Übrigens lebte Larry noch tagelang und sie waren längst hinaus aus dem Bereich der Treibschollen und Pinguine, ja, graue Meerschwalben, die um die Masten strichen, schienen Land zu verkünden, als sie eines Morgens eine steife Puppe, in Segeltuch gehüllt und mit einer Kanonenkugel beschwert, vom Achterdeck aus versenkten. Bligh sprach ein eintöniges Vaterunser hinter der Leiche drein und George stand dabei und sah Mahaine hinter einer Taurolle mit großen entsetzten Augen hervorlauschen. Und nachher lehnte er an der Reeling, starrte stundenlang in das Gewander der Wogen und pfiff die Rakes of Mallow, — falsch, er wußte es, — aber dennoch, — immer wieder. —
Die Osterinseln waren das erste Stück Land, das ihnen der freie Ozean stumm darbot, wie er sie vor Jahrzehnten dem Jakob Roggewein hingehalten hatte. Mahaine bemerkte in seinen rätselhaften Aufzeichnungen: das Volk ist gut, aber die Insel sehr elend, während George sich unter anderen Bemerkungen aufschrieb, daß die großen Hüte aus Flechtwerk, die in zwei breiten Krempen auf die Schultern fielen, den Frauen ein „leichtfertiges, buhlerisches Aussehen“ gäben. Dies schrieb er gleichsam mit zusammengebissenen Zähnen nieder, irgendwelche verzweifelten Absichten im Herzen, daß, wenn sie nur erst wieder auf Tahiti wären … Jawohl, er war entschlossen, — wenn anders sich sein Zustand von bedingungsloser Verzweiflung und vorbehaltloser Gleichgültigkeit gegen alles, was eine lange Kindheit über ungestört in ihm geblüht hatte, — wenn man dies als Entschlossenheit bezeichnen kann. Er trug einen wütenden Ekel in sich herum, gegen das verschmutzte Schiff, in dessen Planken man gezwungen war auszuharren, gegen dies ewige, ewige Wasser, gegen das Essen, das er aß, das Bett, in dem er schlief. Er haßte alle Fahrtgenossen und wußte, daß sie sich untereinander haßten, daß sie sich nicht mehr sehen konnten, sich verachteten, im Geiste anspien, — er hörte das alles aus ihren fortwährenden widerwärtigen Zänkereien, ja, diesen „wissenschaftlichen Disputen!“ — er haßte den eigenen ungepflegten, verkommenden Körper mit all den abscheulichen Merkmalen des Skorbuts, er haßte, — oh, nicht zuletzt und am wenigsten, — den Vater, der infolge mangelnder Bewegung fett geworden war und so unantastbar gesund blieb (was er auf das Pfeifenrauchen schob, er pries tagaus, tagein seine Weisheit, sich so wohl mit Tabak versehen zu haben. Wie haßte aber George auch diesen süßlichen Qualm, in dem er Tag und Nacht geräuchert wurde!). In dieser Stimmung also faßte George Entschlüsse, — ja, Entschlüsse, die im Grunde nichts anderes waren als ein der Versuchung weinerlich Nachgeben und darauf ein tage- und nächtelanges Umhertaumeln zwischen fieberhaften Vorstellungen. Jedoch genügte es, daß Cook wieder auftauchte, ausgemergelt wie ein Gespenst seiner selbst, aber in der alten Straffheit und einen kalten Willensglanz in den eingesunkenen Augen, einen Blick, unter dem die Sauberkeit des Schiffes und die äußere Regelmäßigkeit des Dienstes sich hoben, ohne daß es irgendwelcher Anschreierei bedurft hätte, — oh, man wußte wohl, was man Jimmy schuldig war, und erfüllte es ohne weiteres, eigene Wege an Land vorbehalten, — es genügte für George, diesen Blick auf sich ruhen zu fühlen, um an schlechtem Gewissen fast zu sterben, innerlich doch aufschluchzend vor Befriedigung in dem Gefühl, daß dieser Mann ihm rückhaltlos vertraute, ihn für seinesgleichen hielt, wahrhaftig, daß er, George, außer den Offizieren der einzige war, mit dem er unbefangen sprach, und der einzige an Bord überhaupt, mit dem er scherzte. Cook war seine Rettung, jawohl. Und seine Aufmerksamkeit für den Kapitän bekam etwas Unruhiges, Fieberndes, er warf sein Inneres auf ihn wie auf einen Felsen, um es aus dem anstürmenden Meer der Versuchungen zu retten, — ach, der Versuchungen zum Haß, zum Aufruhr der Seele und des Körpers, die ihn so maßlos unglücklich machten, weil ihre