen als einem Mann? Dies gab den Anlaß zu einem äußerst angeregten Disput darüber, was einem Barbarenfürsten noch erlaubt sei und einem europäischen Herrscher nicht mehr, — und somit war die ganze Gesellschaft von dem Ergebnis dieses Audienzmorgens sehr befriedigt, Cook von seinem diplomatischen Erfolg, denn er hatte nun für sich und die Besatzung die Erlaubnis freier Bewegung auf der ganzen Insel, — die Herren Gelehrten von ihren höchst geistreich zugespitzten Beobachtungen und die Matrosen, — nun, ohne Zweifel von der Aussicht auf Schweinebraten. Zudem war man hinter das Geheimnis gekommen, weshalb ihnen gestern die Schweine verweigert worden waren und wer jener rätselhafte Peppe sei, von dem die Eingeborenen gefabelt hatten: ja, Peppe hatte es dem Könige verboten, Schweine zu verschenken, und Peppe war sehr mächtig, hatte ein ebenso großes, ein ebenso wildes Schiff wie Captain Cook, — nur, er hatte es eben einmal fortgeschickt, dies Schiff, und … Nun, es stellte sich heute heraus: Peppe war ein zottiges, tierisches Geschöpf, das demütig herbeikroch, als es die Fremden so wohl empfangen sah, Peppe war im Kerne seines Schmutzes ein ehemaliger spanischer Matrose, von irgendeiner Expedition auf der Insel zurückgelassen, vielleicht von der Mannschaft des Gros Ventre, der vor Jahresfrist in diesen Gewässern sein Wesen gehabt hatte. Er selbst schien nicht imstande, Auskunft über sich zu erteilen, war aber außerordentlich bereit, den Fremdenführer für die Matrosen zu machen, und etliche vertrauten sich ihm an, seine Erfahrung witternd. Georges Blick folgte ihnen nachdenklich: da ging auch Larry hin, nachdem er eine Weile gezaudert hatte, — hin ging er mit zur Schau getragener Gleichgültigkeit im Schlenderschritt, die Hände in den Gurt geschoben, auf den Lippen die ewigen „Rakes of Mallow“, und sandte noch einen schiefen Blick zurück zu George, indem er das rechte Auge zukniff. Hierauf warf er plötzlich den Kopf auf, legte die Ellbogen an und setzte sich in einen wilden Trab, um die Kameraden einzuholen, seine starken nackten Beine flogen auf und nieder, und jetzt machte er einen Luftsprung und schlug den langen Ben auf die Schulter. Da ging er also hin, — und George brauchte sich keinen Grübeleien darüber hinzugeben, wohin, er war ganz unterrichtet, denn diese Dinge waren oft genug berührt worden: sie gingen zu Mädchen, Tänzerinnen etwa, um sich zu belustigen. Dies, — so hatte George aus den Gesprächen der Herren entnommen, — war nicht mehr als ihr gutes Recht und also gar nicht verwunderlich. Die Frage war nur, ob es auch ihn, George, belustigen könnte, Larry zu begleiten, und in der Unlösbarkeit dieser Frage lag eine leise Beunruhigung, etwas wie ein Grund zur Traurigkeit. Schließlich, — er gehörte nicht zu Larry, sondern zum Vater und den übrigen Herren, — und diese, — dachten sie auch wohl im entferntesten daran, zu gehen, um sich zu belustigen? Besprachen sie nicht wissenschaftliche Fragen, waren so angeregt wie nur je, übertrumpften sich mit Schlagworten, waren witzig, lärmend, ausgelassen, strotzend von Geist? Und George ging langsam hinterher, den Blick von Wundern überfüllt, geblendet von Blatt- und Blumenformen, wie sie leidenschaftlich üppig ausgeprägt, aufgetan und von Frucht und Samen überquellend waren, von den Farben der Blüten, des Himmels, des Meeres und der Wälder, dem innersten Blute der Erde