Ein Weg von vier Jahren und kein Weg durch die Rosenfelder der Jugend, wie endlich anzunehmen wohl Berechtigung vorhanden gewesen wäre, — ein Weg, wenn nicht mehr unterm Joche des väterlichen Willens, so doch unter dem Zwange des eigenen unentrinnbaren Gewissens vor den Karren des Familienunglücks geschirrt, — genug, ein Kalvarienweg mit unzähligen Leidensstationen, das war der Weg vom Themsekai nach Cassel gewesen. George Forster, in einiger Hast durch den dünnen Neuschnee auf dem holprigen Pflaster der engen Gassen dem Hause des Ministers General von Schlieffen am Königsplatz zustrebend, noch ganz erfüllt von all der aufgewühlten Bitterkeit der letzten vierzehn Tage, von dem Wiedersehen mit den Seinen in Halle, wo der Vater nun endlich als Professor der Naturgeschichte installiert war, wie er selbst schon seit einem Jahre hier am Carolinum zu Cassel, — George, so ganz gegen seine Gewohnheit dahinstürmend, die eine Hand an dem niedrigen englischen Hut, die andere zwischen die Knöpfe des Redingotes geschoben, er dachte voll Schicksalstrotzes, jetzt, jetzt erst nach diesem ersten Jahre der Niederlassung in Deutschland sei er endgültig angelangt in Cassel, als in einem Ruheport und Friedenshafen. Jetzt erst, so dachte er voll erzwungenen Freiheitsgefühls, das weiche Gesicht gegen den peitschenden Schnee erhebend und angestrengt nach dem Turm der Martinskirche spähend, von dem herab es eben fünf Uhr über die Dächer sang, jetzt erst hatte es sich vollendet, was damals in der eiskrachenden Christnacht am Pol in seinem Herzen aufgesprungen war, um gegen den Stachel zu löcken. Oh, in der Tat, jetzt war er los und ledig und es galt, dies Sömmerring zu erzählen, es galt sich auszusprechen, das übervolle Herz in den Busen des Freundes hinein zu entlasten, zu manifestieren die Einsetzung des eigenen freien Willens als Daseinsfaktor. Indessen, es würde kaum Zeit sein, Sömmerring noch vor der Sitzung allein zu sprechen, dachte George; er hatte sich wieder einmal verspätet, hatte sich in Jakobis „Woldemar“ verlesen, sich dann über der Toilette versäumt. Mit langen Schritten nahm er die letzte Gasse. Jene Leidensstationen, jawohl, sie lagen nun abgegrenzt in einem Bezirk der Erinnerung, das nicht in die Gegenwart hineinreichte; dies schrieb er streng sich vor. Dahinten lagen die demütigenden Verhandlungen mit dem Londoner Admiralitätskollegium über die Veröffentlichung der Reisebeschreibung Forsters, des Älteren. Oh, diese Verhandlungen, über denen die ausgelaugte Maske Lord Sandwich’es hing wie der kalte Mond einer Scheingerechtigkeit, in deren verwirrendem Licht alle Begriffe zu schwanken begannen! Hier wurde blank ausgefochten, was auf dem Schiff dumpf in Haß gebrütet hatte, — und, nun ja, — wer fragte jetzt nach Lady George? Die Klingen kreuzten sich über das weiche Herz hinweg, und die stählerne siegte über die gläserne! Forster, der Ältere, oder der Ruhm von England, Kapitän Cook? War das eine Frage? George wünschte sich nicht zu erinnern. Vorüber, dachte er mit fieberndem Hirn, vorüber, vorüber. Vorüber das Hungerleben in London, das Schachern mit Naturalien und Kuriositäten, an denen das Herz doch irgendwie hing, — George entsann sich im Fluge der geschnitzten Frauenhand von der Osterinsel, — hatte er sie nicht geliebt? Sie hatte drei Guineen eingebracht, gewiß! Vorüber der Ansturm von Gläubigern mit Bulldoggengesichtern, von Gerichtsverhandlungen vor ungeheuern Perücken, vorüber das Gespenst des Schuldturms zu Kingsbench, dessen Quadern das Herz der Mutter zermalmten, oh, unerträgliche Qual! Hier saß Reinhold Forster zwei Jahre lang und, Gott verzeihe mir, dachte George, aber ich will das alles noch einmal erleiden, wenn ihm nicht wohl war im Gefühl des übergroßen Unrechtes, das ihm geschah. Ja, wahrhaftig, Gott verzeihe mir, dachte George verzweifelnd, wie immer, wenn die Säure unterdrückter Aufsässigkeit durch seine Gedanken fraß. Und er brauchte nicht mehr betteln zu gehen, — vorüber die Bittstellergänge an die Logen in Paris, in Holland, — an die deutschen Fürstenhöfe, wo er antichambriert hatte, den Hut in der Hand, seine Reisebeschreibung gegens Herz gedrückt, ein berühmter Weltumschiffer, blutjung und bettelarm!
