Die Europasehnsucht, dies während einer verzauberten Südseenacht befremdende Heimweh nach einem mißvergnügten Himmel, war am andern Morgen verschwunden, und die nächsten Wochen, ja Monate ließen es nicht wieder aufkommen. Denn da man nicht zum Genuß, sondern zur Arbeit hierher geschickt war, dieses Zweckes nunmehr mit Ernst eingedenk, — Stirnrunzeln und Zeigefingerheben in goldener Morgenfrühe, — so ging man jetzt geradeaus auf sein Ziel los. Forster und Sohn arbeiteten. Die Schiffsgesellschaft erlaubte sich zunächst anzügliche Gesichter und Bemerkungen, höhnisch verzogene Lippen, zum Himmel gerollte Augen, mißvergnügt wackelnde Häupter, bezeichnend gezuckte Achseln, — war nicht bisher alles mit Muße vor sich gegangen? — jedoch umsonst. Forster und Sohn arbeiteten. Die Ausflüge an Land nahmen den Charakter von bis ins kleinste vorbereiteten Unternehmungen an, von wahren Feldzügen gegen die selige Unbewußtheit der Inseln, mit so viel Werkzeug und Genauigkeit wurde ihren Geheimnissen zu Leibe gegangen, mit Untersuchungen, Messungen, Zählungen, ihre Berge wurden erklettert, auf ihren schroffen steilen Graten zwischen den fast senkrecht abfallenden vulkanischen Klüften krochen Forster und Sohn umher, ebenso wißbegierig wie in ihren feuchten, von Wachstum strotzenden Schluchten, keine Erdfalte blieb undurchspäht, kein Kräutlein, das sich fernerhin heiter der Einordnung in das System des großen Linné entzogen, keine Fliege, die in Zukunft unbenannt im Sonnenschein getanzt, kein Vogel, der sich weiter leichtsinnig eines steckbrieflosen Daseins gefreut hätte, — sie alle waren nun gebucht, fanden sich eingehend und genau beschrieben, in Listen niedergelegt, bestimmt, aus ihrem selbstgenügsamen Unerkanntsein in das schattenlose Licht europäischer Magistergehirne hinüberzugehen und dort fortan über ihrem harmlosen Dasein im Inselmeer noch ein zweites, ein zweifellos höheres im Reich des Geistes, das Dasein einer verwickelten Vorstellung, dargestellt durch einen, wenn irgend möglich doppelten, lateinischen Namen, zu führen. Indessen blühte, duftete, tanzte, blitzte und summte, tirilierte und brütete das Leben unter tahitianischer Sonne fort, unbekümmert wie seit seinem Schöpfungstag, unmerklich und lächelnd entwand sich hier wie überall die Natur den Händen ihrer neugierigen Liebhaber, ihr letztes Geheimnis wahrend und nach wie vor, allem zerlegenden Verstande zum Trotz, blieb sie eins, blieb gelassen wunderbar, spielend und spottend.

Herr Forster hatte Augenblicke, in denen er das fühlte. „Die Namen, George,“ sagte er einmal schwerfällig, den Blick in eine frisch gepflückte Blume versenkt, „die Namen betrügen uns um die Dinge. Ist es nicht eine ungeheure Anmaßung, Namen zu verleihen, anstatt jedes Geschöpf demütig um seinen Namen zu befragen?“ Und da George ihn nicht ganz verstehend ansah, sagte er ungeduldig: „Nun ja, nun ja … Ich zum Beispiel wollte manchmal, ich hätte keinen Namen. Ich bin nun einmal der Herr Forster, und muß der Herr Forster sein, wie ihn die Leute sich denken. Hat man mich je gefragt, wer ich eigentlich bin? Im Grunde heiße ich vielleicht ganz anders, — nur, daß ich selbst es auch vergessen habe …“

Das letzte wurde ganz undeutlich gemurmelt und in der Folge sah der Vater mürrisch aus, da er es selbst nicht liebte, sich mit solchen Erwägungen zu beunruhigen, deren er sich doch zuweilen sonderbarerweise nicht erwehren konnte. George aber war etwas unglücklich, da er nicht begriff, und, leidenschaftlicher Liebhaber des Begreifens, der zu sein er bestimmt war, an diesem Brocken ungeläuterter Erkenntnis stundenlang mühsam herumarbeiten mußte, bis er schließlich hoffnungslos davon abließ. Wo blieb das königliche Vorrecht des Menschen vor aller andern Kreatur, wenn es nicht dieses war, sie zu benennen? —

Er hatte durch die Arbeit sein Gleichgewicht völlig wiedergewonnen, er fühlte sich gesund und heiter und die verwirrenden Eindrücke der ersten Tage glätteten und verteilten sich. Die Neigung, alles wissenschaftlich zu betrachten, gewann die Oberhand und sein Tagebuch füllte sich mit exakten Schilderungen von Erlebnissen, sei es nun von Wanderungen, malerischen Punkten, — auf deren Romantik der wackere Hodges nimmermüde hinwies, — oder Volksfesten, gleich dem, als Tedua-Taurai, die Schwester König O-Tu’s von Groß-Tahiti, aus Anlaß des Besuches der hohen Fremden zur Nasenflöte tanzte. Diese Tedua-Taurai war ein überaus ansehnliches Stück Weiblichkeit von hoher Gestalt und muskulöser Schlankheit, während die meisten Frauenzimmer klein und fett waren. Ebenso hob sich ihr einsamer Tanz vorteilhaft von den Massenvorführungen ab, die man bisher genossen hatte, er war feierlich wie eine gottesdienstliche Handlung, wenn es auch durchaus deutlich blieb, daß es der Gott der Fruchtbarkeit war, dem er huldigte. Jedoch wirkte Tedua-Taurai in ihrem Gewand aus gebleichten Aoto-Bast, das knapp unter der Brust ansetzte, mit