Er hatte sich mit zwei Gefährten, Lux und Patocki, Ende März nach Paris schicken lassen, um in Mainz nicht am Ekel vor dieser Pseudorevolution zu ersticken, sich nicht den Tod zu holen bei dieser Orgie geilgewordener Spießbürgertriebe. Er hatte sein entseeltes Haus verlassen, den Schauplatz der fürchterlichen Monate des Einsamseins, und Aug in Auge mit einer Wirklichkeit, der nun nicht mehr auszuweichen gewesen war, die nun endlich genommen werden wollte als das, was sie war.

Ach, es war durchaus keine Überraschung für ihn gewesen, dies, daß Therese, kaum eine Woche in Straßburg, in ihren Briefen von Feuillants und Rolandisten zu schwärmen begann, charmanten Leuten, deren Überzeugungen ihr wohl taten und ihrem weiblichen Herzen entsprachen; keine Überraschung, daß sie nach weiteren vier Wochen den Ratschlägen dieser neuen einsichtigen Freunde nachgebend, wie sie versicherte, — den brieflichen Lamentationen des alten Heyne, den Beschwörungen des Freundes in Dresden folgend, wie George ohne alles Fragen wußte, — mit den Kindern Straßburg verlassen und sich nach Neufchâtel, in die neutrale Schweiz begeben hatte, in ihrer weiblichen Verwirrung scheinbar ganz außer acht lassend, daß sie nun unerreichbar für einen französischen Staatsbeamten und Bürger geworden, dem das Überschreiten republikanischer Grenzen bei Todesstrafe verboten war! Es war keine Überraschung endlich, auch dies nicht, daß sie, — nicht unerreichbar für einen deutschen Untertan und sächsischen chargé d’affaires außer Diensten, — seit dem Mai unter Hubers Schutz in Neufchâtel lebte, — oh, in allen Ehren und nicht unter einem Dach, aber immerhin, Huber war bei Therese in Neufchâtel, Huber sah sie täglich, Huber unterrichtete das Röschen, Huber sorgte für Theresens Unterhalt, denn wie hätte George bei seinen achtzehn Livres Diäten, die er einstweilen noch bezog, das jetzt vermocht?

Endlich, noch nicht genug, — und seltsam, wie gewappnet sein Herz diese letzten Schläge erwartet hatte, — keine Überraschung war es, daß sie ihn baten, nur noch Theresens Freund zu sein, — und Hubers Bruder, ja, freilich! — auch vor der Welt. Keine Überraschung die grausamen Enthüllungen über die letzten Jahre, die man nun aus der Ferne ihm zu machen den Mut endlich fand! Diese Kinder — oh, sie waren ja tot! Auch der kleine Junge — war tot. Konnten Tote denn zweimal sterben?

Keine Überraschung, nicht wahr, im letzten Grunde keine Überraschung, kein Schreck, keine Erschütterung! Er hatte dies alles gewußt. Er hatte wissend daran vorübergelebt, wehrlos, in inbrünstiger Hoffnung vertrauend, denn er war nicht geboren als ein Sansculotte des Herzens. Indessen, er hatte gelernt. Und was sich da jetzt noch an Widerstand in ihm regte, was sich das lange Jahr über, — denn wieder war es Dezember, — an unüberwindlicher Sehnsucht, an unerfüllbarer Hoffnung aufgebäumt und sich Luft gemacht hatte in endlosen Briefen voller Fürsorge und Zärtlichkeit, voller Projekte und Vorschläge für ein gemeinsames Leben, ein Leben zu dreien, — schließlich voller Demut, voller Werbung, die an Bettelei grenzte, — dies alles, er täuschte sich nicht, sein eigener Zuschauer, der er geworden war, dies alles waren die Todeszuckungen einer sehr teuren Gewohnheit. Er wußte: dies alles würde noch eine kleine Weile so fortgehen. Es würde noch eine kleine Weile dauern und dann würde das Unverletzliche in ihm triumphieren. Und dann würde nichts sein als der reine Kristall, der voll entfaltete Lotos: die Seele nicht des kämpfenden, aber des im Martyrium lächelnden Helden —