Anforderungen, er fühlte es wohl, eben über seine Kraft gingen. Als sie in der bösen See, in der Gegend der flachen Inseln, kreuzten, wo Roggewein die afrikanische Galley eingebüßt hatte, bemerkte Bligh bei Tisch, daß diese Gewässer voller Untiefen „das Labyrinth“ genannt würden, und schreckhaft sprang bei diesem Wort eine Erinnerung in George auf, der er noch nachhing, während die anderen über die Berechtigung dieser Bezeichnung stritten. „Auf Kreta aber, einer Insel mitten im Ägäischen Meer, hauste der Minotauros, eingeschlossen in die Schneckengänge des Labyrinthes,“ und, — o nein, — er hatte sie nicht vergessen, die Wanderungen vor dem Einschlafen, süß und schaurig, denn drinnen heulte der Minotauros, er selbst aber war sehr klein. Jetzt aber, — er horchte auf, Hodges bestritt, daß etwas ein Labyrinth genannt werden könne, dem eben dieser Minotauros fehle, und Dr. Sparrmann spießte fein wie einen seltenen Schmetterling die Bemerkung auf die Nadel, daß man ja nie wissen könne, ob denn nicht doch ein Minotauros vorhanden sei, da ja ein solcher Minotauros bis zuletzt eine unbekannte Größe zu bleiben pflege. „Allerdings, allerdings,“ übertrumpfte ihn Wales, sein Kinn hastig reibend, „es ist wie mit dem Tode, teuerster Doktor, der in jedem Leben hockt …“ „Ihr werdet euch wundern,“ sagte hier Mr. Forster und sagte außerdem „hö, hö!“ was sein ihm eigenes, nicht jedem durchaus angenehmes, etwas fettes Lachen war, „ihr werdet euch wundern,“ wiederholte er, indem er breitbeinig aufstand, „wenn ihr euer Labyrinth durchwandert habt! Was sitzt darin? Was ist der Minotauros? Eine Überraschung, ein Osterei, — hö, hö — du selbst, mein teurer Freund, du selbsten sitzest drin, bereit dich zu zerreißen, hast dich vor dir selbst gefürchtet dein Leben lang …“ und nachdem Mr. Forster diese merkwürdige Erkenntnis mit einem sonderbar vergnügt ins Leere gerichteten Blick und ruckweise vorstoßendem dicken Zeigefinger stehend von sich gegeben hatte, verließ er die Kajüte, nicht ohne nochmals „hö, hö“ gemacht zu haben, — sehr zum Ärger von Mr. Wales, der Nase und Mund vornehm-verächtlich hängen ließ.
George aber war betroffen, — war erschüttert. — —
Er wollte an Bord bleiben, als sie endlich wieder vor Tahiti lagen, er schützte Arbeit vor, die während der Fahrt zu lange geruht habe, er schützte Schmerzen in seinem immer noch geschwollenen Fuß vor, er hätte sich am liebsten wie ein Tier verkrochen, — indes sah Cook ihn mit durchdringenden Augen an, die auch hier unter dem flammend blauen Himmel nichts von ihrem Polarglanz verloren, und sagte: „Sie gehen mit mir, George!“ in einem Ton, der an Selbstverständlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Und so ging er mit an Land und duldete, was ihn elend machte, den Anblick dieses heißen nackten Lebens, an dem er nicht teilhaben zu dürfen glaubte, denn hier war Cook, der durch das alles mit verächtlich geschürzten Lippen hindurchging und der ihn schweigend verworfen haben würde, wenn er sich hätte gehen lassen, — und dies wäre unerträglich gewesen, denn er bewunderte, er liebte Cook. Liebte er ihn? Oder — haßte er zuweilen auch diesen, haßte ihn um seiner unerschütterlichen hochmütigen Tugend willen, wegen jenes Auftrittes in der Kajüte, als Cook den Vater züchtigte und anspie, und damit ihn selbst? Denn tief, tief fühlte sich George doch mit dem Vater verbunden und wußte es, ohne es sich einzugestehen, daß er geringer war als dieser, in irgendeinem Betracht geringer, und deshalb mit Recht abhängig von ihm, und sei er zehnmal moralisch vorzüglicher. Ja, — haßte er manchmal auch Cook? Oh, er wußte es nicht, wußte nichts mehr, als daß er grenzenlos unglücklich war. Er hatte keine Spielgefährten mehr, um mit ihnen den körperlichen Überschuß auszutoben, Larry war tot und Mahaine, — Mahaine hatte nichts Eiligeres zu tun gehabt als hinzugehen und zu heiraten, natürlich, denn dieser Herr, weitgereist und im Besitze so