„Oh, wie der alte Mann wächst, je weiter es zurückgeht! Er macht den Himmel dunkel. Viel Wasser, — viel. Oh, welche Länder …“
Hier legte Touchet seine Hand um das Gelenk der Frau und willenlos öffnete sich ihr Griff um Georges Linke.
„Genügt Ihnen dies, — Monsieur?“ flüsterte der Franzose von unten herauf mit einem Entblößen seiner Zähne, einem Hochziehen der Oberlippe, das seinem zugespitzten Gesicht einen Ausdruck von Bosheit verlieh.
George nickte stumm. Er wandte sich, schwankte in den Saal zurück und suchte seinen Stuhl. Und nun er endlich saß und seine Stirn mit dem Taschentuch betupfte, seine linke Hand heimlich abrieb, um die Erinnerung an jene schlangenhafte Berührung los zu werden, kam er allmählich wieder zu sich, empfand die beruhigende Wärme, die von seinem Nachbar Sömmerring ausging, der fast Schulter an Schulter mit ihm saß, seufzte auf und wußte wieder: hier, dies war der Salon im Hause des Ministers, dort auf dem Kamin blinkte in einem Lichtstrahl die glasierte chinesische Vase, leise und geschwätzig pendelte von der Kommode her der Gang der Boule-Uhr durch die Stille. Dies neben ihm, atmend und Leben verratend, war Sömmerring, ach, der Freund, und an seiner Rechten, Müller, o, trotz allem, auch eine heimatliche Seele. Indessen, mein Gott, gab es hier nicht einen kleinen Anhalt dafür, daß er — er selbst war, — oh, wollte niemand ihn anreden und diesem Kreiseln seines Gehirns Einhalt tun? Da stand von Knigge nun vor dem Tisch im Kabinett, das starke, rosige Gesicht unter dem gepuderten Toupet vom Kerzenlicht angestrahlt und mit selbstgefälligem Lächeln dem lauschend, was Madame ihm zu sagen hatte. In der fahlen Maske ihres Gesichts bewegte sich der krankhaft rote Mund unaufhaltsam und quoll über von jenem rauhen, tiefen Geflüster mit der röchelnden Betonung gewisser Worte, diesem Geflüster, das hier nicht zu verstehen war. Da war, durch einige Stühle von ihm getrennt, der General, man hörte deutlich sein kurzes, mühsames Atmen und das Klingeln seiner Berloques, mit denen er wie gewöhnlich spielte. Da war Prizier, er wippte mit dem Stuhl und trug Langeweile zur Schau; freilich, dies hatte mit Alchemie wenig zu tun. Und da waren, ein wenig nach Stall und Leder riechend, die beiden Herren Greve und Richers, jawohl, von den Hannoveranern in Hanau, er hatte von ihnen gehört, sie waren zu Pferde herübergekommen, um die Seherin zu hören, — Angehörige übrigens der Loge „Friedrich von der Freundschaft“, also nicht strikter Observanz, noch nicht, — diese waren ganz Andacht, saßen vorgebeugt da, hielten die Ellenbogen auf den Oberschenkeln, die Hände gefaltet zwischen den Knien, beobachteten starr den Eindruck, den die Worte der Seherin auf den Zügen von Knigges hervorriefen, warfen sich zurück, schüttelten ratlos die Köpfe, griffen sich grübelnd ans Kinn … Gute, junge Leute das, der Hauptmann und der Leutnant, dachte George, einer unbehaglichen Rührung voll, der eigenen sechsundzwanzig Jahre nicht eingedenk, — und doch, — was erinnerte ihn plötzlich daran? Jene ersten Worte der Seherin, jener gehauchte Ausruf bei seinem Anblick, — nein, — lächerlich! Dennoch, was hatte sie gemeint! — Gegenwärtiges? Zukünftiges? Stand ihm etwas bevor, das jenen Seufzer rechtfertigte? War es also noch nicht genug gewesen, — das alles, was hinter ihm lag? Aber er wollte sie nicht um die Zukunft befragen, nein, er hatte genug von der Erfahrung, daß zwischen ihm und jener Fremden dort am Tisch kein Schleier waltete, daß kein noch so dünnes Häutchen seine Erinnerung von ihrer Seele schied, — daß hier, — ja, daß hier also in der Tat ein seltsames Ineinanderwogen der unsichtbaren Wesenheiten verschiedener Personen statthatte. Ein Ineinanderwogen, ein Verschmelzen