Auch eine solche Nacht, — auch Fiebertage gingen vorüber. —

Cook berannte den Pol wie ein Stier. — Aber Land wurde nicht gefunden. —

Dies auszuhalten, diesen verbissenen Kampf des Willens gegen eine gleichgültig und machtvoll widerstehende Natur, und nicht nur gegen die Natur, mehr noch, stumm und zäh, gegen die hohnvoll sich überlegen dünkende, unausgesprochene Überzeugung des Gelehrtentisches, gegen den dumpfen, erbitterten Widerstand der Mannschaft, die nicht gewillt war, oh, keineswegs gewillt, sich hier unten im Dienst einer Idee an den Skorbut oder den Tod im Eise zu verkaufen, — diesen Kampf mit anzusehen, wäre für einen, der dem Kapitän so bedingungslos ergeben war, wie George, und der sich doch nicht befähigt fühlte, ihn zu unterstützen, unerträglich gewesen. Der Himmel half ihm mit einer Lähmung seiner Empfindung, mit der Hülle ergebener Schwermut wie einst, als die „Mütterchen Elisabeth“ ihn und den Vater von Petersburg nach London trug, — als es nicht nachhause zur Mutter gegangen war, wie er unzweifelhaft angenommen hatte, sondern nach London, — nun ja, das waren Erinnerungen. Er beherrschte überhaupt ein ungeheueres Aufgebot von Erinnerungen, so stellte er in dieser Zeit fest, er hatte Muße genug sie heraufzubeschwören, und fand eine Art von bitterem Behagen darin, sie auf ihre Einheitlichkeit hin zu prüfen, immer unter dem Leitwort: „… den Sie schamlos ausbeuten …“ — ausbeuten, jawohl! Er kam zu dem Ergebnis, daß des Kapitäns Beobachtung richtig sei, er stellte es sich als mathematische Aufgabe, den Satz zu beweisen, und, mit sonderbar abgetötetem Gefühl, übersah er seine Lage scharf und klar und — fand sich damit ab.

Dies, George Forster, waren entscheidende, nur allzu entscheidende Wochen in deinem Leben. Dir war Erkenntnis aufgegangen, Erkenntnis, George, die erste Bedingung, um handeln zu können! Indessen, — du begnügtest dich. Du handeltest nicht. Wozu auch? Mit welchen Waffen vorgehen gegen diesen Chronos? Nun, nun, wußtest du nichts von leidendem Widerstand, nichts von stillem Eigensinn, von unterirdisch wühlenden Plänen zur Entthronung des Tyrannen? Nichts? Wandtest dich nur ab von ihm, gefaßt und blaß, die Unterlippe ein wenig eingezogen, ja, wandtest dich auch seelisch von ihm ab, daß er von nun an nie wieder dein volles, aufrichtiges Sohnesantlitz zu sehen bekam? So tatest du und — gingest weiter im Joch, — George, George, du bist in der Tat sanftmütig und freundlich, bist liebenswürdig, — oh, jawohl, in der Tat, nur allzu liebenswürdig, kleiner George! — — —

