George aber, in Erregung, dem Grafen zugewandt, aber Müller ins Auge fassend, sprach hastig wie von einer sonderbaren Eingebung überfließend: „Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes, — so wird euch solches alles zufallen. Den Seinen gibt es der Herr schlafend. Alles ist euer, — ihr aber seid Christi!“

Auf diese Worte, die eine ungeduldige junge Prophetenstimme in den Kreis geschleudert zu haben schien und die für eine Minute körperlos strahlend von der Gewalt ihres Geistes im Raum hingen, war es still geworden, bis Herr von Hippel von seinem Teller aufsah und mit einem gutmütigen Lächeln sagte: „Der Herr Professor ist bibelfester als man das heutzutage bei den Herren von der reinen Wissenschaft anzutreffen pflegt.“ Und, über den Tisch gelegt, begann er, Sömmerring, der ihm, seiner westpreußischen Mundart wegen, als ein halber Landsmann erscheinen mochte, eine breite Geschichte von einem kurländischen Pastoren und einem littauischen Bauern zu erzählen, die auf einen derben Scherz hinauslief.

„Rosenkreuzerei,“ sagte er sodann zu von Knigge, indes die Bedienten wieder um den Tisch gingen, — „wart’, wart’, Freund, — was hab’ ich doch davon gehört? Nichts Gutes, wie mir scheint!“

„Sie sind ohne Zweifel unterrichtet“, gab Knigge gleichmütig liebenswürdig zurück.

„Bitte, mein Herr“, sagte der kleine Graf, durch das Klappern der Teller gedeckt, jetzt leise zu Müller, ihn aufmerksam mit glänzenden Augen ansehend: „Ich habe gehört, daß es in den Kreisen der Rosenkreuzer Zauberei und Teufelsanbetung gebe …“

„Ach, mein Graf, —“ Müller schlug einen Ton herzlicher Ergebenheit an, — „was hört man nicht alles in dieser bösen Welt! Zauberei und Teufelsanbetung! Ich wollte, ich hätte einen Rosenkreuzer bei der Hand, um Ihnen ganz seine Ungefährlichkeit darzutun! Schauen Sie sich unsern Forster an, werfen Sie einen Blick auf unsern liebenswürdigen Wirt! So und nicht anders würde ein Rosenkreuzer auch aussehen, — oder etwa wie der wackere Doktor Sömmerring dort drüben, wenn schon im Opus mago-cabbalisticum zu lesen steht, daß der „doctor-Titul gleichfalls ein Mahl-Zeichen des Tieres oder des Weibes Jesabel sei“.“

„Ich verstehe nicht ganz“, warf der Graf mit verklärtem Lächeln ein.

„Ist auch nicht nötig, ist ganz und gar nicht nötig, Verehrter, denn das Mago-cabbalisticum kann kein Sterblicher verstehen, so wenig wie die Aurea catena Homeri. Dies interessiert Sie aber gar nicht, Graf, Sie wünschen über die Rosenkreuzer in praxis zu hören, und da sage ich Ihnen, wenn sich schon die heutigen Rosenkreuzer für die Brüder der alten Pythagoräer und Gnostiker zu halten belieben, so tun sie das ohne Recht, denn es fehlt ihnen der Mut, Mysterien zu feiern, und wenn die Templer Schafskleider umnahmen, wenn sie in die Welt gingen, so sind die Rosenkreuzer von heute höchstens Schafe in Wolfskleidern, — sie beißen nicht, Graf! Und da Ihnen dies alles wahrscheinlich orphische Worte sind, so will ich mich zum Schluß ganz kurz und klar fassen: es ist zu viel Wasser in diesen Wein geschüttet, die Rosenkreuzerei von heute ist ein öffentliches Geheimnis und eine Angelegenheit braver Bürger.“

„Ich weiß nicht, warum Sie einen Gegensatz zwischen der Rosenkreuzerei und den Qualitäten des Bürgertums zu wünschen scheinen, mein Werter“, sagte Prizier verschnupft, als fühlte er sich persönlich getroffen.

Herr von Hippel trommelte mit den Fingern auf dem Tischtuch und bemerkte von oben herab: „Sie haben da recht beruhigende Observationen gemacht, mein Herr. Mir sind böse Dinge zu Ohren gekommen, die in den Rosenkreuzerlogen ihr Wesen haben sollen.“ Er hob die Hand vor den Mund und raunte dem Freiherrn von Knigge über den Tisch hinüber ein Wort zu, das mit Achselzucken aufgenommen ward. Müller wandte sich kalt ab.