Vorüber, triumphierte er in gewolltem, inneren Jubel und flog über den breiten, geschweiften Absatz der schön sich windenden hölzernen Treppe des Schlieffenschen Palais hinauf, drei, vier der niederen Stufen auf einmal nehmend. Aus der Reihe von Überkleidern, die im Vorzimmer hingen, entnahm er mit einigem Schrecken den Grad seiner Verspätung, erfuhr von dem diensttuenden Lakaien, daß Ihre Gnaden, die Frau Marquise von Mombert noch nicht anwesend seien, atmete ein wenig auf und tupfte vor dem Spiegel das schneefeuchte Gesicht mit dem Tuche ab. Er sah wohl aus, stellte er in Eile befriedigt fest, die Wangen gerötet, die Augen klar, nichts von seiner gewöhnlichen Stubenblässe.
„Der Professor Müller gekommen?“ hörte er sich fragen, wie ihn dünkte, ganz ohne seinen Willen, und ehe er die Antwort hörte, trat er schon an dem Respektvollen vorüber in die warme Kerzenhelle des Salons und schritt in eiliger Verlegenheit auf den General zu, der dort vor dem Marmorkamin in gedämpfter, phlegmatischer Unterhaltung mit einem großen Herrn in Hofuniform stand, einem Herrn, der sein gepudertes Haupt und den Oberkörper zurückwarf, als er Georges Namen hörte, und ihm beide Hände entgegenstreckte. Der Freiherr von Knigge? Nun ja, dies war ein Herr mit blauen Emailleaugen. George, die Hand am Degengriff, machte die Runde durch den Halbkreis der Gäste, flüsterte ein-, zweimal seinen Namen vor unbekannten Erscheinungen, erfuhr, daß es sich um die Herren Richers und Greve handele, beide von den Hannoveranern in Hanau, Leutnant Greve und Hauptmann Richers, zu dienen, — schüttelte Hände, sah liebenswürdig entzückt in andre liebenswürdig entzückte Augen und erholte sich endlich, neben Sömmerring verharrend, mit einem kleinen Hüsteln von dieser Übung gesellschaftlicher Befähigung, die ihn stets ein wenig Kraft kostete. Jetzt erst stellte er mit einem scheinbar ziellos umherwandernden Blick fest: ja, Müller war anwesend. Er hatte ihn begrüßt, ohne ihn zu erkennen. Jene kleine Unruhe am Herzen, die eben nachließ und ausschwang, war die vielleicht entstanden, als er Müllers Hand berührt hatte? Er lächelte ein wenig bestürzt und wandte sich Sömmerring zu, — was ging denn jener kühle, glatte Mensch mit den rätselhaft unzufriedenen Augen ihn an? Ach, sein Sömmerring, der bebte vor Wonne, ihn wiederzusehen nach der halbmonatlichen Trennung, klares Wasser stand in seinen Augen, die sich voll Bewegung auf George richteten. Nein, schön war Sömmerring nicht, aber er wurde schön in seinem Gefühl, und war nicht dies die Seele, die ihm den kalten, fremden Ort zur Heimat gemacht hatte?