unter dünner bebender Decke scheinend. Er ging dahin, diese ganze Welt stand um ihn in der nackten ruhigen Majestät ihrer unablässigen Fruchtbarkeit und zog ihr heißes Licht zusammen in der Gestalt eines jungen Weibes, das im Schatten eines ungeheueren Brotfruchtbaumes vor ihrer Hütte saß und an einer Matte flocht, die schlanken Beine gekreuzt, die feuchten Tieraugen zwischen den feuerroten Blumen an ihren Schläfen lächelnd zu den Fremden aufgeschlagen, — er ging hindurch, mit bebenden Knieen, beklommen glücklich, aber verwirrt und in sich selbst vergeblich nach einem Maßstab suchend, nach einer Möglichkeit, sich diesem allen anzupassen … Anders Herr Forster. Er war lärmend glücklich. Alle paar Schritte blieb er stehen, breitete die Arme aus und sang die Landschaft an in haltlosen Deklamationen, die sein Busen nicht länger bemeistern konnte. Dies hier, dies war die Luft, in der es sich atmen ließ! Hier Mensch zu sein, wie unbeschreiblich selig! Und er machte ergriffen halt vor einer Gruppe, die ebenfalls vor einer stattlichen Hütte am Boden saß, und als Mittelpunkt einen großen Mann hatte, der wie eine sanfte Hügellandschaft gediegener Fleischmassen voller Fetthöcker, Wülste und Grübchen auf einer Matte lagerte, das schwerwuchtende Haupt sinnreich gestützt und schläfrig in das Blätterdach der Pisangs blinzelnd, während eine größtenteils weibliche Dienerschaft emsig damit beschäftigt war, ihm mit Palmwedeln die tanzenden Insekten abzuwehren und ihm Kühlung zuzufächeln, ihm die Fußsohlen zu kratzen und ihm Nahrung in sein breites Maul zu schieben, an der er lange und träge kaute, bisweilen auch in dieser Beschäftigung minutenlang innehaltend. Die Fremden beachtete er mit keinem Blick, jedoch wurden ihm auf einen Wink seines Zeigefingers alsbald einige frische Blumen in sein filziges Haar geschoben und er bettete seine schwammigen Hände, an denen ungemein lange gebogene Nägel glänzten, wie ein Adelsschild recht sichtbar auf seinen Magen. Lange Nägel, bemerkte Cook im Weitergehen, gälten hier als ein Ausweis der Vornehmheit und des Reichtums, die Hand, die sich mit langen Nägeln schmückt, besitzt Hände, die für sie arbeiten … Ein neuer Anlaß, die bedeutendsten Vergleiche zwischen heimischen und hiesigen Verhältnissen zu ziehen, ein Gespräch, an dem Herr Forster sich lebhaftest beteiligte, das Meerrohr auf dem Rücken haltend und Europens Vergeistigung preisend. Indessen, plötzlich brach es aus ihm hervor, er legte die Hand auf seine Mitte, sah begeistert um sich und rief nicht ohne Treuherzigkeit aus: „Meine Freunde, — etwas, — etwas hat es doch für sich!“ Setzte aber gleich darauf abschwächend mit leichter Beschämung hinzu: „Gewinnt der Geist nicht, wenn einem die Nahrung so gleichsam ins Maul wächst?“ Eine Frage, die nur der sanftmütige Hodges mit schwimmenden Augen rückhaltlos bejahte. —
„Sieh, mein Sohn, dies ist’s, was mir lebenslänglich gefehlt hat!“ bekannte Herr Forster George einen Abend später, als sie in der Matavi-Bucht Groß-Tahiti gegenüber vor Anker lagen, von einem unüberwindlichen Drang nach Mitteilung übermocht. Die Nacht war unfaßbar schön, bläulich vom Mondlicht, in dem der starke Silberschein der Sterne matt ward. Eine Perlenschnur kleiner roter Feuer glimmte im Halbkreis am Strande um die Bucht herum und von dort her kam Freudengetön, fremdartig, schrill und eintönig, und wiederum heimatlich vertraut, vom Dudelsack begleitet. Sogar ein deutsches Lied kam herüber, — George lauschte bestürzt und Mareiken, die Magd, stand plötzlich vor seiner Seele, am Herde sitzend und das Spinnrad tretend, dazu — langgezogen, klagend — „Anke von Tharau ist’s, dir mir gefällt …“