den weißen Lilienblüten des Huddu-Baumes in den Ohrläppchen und dem starren Brennen ihres unbewegten Blicks, — die Arme hielt sie während des Tanzes regungslos hinter ihrem Haupte verschränkt und die tätowierten Linien um Brüste und Schultern bewegten sich schlängelnd im unmerklichen Spiel der Muskeln, — sonderbar aufregend auf die Männer aus Europa. Auch George war außerordentlich beklommen. Er war nach dem Tanz einmal nahe an Tedua-Taurai vorbeigestreift und hatte etwas wie einen wilden Raubtierdunst geatmet. Er notierte sich, daß die Prinzessin wahrhaft königliche Würde besitze, fühlte aber selbst, daß dies nicht der Ausdruck seines Eindrucks sei. In der Nacht darauf träumte er von der Starostschenka Hermanowska, an die er seit seiner Kinderzeit nicht wieder gedacht hatte, so daß er sich beim Erwachen besinnen mußte, wem eigentlich diese Traumgestalt im geblümten Seidenkleid mit dem bloßen Busen geglichen habe. Es blieb ihm aber in der Tat nicht viel Zeit zum Aufstellen von Betrachtungen und zur Hingabe an jene sanft drängende Schwermut, die ihn immer wieder befallen wollte. Da war das Ordnen der Sammlungen, der Herbarien und Spirituspräparate, da war die Arbeit mit dem buckligen Ausstopfer Jacopo, einem Italiener, mit dem Hodges gelegentlich schwärmte und der jetzt ganz prall und glau vor Behagen wurde, nachdem er im Eismeer fast gestorben war, und während George so an Bord beschäftigt war, nicht unzufrieden und harmlos wie ein junger Sperling, nahm Herr Forster genug Anlaß, sich an Land rudern zu lassen und dort stundenlang zu verweilen, — ebenso wie die anderen Herren übrigens, Cook ausgenommen, der viel in seiner Kajüte arbeitete. So geschah es vor Tahiti, so geschah es vor Ea-Uhwe, Tonga und Tabu und vor den Gesellschaftsinseln war es nicht anders gegangen. George schöpfte keinen Argwohn, der Vater trieb Handel, der Vater vertiefte sich in das Volksleben, der Vater war recht in seinem Elemente; kam er nicht immer wie ein Sendling der Götter heim, mit Ausbeute beladen, beseligt von Einblicken, die er getan, meist sehr gesättigt und fast ein wenig betrunken vor Wohlwollen und Menschenliebe? Es war nicht recht zu verstehen, warum der Kapitän dem Vater gegenüber immer noch sein steifes Wesen beibehielt, diesem Vater, der nicht nur groß und schön und stark und prächtig war, sondern jetzt auch so arbeitswütig wie ein Bauer in der Erntezeit, so fruchtbar wie der schaffende Sommer selber und außerdem tagaus tagein in der entzückendsten guten Laune, die Gesellschaft mit Späßen, Schnurren und der ganzen ungewollten Entfaltung seines ihm selbst wohlgefälligen Wesens unterhaltend. George war ein wenig bekümmert über diesen ständigen Gegensatz, wie konnte man dem Vater widerstehen, wenn er so war wie jetzt? Er selbst hing bei Tisch mit strahlenden Augen an ihm und ließ den Blick beseligt zu Cook hinüberwandern: Bitte, so ist mein Vater, ja, dies ist er eigentlich! Indessen blieb Cook schweigsam, scharfkantig und abweisend, und es war unzweifelhaft, daß der gutgelaunte und arbeitsame Herr Forster ihn ebenso, wenn nicht mehr reizte, als der faule und weinerliche. Bei Tisch behielt er zwar George an seiner Seite, hatte ein halbes Lächeln, einen trockenen Scherz für ihn; er besuchte ihn wohl auch einmal bei seiner Arbeit, wenn sie allein an Bord waren, blieb neben ihm stehen, rauchte schweigsam seine kurze Tonpfeife und sah ihm auf die Finger, — ja, er rief ihn gelegentlich in seine Kajüte und ließ sich von ihm bei seinen Berechnungen helfen. Je länger die Reise aber dauerte, desto betonter ward seine Zurückhaltung, nicht nur Herrn Forster, sondern der gesamten Gelehrtenschaft gegenüber, er schob seine Offiziere und Patton, den Wundarzt, zwischen sie und sich. Schließlich hatte er es nicht nötig, sich mit jedem Satz belehren zu lassen, auch wenn er sich nicht auf hohen Schulen die Augen blind studiert hatte, und man würde es ja sehen, wessen Beobachtungsergebnisse die wertvollsten sein würden …

Jeder Tag war ein Lächeln von Morgen bis Sonnenuntergang. War er nicht Arbeit, — eine Arbeit, so aus der Fülle von Kraft und Anschauungsvorrat heraus wie nie zuvor und darum unendlich beglückend, kaum ermüdend, — so war er Schlendern in Palmenhainen, Plätschern in lasurblauer Bucht, Schwelgen im Duft unerhörter Blumen, üppig in Form und Farbe und unablässig sich erneuernd, während unter ihnen safttriefende Früchte aus dem dunklen Laub quollen, — Anbetung waren diese Tage in jedem Atemzug und wiederum Angebetetwerden, ein Leben im Weihrauch der Bewunderung schöner menschlicher Wesen, die so viel unschuldiger, reiner und kindlicher schienen als man selbst sich in seinen Kleidern aus englischem Tuch vorkam, — ob sie schon stahlen wie die Raben, eingestandenermaßen, und ihre eigenen seltsamen Gebräuche hatten, allerdings! Aber dann ließ sich doch immer darüber philosophieren, ob da Sünde war, wo es kein Gesetz gab, und Herr Forster