vieler roter Federn, war den stammverwandten Tahitianern unbeschreiblich merkwürdig und begehrenswert. Gleich in einer der ersten Nächte ward er zur Königin Porea „zur Aufwartung“ befohlen, und als er sich von dieser Strapaze erholt hatte, warf er sein Auge auf eine unschöne kleine Insulanerin, die indessen die Tochter eines Eri war und ihm eine erhebliche Mitgift an Land und Ansehen einbrachte, — allein den Tau-Tau, den Leibeigenen, der ihm von nun an folgen und ihn bedienen mußte! Mahaine also ward mit einem Schlage ansässig und bürgerlich, verzichtete auf alle weiteren Reisegelüste und dachte nicht mehr daran, mit nach England zu gehen. Er legte es George nahe, — „Teori“ nannte er ihn und „Teori“ sagte lockend das braune kindliche Mädchen, das er mitbrachte, und lachte den Fremden mit breiten weißen Zähnen an, — seine Schwägerin Tehamai zu heiraten und sich ebenfalls auf Tahiti niederzulassen, — ja, im Eifer nahm er Georges Hand und führte sie über Tehamais feste warme Glieder, sprachlos verwundert, als der Freund sich losriß und ihn samt seiner vorzüglichen Ware ohne ein Wort stehen ließ. Schließlich, schließlich ging ja alles vorüber, vorüber gingen auch die Tage auf den Sozietätsinseln, wo das Schiffsvolk sich noch einmal in allen Freuden der Südsee wälzte, vorüber gingen wie Fieberträume die Erlebnisse der Tänze und Vorstellungen, die den Taumel immer noch steigerten, vorüber die Wochen, in denen jenes Mädchen aus Eimeo an Bord war, dem sie Offizierskleider angezogen hatten und das auf Huahaine von den Eingeborenen in einer wüsten Pantomime verspottet wurde, — alles ging vorüber und ließ sich ertragen, wenn anders man es nur sachlich betrachtete und sich Anmerkungen darüber machte. Gesegnet die Schreibtafel, die einen begleitete wie einen Talisman, gesegnet jedes Blatt Papier, das sich zwischen ihn und die aufdringliche Wirklichkeit der Dinge schieben ließ! So überwand er die Südsee, nahm Abschied von den lachenden Inseln, ohne die Spur eines Brennens im Herzen, fuhr vorüber an den Pfingstinseln, an den Hebriden und an Neu-Caledonien, so wie er einst in St. Petersburg durch die Museen gestolpert war, grenzenlos ermüdet und abgewandten Herzens, nur maschinenmäßig Eindrücke aufnehmend und verarbeitend, — so betrat er noch einmal Neuseeland, fühlte eine schwache Wehmut, Larrys eingedenk, und versuchte es, Toghiri aufzufinden, um sich seiner Botschaft zu entledigen, — gab es indessen auf, da Toghiri von ihrer alten Wohnstätte verschwunden war und sich auch sonst nicht blicken ließ, — armer Larry in der eisigen See, so schnell vergessen! — und schlenderte tagelang einsam am Strande umher, nach Osten spähend und im Winde etwas wie ein gemäßigtes Klima ahnend. Ach, Europa! nun gab es nichts anderes mehr als dieses Ziel der Gedanken! Als ein Knabe war er hinausgefahren, hundertfach abhängig, erwartungsvoll auf die Menschen blickend, und, wie oft auch schon getäuscht, doch ungebrochen im Vertrauen. Jetzt lag ein Zug entsagungsvoller Erkenntnis in seinen Augen und um seinen Mund, der seine zwanzig Jahre Lügen strafte, und hinter seinem unverändert liebenswürdigen Auftreten, hinter der jungen Lady George, wohnte einer, den sie alle nicht kannten, ein Einsamer, von zartem, schmerzlichen Stolz, von einer entschlossenen Selbstgenügsamkeit — einstweilen! Denn irgendwie hatten jene Eismeerwochen der Einsicht und Erkenntnis doch Früchte gezeitigt, irgendwoher keimte eine trotzige Gleichgültigkeit in ihm, irgendwann war es ihm aufgegangen, daß er ja nicht für alle Zukunft, nicht sein Leben lang mit dem Vater zu rechnen habe … Er und das Schiff! das Schiff, das seinem Willen zur Heimkehr diente! — und alles andere war gleichgültig, war Beiwerk, war Nebensache, Geschwätz im Tauwerk und belangloses Geflügel. Er stand am Bug und starrte voraus auf die unabsehbare graue, unheimlich von innen sich wölbende und atmende, tobende und drohende graue