Ende Januar setzte Cook eine Sitzung an, zu der Offiziere und Gelehrte am frühen Morgen zu erscheinen hatten, noch ungefrühstückt, was Herr Forster ungeheuer übel nahm, so daß er am Abend zuvor, nachdem Bligh den Befehl mitgeteilt hatte, polternd verkündete: Fiele ihm gar nicht ein …! Dächte auch gar nicht daran …!! Er lag auch noch in der Koje, als George bereits schattenhaft lautlos aufgestanden und entschwunden war, dann erschien er aber doch in der Kajüte, genau eine halbe Minute, nachdem Cook seinen Platz an der Spitze der Tafel eingenommen hatte, sagte: „Na, guten Morgen!“ stellte gekränkt fest, daß auf seinem Stuhl Wales säße, und verankerte sich sodann umständlich auf dem einzig freigebliebenen Sitz, Cook gerade gegenüber, von wo aus er sich aufmunternden Blickes umsah und fragend äußerte: „Nun, und …“ Cook, der ihn völlig übersah und überhörte, — freilich sah er niemand an, — gab in gedämpftem Ton einen kurzen Bericht über die bisherigen Ergebnisse der zweiten Polarfahrt, ließ diesen Bericht von Bligh, — nicht etwa, wie das vorige Mal von einem der gelehrten Herren, nun, war das nicht kennzeichnend?! — um einige Zahlenangaben ergänzen, räusperte sich sodann trocken und sagte, ohne seinem versteinerten gelben Gesicht irgendeinen Ausdruck zu geben: „Da unser Bemühen, in diesen Breiten Land zu entdecken, bis dato keinen Erfolg gezeitigt hat, geben wir dies Bemühen nunmehr auf, uns unsrer Verantwortung gegen Leben und Gesundheit von Untertanen Seiner Majestät voll bewußt.“ Und, nachdem er noch eine knappe wissenschaftliche Begründung seiner Handlungsweise gegeben hatte, — nichts von Erdblutströmungen, nichts von magnetischen Strahlungen kam darin vor, — fügte er beiläufig hinzu, daß die „Resolution“ den Kurs seit einer Stunde nordöstlich genommen habe. Hierauf hieß es: „Ich habe die Ehre, meine Herren!“ und wahrhaftig und ohne auch nur von ferne abzuwarten, ob nicht einer seiner ihm von der Regierung beigegebenen Berater etwas zu äußern habe, verließ er steif, doch eilfertig hinkend den Raum, — er litt seit Wochen böse an einem rheumatischen Anfall, — gefolgt von seinen Offizieren, von denen Blandey, der zweite Leutnant, alsbald zurückkehrte, und, in der Tafelrunde frühstückend, in achtungsvoller Haltung taub gegen den erregten Meinungsaustausch seiner Umgebung blieb.

George, — er blieb nicht taub, — George, er litt tief, ahnungsvoll erfaßt habend, was diese Stunde Cook gekostet haben mochte. Ein „Hat er’s endlich eingesehen, der Dickkopf?“ seines behaglich kauenden Papas haftete wie die Nachempfindung eines Schlages an ihm in fast körperhafter Erinnerung. —

So trieben sie nordwärts, — nordwärts ohne den beschleunigten Rhythmus freudiger Erwartung im Blut zu spüren wie damals, als sie das erstemal an den Rätseln des Poles abgeglitten waren, nordwärts, nur mit dumpfer Befriedigung, mit der mürrischen Hoffnung auf wärmere Luft, auf eine Nahrung, die nicht stank und von Würmern wimmelte. Cook lag seit Wochen in seiner Kabine, nicht imstande, ein Glied zu rühren, niemand außer dem Doktor und Bligh bekamen ihn zu sehen und mit innerem Grauen nahm George wahr, wie in diesen Wochen die Ausstrahlung des Geistes, die von der Kapitäns-Kajüte ausging, schwächer und schwächer ward, gleichsam als würde diese Kraft von dem, der sie aussandte, wieder eingesogen, weil er selbst ihrer bedurfte. Anfang März, ja, da starrte das Schiff von Schmutz, Abfälle und gefrorener Unrat lagen überall in den Gängen, man glitt darüber aus und die Luft war verpestet. Kein Mensch beklagte sich darüber, — waren sie denn nicht selber …

„Now, Lady George“, sagte Patton eines Morgens, als er mit gewohnter Todesverachtung zum ersten Frühstück seinen Haufen Sauerkohl hinunterschlang, ohne ihn viel zu besehen. Dies war nun einmal seine Pflicht, als ärztliche Leuchte an Bord mit gutem Beispiel voranzugehen, und sah man nicht den Erfolg? Er stopfte die langen Fäden des heilsamen Gemüses mit Gabel und Messer nach in den Mund und blickte dabei mit gerunzelter Stirn über seine Hornbrille zu George hinüber, — wer war der Gesundeste an Bord geblieben? „Also, Master George, da ist ein Bursche im Logis, er wird’s nicht lange mehr machen, — er wünscht Sie zu sehen. Habe den Herrn Vater vorgeschlagen, als geistlichen Beistand …“ er warf Forster einen schiefen Blick zu, — „indes, der Junge ist nun einmal darauf versessen, gerade Sie … Poor fellow! Der Rotkopf ist’s, mit dem breiten Maul, war immer fidel, — jawohl, der Irländer!“