rief gar den Apostel Paulus in die Südsee, um für die Sündlosigkeit der Heiden einzutreten, — was kann ein toter Apostel dagegen machen? — verzieh man doch auch den Tieren ihre Streiche, und hier auf Huahaine, säugten die Weiber, weiß Gott, Hündchen und Ferkelchen, wenn es ihrer eigenen Brut nicht gelang, sie vom Andrang des süßen Überflusses zu befreien. So freute man sich seines Ansehens als guter, mächtiger Götter und Besitzer fabelhafter Reichtümer in Gestalt unzähliger Glasperlen, Nägel, kleiner Äxte und Messer, um derentwillen einem demütig gehuldigt und geopfert wurde. England dahinten jenseits des Erdbauches erschien einem zuweilen selbst verlockend und fabelhaft, wenn die braunen Freunde herzbeweglich bettelten, mit in das Wunderland genommen zu werden. Nun, ab und zu ließ man sich scheinbar erweichen und solange man zwischen den Inseln kreuzte, nahm man den einen oder den andern mit, etwa den Knaben Porea aus Eimeo, der darob ganz überheblich wurde und bei der Landung auf Huahaine bereits wünschte von den Eingeborenen für einen Engländer gehalten zu werden, was indessen zu seiner Enttäuschung nicht eintrat. Zäher als alle anderen erwies sich O-Heddi, genannt Mahaine, der sich ihnen auf Bora-Bora anschloß, und es durch sein schlechthin bestrickendes Wesen und außerordentlich gutes Benehmen wahrhaftig erreichte, daß er an Bord bleiben durfte, selbst als die „Resolution“ am 7. Oktober den Kurs südöstlich auf Neuseeland zu nahm. Der Sommer brach an. Ja, erstaunlich, diese lachenden Tage voller Blüte und Frucht waren Winter gewesen, jetzt erst kam der Sommer der südlichen Halbkugel, jetzt lockerte sich wieder das Eis um den Pol und es galt, die günstige Zeit zu neuen Forschungen dort unten auszunutzen. Abschied zu nehmen galt es, Abschied von dieser großen Seligkeit, vielleicht auf Nimmerwiedersehen, denn wer konnte wissen, was dem wackern Schiff drohte, das wiederum so kühn und verächtlich dem Grauen entgegenstürmte? George hätte sich wohl ganz einer wehmütigen Verdrießlichkeit überlassen, wie sein Papa es hemmungslos tat, wenn nicht dies lebendige Stück Inselglück dagewesen wäre, das ihm von Cook ganz besonders ans Herz gelegt worden war, — Mahaine also. Mahaine war außerordentlich schön, lichtbraun, mäßig und sinnreich tätowiert, so daß die eingebrannten Linien nur das Ebenmaß seiner Glieder hervorhoben, er trug einen Ausdruck kindlicher Würde, er war ohne Schüchternheit zurückhaltend, er war ernsthaft, sanft und höflich. Er wurde nicht müde, das Schiff von oben bis unten zu durchforschen, auf seinen nackten Sohlen tauchte er überall auf und man vergaß es, bei seinem lautlosen Erscheinen zu erschrecken, man gewöhnte sich an ihn, wie an ein zahmes Tier und selbst Wales, der Astronom, ereiferte sich nicht mehr, wenn Mahaine hinter seinem Rücken stehend verharrte und ihm großäugig auf die schreibende Hand sah. Mr. Wales hatte nämlich ganz im Anfang einmal ein Erlebnis mit Mahaine gehabt, das ihn sehr peinlich berührt hatte, er war in seiner Hängematte von lindem Schlummer erwacht und hatte Mahaine über sich gebeugt gefunden, wie dieser ihn mit wildem Forscherblick betrachtete und den ausgestreckten Zeigefinger zurückzog, mit dem er ihn soeben offenbar im Gesicht hatte antippen wollen. Es war Mahaine dann bedeutet worden, daß der Schlaf der weißen Männer ungeheuer heilig sei. — Er stand stundenlang neben dem Steuerruder und blickte abwechselnd auf die Hände des Mannes, wie sie mit nie fehlender Sicherheit ins Rad griffen, blickte auf in das unbeweglich in die Ferne gerichtete Antlitz und dann geradeaus auf die rastlos wandernde, schäumende Fläche. Er hielt Andacht vor dem Kompaßhäuschen, dessen zuckende Nadel er für einen mächtigen Gott der weißen Männer ansah, — und hatte er nicht Recht? — er erstarrte in Ehrfurcht, wenn Cook in der Mittagsstunde mit dem Sextanten auf Deck erschien und die Sonnenhöhe aufnahm, — eine feierliche Handlung, mit Zauberei verbunden, von der der Ausfall der Mahlzeiten abhängen mochte! Mahaine liebte es nicht, alles zu essen, was die weißen Männer aßen. Er verzehrte seinen Anteil einsam, am Boden hockend, und allen den Rücken drehend, er war sauber wie eine Katze und hinterließ keinerlei Spuren oder Überreste, nichts, womit ein böser Mensch ihn hätte verzaubern können. Ja, Mahaine war einsam, schutzlos in einer fremden Welt, allen möglichen unbekannten Teufeleien preisgegeben, aber er begegnete den Gefahren mit gelassener Standhaftigkeit, — wichtig, wichtig über alle Maßen war es, daß er, O-Heddi, genannt Mahaine, Einblick gewann in die unerhörten Wunder der weißen Männer, daß er endlich einmal die fremden Inseln sah, die er zuweilen am Horizont hatte dämmern sehen, wenn eine kühne Fahrt sein Kanoe aus den heimatlichen Fischgründen geführt hatte. Und lohnte es sich nicht? Hatte er nicht schon das Eiland der roten Papageienfedern entdeckt, die auf seiner Insel und auch auf Tahiti, Huahaine