„Unser Freund“, erklärte Kerner liebenswürdig, als sie saßen, „scheint mir heute Abend ein wenig der ärztlichen Gesellschaft bedürftig! Mein guter Forschter,“ fuhr er fort, aus dem Französischen in sein heimatliches Schwäbisch verfallend und mit den Fingern nach Georges Puls tastend, — „Sie habe hohes Fieber und gehöre heim ins Bett, samt Ihre garschtige Huste!“

George sah ihn freundlich an, aber wie aus einer fernen Fremdnis. „Heim,“ sagte er, — „ich gehöre also heim? Jawohl. Ich will es Ihnen erklären …“

Er wandte sich auf seinem Stuhl und saß nun halb dem Raume zugekehrt, die linke Hand auf dem Tisch ruhend, die Rechte schwer und umständlich bewegend, während er weiter sprach. Um ihn her wurde es plötzlich still; er achtete nicht darauf. Er schien keinen der Menschen zu sehen, die sich mit lachenden, höhnischen und verächtlichen Gesichtern ihm zuneigten, verstummten, andern Schweigen zuwinkten, aus entfernten Ecken vorsichtig näher schlichen in der Erwartung eines ausgesucht komischen Theaters. Dieser Deutsche da, — oder war es ein verfluchter Engländer, verstehen konnte man dies barbarische Idiom ja nicht! — er hatte sich übernommen und klagte nun Gott und die Welt an, wie es die Art dieser traurigen Teufel war, die Öl anstatt Blut in den Adern hatten, das sich nicht mit dem Wein zu einem neuen beseligenden Element vermischen mochte! Denn daß er klagte, — nun das war klar, man brauchte nur dem Tonfall seiner Worte zu lauschen, die in sich zusammengesunkene Gestalt zu sehen, eines alten Mannes ausgehöhlte Gestalt, auf deren hagerem Hals der Kopf mit den blatternarbigen Zügen vornüber hing wie eine unzeitig verwelkte Frucht. Ja, er klagte, — klagte, weil er betrunken war, das war der Grund, nicht wahr, und darum konnte man darüber lachen, sich anstoßen und diese Szene eines Lustspiels genießen wie etwa eine aus dem göttlichen „Eingebildeten Kranken!“ Jedoch war es denn wirklich amüsant? Die Heiterkeit erstarrte, das Lachen erschrak vor sich selbst, das Lächeln gefror auf unbehaglichen Mienen. Denn irgend etwas, — irgend ein tödlicher Hauch ging von der Stimme dieses Mannes aus, die eintönig auf- und abschwoll wie Herbstwind. Ja, er klagte, — und er klagte nicht, weil er betrunken war, alle fühlten es. Versuchten sie noch, Blicke auszutauschen und sich im Spott zu bestärken? Sie versuchten es, aber da war eine Fremdheit zwischen ihnen ausgebrochen, als sei jeder überronnen von durchsichtigem Eis, sie konnten nicht mehr zueinander, verlegen und ratlos wichen ihre Augen sich aus und sahen wieder auf den redenden Mann. Was erzählte er nur, was meinten diese schweren, unverständlichen Worte, an niemand gerichtet, als vielleicht an den gerechten Gott allein, diesen Betrüger, mit dem sie abzurechnen schienen, — leidenschaftslos, nur klagend, klagend!? Er hat Hunger gelitten, wußte auf einmal der Gast, der ihm zunächst in der Ecke saß und sich mit schweigsamer Gier seinen Bohnen gewidmet hatte, bis Georges Stimme ihn aufstörte und er erst ingrimmig wie ein beim Fraß geneckter Hund, allmählich dann dumpf betroffen hinüberstarrte. Seine Kinder haben ihn mit Füßen getreten, — oh, er weiß, wie es ist, — fühlte ein alter Mann. Man hat ihn auf die Straße gesetzt, weil er kein Geld für die Miete hatte. Er ist todkrank und sein Weib hat ihn verlassen. Er hatte Haus und Hof, und man hat ihn ausgesogen, Beere für Beere, nun ist nichts von ihm übrig als der kahle Stengel, von der Rebe losgerissen … Und wieder: Er hat Hunger gelitten! Er schläft des Nachts nicht, — es hat ihn einmal ein Mädchen schlecht behandelt, — oder sein Bruder hat ihn betrogen, — oder sein Freund hat ihn ins Gesicht geschlagen. Er hätte einmal König werden können, aber er war zu feige dazu oder zu schwach. Seine Eltern haben ihn betteln geschickt, als er klein war. Er ist einer von denen aus der Bastille, — das ist er, — sie haben ihn dort begraben, als er jung war, er hat es verlernt zu leben. Und wieder: Er hat Hunger gelitten! — Und abermals: Hunger gelitten! Der Fremde wußte jedermanns Leid und sagte es mit seiner eintönigen Stimme und jedermann hörte sich selbst reden in der Sprache seines verborgenen Herzens, die auch nie ein anderer verstanden hatte. Entsetzliche Einsamkeit drang aus jeder Brust wie ein Schwert aus der Scheide und bedrohte den Nächsten: Hebe dich weg, das ist mein Schmerz! —

