„Ei was! Der Arme!“ der Professor Lichtenberg hatte die letzten von Therese in getragenem Ton ausgesprochenen Worte gehört, denn jetzt ließ man sich im Grasgarten der Mühle um einen der langen rohen Brettertische nieder. Lichtenberg zog sein seidenes Schnupftuch und begann eifrig wedelnd die Mücken von seinem geröteten Antlitz abzuwehren. „Ein Mann, der auf den Hund oder auf das Frauenzimmer kommt, hat das immer sich selbst zuzuschreiben, Demoiselle Thereschen, merk Sie sich das! Ist’s nicht an dem, mein weitgereister Freund? Die Bestie unter der dem Fuß halten, — wie? Den Hund, den Hund, meine Lieben, — oh kein Echauffement! Exküsieren Sie, Karolinchen!“ Er schlug derb auf Karolinens vollen Arm.

„Ein Mückchen sog sich satt

An Linchens süßem Blut

Es stirbt in Trunkenheit

Wie sanft solch Tod wohl tut!“

„Freund! Freund!“ Heyne schwenkte entsetzt die Hand an sein Ohr.

„Nun, das ist Bürgers Dunstkreis,“ redete Lichtenberg unbekümmert, „da dichten auch die Steine. He, Mamsellchen, —“ dies galt dem aufwartenden Mädchen. „Mir eine Milch — und wenn Ihr ein wenig Beerenobst habt …“

„Wir, die wir unsere Kräfte in Geist umsetzen, und Ihr, Wesen gleich Sylphen und Schmetterlingen,“ fuhr er fort, als die andern ähnliche Wünsche geäußert hatten, „müssen unseren Körper aus leichten Speisen, flüchtigen Essenzen aufbauen. Im Ernst, teure Freunde,“ — er legte den Goldknauf seines Stockes an die Nase und blickte Heyne und George eindringlich beschwörend an, — „es helfen uns einige weiche Eier, eine Tasse starken Kaffees, ein wenig Gallerte von Kalbfleisch meist eher zu einem Gefühl der Sättigung und der Rekonvaleszenz als eine derbe Mahlzeit. Oh, ich bin kein Kostverächter. Aber ich habe meine Erfahrungen gemacht …“

In diesem Augenblick gab es einen kleinen Aufstand unter den jungen Leuten, Therese rief halblaut: „Karoline!“ und es war ersichtlich, daß sie unter dem Tisch der Freundin einen Stoß mit dem Fuß gab. George aber hatte sich erhoben und blickte freudigst einem Herrn entgegen, der sich dem Tische näherte, den Hut in der Hand und augenscheinlich überrascht, aufs angenehmste überrascht, hier Bekannte anzutreffen.

„Wer von uns beiden, mein Wertester,“ sagte er lächelnd zu George, nachdem er die beiden älteren Herren begrüßt und den Damen seine Reverenz bezeugt hatte, — „wer von uns beiden hätte es vor zwölf Stunden geahnt, daß uns so bald ein freundlicher Gott die Gelegenheit geben würde, unsere zufällige Bekanntschaft fortzusetzen?“ George, der einigermaßen bezaubert auf seinen eleganten Reisegefährten von heute Nacht blickte, konnte nicht umhin, dessen Worten zuzustimmen. Wurde Heyne schweigsam, seit Meyer neben ihm saß? Blickte Karoline mit kühlem Mißtrauen auf die Freundin, als die Bemerkung vom Gott dieser Gelegenheit fiel? Oh, George nahm dies durchaus nicht wahr. Angeregt gleichermaßen durch das Gegenüber Theresens wie durch die Gegenwart des neuen Bekannten, geriet er in einen leichten Rederausch, um, endlich zu sich kommend, zu bemerken, daß niemand außer Heyne und Karoline Anteilnahme für seine Pariser Erlebnisse aus dem Jahre 78 zu haben schien, — und hatte er nicht eben ganz charmant von dem alten Franklin erzählt? War denn Therese je in einer Gesellschaft in Paris gewesen, zusammen mit dem großen Franklin, hatte sie schon gewußt, was für ein umgänglicher alter Scherzbold das war, der sich „Papa“ nennen ließ und von oben bis unten grau in grau gekleidet ging? Nein, gewiß nicht! Dennoch, sie mußte während solcher interessanter Erzählungen, — ja — und wäre es nicht eben George gewesen, der erzählte! — sie mußte sich in ein Geflüster mit Herrn Meyer vertiefen und Lichtenberg schien das letzte Tageslicht zu benützen, um auf seiner Schreibtafel etwas auszurechnen. George sah sich unsicher um und verstummte; Unbehagen überkam ihn, was half es, daß Heyne ihn auf den Rücken klopfte und „trefflich, trefflich!“ ausrief? daß Therese ihm jetzt plötzlich einen tiefen Blick und ein Lächeln schenkte? daß Meyer ihm aufs Liebenswürdigste sein schönes festes rosig-blondes Gesicht mit den kühlen, spiegelnd blauen Augen zuwandte und etwas Scherzhaftes von seinem Neid auf Georges Erinnerungen verlauten ließ? Als aufgebrochen wurde, reichte er ausdrücklich Karoline den Arm und schritt mit ihr hinter den andern her, sah die Nebel über den Wiesen wogen und den Mond groß und rot aufsteigen. Das Mädchen an seiner Seite plauderte, — der junge Erzbischof von Osnabrück war kürzlich in Göttingen gewesen, hatte man in Cassel von ihm gehört und wußte man, was für ein hinreißender Kavalier dieser junge Kirchenfürst war? Er hatte draußen in Weende einen veritabeln bal champêtre gegeben und sich dabei belustigt wie ein Knabe; ja, Karoline bereute es jetzt bitter, sich durch eine tugendhafte Erwägung um den Besitz einer solchen Erinnerung gebracht zu haben; denn sie war nicht zu diesem Fest gegangen, obgleich sie unter den geladenen Damen gewesen war. „Wie kommt es nur, mein Freund,“ sagte sie mit allerliebstem, sinnendem Ernst, „daß es meist unsere Tugenden sind, die uns hinterher Reue kosten?“