und den benachbarten so unerhört selten und kostbar waren!? Auf Tonga-Tabu war es ihm gelungen unermeßliche Reichtümer in Gestalt von Kopfputz und Schürzen aus diesen wundervollen heißbegehrten Federn einzuhandeln, indem er hingab, was er an Tauschwert besaß, alle Perlen, Korallchen und Nägel und schließlich sogar ein kleines Messer, bisher sein größter Schatz, für das er sich eben erst sein schönstes Gewand vom Leibe gezogen hatte. Alles gab er hin, schweigsam, glühend und zitternd, dies könnte wieder rückgängig gemacht werden, könnte sich auflösen, verschwinden, die Federn samt den Korallchen, — und was dann, Mahaine, nackt und bloß? O, er spielte ein hohes Spiel, ein banges Spiel, aber dann, als das Schiff vor Tonga-Tabu den Anker gelichtet hatte, da grinste er auch tagelang ganz unmäßig vor sich hin und wurde vor lauter Seligkeit nicht wieder seekrank wie bisher. Er hockte in einem Winkel auf Deck und befreite seine Edelsteine aus ihrer Fassung, das heißt er löste jene Schürzen- und Kopfzierate in ihre Bestandteile auf und ordnete die Federn nach ihrer Größe in anmutige Sträußchen, die er mit Kokosfaser zusammenband, — was verstanden diese im Überfluß wühlenden Tonga-Tabuaner von wahrer Schönheit? — und wenn jemand zu ihm trat, hob er den Kopf und zeigte in überströmender Wonne alle zweiunddreißig Zähne. Durch seinen leidenschaftlichen Eifer aufmerksam gemacht, hatte übrigens auch der Kapitän große Vorräte dieser roten Federn einhandeln lassen und erlebte gleich auf Neuseeland den Erfolg seiner klugen Handlung, der Tauschverkehr war außerordentlich belebt, Muschelhörner, hölzerne Trompeten, Rohrflöten, Schmuck aus Jadestein, Boghi-Boghi-Mäntel, — alles ward auf den Markt geworfen, nur um dieser Federchen habhaft zu werden, dieser vertrackten, entzückenden. Daneben galten Matten und Gewänder, Waffen und Geräte aus der Südsee auf diesem rauhen und rohen Eiland als begehrteste Tauschstücke, hatten weit höheren Wert als Europens Blendwerk aus farbigem Glas und Messing, und wenn die Engländer hier bestaunt und gefürchtet wurden wie fremde Geschöpfe, eine unerklärliche Zwischenstufe zwischen Göttern und Tieren, so begegneten die Neuseeländer Mahaine wie einem reisenden Fürsten mit gehaltener Ehrfurcht. Kurz, es war aus allem ersichtlich, daß in der Südsee ihr Land der höheren Kultur lag, wie ihre armen Schilf- und Schorfköpfe sie zu fassen und zu ersehnen vermochten.

So war man denn wieder auf Neuseeland, diesem letzten Ruhehafen vor den uferlosen Schrecken des Polarmeers, und es muß gesagt werden, sie zögerten, das wilde, nasse Wald- und Felseneiland zu verlassen, sie umschwärmten es von allen Seiten, sahen an den nackten Felsen die Hütten der Eingeborenen wie Adlernester kleben und landeten immer wieder, zur Jagd, zum Fischfang in den Buchten, zum Handel, — um das Schiff auszubessern, um die Bodenbeschaffenheit zu erkunden, — weiß Gott, es gab der Vorwände genug. In einer Art von blindwütiger Verzweiflung glaubten die Matrosen sich im voraus für die kommenden Entbehrungen schadlos halten zu müssen und ihre Zusammenkünfte mit den eingeborenen Weibern entbehrten durchaus jeder Verborgenheit, — Cook schien nichts zu sehen und zu hören. George war aufs tiefste angeekelt, weniger von dem, was sich vor seinen Augen abspielte, als davon, daß diese Weiber so zottig, schmutzbedeckt und übelriechend waren. Ebensowenig liebte er die derben Scherze seines Vaters und der übrigen Herren, die jetzt in Blüte standen, er gewöhnte sich daran, seine Ausflüge in Begleitung von Larry und Mahaine zu unternehmen, und gefiel sich in dem Gefühl genußreichen Trotzes gegen die ganze Gesellschaft. Sie benahmen sich ein wenig wie die jungen Jagdhunde, trieben allerlei zwecklose Körperübungen, verschwendeten überschüssige Kraft in gewagten Unternehmungen und kletterten zum Beispiel an den Steilufern umher, um die in ihren unterirdischen Nestern kakelnden und quakenden Sturmvögel zu entdecken. Auch gaben sie Mahaine ein Gewehr in die Hand und hießen ihn, auf einen Strandläufer anlegen. Mahaine packte die Waffe wild, mit Inbrunst, fletschte die Zähne, zielte, drückte ab, — der Vogel hob die Flügel, tat einen possierlichen Satz und fiel, ganz in sich zusammenklappend. Mahaine jedoch, im Augenblick, da der Schuß dröhnte, warf das Gewehr von sich, hielt die Hände an die Ohren und rannte von dannen, den Mund kreisrund geöffnet, aber ohne einen Laut auszustoßen. Von dem Vogel wandte er sich ab, als sie ihn ihm später brachten. Wer konnte wissen, ob er nicht den Göttern dieser Insel heilig gewesen war? Mahaine fürchtete diese Götter, und seine neuseeländischen Brüder, die unter einem so unfreundlichen Himmel ihr karges Dasein fristeten, dauerten ihn. Als man ihm entdeckte, daß diese Brüder einander gelegentlich auffräßen, verfiel er in eine ernsthafte Schwermut, die erst von ihm wich, als Neuseeland im Nebel hinter der „Resolution“ versank.

