Creaking windows, damning, sinking,

Ever raking, never thinking …“

Ein Lächeln trat auf Georges Lippen und er versuchte zu pfeifen, —

„Live the rakes of Mallow!“

Larry an seiner Seite tat ihm gut. Er würde ihn nicht anrufen, oh nein. Hinter seiner Stirn war das süße Gesumm vollständiger Gedankenauflösung, aber dies wußte er, daß es umsonst war, mit Boten von Larrys Art anzubinden. Er wußte wohl, daß Larry als ein Bote kam. Es war gut, ihn gesehen zu haben, — aber er vergaß ihn auch wieder und vermißte ihn nicht, als er wieder verschwand. Er hatte Larry in den letzten Monaten manchmal gesehen, — oder war es nur, daß er seiner gedacht hatte? George blickte über die gelbe Flut der Seine hinüber zur Notre Dame, die dort drüben in einer Gloriole trüben Abendgoldes, entheiligt, finster und trauervoll ragte, und ging weiter, den Stock hart auf das Pflaster setzend und in der dumpfen Erinnerung, daß er jetzt wohl etwas essen müsse, denn Therese hatte ja geschrieben, er solle sich gut pflegen, — er ging, vor sich hinsehend mit dem Blick jenes Kummers, der von sich selbst nichts mehr weiß, von Menschen gestoßen, ohne daß er es bemerkte, — ein Herr im tabakfarbenen Rock, der die linke Hand gegen die Brust preßte und dem der Hut sehr traurig über den Augen saß. Die Laternen wurden herabgelassen, angezündet und schaukelten nun droben im Nebel, trübe herabglühend, wie blutige Augen eines Himmels, der keine Sterne mehr hat. Willenlos emporblickend sah George jetzt einen Reigen um die schwankenden Feuertulpen, lautlos geschwenkt, wie einen Tanz riesenhafter Motten um das Licht: Leiber, so lang gerenkt, Wangen, bläulich gedunsen, Augen, vortretend, furchtbar, ins Nichts gerichtet. Dem einen quoll die Zunge dick aus dem Munde, dem andern klaffte die Stirn, — alle aber waren hinschwindend, aus Dunst geboren, schattenhaft und von dem armen Licht vollgeflossen, durchsichtige Gebilde, die in der Finsternis zergehen würden. Georges Nacken sank mit einem Ruck vornüber, wie unter einer plötzlich aufgelegten Last, und doch wußte er: das da hatte über ihm gehangen Abend für Abend, wenn er hier gegangen war, dieser stumme, zuckende Tanz der Toten an den Laternen, — er hatte ihn geahnt, gefühlt, und daß er ihn bis heute noch nicht mit Augen gesehen hatte, was machte das für einen Unterschied? Vielleicht sollte er sie heute alle sehen in dieser ersten Nacht der heiligen Zwölf, sie, von denen er wußte, daß sie in diesen Straßen umgingen, die Füße rot vom eigenen Blut, mit der gräßlichen Wunde im Nacken? Er hob den Kopf nicht wieder und dennoch, er sah sie, schleppenden Schrittes, aneinandergelehnt oder einsam, Männer und Frauen, wie er ihren Gang zum Schaffot mitangesehen hatte, getrieben von einer unentrinnbaren peinlichen Begierde zu erleben, wie denn das sei, wenn Menschen von Menschenhand stürben … Er hatte an Agamemnon denken müssen, wie er im Blute sich badete, — sein Weib übrigens war es, das ihn verriet, mit ihrem Liebhaber, das Weib! — an Polyphem, dem der glühende Pfahl im Auge zischte, an die Schlachtung der Freier, — Antinous, dem der Pfeil in die gespannte Gurgel fuhr und der den trompetenden Todesschrei einer Schlachtgans hören ließ, — er erinnerte sich, er erinnerte sich, er kannte sie, diese wahnsinnige, prickelnde, kitzelnde, jagende Angst, in die zu versinken uneingestandene Wollust war. Er kannte sie aus den Phantasien seiner frühesten Kindertage und war jetzt leibhaftig von ihr gepackt worden beim Anblick der Königin im zerfetzten weißen Mantel, angesichts des Leichenzugs von Marat, dessen bläulich fahle Brust mit der schwarzroten Wunde entblößt war, beim Vorüberfahren der Charlotte Corday und der unzähligen andern, die in seinem Gedächtnis namenlos geworden waren und nichts als Masken des Todes. Er sah sie alle, ob er aufblickte oder nicht, und erst als er nun schwindelnd nach der Mauer eines Hauses tastete und mit verödetem Blick in die Wirklichkeit zurückfindend, auf die vorüberdrängende Menge starrte, kam er wieder zu sich; mein Gott, waren sie das, die er als eine geifernde, heulende Meute gesehen hatte, diese hier, lachend, singend, schwatzend und pfeifend, — gezähmt, gutartig, satt vom Blute für heute und begierig nach den unschuldigen Freuden des Daseins? Und gehörte er selbst zu ihnen, konnte auch er morden und weiterleben im Dampf des Blutes wie im Atem junger Frühlingswiesen?

