Mein Herz durch ihre Chöre …
Ist dieser Vers Ihnen irgendwo auf Ihren Fahrten begegnet, mein weit gereister Freund. Weiß Gott, woher er stammt …“
„Beachten Sie dies, Graf, — und —“ zu Richers und Greve gewendet, — „auch Sie, meine Herren, wenn anders Sie ein Interesse an diesen Fragen haben, — bei der Rosenkreuzerei kommt es meines Wissens — nun, meines Wissens! ich habe —“ Canitz ließ seine Augen wandern, „nehmen Sie an, ich hätte einmal jemand gekannt, der mich ein wenig eingeweiht hätte, — also, es kommt darauf an, Gott nahe zu kommen und in ihm konzentriert alles zu übersehen, was in anscheinend unbegreiflicher Unordnung da vor uns liegt.“
Redend erhob er sich, die Linke auf den Tisch gestützt und sich gegen seine Gäste verneigend. Man folgte seinem Beispiel.
„Innige Vereinigung im Geiste mit diesem höheren Wesen,“ sprach der Kammerherr weiter, die eine Hand auf der Schulter des jungen Russen, mit der andern das eigene Kinn umspannend und angestrengt vor sich hinblickend, „das ist’s, was der Jünger anzustreben hätte. Und der Weg dazu? Eine grenzenlose, eine seraphische Liebe zu Ihm, wie auch zu den Brüdern, beständige asketische Gemeinschaft im Geist und in der Wahrheit und — hm, hm, —“ er starrte nachdenklich ins Leere, — „endlich kontemplative sowohl als auch praktisch experimentierende Erforschung der Natur!“ schloß er triumphierend und sah sich nach Forster um, — „Nun, ist’s nicht so, mein Freund?“
In der Tat, George erkannte mit einigem Staunen eigene Wortreihen wieder, einem Vortrag entstammend, den er vor nicht allzulanger Zeit im vertrauten Kreise gehalten hatte.
„Die Herren scheinen mir sonderbar unterrichtet,“ sagte Herr von Hippel, der ein wenig hastig neben seinen Zögling getreten war. Der Kammerherr meckerte vergnügt.
„Eine kleine Tabagie, meine Herren,“ rief er aus, „wie wär’s mit einer kleinen Tabagie und einem Spielchen? Und begeben wir uns der großen Fragen!“
Bierkrüge und Tonpfeifen, ein Kartentisch warteten im Nebenzimmer, einem kahlen Raum. Von Hippel blieb seinem Grafen zur Seite, zog Richers und Greve heran und brachte das Gespräch auf Pferde. Canitz saß mit Knigge und Prizier beim L’Hombre und fluchte gelegentlich unwirsch. George und Sömmerring bildeten stumme Zuschauer. Müller lehnte an der Wand unter einem Bilde des preußischen Königs und sah melancholisch und angewidert aus. Wieder mußte George an den Petersburger Knaben denken, — warum nur? War’s die Vorstellung des Königs, von dem jener Knabe damals zu ihm gesprochen hatte, — ja, und dies, daß er damals so sehr gewünscht hatte, der Knabe möchte zu ihm sprechen? Währenddessen war von Hippel, wohl in der Überzeugung, seinen Zögling endgültig und wirksam in die zulässigen Bahnen zurückgeleitet zu haben, an den Kartentisch herangetreten, hatte sich einen Stuhl neben den des Kammerherrn gezogen, rittlings darauf Platz genommen und begleitete das Spiel mit seinen Bemerkungen. Wohl, dachte George, es mag nicht immer selig sein, einen Erben zu hüten. Und, indem er sich selbst, von Sömmerring gefolgt, der Ecke näherte, in der die jungen Leute saßen, war er bemüht, sich in der Überzeugung zu bestärken, daß er seinen Platz aus Interesse für den Russen wechselte, — und nicht etwa, weil Müller jetzt dort an dem holländischen Kachelofen lehnte, einer Erzählung Greves zuhörend. Und, — oh, es war durchaus nicht immer noch die Beschreibung der Reitschule in Hannover, der der Knabe mit glühenden Ohren lauschte! Nein, hier in dieser Ecke unter dem tröpfelnden Wandleuchter, wo es nach Tabak, Leder und ein ganz klein wenig nach Stall roch, — denn wie schon erwähnt, der Hauptmann und der Leutnant, sie waren zu Pferde von Hanau herübergekommen und saßen nun einmal da, wie sie gekommen waren, in Reithosen und hohen Stiefeln, — hier war im gedämpften Ton der Begeisterung die Rede von der Marquise, hier klang der Name Cagliostros auf, hier ward die wunderbare Geschichte von dem Polen Sendivogius erzählt, der, ein Rosenkreuzer ohne Furcht und Tadel, im Besitz des Steins der Weisen gewesen war.
Graf Puschkin, wieder mit Augen von dem Glanz derer eines Kindes, das nie für wahrscheinlich gehaltene Märchen von Blutzeugen erhärtet hört, wandte sich an Müller: „Und Sie, monsieur,“ sagte er dringlich, — „ein Mann der Wissenschaft, — Sie halten es auch für möglich, Gold zu machen?“