„Was sagst du, George?“ murmelte Sömmerring. „Ich komme nicht darüber hinweg, daß die Huren Allwissenheit haben sollen und die Augen reiner Jungfrauen gebunden sind …“
„Oh, mein Wertester!“ sagte Müller und wandte sein rätselvolles Gesicht über die Schulter zurück, George mit seinem traurigen Lächeln streifend, „sind Sie noch in dem Traum von der Vestalinnen Reinheit befangen?“
Prizier lachte zischend. „Schäker!“ meckerte er, „ein Schäker, das, der Professor!“
„Ich weiß es nicht“, sagte George, aus seinen Gedanken auftauchend und sich Sömmerring zuwendend. „Vielleicht haben wir erleben sollen, daß das Gefäß gar nicht dürftig und demütig genug sein kann, um das heilige Leuchtöl aufzunehmen. Diese Frau ist am Leben zerbrochen. Das Gefäß ist nichts, der Inhalt alles. Selig, die am Geist Armen, ists nicht so? Sind wir nicht einfach genug, Freunde?
„Wir treiben viele Künste
Und kommen weiter ab vom Ziel …““
Er sprach es träumerisch und wie für sich allein. Müller hatte sich Prizier zugewandt. Ihre Schritte klangen dumpf auf der schneebedeckten Straße. Der Fluß dampfte zu ihrer Rechten, lichte Fenster säumten das jenseitige Ufer wie Reihen riesiger Glühwürmer, im Nebel hob sich gespenstisch geballt der Turm der Martinskirche.
„Ja, ich habe meinen Beweis!“ raunte George und preßte den Arm des Freundes an sich, „was mir noch fehlte zum vollen Glauben, es ist gewonnen. Oh, freilich wohl: selig der Glauben, ohne gesehen zu haben. Aber, — selig auch, der gewürdigt wird, zu sehen!“
Sie hatten ihre Schritte verlangsamt und blieben hinter den andern zurück.
„Es geht mir ähnlich, wie dir“, murmelte Sömmerring erschüttert.