„Sie sagte, — nun, damit Sie etwas zum Lachen haben, — sah mich an und sagte — zu mir: Mon pauvre ami, — Au revoir à Paris!“

Wann war er nur je erwacht, ohne diesen Druck zu spüren, diesen dumpfen, fürchterlichen Druck auf seinem Herzen? Mochte es in seiner frühesten Kindheit gewesen sein, vielleicht auch auf der Wolga, — vielleicht in den ersten Wochen der Südseereise, — jene Morgen jedenfalls, die er sorgenlos begrüßt, jung, froh und erwartungsvoll, ihr Licht ward aufgetrunken von der grauen Winterschwermut, die nun einmal das Übliche zu sein schien.

Was für Gestirne, dachte George an diesem Märzmorgen verzweifelnd, während er sich überstürzt ankleidete, was für Gestirne mag ich über mir haben? Lag denn sein Leben ganz im bleiernen Schatten des Saturn? Was aber das Schlimmste war, er empfand es heute wieder mit fürchterlicher Klarheit, das war dieses: sein Unglück kam nicht mehr von außen her! Früher war es, — nun ja, er stöhnte auf und riß an seinen Schnallenschuhen, — früher war es eben der Vater gewesen, der diesen Druck ausübte, der Vater und seine Unrast, der Vater und seine Arbeitswut, die wie mit der Hetzpeitsche hinter ihm gestanden hatte. Schließlich, in diesen letzten Jahren, der Vater — und seine Schulden; vielleicht auch — der Vater und seine unverhüllte Eifersucht auf die Erfolge des Sohnes, obgleich es ein seltsamer geheimer Triumph war, diesem nackten Neid immer wieder zu begegnen, — eben noch, bei seiner Anwesenheit in Halle, wie hatte der Alte es ihn immer wieder merken lassen, daß er, George, mit seiner Bearbeitung und Veröffentlichung der Südseereise im Grunde schmarotzt habe — schmarotzt! „Ich habe die Südseereise beschrieben,“ murmelte George vor sich hin, knöpfte an seiner Weste und lief erregt in dem engen Alkoven auf und nieder, — wohl, er wußte ganz gut, daß er sich scheute, sein Arbeitskabinett zu betreten, weil eine Unordnung darin starrte, deren er kaum noch Herr zu werden vermochte, „ich habe sie beschrieben auf seinen eigenen, hundertmal als Befehl ausgesprochenen Wunsch, weil die verfluchten Engländer, — Cook nehme ich aus, — Herrgott, verzeihe mir den Fluch …!“ (Er zog ein Notiztäfelchen und bemerkte sich unter vielen Aufzeichnungen ähnlicher Art: den 28. März frühe, geflucht.) „Weil also die Engländer ihm seine eigene Arbeit zu veröffentlichen verboten. Ich habe sie geschrieben, um ihn aus dem Schuldturm zu retten und uns alle vor dem Verhungern. Ich habe ihm durch meinen Fleiß und meine Konnexionen Unabhängigkeit und die gesicherte Position in Halle verschafft. Macht alles nichts: ich habe schmarotzt, schmarotzt, schmarotzt! So! Und wer hat denn auf der Reise das Material sammeln dürfen, wer hat Tagebuch geführt?“ Er lächelte böse und sah sich in dem Spiegel.

„Sie werden weiterhin für Ihren Herrn Papa arbeiten dürfen, Mr. Forster,“ sagte er schneidend zu der graugekleideten, schlanken und ebenmäßigen Figur da im Glase, die ihn so tödlich ernst aus kummervollen grauen Augen anstarrte. Gestern war ein Brief aus Halle gekommen: der Vater bat, o nein, der Vater ersuchte um 150 Gulden. Es war nicht der erste Brief dieser Art. Woher das Geld nehmen, schrie es in George, woher?

Und nach einem Augenblick des Händeballens, nach einem krampfhaften Schütteln, das seinen ganzen Körper durchlief, zog er wiederum das Notiztäfelchen und machte unter demselben Datum eine weitere Eintragung: Gehaßt!

