„Oh, ein wahres Wort!“ rief Sömmerring begeistert.
„Freund!“ George legte eine bebende Hand auf Müllers Arm. „Sie werden der Unsre! Ich ahnte es! Jetzt! In dieser Stunde! Kommen Sie mit uns!“
Er nahm Schweigen für Zustimmung. Er ging weiter im seltsamen Taumel, die andern durch seinen Schritt zur Eile mitreißend. Sie erreichten das Haus, in dem er wohnte. Er schloß auf und ohne weitere Verabredung folgten ihm die beiden andern die dunkle steile Treppe hinauf, an der Wand entlang tastend. In Georges Zimmer angelangt, wo die aufflammende Kerze ihm die blasse gespannte Miene Sömmerrings, die verschlossene Müllers zeigte, entledigten sie sich ihrer Mäntel. George räumte mit fliegenden Händen einen Tisch ab, holte zwei Bronzeleuchter und entzündete feierlich die Wachskerzen, legte eine Bibel zwischen sie und entnahm dem Schrank endlich einen eingewickelten Gegenstand, ein Kruzifix aus Elfenbein, das er enthüllte und aufstellte. Mit fremder Stimme sprach er: „Meine Freunde! Christus sagt: wo zwei oder drei beisammen sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen …“ Und zwischen den beiden andern niederkniend, die gefalteten Hände auf die Kante des Tisches gestützt, begann er zu beten.
Vom Flüstern anschwellend zum gedämpften Schrei riß seine Stimme sein Herz auf. Entsetzen quoll hervor, Angst, Not, Einsamkeit. Er beichtete. Er enthielt sich keines Geständnisses. Und sei es aus Scham, sei es aus Hingerissenheit, — flüsternd fiel Sömmerring, stammelnd fiel Müller ein, die drei Stimmen, verborgenste Gedanken in Worte sammelnd und ausstoßend, stiegen nebeneinander auf und vereinigten sich in eine steile Rauchsäule des Opfers. Diese Drei, die Häupter zurückgeworfen, die Augen verzückt aufgeschlagen, die Lippen verkrampft, wie sie dort knieten, sich haltlos in den Hüften wiegend im Sturm der Anbetung — sie wurden eins im Rausch. Ihre gefalteten Hände lösten sich, tasteten nacheinander. Sie umschlangen einer des andern Schultern, aneinandergelehnt, Schläfe an Schläfe fühlten sie eine unfaßbare Vermischung ihrer Wesenheit. Und wie der Sturz der Worte nachließ, wie er mählich in Seufzern verebbte, verharrten sie dennoch kniend, blieben sie umschlungen, bis ihre Arme in Ermattung niedersanken und Forster sich als erster wieder erhob, bebend und in den Knien wankend, die Augen getrübt.
Und da, in diesem Augenblick, als er die beiden andern unsicher ansah, war es ihm klar, daß dies nicht der Weg gewesen war, Müller zu gewinnen, Müller, der dort abgewandt stand und die Schnallen seiner Beinkleider anzog, die sich beim Knien gelockert hatten. Verzweifelte Ernüchterung überkam ihn. Er verbarg sie hinter einem gleichmütig gesellschaftlichen Auftreten, das seltsam von dem eben erlebten Taumel abstach.
Sie sprachen nicht mehr viel. Fröstelnd, die Kerze in der Hand, begleitete George die beiden die Treppe hinunter. Die Wände glitzerten von Eiskristallen, der Atem rauchte.
„Noch eines war’s, was ich fragen wollte, Freund,“ sagte Müller auf den letzten Stufen stehen bleibend und zu George aufblickend. „Die Seherin, — sie hatte ganz im Anfang ein Wort für Sie, das Sie zusammenfahren ließ, — was war es, — darf ich es wissen?“
„Ach, Teuerster!“ George schritt an ihm vorbei und vollends hinunter, vor sich hinlächelnd, während er an dem Schlosse der Haustür hantierte. „Was sie da sagte, war nicht gerade vom Geist eingegeben und im Grunde ridikül.“
„Und was war es, — wenn ich doch fragen darf?“
George hielt die Tür auf und erschauerte in dem eisigen Luftzug, sein schmales Gesicht leuchtete geisterhaft blaß.