nicht nur der Seelen, — auch die Zeitbegriffe waren aufgehoben, — Vergangenheit, Zukunft, das stand aufgerissen da in einer weiten, raumhaften Gegenwart, in der alles nebeneinander ragte, was bestimmt war, ein Leben fließend zu füllen. Welch ungeheurer Frieden, dachte George bestürzt, müßte dort wohnen hinter der niederen Stirn von Madame! Ja, dieses Wesen in dem mitgenommenen Kleid aus verschlissener, grüner Seide, in der Robe einer halbverschollenen Mode von Paris, es war im Besitz der All-Einheit, es mußte strahlen von gesammeltem Lichte, — es war — — seltsam, seltsam! — nichts als ein greifbarer Ausdruck göttlicher Allwissenheit. Ach, aber es wohnte da kein Frieden; da war Qual. Qual sprach aus den gereckten Zügen dieser Frau, aus ihrem blinden Tasten nach den Händen der Fremden, aus ihrem Zusammenzucken, wenn die Stimme Touchets in ihr Hirn drang. Das war keine Herrscherin im Unsichtbaren, — nur ein armes Werkzeug, ein geknechteter Schalltrichter für übermenschliche Stimmen. Aber ich, dachte George weiter, gepeinigt, das Erlebnis bis ins Letzte auszuschöpfen, wenn es mir gelänge, das Trennende auszulöschen, durchzustoßen das Häutchen, zu zerreißen den Schleier, — wenn ich mich nur hingebe, mich strömen lasse, — es gelingt, — es gelingt! Und wieder empfand er das Kreiseln des Gehirns, das Aufgehobensein des Selbstbewußtseins, jene Ahnung des Schwebens, wie er sie erfahren hatte in den Gebetsrasereien der vergangenen Monate. Gleich, — gleich, — dachte er krampfhaft, — oh, schon hatte er aufgehört, George Forster zu sein, was war dieser Name, wen hatte er einmal bezeichnet? Einen gefeierten, jungen Gelehrten? Einen Professor der Naturwissenschaften am Carolinum zu Cassel? Einen Schützling von Fürsten? Einen Freund guter Freunde? Ein Schwall von Erinnerungen stürzte zwischen ihn und sein Bemühen, auszulöschen. Irgendeine Stimme, empfunden wie ein bohrender Punkt glühenden Lichts, der die Dunkelheit nicht aufkommen ließ, wiederholte eigensinnig: „Cassel! Carolinum! Collegium! Gold, Gold und wiederum Gold! Landgraf und Konsorten! George, George, Forster, Freund! Bruder Amadeus!“ und widerwillig gab er nach, ließ ihn wachsen, den Punkt, anschwellen das Licht, erkannte sich, jawohl, George Forster, Professor der Naturwissenschaften am Carolinum zu Cassel, der Gelehrtenschule des Landgrafen von Hessen, George Forster, Mitglied des geheimen Rosenkreuzerzirkels, mit dem Bundesnamen Amadeus, der hier saß, als hätte er Zeit übrig für — müßige Charlatanerien, — nicht wahr, so würde der Vater das nennen, — als müßte er nicht über seiner Arbeit brüten, um Geld zu verdienen, Geld! Viel Geld, denn was tat man ohne Geld, ohne Bücher, Instrumente, gute Kleider, wie sie seine Lebensstellung nun einmal nötig machte, also Geld für sich und dann, — aber, o mein Gott, immer noch und endlos, für den Alten, der jetzt dort in Halle saß, und sich mit Lust der Erkenntnis hingab, daß die Postverbindung zwischen ihm und dem Sohne nun außerordentlich viel besser war, als zwischen London und Hessen-Cassel!
George rückte sich ein wenig zurecht und kam durchaus zu sich. Er schauderte zusammen, es war kühl im Saal, das Feuer im Kamin war niedergesunken. Eben kehrte Sömmerring von der Seherin zurück, das Lächeln verlegener Ratlosigkeit um den Mund, das er für unerklärliche Fälle vorrätig hatte. „Rätselhaft!“ raunte er George zu, indem er sich niederließ, „sie hat mir mein ganzes Leben gesagt. Dinge, die niemand wissen konnte. Ich bat um die Vergangenheit, — wie du!“ Dieses „wie du“ stand als Motto über Samuel Sömmerrings Tagen, seit er George kannte. Indessen ging eine Bewegung durch den Kreis und es ward festgestellt, daß niemand mehr da war, der Madame befragen wollte.