Indessen, — was ging der Vater ihn noch an? Hatte er kein Geld, so würde er eben keins hinschicken. Empfand er solche Briefe denn im Grunde tiefer als Mückenstiche? Nein, nein, — das Schlimmere war es eben, daß sein Leid nicht mehr durch äußere Verhältnisse kam, daß er stumpf geworden war gegen das beständige Rütteln des Schicksals, — das Schlimmere war, — daß er sich selbst zum Leid geworden war und — das. Er überschritt entschlossen die Schwelle zum Nebenzimmer und sah mit trostlosem Blick auf das Durcheinander von Büchern, Schriften und wissenschaftlichen Geräten, das Tische, Stühle, ja, den Fußboden bedeckten. Keine innere Sammlung, kein Entschluß, keine zusammengeraffte Arbeit war noch möglich in dieser Umgebung, und diese Umgebung war ein Abbild seines Kopfes. So dünkte es ihn. Er blieb an der Tür stehen, lehnte die Stirn an den Rahmen und überließ sich der Ratlosigkeit.

Die Sache war diese: George Forster, — Forster der jüngere, der Forster, den älteren, an europäischer Berühmtheit zweifellos überragte, — dieser Verfasser einer Reisebeschreibung, die ebensowohl in den Büchereien ernsthafter Gelehrter, als in den Händen von Fürsten, Weltleuten und Damen zu finden war, — dieser liebenswürdige Mann, dessen Jugend den Reiz seiner interessanten Persönlichkeit noch erhöhte, den man allenthalben, — ach, in Paris, in Antwerpen, in Berlin, an diesen und jenen kleinen Höfen, — verwöhnt und umworben hatte, diese Freundesseele, die man mit Betrübnis scheiden sah, wo immer sie je ihr sanftes Licht gespendet hatte, — George, kurzum, dem Joche entronnen und freier Herr seines Lebens, George sah sich nach drei, vier Jahren dieser Freiheit auf einmal einer sonderbaren, einer erschreckenden Erkenntnis gegenüber. Wo war der Mann, für den er sich gehalten hatte? Wo war der Dalrymple Ebenbürtige, der geistige Sohn Cooks, straff, klar, von jener biegsamen und stählernen Schaffenskraft, von jener durchsichtig arbeitenden Gehirntätigkeit, — dieser, der in einer Atmosphäre strahlender Geistigkeit seine Bestimmung erfüllte, jede Viertelstunde ausnutzend für den großen Zweck der eigenen segenverbreitenden Vervollkommnung? Mein Gott, dieses dumpfe Geschöpf hier unter dem Türrahmen, das bleich aussah und trübe, umschattete Augen mit geröteten Lidern hatte, wie der Spiegel es ihm soeben höhnisch gezeigt, sich in diesem Augenblick kaum anderer Zustände bewußt, als einer bedrückten, von ziehenden Schmerzen gepeinigten Körperlichkeit und einer quälenden Schuldenlast, die ihm der Anblick der halb ausgepackten Bücherkiste dort am Boden eindringlich ins Gedächtnis rief, — dies also, — dies war der George Forster, von dem er sich einst unbedenklich das Höchste versprochen hatte! Er war pünktlich auf die Minute, er war reinlich, sparsam, akkurat bis zum Peniblen gewesen, solange er unter dem Vater arbeitete, der das Gegenteil von alle diesem gewesen war. Und nun? Er begann herumzuhinken und mit verzweifeltem Herzen Ordnung zu machen; nun, hier sah es aus, wie bei einem Säufer, schlimmer als in der Petersburger Wohnung des Vaters, wo er auch nie Herr über die Gegenstände geworden war und den Vater dafür so verachtet hatte, — aber trank er denn, — spielte er, — hatte er irgend ein Laster? Hier lagen unbezahlte Rechnungen, — Rechnungen über Landkarten, kolorierte Stiche, Bücher, über den blauen englischen Frack, der so hübsch war, über einen Degen zum Galakleid, — zwischen den Manuskriptseiten angefangener Arbeiten. Hier lag ein Spitzenjabot, — er hatte es längst vermißt! — in einen Folianten eingeklemmt und auf der Schreibkommode stand ein einzelner Schuh. Stöhnend sortierte er, schuf reinliche Anhäufungen gleichartiger Papiere, stellte Bücher auf und stäubte sie ab; vergrub zwischendurch den Kopf in den Händen und tat das, was er „sich Rechenschaft ablegen“ nannte. Er hatte keine Laster, bei Gott! Er hatte zu keiner Zeit seines Lebens so bewußt gegen schlimme Anlagen gekämpft, so meinte er, sich der selbstzerfleischenden Beichten im Kreise der Logenbrüder erinnernd und der unbarmherzigen Kritik, die sie aneinander übten. Durfte er sich’s nicht eingestehen, daß Menschen ihn liebten, war die Freundschaft, deren er genoß, ihm nicht Bürgschaft für seine moralischen Qualitäten? Was war’s denn mit dieser Unordnung, die er in seine Lebensführung einreißen sah, mit dieser Dämmerung, die nun schon seit Monaten unbeweglich über seiner Seele lagerte? Und standhaft sich abwendend von der Einsicht in die eigentlichen Gründe seines Zustandes (gekleidet in ein von grausam unbefangenem Gelächter begleitetes Wort des Vaters aus den letzten Weihnachtstagen in Halle: „Die Rosenkreuzerei mitsamt der Alchemie ist eine Sünde wider den heiligen Geist, mein Sohn!“) jene Klarheit von vorhin erfolgreich verdunkelnd, machte er eine saubere Aufstellung. Schuld an seinem Unglück war einfach der Geldmangel, die schlecht dotierte Stelle, die er innehatte, er, der seinem Ruf und Rang doch ein einigermaßen elegantes Auftreten schuldete und der kostbare Arbeitsmittel nötig hatte. Ganz zu schweigen von den Ansprüchen, die der Vater immer noch an ihn stellte, und die er, er wußte es gut genug, trotz aller harten Vorsätze immer wieder berücksichtigen würde, denn — konnte er die Mutter leiden lassen? Er brauchte also Geld, mehr, als er je durch seine Arbeit verdienen konnte, nun — und Gott hatte ihm ja den Weg gezeigt, dachte er eigensinnig und blätterte, ohne es zu wissen in der Aurea catena Homeri, die vor ihm auf dem Tisch lag. Gott, der die Seinen erhörte über Bitten und Verstehen und vor dem die wissenschaftliche Erfahrung nichts galt, sondern das Wunder.