„Unendliches habe ich zu erzählen, Freund!“ flüsterte George, die Hand auf des anderen Arm, wandte sich aber im selben Augenblick der Flügeltür zu, wie alle Anwesenden. Die acht Männer verneigten sich, als bräche eine sonderbare Gewalt ihre Nacken. Und die Frau, die in dem apfelgrünen Seidenkleide dort vor dem weißgoldenen Hintergrund der Türe stand, starrend in der Hoftracht einer schon halbverschollenen Mode von Paris, mit den unbeweglich über dem Schoß zusammengelegten Händen die goldene Dose, das Geschenk des Landgrafen haltend, dem sie, wie es hieß, eine rührende Zusammenkunft mit dem Geist seiner verklärten Ahnfrau, der heiligen Elisabeth, verschafft hatte, — diese Frau rührte kaum die halbgesenkten Lider, als sie nun dem schwerfällig auf sie zueilenden General die Fingerspitzen reichte und mit schmerzlicher Hast halblaut sagte: „Beginnen wir, schnell! Sie haben alles vorbereitet?“
George verspürte ein Rieseln zwischen den Schulterblättern — wie gut kannte er das, diese Schauer des Labyrinthes! — als er jetzt das überpuderte Antlitz mit den zarten, emporgezogenen Brauen, den leicht verzerrten Lippen und bebenden Nasenflügeln der sonderbar berühmten Marquise von Mombert an sich vorübergleiten sah. Der General geleitete die Dame mit befangenem Tänzelschritt, als ginge es zum Menuett, durch den Saal zur Türe des Kabinetts. Ein buckliges Geschöpf in goldgesticktem Schoßrock mit einer übergroßen Lockenperücke trippelte hinter den beiden drein und brachte durch devoteste Bücklinge und schadenfrohe Blicke jetzt erst seine Anwesenheit zum allgemeinen Bewußtsein. Aha, dachte George, dies war der Reisemarschall der Marquise, war der Monsieur Touchet, der die empfindsamen Dramen schrieb und überdies die Gabe besaß, durch Handauflegen zu heilen, wie er von sich zu verbreiten verstanden hatte. Sollte etwas Wahres daran sein? Was würde man heute erleben? Und nun wurde es ihm plötzlich wieder ganz bewußt: heute galt es mehr als einen geselligen Zeitvertreib, heute galt es eine Probe anstellen auf Tod und Leben, einen Beweis erlangen, — endlich vielleicht. Die Spannung, die den Tag über in seinen Gliedern gelegen hatte wie unterdrückte Krankheit, schoß auf einmal zusammen und straffte Geist und Körper zu unerhörter Aufmerksamkeit. Auf der Schwelle ewiger Geheimnisse stehen, welcher Augenblick! fuhr es ihm durch den Sinn. Freilich, ein Skeptiker, ein Müller … dachte er sogleich geärgert weiter, wahrnehmend, wie dieser, einer Bitte des Generals folgend, mit undurchdringlichem Lächeln die Kerzen in den Armleuchtern löschte.
„Die Marquise wünscht es so“, hörte er den General im Ton gedämpfter Erregung halblaut sagen. „Indessen ist sie für heute nicht disponiert, uns, wie wir wünschten, einen Blick in die Geisterwelt tun zu lassen. Sie wird uns jedoch“, übertönte er die flüsternde Enttäuschung der Gäste, „Zukunft und Vergangenheit auslegen, durch Betrachtung der Linien unserer Hände und durch Anwendung ihres übernatürlichen Ahnungsvermögens. Ich, meine Herren,“ fügte er hinzu und bewegte abwehrend die Hand, indem er sich mit halb verhaltenem Ächzen in einen breiten, tiefen Armsessel niederließ, „ich lege keinen Wert darauf, die Grenzen meiner etwaigen Zukunft zu erfahren oder gar die Stunde meines Todes. Dies Amüsement scheint mir völlig eine Affaire junger Leute.“ Und mit dem seltsam mißtrauischen, rührenden Forschen alter Menschen nach den Mienen seiner Gäste spähend, — aus der offenstehenden Tür des Kabinetts fiel eine breite Straße Lichtes in den Saal und verbreitete eine schwache Helle, — fragte er: „Nun, wer ist encouragiert genug, den Anfang zu machen?“ Und gleich darauf in gerafftem Ton: „Meine Herren, lassen wir die Dame doch nicht warten!“