Und George redete. Er hatte Kerner vergessen, er wußte nichts von seiner Umgebung. Ach, er redete! Alles, alles löste sich auf einmal, was hart wie Ureis in seiner Seele vergletschert gelegen hatte. Er redete noch, als Kerner ihn unter den Arm gefaßt, ihm den Hut auf den Kopf gesetzt, den eigenen Überrock um die Schultern gelegt hatte und ihn nun hinausführte, durch neugierige und mitleidige Blicke und Flüsterworte hindurch, hinaus auf die Straße. Er verstummte unter einem schrecklichen Hustenanfall, als die naßkalte Luft ihm in die Kehle drang, und als das überstanden war, lehnte er sich auf den brüderlichen Freund und äußerte nun weiter nichts mehr als „Well, — there he is again!“ Dies konnte nun der Mann aus Schwaben freilich nicht verstehen. Es sollte aber heißen, daß Larry wieder da sei, Larry, der doch den Tod im Skorbut gefunden hatte. Da ging er vor ihnen her, ohne sich umzusehen, die Hände in den Taschen der pludrigen Hosen, vom eigenen sanften Segelwind getrieben, schwebend und lautlos, wie ein Schiff über Wasser gleitet. Er glitt durch die Haustür der Maison des Patriots hollandais, noch ehe sie aufgeschlossen war, und im Schein des dürftigen Öllämpchens konnte George ihn voran die Treppe hinauf eilen sehen, als klömme er im Takelwerk empor. Er stand auch wartend am Bett, solange Kerner sich um George bemühte und ihm beim Auskleiden half, er verschwand erst, als George sich niedergelegt hatte. Kerner schien ihn gar nicht zu bemerken, — nun, und George war ja auch so tödlich müde, er hörte es kaum noch, daß der Freund versprach, für Krankenwärter zu sorgen. —

Von dem äußeren Verlauf der nächsten Tage wußte er später nichts. Als er am Abend des 27. Dezembers ohne Fieber war und man ihm auf sein Bitten dazu verhalf, ein wenig aufrecht im Lehnstuhl zu sitzen, da er meinte durch diese Veränderung etwas Erleichterung seiner in allen Gliedern wühlenden Schmerzen zu gewinnen, erzählte man dem gebückt Dasitzenden, der mit den schrecklich zitternden Händen die Knäufe der Armlehnen umklammerte, wer alles an seinem Lager gestanden habe, — Onfroi und der gute schottische Freund Christie, Mr. Wollstonecraft, der auf dem Stuhl neben dem Bett sitzend augenscheinlich gebetet habe, der große Merlin de Thionville, dieser mürrisch und unzufrieden, daß jemand, mit dem er hatte disputieren wollen, unzurechnungsfähig vor ihm lag und ganz sinnlos flüsterte, — Monsieur le Professeur Dorsch endlich, der freilich die Kammer schnell wieder verlassen habe, — und dann, das Vorzimmer füllend, die Vielen, die immer kamen, die nichts brachten, nicht nach ihm fragen wollten, sondern seinen Rat, seine Hilfe suchten, armes Volk von Literaten, emigrierte Mainzer, die ihn für ihr Schicksal zur Rechenschaft zogen, und dergleichen Leute.