Larry! George tastete sich an den Wänden zum Mannschaftsraum hinüber, die Knie versagten ihm und eine würgende Übelkeit stieg ihm im Halse hoch, als die beißende Raubtierhöhlenluft aus der Tiefe ihm entgegenquoll. Da schaukelte ein qualmendes Öllämpchen irgendwo in der Finsternis, er folgte dem Schein, der über ein paar Hängematten hin und her zuckte, in denen regungslose Gestalten lagen. Nun, wo war Larry? George starrte schauernd in die gedunsenen Gesichter, deren Augen ihm blicklos zugewandt waren, von einer trüben Haut beschlagen wie tote Fischaugen, — o Gott, er kannte keine von diesen — diesen Leichen! Aber da ging eine schwache Bewegung über das eine Gesicht, die geborstenen schwärzlichen Lippen, von zahnlosen blauroten geschwollenen Kiefern gesprengt, schienen sich noch ein wenig weiter zurückziehen zu wollen, es war die verzerrte Spiegelung eines Lächelns, kein Zweifel, dieser da, mit der Absicht des Lächelns, das war Larry und — er hatte Larrys Haare! „Larry, — ich — ich hatte dich nicht vergessen!“ stammelte George erschüttert und neigte sich über den Kranken. Dabei fiel ihm quälend ein, — was — was war nur einmal so ähnlich gewesen, so als hätte er dies schon einmal geträumt? Und auf einmal sah er sich in einer hügeligen Sandwüste, schmeckte heiße salzige Luft, beugte sich — nun ja, über den Janusch, der da heulte, der sich gehen ließ wie ein Tier, — ach, das war es, dies Gefühl, sich nun — auf alle Fälle — um des anderen willen selbst überwinden, sich niederbeugen, ihn anrühren zu müssen, obgleich dieser da — sehr übel roch. „Mensch, Bruder, — Larry!“ dachte George in Verzweiflung und legte seine Hand auf den schrecklichen Fleischklumpen, der aus dem Hemdsärmel hervorquoll. „Larry, was kann ich für dich tun?“ fragte er leise und bekümmert. Larrys Linke lag auf seiner Brust und schlug die grobe Decke mühsam zurück, ohne daß er in der erbarmungslosen Kälte erschauert wäre, — er fühlte wohl nicht viel Unterschied mehr zwischen dem Grad seiner Blutwärme und dem dieser fürchterlichen Grabesluft, — und dann zerrte er an einer Schnur, die ihm um den Hals hing, — wo die Schlüsselbeine spitz hervortraten. Er öffnete die Hand ein wenig und zwei Amulette wurden sichtbar, — und nun wieder dieses Lächeln, dieses entsetzliche, und zugleich ein heiserer, rauher Ton, — nein, das war nicht die Stimme der Rakes of Mallow, jene vergnügte Metallstimme von den Inseln her. „Toghiri!“ röchelte es da mühsam und noch einmal zupfte die Hand an der Schnur.

George glaubte zu verstehen. Mit bebenden Fingern berührte er die kalte, schweißige Haut, knüpfte die Schnur los. „Toghiri bringen?“ fragte er kopfnickend und hielt nun beide Heiligtümer dem Sterbenden vor die Augen, — ein Schutzstein aus grünem Jade war’s und eine Münze mit der Mutter Gottes auf der einen und St. Patrick auf der anderen Seite. In Larrys Augen trat ein Ausdruck beseligter Dankbarkeit und dann schloß er sie, — nicht um zu sterben, nein, nur zufrieden, verstanden zu sein, — ja, das war nun erledigt, er brauchte sich nicht weiter abzumühen an dem Bewußtsein, daß noch etwas geschehen müsse, etwas, das ihm immer wieder entglitt, — was, — was war es nur? Nun durfte er vergessen. Noch einmal hob er die Augendeckel schwer, die Lippen zuckten, — George verstand, dies war der Abschied. „Fare well, Larry!“ sagte er stockend und suchte seinen Weg hinaus, in der Dunkelheit stolpernd und ganz stumpf vor Kummer.