Übrigens hatte dies Abenteurerleben zu dreien insofern bald ein Ende genommen, als Larry anfing, sich von ihnen abzusondern und eigene Wege zu gehen, kurz, als Larry, dieser Schwerenöter, Toghiri gefunden hatte und nicht mehr Meister seiner Sinne war. Larry nämlich, obgleich er sich seinen Kameraden bei ihren Belustigungen immer angeschlossen hatte, war merkwürdigerweise bisher derselbe Endymion geblieben, als der er auf die Reise gegangen war, freilich nicht aus eben den gleichen Gründen, die George so bewahrt hatten, nicht aus Unerfahrenheit und Ekel, sondern infolge einer außerordentlichen Schüchternheit dem andern Geschlecht gegenüber, die er hinter einem lärmenden Auftreten immer so lange zu verbergen wußte, bis es Zeit war, sich vor den letzten Folgerungen einer gemeinsamen Unternehmung geräuschlos zurückzuziehen. Nun aber hatte er Toghiri gesehen, hatte sie ganz allein für sich entdeckt, als sie am Strande Möweneier suchte, war ihr gefolgt und in ihre Hütte eingedrungen, wo Toghiris Vater ihm alsbald alles abgelockt hatte, was er an Angelhaken, Knöpfen und ähnlichen Wertgegenständen bei sich trug, worauf er ihm zum Zeichen der Freundschaft die Stirn mit einem übelriechenden Öl salbte. Solchergestalt in einen Familienkreis aufgenommen, fühlte Larry den Feuerstrom seines Gefühls in geordnete Bahnen gelenkt, und es dauerte nicht lange, so war ihm Toghiri als Eheweib überlassen, er bezog mit ihr eine Hütte neben der ihrer würdigen Eltern und verbrachte alle freie Zeit im Schoß seiner neuen Familie. Allen Hänseleien der Kameraden setzte er ungerührten Gleichmut entgegen. „She is my wife, hold your tongue!“ sagte er und versorgte sich ausgiebig mit verdorbenem Schiffszwieback, von dem ihm Billy ein ganzes Faß zur Verfügung gestellt hatte, und den seine Schwiegereltern gerne aßen. Für Toghiri indessen, — nun, es fand sich schon dieser oder jener Bissen, um so ein Vögelchen zu füttern! — Aber sie an Bord zu bringen, wie Mr. Forster ihn einmal dringlich aufforderte, — nein, das ging doch nicht! „Sir, sie ist ein wenig verlaust!“ bekannte er, übrigens ohne zu erröten, nur mit einem verschämten Grinsen, daß keinen Zweifel daran aufkommen ließ, daß wenigstens er nicht Anstoß nahm …

Alles Hinzögern, Aufschieben, Verweilen aber mußte einmal ein Ende nehmen. Bösesten Wetterzeichen zum Trotz ließ Cook am 24. November die Anker lichten. Der Schiffszimmermann brachte mit der Feuerzange einen scheußlich haarigen Skorpion auf Deck, den er im Volkslogis gefunden hatte, und warf ihn dem Kapitän vor die Füße, Jacopo folgte ihm und rang die langen dünnen Finger, — konnte es gewagt werden, unter einem so schlimmen Omen auszufahren!? Cook schleuderte das Tier mit einem Fußtritt durch ein Speigatt. Am Abend waren sie rings von graphitschwarzer rollender See umgeben, und mit der Finsternis brach der Sturm los, die Matrosen fluchten und brüllten und nur Cook bewahrte angesichts des drohenden Untergangs eine kalte steinerne Ruhe. George dachte nicht gern an diese Sturmnacht zurück, ein verschwommenes Erinnerungsbild, — verschwommen, weil er von Anfang an angstvoll bedacht gewesen war, es nicht festzuhalten, — wollte ihm dann immer den Vater zeigen, wie er den schwächlichen Mr. Hodges beiseite stieß, um selbst in die Nähe des Rettungsbootes zu gelangen (mit dem Ausruf: „Ach was, jeder ist sich selbst der Nächste!“). Am anderen Morgen jedoch war nichts als ein melancholisches Sausen zurückgeblieben und auf langen glatten Wogen schaukelte ein schlafender Albatros ihnen entgegen und an ihnen vorüber. Dies war Erschöpfung, — Ergebung. Schweigsam wurde an der Wiederherstellung des Schiffes gearbeitet, — schweigsam und verdrossen hingenommen, was da kommen mußte, der erste Schnee, die ersten wandernden Eisschollen. Der einzige, der noch eines Menschen Antlitz trug, einen Ausdruck freundlichen Staunens, war Mahaine, der Wilde, der nach wie vor lautlos umherging, obgleich er seine Beine jetzt mit Lappen umwickelte und sich in einen neuseeländischen Boghi-Boghi-Mantel hüllte. Er führte ein sonderbares Tagebuch aus Stäbchen, die er in seiner Ecke auf Deck zu immer neuen Figuren auf dem Boden anordnete. „Whemuatua-tua“, das weiße Land! so stand das erste Treibeis darin verzeichnet; Schnee aber hieß „der weiße Regen“, und in einem Schneegestöber konnte man Mahaine sitzen sehen, mit den braunen Händen nach den Flocken haschen, ihr Zergehen auf seiner Haut oder ihre sternige Gestalt auf dem rauhen Gewebe seines Mantels ratlos beobachten. George holte ihn hinunter in die große Kajüte, die von Pfeifenqualm und Dunst erfüllt war. Mit übergeschlagenen Beinen auf einem Stuhl in einem Winkel der Kajüte sitzend, der Gesellschaft den Rücken drehend, Mahaine vor sich, der am Boden