Hier rührte ihn irgendeine Erinnerung an, kaum spürbar, wie der Schatten eines vorüberhuschenden Vogels. Er wurde unruhig, faßte sich an die Stirne, blickte um sich. Was war es nur? Wo hatte er doch etwas erlebt, das sich zu seinem jetzigen Erleben verhielt wie der Keim zur Frucht, ach, etwas Ungreifbares, — da — wo war es doch? Und plötzlich fiel Licht auf einen Heckenweg der Vergangenheit wie aufflammender Blitz, und da sah er sich stehen, einen blühenden Kirschbaum umschlingend, geschüttelt von einem Ausbruch des Gebetes, eines Gebetes um Gold, — und da war ihm Gold aus dem Schmutz der Straße geworden!

Die Wirkung dieser Erinnerung war überwältigend. Er griff mit beiden Händen an die Schläfen, öffnete den Mund zu lautlosem Gelächter, stammelte, schluchzte auf wie erlöst. Ein Zeichen, ein Gleichnis, eine Verheißung; ein Pfand für Gottes Güte hatte er besessen, ach, aus so frühen Tagen schon. Der Herr, der mich aus Ägypten geführt hat, dachte er erschöpft und beseligt. Ja, er war auf dem rechten Wege. Er senkte das Haupt, er faltete die Hände. Er dankte stumm.

Oh, aber daß dieser Teufel nicht von ihm weichen wollte, auch jetzt nicht, da er leichten Herzens an die Tagesarbeit gehen wollte. Daß es wiederum begann ihn anzugrinsen und ihn höhnte mit der fahrigen Hast der eigenen Bewegungen, mit der unbestimmbaren Angst, die ihm am Herzen hämmerte und ihn hetzte in der Erkenntnis, daß er ausgeliefert sei an eine dunkle Macht, ein Verirrter, ein Narr, ein — woher kam ihm nur dies Wort? — ein herrenloser Hund! — — —