„Magie im höhern Sinne, Chimie und ein verborgener Staat, der die Begebenheiten der Welt sehr dirigieret, sind mit der Hauptzweck dieser segensreichen Verbindung, Graf. Lassen Sie sich nicht irre machen!“ Der Kammerherr sprach böse und kurzatmig und sah mit geröteten Augen scheel nach Müller hin, um dann unruhige Blicke über seine Gäste wandern zu lassen.
„Ich weiß nicht, warum wir uns alle so exaltieren,“ sagte jetzt Müller, irgendwie gelöst durch die Wellen ausgesprochenen und verschwiegenen Widerspruchs, die ihn trafen. Er gab seine lässige Haltung auf und faßte Sömmerring lächelnd ins Auge, der ihn finster betrachtete, soweit seine Gesichtsbildung diesen Ausdruck zuließ. „Wir sind auf dem Wege, über einer harmlosen Frage unseres wißbegierigen Gastes einen Wortkrieg zu entfesseln, als seien wir verschiedener Meinung über das Wesen einer Gesellschaft, während wir es tatsächlich doch nur über ihre Erscheinungsformen sind.“
„Belieben Sie sich ein wenig deutlicher auszudrücken, Herr Professor,“ sagte Herr von Hippel einigermaßen mürrisch. „Die Institution der Maçonnerie ist eine ehrwürdige, sanktioniert durch den Beitritt allerhöchster Herren und Souveräne. Was darüber ist, das — soll vom Übel sein …“
„Die Institution der Maçonnerie,“ sagte Müller und blickte angestrengt auf die Kerzen des Armleuchters vor sich, kleine goldene Funken standen in seinen braunen Augen, „die Institution der katholischen Kirche, die Institution des Luthertums, — und — wie mich deucht, — auch die der Rosenkreuzerei sind Ordensbildungen, sind Kristallisationen innerhalb des wogenden Ozeans von Geist, der sich nach Christi Tod aus seinen Schranken befreit in die Welt ergossen hat. Der erste Orden, meine Freunde, —“ er sah sich mit einem seltsamen, nahezu schüchternen Lächeln im Kreise um und sprach sehr sanft, — „der erste Orden war der Orden der Brüder vom reinen Willen. Er war — und er ist. Er hat keine Gebräuche und Statuten, es gibt keine Grade in ihm, weder blaue noch rote. Dies ist die unsichtbare Bruderschaft. Wir werden in sie hineingeboren, oder wir finden sie nie. Wer ihr angehört, erkennt den Bruder am Klang der Stimme oder am Lächeln des Herzens, — ich weiß nicht, — aber verbunden über alle Grenzen und Weiten sind die Brüder vom reinen Willen …“
„Schwärmerei eines Freigeistes!“ murrte Prizier.
„Sie unterschätzen geflissentlich den Wert der festen Konventikel, mein poetischer Freund!“ warf von Knigge mit einem rätselhaft hohnvollen Ausdruck über den Tisch, „moralische Übungen sind für die Seele erfunden wie der preußische Drill für den Körper. Gesetzt den Fall, — nun, aber ich will ganz allgemein bleiben. Sagen Sie uns: ist jener — reine Wille ein Präservativ gegen die Versuchungen des Fleisches?“
„Wollen Sie mit jenen wie Nicolai und Lessing keine Christen mehr haben, sondern nur Menschen, — Menschen ohne Vorurteile, weder in Moral, Religion noch Politik? Meinen Sie nicht, daß Sie sich damit auf der Suche nach der Wahrheit die Mittel abschneiden, sie zu finden?“ Sömmerring fragte es leidenschaftlich, seine Neigung zum Stottern vergessend und überwindend. Und indem nicht Müller, sondern der Kammerherr die Frage auffing und nachdrücklich über den Wert der Demut, der Notwendigkeit der Verachtung alles dessen, was die schnöde Welt hochachtet, zu dozieren begann, wandte sich Müller an George, der ihn stumm anblickte, und sagte mit unterdrückter Stimme:
„Die unsichtbare Bruderschaft,
Zu der ich auch gehöre,
Hebt Nacht für Nacht zu neuer Kraft