hockte und mit klugen zutraulichen Augen zu ihm aufsah, erhielt er seine tägliche Unterweisung im Tahitianischen, sog er mitten im Eis der Polnähe, während draußen die bleiche Aurea australis gespenstisch über den starren Himmel spielte, den leuchtenden blauen Sommergeist dieser kindlichen Sprache in seine Seele. Dies dünkte ihn besser, als mit am Tisch zu sitzen, in dem Konvivium, das hier von früh bis spät tagte. Er war sehr unglücklich, war es mit allen Kräften des jungen, eben erst zum vollen Bewußtsein seiner selbst gelangten Menschen. Alles, was er an körperlichem Unbehagen, an Gram über den Vater, an Unbefriedigung über seinen eigenen Zustand im Vergleich zu dem stetig untadelhaften Cook empfand, verkleidete er mit der einen Maske des Heimwehs und ergab sich ausgiebig einem schwärmerischen und tränenreichen Gottesdienst vor den Erinnerungsbildern der Mutter und der Schwester Riekchen, dem er in der Einsamkeit seiner Koje oftmals haltlos nachhing, von einem unwiderstehlichen Ansturm der Gefühle überwältigt. O Gott, o Gott, es kümmerte sich niemand um ihn, und in seinem Innern, da war eine Hölle, aus der alle Versuchungen stiegen, alle die ersten stummen unbenannten Forderungen seiner Jahre an seinen Körper, gekleidet in die Bilder der letzten Monate. Bis in seine Träume verfolgten ihn diese schmierigen Neuseeländerinnen, die er doch haßte. Übrigens fühlte er sich ernstlich krank. Die Nahrung, dieses ewige übelriechende faserige Salzfleisch, widerstand ihm bis zum Erbrechen, das Zahnfleisch schwoll ihm an, er litt qualvoll an einem Überfluß von Speichel und konnte sich kaum auf den dick angelaufenen Füßen herumschleppen. Er sah zum Erbarmen aus, aber nicht, daß sich jemand besonders seiner erbarmt hätte! Er erwartete es auch gar nicht. Ging es ihnen nicht allen so oder ähnlich? Starrten sie sich nicht alle aus gedunsenen Gesichtern und trüb unterlaufenen Augen an wie eine Gesellschaft Ertrunkener, die, halb verfault, ihr böses, spukhaftes Spiel in diesem fürchterlichen Teil des Weltalls trieb, — nein, nicht mehr auf Erden, denn dies war die gute Erde nun und nimmermehr! Fortgerissen von verfluchten Strömungen und Winden, ausgeliefert an dies unselige Schiff, zwischen dessen Wänden die Gedanken hin und her jagten und sich die Köpfe stießen wie gefangene Vögel, angewiesen einer auf den zum Überdruß, ja, bis zum Widerwillen wohlbekannten anderen, der gewiß, o, es war wahrhaftig wahr, noch schmutziger, noch kränker aussah als man selber, waren sie alle von einer gellenden verzweifelten Lustigkeit. Rum, Tabak und Karten, dies war’s, was einzig aufrechterhalten konnte, denn es lag kein Trost mehr in dem Gedanken, daß in ihnen der Geist der Menschheit seine Ausbreitung erkämpfte, die Wissenschaft, sie war keine Göttin in Monaten, wo die Überzeugung, daß England auf ewig für sie versunken sei, an ihrem Herzen fraß. Und dabei fortwährend den nagenden Vorwurf der Anwesenheit dieses Mannes zu spüren, der sich in der Kajüte nicht anders mehr zeigte als eine vorübergehende Erscheinung, bösen und kalten Blickes und lippenlos zusammengekniffenen Mundes, verächtlich durch die Nüstern schnaubend, wenn er über den mit Gläsern, verschüttetem Grog und Tabaksasche bedeckten Tisch hinsah, — der sich seine Mahlzeiten jetzt in seiner eigenen Kajüte anrichten ließ, — aus Gesundheitsrücksichten, wie er einmal verlauten ließ, denn auch er litt und sein Antlitz war gelb bis ins Weiß der Augen hinein von der Galle, die ihm das Blut verdarb, — aber nicht dies war der Grund, George fühlte es wohl. Cook, von seinem Leutnant Bligh bedient und umgeben, einer schattenhaft gehorsamen Kreatur, die das Uhrwerk ihrer Verrichtungen dem straffen beherrschten Rhythmus in der Brust ihres Meisters aufs Haar angeregelt hatte, ließ George jeden Nachmittag rufen, wies ihm fast wortlos eine Arbeit an oder ließ ihn seine eigenen Papiere holen und an seinem Tisch schreiben, der mehr Bequemlichkeit bot als die Einrichtung in der Kajüte der Forsters. Dann saß der Jüngling über seine Aufzeichnungen gebückt, von dumpfer Dankbarkeit erfüllt, daß er hier atmen durfte, in diesem Raum, wo alles Bezug auf den großen Zweck der Fahrt hatte und wo ihm ein geistiges Licht zu strahlen schien, ausgehend von dem gesammelten Antlitz ihm gegenüber, das sich doch oft düster und verzweifelt genug über die Karten und Berechnungen neigte. „Ein Narr!