Halbkreisfläche, — ach, Tag für Tag, Woche um Woche derselbe leere gähnende Osten! — er packte, er ordnete wieder und wieder, als müsse er bereit sein, morgen von Bord zu gehen, — Kap Horn lag noch vor ihnen, — er war zur Stelle, wenn der Vater, wenn Cook ihn wünschten, — alles in einer ungegenwärtigen Art und Weise und innerlich mit nichts beschäftigt, als sich sprungbereit für die nächsten Möglichkeiten in London zu halten und, — wie sollte er anders, — Projekte zu entwerfen, Projekte, in denen der Vater ganz und gar keine Rolle mehr spielte. Er überwand, — körperlich überwand er die Erde, trat Feuerland hinter sich, entsetzliche Weihnachtstage auf Feuerland in Schnee und Regen, unter tierähnlichen Geschöpfen, die „Pesseräh!“ sagten und weiter nichts, in allen Tonarten „Pesseräh“, und hier verlor man Zeit, so viel Zeit! Er jauchzte innerlich, als nach Staten-Island und Georgia nun bis zum Kap keine verfluchte Insel mehr zu erwarten war, — er schluchzte auf, — übrigens nicht als der einzige an Bord, — als das erste europäische Schiff, ein holländischer Segler, ihnen in einer kalten Mondnacht in Rufweite gegenüberlag und ihnen wie aus Geistermund die Botschaft wurde, daß ganz Europa Frieden habe!
Das war im Februar 1775. Acht Tage später ankerten sie in der Tafelbai, inmitten einer Flotte holländischer Ostindienfahrer und französischer, deutscher und dänischer Handelsschiffe, portugiesischer Kriegsschiffe und spanischer Fregatten, ganz Europas Flaggen grüßten sie und sie gingen an Land wie die Träumenden, europäische Herren, den Dreispitz unterm Arm, das Meerrohr in der Hand, anderen europäischen Herren ebenfalls mit dem Dreispitz unterm Arm begegnend, europäischen Herren, die gar nicht verwundert schienen, daß sie einherspazierten und sogar Damen mit sich führten, Damen in Kleidern aus Paris, zweifellos, — mein Gott, das gab es noch, Europa stand noch, war es denn so möglich?! Überdies gab es Speisen in unsagbar köstlicher, ganz vergessener Zubereitung, an denen man sich notwendig überessen mußte, — Herr Forster tat es, — es gab Zeitungen, gab — nach beinah drei Jahren, — wieder Briefe von zu Hause! Ach, nicht nur hatte ganz Europa Frieden, auch die Mutter, auch die Geschwister, sie lebten, sie tauchten wieder auf aus dem Nebel der Unerreichbarkeit … George lächelte, seit jener Nacht im Polareis, als die Mutter ihr blutendes Herz an ihm vorübergetragen hatte, hatte er sie tot geglaubt. Nun sah er so deutlich ihr blasses Leidensgesicht, die durchsichtige, ein wenig vorspringende Stirn über den müden breiten Lidern vor sich, — sah ihren Blick, unendlicher Liebe und Müdigkeit voll. George preßte die Hand aufs Herz: nun kam er wieder, ein Mann, nun hatte ihr Leiden ein Ende. Er schwur es sich, unbewußt des bitteren Reuegiftes, das solche Schwüre in sich tragen.
Sie kosteten hier schon einen Vorschmack des Ruhmes, der ihrer in der Heimat wartete, kosteten ihn auf den Festmahlen, die fremde Kapitäne und Offiziere ihnen gaben, waren aber nur halb bei der Sache, ungeduldig auf die Weiterreise bedacht. Der kleine Dr. Sparrmann drückte sie umschichtig an sein abschiedstrauriges Herz und stand mit dem Schmetterlingsnetz winkend am Hafen, als das Boot sie überholte. Und nun kam noch einmal das Schiff, Wochen um Wochen: das Schiff! Das Schiff, ein Erdteil für sich, im Raume, in der Wasserwüste jagend, stampfend, schlingernd, — drohend, jetzt noch, ja jetzt noch, und mit Willen nicht früher, mit ihnen allen in die Tiefe zu fahren, ihnen seine Macht weisend in bösen Äquinoktialstürmen, — das unbändige, das mütterliche, das verhaßte und geliebte Schiff, das am 29. Juli mitternachts den Leuchtturm von Eddystone tanzend grüßte und Tags darauf im Hafen von Spithead schaukelte, vornehm und rätselhaft, sie alle entlassend, die selig auseinanderstrebten, ganz ohne geheuchelte Schmerzlichkeit, denn jetzt konnten sie einander entbehren, o ja, jetzt konnten sie wohl. — — —