Wieder völlig bei sich, hatte er also Larry gänzlich vergessen und Larry war denn auch verschwunden. George stieg die Stufen des Speisehauses hinauf, wo er zu essen pflegte, ging zwischen den unsauber gedeckten runden Tischen hindurch bis in die hinterste Ecke des schlecht beleuchteten Raumes, legte Hut und Stock ab, betastete mit unruhigen Fingern sein zerknittertes Jabot und ließ einen gehetzten Blick über die anwesenden Gäste gleiten, ein oder zweimal mit einem mühsamen Lächeln den Kopf zum Gruß senkend. Obenhin wurde ihm gedankt, nur ein hageres Männchen, ein verwilderter kleiner Abbé von lumpiger Eleganz mit einer Frisur à la Titus, die ihm den Stempel eines welken Knaben gab, hob sein Glas und trank George mit übertriebener Höflichkeit zu: „Ah, M. le député de Mayence!“ Sein Gefährte, ein dicker kurzhalsiger Mann in Carmagnole und gestreiften Pantalons, ließ nur einen verächtlichen Blick hinüberwandern, ohne seine gedämpfte Rede zu unterbrechen. „Monsieur le Député de Mayence“, das war keine Empfehlung für den Herrn im tabakfarbenen Rock, welcher Rock, wie sein Besitzer es wohl wußte, nicht eben neu aussah, fadenscheinig und blank gescheuert, und der unter der Achsel eine Wunde hatte, eine geplatzte Naht, die nicht mehr zu heilen war, denn der Stoff war mürbe und faserte aus. „Monsieur le Député de Mayence“ war in der ersten Auflage bereits zur Guillotine emporgeklettert, und hatte seine unzeitgemäße Begeisterung für Charlotte Corday mit dem Tode gebüßt; wer aber im Volk war sich wohl klar darüber geworden, für welches Vergehen jener arme Lux seinen runden Schädel hatte lassen müssen, für was er so „mit Freuden“ starb? Er war ein „Député de Mayence“ gewesen, einer Stadt, die Frankreich wieder entrissen worden war, und wer konnte es wissen, vielleicht durch Verrat, wie Francfort. Mancher Pariser Mutter Sohn lag auf den Wällen von Mainz verscharrt, — eh bien, war das nicht Grund genug, einen „Député de Mayence“ feindlich zu mustern? George argwöhnte diese Feindseligkeit auf Schritt und Tritt, indessen focht sie ihn kaum noch an, er war ihrer, — oder seiner Einbildung davon, — so müde wie aller andern Umstände des äußern Lebens. Er bestellte ein wenig zu essen, er bestellte heißes Wasser und Rum und während Bürger Max, der Aufwärter, ein fetter Gascogner, die Speisen majestätisch vor ihn hinstellte, starrte er sonderbar betroffen auf eine Gruppe neuer Gäste, die mit einigem Nachdruck eingetreten war, die beflissen gegrüßt, der neugierig und flüsternd nachgeschaut wurde. Nun, daß der Bürger Robespierre hier zuweilen soupierte, war auch George nichts Neues mehr, er sah auch nicht auf den langen Mann, dessen kleines Haupt auf der hohen Halsbinde ruhte, wie der Kopf eines Reptils, sah nicht auf seine Umgebung von bekannten Journalisten und Montagnards, — er sah auf die Dame im trikoloren Taftkleid, die an seinem Arm ging, sah in dies Gesicht mit dem krankhaft roten Mund, mit den Augen, deren Farbe wie ausgelaugt schien, — und wußte. Es bedurfte nicht der getuschelten Erklärung des Bürgers Max, der, mit hochgezogenen Brauen den namenlos betroffenen Blicken des Gastes folgend, ihm zuflüsterte, dies sei die Prophetin, Madame Théos, die geistige Mutter des großen Robespierre. Eine Ahnung hatte ihm gleich gesagt, dies könne niemand anders sein, als die Seherin, von der es hieß, daß ihre Inspirationen es seien, die über Tod oder Leben entschieden, — ein müßiges Gerücht übrigens, dem Glauben schenken mochte, wer da Lust hatte! Jedoch George hatte diese trikolore Kassandra schon einmal gesehen und während er nun aufstand, um sich mit sonderbarer Feierlichkeit sehr tief zu verneigen, ging es ihm durch den Sinn, was jener mohnrote Mund damals in Cassel zu ihm gesagt hatte:

„Ah, mon pauvre ami,

Au revoir à Paris …“

Er erinnerte sich, damals gelacht zu haben, und er lächelte jetzt. Das Schicksal war eigentümlich scherzhaft, wenn es einmal eine Erfüllung für ihn hatte. Das Schicksal war scherzhaft, darum mußte man heiter sein, besonders da der große Robespierre so süßlich verwundert auf ihn herabsah, Madame Théos völlig an ihm vorüberblickte und nur ein krummbeiniges Individuum aus dem Gefolge, das sich einer roten Mütze und einer schwarzsamtnen Carmagnole rühmen konnte, vor ihm stehen blieb und seine Courteoisie erwiderte, einmal, zweimal, dreimal, die Hand auf dem Herzen, als sei es verantwortlich für die Unhöflichkeit der Dame, die am Arme ihres Begleiters bereits in einem der Nebenräume verschwunden war. „Damals“, dachte George sich einigermaßen erschöpft niederlassend, „spekulierte dieser auf die Gunst deutscher Fürsten und trug Tressenrock und Staatsperrücke. Wir sind mit der Zeit mitgegangen, Confrater!“ Er blickte dem Geschöpf nach und fuhr sich hohnvoll über sein geschorenes Haar, befühlte den bereits recht stattlichen moustache. Von den Leuten, die mit der Gesellschaft Robespierres hereingekommen waren, blieben nun zwei an seinem Tische stehen, Kerner, der Berichterstatter einer Hamburger Zeitung, und Couvé, der Redakteur des Moniteur. Der junge Kerner, von diesen beiden George am nächsten verbunden durch die Reinheit seiner Gesinnung, und seinem Beruf nach eigentlich Arzt, blickte George prüfend an und erklärte dann, an seinem Tisch essen zu wollen, falls er nichts einzuwenden habe, welchem Vorhaben Monsieur Couvé nach einem gelangweilten Blick über die andern Anschlußmöglichkeiten des Lokals auch seinerseits zustimmte.