“ schalt der Vater, wenn sie abends in den Kojen lagen, — ein vernagelter Narr, der hier nach Land suchte in dieser starrenden Eiswüste! Von Wasser war der Pol umflossen, umkreist von Strömungen, die ihren Weg von hier aus geheimnisvoll um den Erdball nahmen und sich wieder vereinigten wie die Blutwege des Menschenkörpers. Ein sonderbares, jawohl, ein höchst sonderbares Tier, die Erde, ein Tier mit zwei Herzen, die an seinen äußersten Enden lagen, den beiden Polen im Norden und Süden! Denn daß hier das Leben gesammelt zitterte, lehrten das nicht schon die Lichter, die den Horizont bebend umflammten? Nun, sie waren seltsam und nicht ganz wissenschaftlich begründet, die Theorien des Herrn Forster, vielleicht waren sie auch in ihrem Entstehen ein wenig von dem langen Tisch in der Kajüte beeinflußt, an dem sich so prächtig über sie debattieren ließ, ähnlich wie über den Stein der Weisen, dessen Möglichkeit der kleine Dr. Sparrmann in aller Bescheidenheit standhaft verfocht. Jedoch hätte es umgangen werden müssen, daß Mr. Forster sich eines Nachmittags, — es war am 25. Dezember, am Weihnachtstage, und die „Resolution“ lag fast fest, wehrte sich nur ganz leise auf und nieder bebend gegen einen Ansturm unabsehbaren Treibeises, von dessen Stößen der Schiffskörper dröhnte und schütterte, — man hätte es verhindern sollen, daß der ältere Forster an diesem Nachmittag urplötzlich seinen Stuhl zurückschob, mitten in einer angeregten Diskussion mit Wales, daß er mit erhobenen Fingern schnalzte und wie unter dem Zwange blitzähnlicher Eingebung ausrief: „Das muß ich doch gleich einmal …“ worauf er sich erhob und, die linke Hand auf dem Rücken, die Rechte mit ausgestrecktem Zeigefinger an die Nase gelegt, sehr eilig zur Kapitänskajüte hinüberging, wo Cook ihm stirnrunzelnd und George einigermaßen erschrocken entgegensah, während Mahaine, neben der Kohlenpfanne hockend, gleichmütig fortfuhr, mit seinen Zehen zu spielen. Der ganze Auftritt bildete späterhin eine der furchtbarsten Seiten in Georges Erinnerung. Der Vater hatte sich breitbeinig mit selbstgefälligem Schmunzeln niedergelassen und angehoben: „Mein lieber Kapitän, ich muß Ihnen doch einmal meine Ansicht über den Aspekt unserer Fortschritte in puncto der Entdeckung eines Erdteils in diesen Breiten darlegen.“ Er hatte alsdann mit nichts zurückgehalten, was seine Zweifel an dem Vorhandensein eines solchen Erdteils überhaupt ausmachten, hatte die Theorie von den Strömungen anmutig hindurchgeflochten und der Aurea australis gedacht als einer Ausstrahlung pulsierender, magnetischer Kräfte, bei welch unbeweisbarer Vorstellung er besonders liebevoll verweilte, hatte des öfteren „mein lieber Kapitän“ gesagt, und zwar in einem Ton aufmunternder Nachsicht, hatte auch schließlich zusammenfassend seinen Rat für den weiteren Verlauf der Unternehmung gegeben, der auf eine schleunige Rückkehr in die lieblichen Gewässer der Südsee hinauslief, — und bei alledem hatte er durchaus nicht bemerkt, was George mit wachsendem Bangen sah, daß nämlich Cooks Augen eine gefährlich kaltblaue Färbung angenommen hatten und aus dem gelben Gesichte schienen wie nur irgendein Stück Polareis, daß es um sein hartes Kinn zuckte und daß seine Hand eine Kartenrolle knackend zusammenpreßte. Was dann kam, hatte unter vergifteter Höflichkeit begonnen, — gedämpfte Satzanfänge wie: „Mein Herr, ich bin zwar von dem Wert Ihrer Kenntnisse hinreichend überzeugt …“ hafteten George später ebenso im Gedächtnis wie das Anschwellen der Stimme hinter dem „aber, — aber, aber!“ „Muß Sie aber ganz ausdrücklich bitten …“ „Nun was denn etwa?“ — „Bitten, Ihre Befugnisse nicht zu überschreiten, — gefälligst in Ihren Grenzen zu bleiben …“ Dabei war Cook nicht sitzengeblieben, sondern er stand am Tisch und krampfte die Hände um die Kante, daß die Knöchel weiß anliefen. — „Wertester, ich kannte den ruhigen Mann nicht wieder!“ bekannte Herr Forster späterhin unbefangen dem schaudernd lauschenden Mr. Hodges. Cook, in der Tat, er stand da etwas vornübergebeugt wie auf dem Sprunge und bleckte die Zähne, eine Grimasse, die Mahaine, der ihn starr und staunend ansah, nachahmte und sie durch eine krallende Gebärde der vorgestreckten Hände verstärkte. In solchen Fällen, dachte Herr Forster blitzschnell, gilt es, die äußerste Ruhe zu bewahren, — laut äußerte er aber unglücklicherweise: „George, weißt du, was Mr. Cook meint?“ wozu er etwas unbehaglich lachte und auf seinem Stuhl herumrückte, — sich dann allerdings zurücklehnte und die Arme hoheitsvoll kreuzte, indessen hatte er sich nun einmal die Blöße gegeben und einer innerlichen Erfahrung zuwidergehandelt, die da besagt, daß man gefährlichen Tieren auch nicht einen Schatten innerer Unsicherheit zeigen dürfe, man gebe ihnen damit zugleich ein Gefühl ihrer Überlegenheit. Diese Überlegenheit von seiten des Kapitäns stürzte denn auch unmittelbar in die Bresche des Gegners und nahm Formen an, — bediente sich Redewendungen … nun, Mr. Forster blies sich auf, dunkelrot, wie er allmählich wurde, ließ seine runden Augen vorquellen und — suchte vergeblich nach Worten, schnaubte, stieß ein „Unerhört!“ um das andere hervor, und: „George, verlasse das Zimmer!“ — worauf George, der in tödlicher Verlegenheit in sein Heft gestarrt hatte, sich bleich erhob, denn: — „Lassen Sie Ihren Sohn aus dem Spiel, er ist ein braver, unglücklicher Jüngling, dessen Fleiß und dessen Gründlichkeit von Ihnen schamlos ausgebeutet werden …“ hatte Cook vorher geschrien, — „Mein Herr, Sie beleidigen in mir die Würde der Wissenschaft!“ „Mein Herr, Sie selbst sind ein Hohn auf die Würde der Wissenschaft!“