„Stellen wir es doch auf die Probe, dies ausgezeichnete Ahnungsvermögen!“ ließ sich aus einer beschatteten Ecke Müllers Stimme vernehmen und George ballte heimlich die Hand. „Weiß die Dame, wer hier anwesend ist? Nicht? Kennt sie einen von uns schon von Angesicht? Nein? Unmöglich, da sie erst seit drei Tagen hier ist? Nun, — so wollen wir an ihr vorbeidefilieren und sie soll zunächst einmal den — nun, vielleicht den am weitesten Gereisten — und den zugleich Berühmtesten unter uns feststellen!“ Hatte ein heimliches Lachen in dieser ruhigen Stimme gelegen? George war weit entfernt davon, in das Urteil „Eine süperbe Idee!“ einzustimmen, das Schlieffen ausstieß; dieser Mensch legte es darauf an, ihn zu demütigen, — nun gleichviel. Welche Komödie! Da ging man im Gänsemarsch hinüber, Müller an der Spitze. „Wohl dem, der nicht wandelt im Rate der Gottlosen, noch sitzet da, wo die Spötter sitzen …“ ging es George bitter durch den Sinn. Aber, was lag daran? Spielte dieser Mensch etwa auf Eitelkeiten an, die er bei ihm, George, vermutete? Konnte er so mißkannt werden? Oder kannte er sich selbst so schlecht? Wie, ward er etwa unruhig bei dem Gedanken, die Marquise könnte, — könnte vielleicht den Schotten Richers bezeichnen, der in Amerika gegen die Franzosen gekämpft hatte, — er entsann sich plötzlich, von diesem Fremden gehört zu haben. Aber würde er nicht trotzdem Forster bleiben, Forster, der Jüngere, mit einem Wort, der junge Forster? Ah, welche Gedanken auf einem Weg von einer halben Minute! Keine Gedanken, würdig der Ewigkeit, die sich hier offenbaren sollte! Galt es nicht, die Verbindung mit dem Herrn zu suchen in dieser Stunde? Jetzt schritt Knigge, jetzt wandelte Prizier an der Seherin vorüber, sie rührte sich nicht, ihre Hände lagen regungslos auf dem Buchsbaumtischchen, hinter dem sie saß; sie schien mit zurückgelehntem Haupte und halbgeschlossenen Augen den Duft der Räucherkerzchen einzuatmen, die Touchet dort über der züngelnden Flamme des Leuchters verbrannte. Jetzt Greve, — jetzt — Richers, — zuckte etwas in den Zügen der Frau? Vorüber! Und George, ein paar Schritte hinter dem Hauptmann, fühlte sich törichterweise erleichtert, zauderte, ging, von Sömmerring leise geschoben, vorwärts und … Es war die Stimme Touchets, die da plötzlich sagte: „Restez ici, Monsieur, Madame a fait son choix!“
Madame hatte gewählt, in der Tat. Es war geschehen durch eine kaum merkliche Bewegung des Hauptes, der linken Hand. George fühlte sich auf einmal allein, hörte ein Gemurmel hinter sich ersterben, atmete den süßlichen Kirchengeruch der Luft und sah verwirrt in diese blicklosen Augen, Augen, die wie beschlagene Spiegel wirkten: die Iris war nach oben gedreht, die Pupille nur halb sichtbar und das Überwiegen des trüb geäderten Augapfels gab dem farblosen Antlitz mit den scharfumrissenen, hellroten Lippen einen blinden, einen übermäßig leidenden Ausdruck.
„Man weiß im Geisterreich von seinen Verdiensten“, sagte jemand im Nebenraum, Gelächter und Gemurmel quoll noch einmal auf, ein Stuhl ward behutsam gerückt. Dann stand im Raum die atmende Stille der Erwartung.
„Was wünscht Monsieur zu wissen?“ hörte George jetzt die Stimme Touchets mit einer scharfen Süßlichkeit in Ton und Ausdruck. „Die Vergangenheit oder die Zukunft? Ah, — die Zukunft, — nicht wahr!?“