„Nun, meine Herren, in der Tat? Sie sind befriedigt?“
Der General spähte nach den Mienen seiner Gäste und verweilte prüfend auf den ihm zunächst Sitzenden, Richers und Greve, die immer noch in den Anblick der Pythia versunken waren. Zuweilen murmelte Greve etwas wie: „Unübertrefflich!“ worauf Richers, der ein Schotte war, regelmäßig aus tiefster Seele „Rather!“ antwortete. Dann, mit leisem Ächzen seine schwerfälligen Massen in Bewegung setzend und sich auf der Lichtstraße nach dem Kabinett zu schiebend, nachdem er durch eine Glocke den Diener hereingerufen hatte, gab er das Zeichen, sich zu erheben. George stand ernüchtert im Schein der wieder aufflammenden Kerzen. Er meinte, dort im Kabinett einen Papierumschlag auf den Tisch flattern gesehen zu haben, die Marquise, hochmütig und erschöpft ins Leere blickend, beachtete ihn nicht, aber Touchet griff gierig danach. Hier ward ein Handel abgeschlossen, jene Frau dort lebte vom Verkauf ihrer Ewigkeitsnähe; freilich, weder sie noch ihr Begleiter wirkten wie fleischgewordene Gottesgrüße und es war ohne Zweifel eine ganz alltägliche Person, die dort ein wenig mürrisch den Komplimenten des Generals lauschte. Würde sie der Gesellschaft noch einmal die Gunst ihrer Offenbarungen erweisen, ihnen das Geisterreich auftun? — oh, sie konnte ja sehen, daß die Herren erschüttert waren wie Moses auf dem Sinai, hier befanden sich weder Zweifler noch Spötter! Die letzten Worte, die Schlieffen halb in den Salon hinein gewandt sprach, lösten unterdrücktes dankbares Gemurmel, durch das die Marquise mit abwesendem Ausdruck hindurchschritt, während Touchet eilig und widerlich freundlich Verbeugungen erwiderte, die ihm nicht gegolten hatten. Nun, gehörte jene Frau etwa diesem krummen Zwerg? War sie in seine Gewalt geraten und trieb er Raubbau mit ihren Fähigkeiten? George erlag dieser Vorstellung einen Augenblick, indem er nach der Tür starrte, hinter der die Fremde verschwunden war. Dann begegnete er Müllers Blicken, in jenem unbegreiflichen Lächeln auf sich gerichtet, das dieser Mann immer für ihn hatte. Er raffte sich zusammen. „Ein wunderliches Schicksal,“ sprach der andere ihn an, „dies ist eine Frau von Welt, ihr sogenannter Reisemarschall aber wirkt wie ein Jude. Wie dem auch sei, — eine interessante Demonstration!“
„Eine Empfindung ist zehntausend Demonstrationen wert!“ gab George kalt zurück. Wo war Sömmerring? Man brach auf. Und ein Blick in den Saal zurück zeigte ihm Schlieffen, den Arm auf das Kaminsims gestützt, tief nachdenklich vor sich niedersehend. Ein alter, schwerer und müder Mann. Die Seelen werden ihrer Masken müde, wenn das Leben sich neigt, ging es George schwermütig durch den Sinn.
Schweigsam schritt er hinter den anderen die Treppe hinunter, hob aufatmend den Blick, als er ins Freie trat. „Orion!“ dachte er wie ein Gebet. Und nun, — es schlug erst sieben vom Turm, es war noch Zeit zu einem Spaziergang, ehe man sich zum Kammerherrn von Canitz begab, wohin die Gesellschaft auf den Abend gebeten war, gewisser Besprechungen halber. Er ergriff Sömmerring beim Arm.
„Ich versichere Ihnen, meine Herren, daß sie dies alles nicht wissen konnte, sie hatte nicht den geringsten Anhalt“, hörte er hinter sich die Stimme von Knigges, der zwischen Richers und Greve einherschritt. „Es ist ein Phänomen, ein unerhörtes Naturspiel …“