„Mein Herr, Sie, — ja, bei Gott, Sie sind ja ein ganz anmaßender Poltron!“

„Mein Herr, Sie sind ein geschwätziger Charlatan!“ — dies etwa waren die Sätze, die ihm noch in die Ohren gellten, während er aus der Kajüte glitt. Er warf sich in seine Koje, verzweifelt, blutleeren Herzens, wagte nicht zu denken, sich des fürchterlichen Erlebnisses klar bewußt zu werden, schluchzte wild gegen die Wand und lag, wie von einem Schlag aufs Haupt betäubt, regungslos still, als der Vater eintrat. Jedoch suchte Herr Forster sein Lager merkwürdig lautlos auf und nahm keinen Anlaß, sich durch eine Aussprache weiter über seine Niederlage zu erleichtern. Nachdem er seinen massigen Körper krachend hingeworfen und mit umständlichem Wälzen einigermaßen erträglich geordnet hatte, hörte George ihn wohl noch ein paarmal: „Unerhört!“ murmeln, alsdann aber zu seinem grenzenlosen Erstaunen bald tief und gesund atmen, gemäßigt und anmutig wie nur je schnarchen, — kein Zweifel, der große Mann schlief, schlief sanft in dem ihm von seinen Sternen verliehenen unerschütterlichen Selbstgerechtigkeitsgefühl! Die geisterhaft helle Polarnacht stand draußen vor den runden vereisten Fenstern und füllte den Raum mit einem trüben unwirklichen Licht, George sah seinen Atem dampfen und zog Kleider und Decken schaudernd enger um sich zusammen. Ununterbrochen krachte und dröhnte der Schiffsrumpf im Kampf mit den Schollen, sie scheuerten ihre harten rauhen Leiber schurrend an seinen Flanken, sie zwangen seinen Bug, über sie hinwegzusteigen oder ihre Massen in Verzweiflung knirschend zu durchschneiden, sie drängten ihn mit einem fürchterlich klirrenden Getöse der Übermacht gegen den Wind rückwärts … Es schien George ausgemacht, daß dies seine letzten Stunden seien, daß das Schiff nicht standhalten könnte, es ächzte, es schrie, es mußte in jedem nächsten Augenblick dem Druck erliegen, sich in seinen Fugen verschieben, als ein Haufen trümmerhaften Holzgebeins mit ihnen allen zugrunde gehen! Er rührte sich nicht, er lag auf dem Rücken, die Hände auf der Brust verkrampft, die Augen starr und blicklos geöffnet, mit heißen zersprungenen Lippen sinnlos flüsternd, Bruchstücke von Gebeten, Abschiedsworte an die Mutter, an Riekchen, — dennoch ohne Furcht, nur mit steinerner Todesgewißheit, mit einem bittern, rasenden Schmerz über die Verächtlichkeit des Lebens im Herzen, — dieses Lebens, das jetzt eben noch in den Schiffsgängen und -räumen polternd torkelte, viehisch brüllte. Denn es war Weihnachten, die Matrosen hatten Rum, soviel sie wollten, ja, es war Weihnachten, dachte George mit stumpfem Hohn, die heulten ihre unflätigen Lieder und der Vater hatte sich mit dem Kapitän auf Leben und Tod geschlagen, war es nicht so? Mit Degen, mit Messern? Nein, der Kapitän hatte den Vater mit der neunschwänzigen Katze gezüchtigt wie einen verfluchten Meuterer und hatte vor ihm ausgespien, aber der Vater hatte sich nichts daraus gemacht, nur er, George allein, trug die Schande. Oh, ein Glück, — ein Glück, daß sie untergingen! Der Kapitän hatte Recht gehabt, er war der liebe Gott, kristallen rechtschaffen, wie ein lieber Gott zu sein hatte, sie waren Gewürm, Gesindel, Zigeuner, ein Dreck zum Wegfegen. Er zog den Strich, sein Leben, zwanzig Jahre, ergab eine Summe von Mühsal und Plackerei und Demütigung. „Ja, ja, und du bist schuld!“ flüsterte er, in aller Verwirrung zum erstenmal sein Schicksal ganz begreifend, vielleicht noch unter dem Eindruck der Worte Cooks, „den Sie schamlos ausbeuten …“ — er wandte sich ab von diesen Worten, wie seine Sohnespflicht es ihm zu gebieten schien, und doch, sie flüsterten von allen Seiten in seine Ohren. In einer bohrenden Fiebervorstellung fühlte er sich auf dem schnarchenden Atem des Vaters in der Koje unter ihm tanzen, wie eine Seifenblase, abhängig von dem brutalen Blasebalg dieser ledernen Lunge. Dazu orgelte der Matrose Friesleben draußen „Vom Himmel hoch, da komm ich her …“, ward von trunkenem Gelächter und dem Geheul englischer Stimmen überschrien, die Mutter schien in der Kajüte auf- und niederzuschweben, eine brennende Wachskerze in der einen, ein bluttropfendes Herz in der andern Hand … Betäubender Urweltslärm brach wie eine Sturzsee über ihm zusammen. — — —