Die Todeszuckungen jedoch einer geliebten Selbsttäuschung sind gefährlich für den Organismus, in dem sie wüten. Sie hatten einen Sanften und Liebenswürdigen zeitweilig reizbar, ausfallend und bösartig gemacht. Sie hatten für Monate vielleicht einen politischen enragé gezeitigt, wo ein Friedensapostel gewesen war. George vermied es, sich seiner politischen Tätigkeit bei den Wahlen in Mainz zu erinnern, die in den Januar und Februar gefallen war. Dies war vorüber. Seine Züge waren nicht mehr verzerrt. Dieses letzte halbe Jahr über starrend in das enthüllte Antlitz des unbedingt Bösen, schwer atmend im Blutdunst der Guillotine, mühte sich George verzweifelt um sein Menschheitsideal, um die hundertmal verstoßene und hundertmal weinend wieder aufgesuchte Göttin.

Er war fortwährend krank gewesen; niemand pflegte ihn, und er schonte sich nicht. Im Zustande einer sonderbaren Gleichgültigkeit gegen seinen leidenden Körper, seine verschleimten, pfeifenden Lungen, sein versagendes Herz, seine geschwollenen, schmerzenden Glieder, seinen gebeugten Rücken, als gegen ein Kleidungsstück, das man bald abzulegen gedenkt, und so lohnt es sich nicht mehr, daran herumzuflicken, — in dieser Gleichgültigkeit ging er auch heute am Abend vor Weihnachten durch die Stadt, nach einem Besuch bei dem Buchhändler Onfroi den Heimweg durch die nebeligen Straßen suchend, ohne Überrock und in jener leisen süßen Trunkenheit des Fiebers, die ihn nun seit einigen Wochen Abend für Abend befiel. Übrigens war ihm dabei durchaus nicht heiter zumute. Wenn er in diesen Stunden in seinem einsamen Zimmer war, pflegte er, von Hemmungen befreit, zu weinen. Wenn er in einer unerklärlichen Angst vor solchen Ausbrüchen einer sonst gebändigten Traurigkeit entfloh und durch die Gassen streifte, standen zuweilen Gestalten an seinem Wege und schlossen sich ihm an, die er kaum zu betrachten wagte, aus Furcht, sie möchten allzu schnell wieder in Nebel zerrinnen.

Es war zwischen vier und fünf Uhr nachmittags. Als George den Pont Neuf überschritt, stutzte er einen Augenblick, sah zur Seite, nickte vor sich hin, murmelte ein Wort und ging weiter. Der Fremdling aber, den er dort am Brückengeländer hatte lehnen sehen, ging mit und blieb ihm zur Seite.

Er trug weite pludrige Hosen aus englisch Leder, die unter den Knien zusammengebunden waren, seine bloßen Füße steckten in derben Schnallenschuhen. Der Wind griff ihm in den Nacken, blähte den weiten, rotgestreiften Kittel und machte, daß der Mann beständig nach seiner Mütze griff, einer runden, abgeschabten Pelzmütze, die er tief in die Stirn drückte. Übrigens war an diesem Abend kein Wind, der Nebel stand unbewegt. George aber war nicht imstande, sich darüber zu wundern, daß er seinen Begleiter ständig wie vom Wind getrieben sah. Dies war Larry. Kein Zweifel! Oh, er war es! Ein rosiges, gebräuntes Knabengesicht, wassergraue Augen, die seltsam blicklos schienen, als sei alles durchsichtig und dahinter unabsehbare Ferne, die kurze Tonpfeife im Mund und die Hände in den Hosentaschen, — es war Larry, wie er gewesen war, ehe George ihn zum letztenmal sah, in der Hängematte liegend, gelb und ausgemergelt, zahnlos, mit verschwollenem Munde und mit vorquellenden, angstvollen Augen.

Larry, der den Tod im Skorbut gefunden hatte, Larry nun hier an seiner Seite im Nebel von Paris, getrieben oder getragen von seinem eigenen sanften Segelwind, Larry begleitet von dem alten kecken Rhythmus:

„Beaning, belling, dancing, drinking,