George lächelte. Nein, er hatte von diesen allen nichts bemerkt. Er hatte andere Besucher gehabt, er meinte, in den letzten Tagen an die tausend Gesichter gesehen zu haben, sie hatten ihn angelächelt und angefratzt, sie waren aus Nassenhuben in Polnisch-Preußen, aus Petersburg, von der Wolga, aus England, aus Afrika und aus der Südsee, schließlich aus allen Städten eines geistigen Europa gekommen, ein summender Schwarm. Er hatte sie verzweifelt gebeten, nacheinander zu kommen, sich in Gruppen zu teilen nach Jahren und Arten, — umsonst, — was je auf den Spiegel des Gedächtnisses gefallen war, jedes Bild quoll hemmungslos hervor und der Wahnsinnsreigen der Erinnerung hatte um sein armes Haupt getobt. Nach zwei Gestalten hatte er zuweilen mit den Händen geschlagen, er wußte es; es waren Therese und der Vater gewesen. Sie sollten sich trennen, nicht fortwährend miteinander flüstern, auf ihn deuten, über ihn lachen …

Es war also viel Besuch dagewesen, oh, ja! Er blickte auf kleine Geschenke, die Kerner ihm zeigte, Wein und Pastetchen, ein allerliebster runder Schinken und eine gestickte Weste, die Christie als ein Geschenk seiner Schwester auf das Tischchen am Bett gelegt hatte. Er sagte unbeteiligt: „Womit habe ich alles das verdient?“ Und dann fragte er nach Briefen. Es waren aber keine gekommen. —

In den nächsten Tagen besserten sich die unerträglichen Schmerzen der Gelenke und des Rückens ein wenig, dafür aber stellte sich die peinlichste Form seines Leidens in Gestalt des skorbutischen Speichelflusses mit seinen widerlichen Begleiterscheinungen ein, wie er sie aus früheren Jahren kannte, und er war betrübt. Er sagte zu Herrn Haupt, einem geflohenen Mainzer, dem er aus Mitleid mit seinem Alter und seiner Ratlosigkeit den Schrecken von Paris gegenüber, durch Übertragung von Schreibarbeiten über schlimme Monate hinweggeholfen hatte und der sich nun mit Kerner und einem jungen Polen in den Krankendienst bei ihm teilte, — zu Haupt also sagte er: „Mußte auch dies noch kommen? Oh, — es ist nicht meinetwegen … Ich wollte ja gern … Oder jedenfalls: ich kenne Schlimmeres. Aber es ist wegen meiner Umgebung. Meine arme Frau litt hierunter mehr als ich selbst.“ Er hielt das Tuch vor den Mund und stützte seinen wankenden Kopf. Haupt erwiderte aufmunternd, er möge die Sache doch nicht schwer nehmen, man sei ja hier unter Männern und die Frau Hofrätin nicht anwesend. George starrte trübe nach der Tür und murmelte geistesabwesend: „Nun immerhin, — es könnte doch sein …“

Er ließ sich Papier und Tinte geben und mit Mirabeau’s „Correspondance secrète“ als Unterlage auf den Knien schrieb er in häufigen Absätzen einen mühsamen Brief. Sie mußte doch wissen, wie es ihm ging, dachte er, und fügte der enthaltsamen Schilderung seiner Leiden ängstlich die Worte hinzu, daß dies alles auf Tatsachen und nicht auf Einbildung beruhe. Denn er wußte wohl, — sie nannten ihn einen Hypochonder.

Übrigens kamen schon am nächsten Tag mehrere Briefe von Therese auf einmal, sie hatten sich durch irgend eine Poststörung verzögert und enthielten, wie immer, heitere und gefaßte Berichte über ihr Leben und das Treiben der Kinder. Therese hatte begonnen, einen Roman zu schreiben und Huber, der herzlich grüßen ließ, versprach sich allerlei Erfolg von dieser neuen Beschäftigung. Nach dem Lesen dieser Briefe legte George eine gewisse törichte Hoffnung beiseite, — dorthin, wo schon viel anderes Unbrauchbares lag, — und erkannte auch sie als einen der letzten Krämpfe jener teuren Gewohnheit des Herzens, von der er doch eigentlich schon losgekommen war. Er hatte nämlich, da die Briefe ausgeblieben waren, im stillen angenommen, Therese sei mit den Kindern unterwegs nach Paris.