Der alte Haupt erklärte ihm, diese Krankheit beruhe hauptsächlich auf Arthritis vaga, der fliegenden Gicht, und predigte mit Behagen über die viererlei Mittel, die dagegen anzuwenden seien, nämlich Kampfer, Salmiak, Opium und Balsam von Mekka. Der alte Haupt war ein unerträglicher Firlefanz. War er einmal ausgegangen, so war es wundervoll still in der Kammer. George lag auf dem Rücken, gerade ausgestreckt, die Hände auf dem Deckbett, gleichmütig hingegeben an die Schmerzen, dankbar empfindend, daß sein Kopf wenigstens frei war. Indessen dachte er nicht viel. Er baute nicht mehr Projekte aus. Es war ihm gleichgültig, ob er in Zukunft weiter in Paris leben würde, oder in England oder in Zürich oder am Ende doch in Altona, — ob der Plan, nach Indien zu gehen, zur Ausführung gelangen würde. Er grämte sich nicht mehr um seine Bücher und Sammlungen in Mainz, von denen ihm bisher kein Mensch hatte sagen können, was nach der Beschießung aus ihnen geworden sei. Er dachte sonderbarerweise manchmal an das kleine Mahagonibureau, das Therese „The Resolution“ getauft hatte, weil es mit in der Südsee gewesen war. Ja, „The Resolution“ hätte hier in der Kammer bei ihm stehen sollen! „The Resolution“ wäre wohl voll Trost gewesen. Er versuchte auch zuweilen an seine Arbeiten zu denken, — nicht an zukünftige, nur an vergangene. Aber dann wollte ihm immer nichts einfallen, als dies, daß er die „Sakuntala“ übersetzt und den Deutschen den Weg nach Indien gezeigt habe. Und wenn er so dachte, dann lächelte er.
Er dachte an die Mutter, die nun alt war. Er dachte an seine Kinder. Er wußte, daß er nicht an Therese und an den Vater zu denken brauchte, weil Larry das nicht duldete. Larry war stets im Zimmer. Manchmal in der Dämmerung ließ er sich sehen, er arbeitete in unsichtbarem Takelwerk und Wind war in seinen Haaren:
Living short but merry lives;
Going, where the wind them drives;
Having sweethearts but no wives;
Live the rakes of Mallow …
Das Leben ebbte Tag für Tag mehr von ihm zurück. Es kam nichts mehr darauf an, was Paris da draußen tat, ob die Gegenrevolution Fortschritte machte, was mit den Rebellen in der Vendée geschah und ob Camille Desmoulins oder sonst jemand neue Journale gründete. Es kam nichts darauf an, daß die Besucher ausblieben, je länger sein Krankenlager dauerte, daß er in den ersten zehn Tagen des Jahres 1794 niemand mehr um sich sah, als Kerner, Haupt und den braven kleinen Nagorsky. Alles war von ihm abgefallen, alles war sehr vereinfacht. Er war beim Minotauros in der Kammer; er war nackt und ganz allein.
George Forster lächelte. Er wußte nun:
Durch die äußeren Gänge des Labyrinthes begleiten uns Jugend und Hoffnung. Wir füllen unser Herz mit Welt und wenn wir leiden müssen, geschieht es ungläubig, als hielten wir es für einen Irrtum der Vorsehung.
Vor den inneren Windungen des Labyrinthes erwartet uns der Schmerz. Er nimmt uns in Empfang und bleibt bei uns, er heilt uns von der Anschauung, daß er ein Irrtum der Vorsehung sei und wir etwa gar nicht gemeint. Er entkleidet uns aller unsrer Hoffnungen und jagt uns nackt durch die entsetzlichen Irrgänge dem furchtbaren Rätsel zu, das da im Herzen der Finsternis die großen Baalsgesänge heult und dem er uns vorwerfen wird, — wenn wir es nicht vorziehen, selbst bis in die letzte Kammer zu gehen, freiwillig, und ohne nach des Opfers Zweck zu fragen.