„Ich bin auf das peinlichste überrascht, Sie, mein Wertester, dem ich mit Fug eine gerechte Mäßigung in allen Fragen der Wissenschaft meinte zutrauen zu dürfen, von einer so wichtigen Materie leichthin und nahezu mit Frivolität handeln zu hören!“

„Mit Spötterei!“ fiel der ehrliche Sömmerring über den Tisch hinüber ein.

„Tja, tja …“ keuchte der Kammerherr unter ruckweisem Vorstoßen des Kopfes und blickte Müller mit vorwurfsvoller Erwartung an.

„Oh!“ machte Müller liebenswürdig erstaunt, richtete sich gerade auf und wandte sich dem alten Herrn mit vollendeter Verbindlichkeit zu. „Verehrtester, ich bitte aufrichtig um Vergebung. Indessen, da weder Moses, noch Elias, noch auch jener Esra, dessen Verdienste mir eben nicht gegenwärtig sind, noch nachweislich unter uns weilen, glaubte ich mich berechtigt, ihren Besitz der Tinktur anzuzweifeln und mithin überhaupt das Vorhandensein jenes Lebenselixiers.“

„Niemand“, fügte er unschuldig lächelnd hinzu, „möchte das Geschenk einer solchen Wunderessenz lebhafter begrüßen als ich. Denn, — meine Freunde, — ich liebe das Leben!“ Er hob sein Glas und trank dem Freiherrn von Knigge zu, der ihm mit einem kaum merklichen Lächeln Bescheid tat, einem Lächeln, das er nun mit der breiten weißen Hand gleichsam von seinen Zügen wegwischte, als er das Glas absetzte und mit seiner etwas fetten Stimme bedächtig sprach:

„Moses, Elias und Esra mögen zuversichtlich in der richtigen geistigen Verfassung gewesen sein, die den wahren Adepten ausmacht, indessen waren sie allem Anschein nach nicht darauf bedacht, den flüchtigen Geist zu materialisieren, und auch nicht im Besitz der Chimie, als eines Mittels, Lapis philosophorum zu kristallisieren und somit seine Bedingungen auf den Körper anwendbar zu machen. Denn, meine Herren,“ und er wälzte bedeutungsvolle Blicke von dem Hauptmann Richers zu dem Leutnant Greve, zwischen denen er seinen Platz hatte und die mit dem sprungbereiten Ausdruck begieriger Lehrlinge dasaßen, „’s ist der Geist, — der flüchtige Geist, der in der wahren Chimie eingefangen wird. Der Geist ist’s, der lebendig macht …“ er aß nachdenklich und hingebungsvoll einen Bissen, — „ja, ja, und das Fleisch ist schwach.“

„Rather!“ bemerkte Richers zustimmend. Der kleine Graf richtete seine schräg geschnittenen, etwas schwimmenden Augen wieder auf George, zu dem er das meiste Vertrauen zu haben schien. „Die Herren,“ sagte er in seinem harten rollenden Französisch, „scheinen der Ansicht zu sein, daß die Alchemie eine schwierige Wissenschaft sei, bitte, Monsieur le Professeur. Ist es Ihnen bereits gelungen, Gold herzustellen?“

George hantierte hastig mit seinem Besteck. „Graf,“ sagte er mit unverhältnismäßiger Inbrunst, „die Goldmacherei ist eine Nebenfrage für den wahrhaft Strebenden.“

„Oh! und ich denke es mir so hübsch. Haben Sie von dem Grafen Cagliostro gehört? Er soll in St. Petersburg gewesen sein …“

„Der sogenannte Graf Cagliostro ist ein Nekromant und huldigt der schwarzen Magie, — ohne Zweifel …“ rief Sömmerring mit etwas atemloser Stimme über den Tisch hinüber, sah errötend um sich und blieb mit einem hilfesuchenden Blick an George hängen. „Ich meine nämlich …“