Freilich, dies war der Matrose Friesleben, ein Deutscher. Also nichts Wunderbares, — nur, daß er für gewöhnlich nicht sang …
„Was mir lebenslänglich gefehlt hat,“ fuhr der Vater fort, und es war ein Schwanken in seiner Stimme, daß George aufhorchte und versuchte, in dem ungewissen Licht den Ausdruck seines Gesichtes zu erkennen, — er nahm aber nicht mehr wahr, als eine empfindsame Seitenneigung des umfangreichen Hauptes, denn Herrn Forsters Antlitz war beschattet, — „dies, teurer George, war der natürliche Überfluß der Erde. Denn siehst du, ich bin eine armselige Kreatur, laß es mich nur aussprechen, denn ich bin mir dessen wohl bewußt, — eine armselige, eine Kreatur, die viel für ihres Leibes Notdurft braucht.“ Herr Forster schnaufte ein wenig und griff nach einer Banane, — eine Riesentraube lag neben ihnen auf Deck wie ein mattgolden leuchtendes Schuppentier.
„Es ist mir,“ fuhr er bekümmert fort, während er der Frucht behend ihren weichen duftenden Pelz abstreifte, „es ist mir immer unmöglich gewesen, geistig zu arbeiten, wenn ich nicht sehr satt war. Daß ich mich aber immer so plagen mußte, um satt zu werden, siehst du, George, — das hat mir so viel Zeit genommen und hat mich aufgerieben, George, — aufgerieben, aufgerieben, — wenn man es mir auch nicht anmerkt. Und nun hier, mein Sohn, — ach ja!“ Er legte eine schwere heiße Hand auf Georges Schulter und nickte nachdrücklich. „Hier sollten deine Mutter und deine Geschwister bei uns sein, wir sollten eine geräumige Hütte bewohnen, uns von Früchten, Fischfang und Jagd ernähren und ihr solltet sehen, was ihr für einen Vater hättet, wenn selbiger sich nicht mehr um das tägliche Brot die Hände schwielig zu schaffen brauchte! Jawohl, — schwielig!“ fügte er befriedigt hinzu, hierauf in Schweigen versinkend und auch George seinen Betrachtungen überlassend, Betrachtungen, die darin mündeten, daß er sich nach Europa, nach einer volkreichen, wimmelnden, arbeitenden, winterkalten Stadt sehnte, — nach Büchern, Gemälden, ja, selbst nach Kuriositätensammlungen und Kaufläden, fast sogar nach dem finstern Kontor des Mr. Hitch mit seinem muffig-süßlichen Geruch der Tuchballen, — dies alles trotz oder gerade wegen der Aussicht auf einen sorglosen Cherub von Vater, der ihm auf einmal weniger unter dem Bilde eines Menschenfressers und Königs Minos erschien, — welche Vorstellung sich ohnehin längst abgenützt hatte, — als unter dem jenes überfütterten Insulaners im Bananenschatten. Obgleich er auch heute wie einst eine derartige Gedankenvorspiegelung als schief erkannte, sie bekämpfte und verwarf, — denn, wer konnte und wollte es leugnen: arbeitete der Vater nicht als ein trefflicher, scharfblickender Gelehrter, liebte er ihn im Grunde nicht mit bewundernder Hingabe und war es nicht ein seltsam schmerzliches Glück, ihm zu dienen?
Und am Ende, — aber dies fragte sich der kleine George nicht buchstäblich und in Worten, obschon er sich jetzt zuweilen philosophischen Meditationen hingab, — dies fühlte er nur dunkel, wie man ein Gesetz seines Lebens ahnt: wie war es anders möglich zu leben, als im Dienen? — — —