„Und ich sage euch, es fehlet am Glauben!“ sagte die verschleimte Stimme, „am Glauben fehlt es, — ich weiß nur noch nicht, bei welchem von euch!“ Die breiten Kiefern mahlten, die Äuglein gingen lauernd zwischen Sömmerring und George hin und her. „Wo das Gebet lau ist, schläft der Glaube ein. Wachet und betet. Die Oberen sind unzufrieden mit euch. Strafe droht. Hat einer von euch — Geheimnisse verraten?“

Und während Sömmerring den Kopf hängen ließ, wie ein gescholtener Knabe, war in George auf einmal der Ekel stark genug, daß er den Mann dort hinterm Tisch nicht anders sah, als er war, die Enttäuschung über das mißglückte Experiment hatte ihn ernüchtert wie ein Sturz kalten Wassers.

„Was will mir der Schleicher, der verfluchte Pfaffe?“ dachte er in kalter Empörung, indem er zurücktrat und sich des Arbeitskittels entledigte, als sei er allein …

„Ich bin nunmehr doch der Überzeugung, Herr Hofrat,“ sagte er zu Prizier, der mit untergeschlagenen Armen und stieren Augen an der Wand lehnte, den Mann, dem eine letzte Hoffnung fehlgeschlagen ist, mit der mimischen Begabung seiner französischen Herkunft darstellend, — sagte es in leichtem Ton, als berühre er längst Vermutetes, „daß es sich hier nicht um eine Verdichtung des spiritus mundi oder der terra virginea handelt, sondern — um den Laich von bufo vulgaris, der gemeinen Erdkröte. Darf ich mich für heute empfehlen? Du kommst noch nicht, Sömmerring? Nun, auf ein ander Mal! Gehorsamster Diener allerseits!“ — —

Der Bogen war überspannt worden.

„Was europäischer Ruhm und Fürstenfreundschaft, Glanz der Wendekreise um mein armes Haupt und südliches Inselmeer zu meinen Füßen!“ dachte George Forster, und er dachte mit Pathos, der großen Stunde angemessen, — „wäre ich ihr genaht, ein bescheidener junger Gelehrter, — etwa ein Sömmerring,“ — schaltete er ein, ‚beiseite‘ denkend, wie die Helden im Schauspiel beiseite sprechen, — „unbekannten Namens, ohne einen andern Ruhm als den meiner Redlichkeit und eines fühlenden Herzens, — wäre ihr genaht an der Hand ihres wackeren Vaters etwa, die eigene Hand auf der Brust und die Augen zu Boden geschlagen …“ George verlor sich dermaßen in diese Vorstellung, daß er sich selbst in der sparsam amöblierten Wohnstube des Hauses Heyne stehen sah vor Therese, die in einer zuchtvollen Haltung nähend am Fenster saß, und den Alten wohlwollengetränkte Worte über sich reden hörte, — er blickte träumerisch über den Brief hinweg, in dem er gelesen hatte, und bewegte ekstatisch den Kopf … „dann, — ja dann könnte ich es glauben, dies Glück! Oh, Götter, aber warum zweifle ich?!“

Er sprang auf und ging mit langen Schritten in dem Kabinett auf und nieder, in dem alles zum Aufbruch gerüstet stand, die Kisten dort, mit seinen Büchern, Instrumenten, Sammlungen, — die ledernen Reisekoffer, der Mantelsack, noch nicht zugeschnallt, des letzten Eigentums harrend, — ach, dieser gute, treue Mantelsack, in London für die Pariser Reise gekauft und nun, mitgenommen und abgerieben wie er war, von all den einsamen Fahrten der letzten Jahre erzählend, letztlich von den nächtlichen Ritten nach Göttingen! George berührte ihn gedankenverloren und zärtlich mit der Hand, — o ja, es ging nun einmal Reiz und Zauber ohnegleichen von den Dingen aus, die der Reise dienten!

„Merkur muß über mir stehen so gut wie Saturn,“ dachte er inbrünstig und der Rausch des Reisefiebers ließ ihn wieder lächeln, so haltlos, wie sich ein Mensch nur in der Dunkelheit oder völligen Einsamkeit dieser seltsamen Grimasse überläßt. Und, wohl empfindend, aus welcher Quelle dieses unendliche Lächeln sich speiste, trat er ans Fenster, um im letzten Schein des Aprilabends Theresens Brief von neuem durchzulesen.

Durch Jahre hindurch kannte er nun diese flüchtigen, launisch bewegten Schriftzüge, kannte sie aus kurzen Billets, rasch hingeworfenen Grüßen, spielerischen Fragen nach seinem Wohlergehen, Einladungen, — kannte sie aus langen, schwärmerischen Episteln, Antworten auf Ergüsse seines eigenen gepreßten Herzens, aus einem Briefwechsel, bei dem es dem Anschein nach um eine Vertiefung in Gott und Welt und um die wahre Glückseligkeit des Herzens gegangen war, der ein behutsames Abtasten seelischer Grenzgebiete, ein zartes Ausforschen von Wegen in die rätselvollen Landschaften des fremden Ichs hatte bedeuten sollen und der, — George nahm vielleicht an, er allein sei sich dessen bewußt gewesen, Mann, der er war, mit einer Vorstellung von der schmetterlingshaften Ziellosigkeit weiblichen Gemütslebens, geeignet, ihn beliebig in Rührung zu versetzen, — der von Anfang an das gewesen war, was Spiel und Tanz den Geschlechtern sein muß, Werbung von der einen, Hinhalten auf der anderen Seite. Und nun, überrascht, ja, überwältigt trotz aller Gewißheit seiner Hoffnung, in diesem Augenblick, da er sich Gott übergeben hatte, um nach Litauen zu gehen, an die Universität Wilna, wohin sein Gönner, der Hofrat Czempinski in Warschau, ihn an die Universität empfohlen hatte, — nun sah er sich am ersten Ziele der Wünsche, auf die dieser Briefwechsel aufgebaut gewesen war: er las, mit ungläubigen Augen und zitterndem Herzen zum drittenmal den Satz, daß Therese Heyne „demütigen Herzens geneigt sei, die zukünftigen Schicksale ihres liebsten Freundes zu teilen, wie immer sie auch fallen möchten.“ Er las diese fast allzu deutliche Antwort auf eine verhüllte Anfrage seines letzten Briefes, und endlich, endlich spürte er den Schauer des Leibes und der Seele, auf den er gewartet hatte, der doch eintreten mußte, vergaß zu zweifeln, fühlte sein Blut heiß und gewalttätig steigen, wußte, dies, — ja, dies war eine Angelegenheit des Blutes, und all die Jahre hindurch bei dem ganzen Aufwand von Geist, Papier und Tinte hatte es sich zunächst um diesen einen Augenblick gehandelt, — drückte in einem kurzen Taumel oder aus Folgerichtigkeit, oder, weil er sich diesen Augenblick der Erfüllung nun einmal von jeher so vorgestellt, den Brief erst an die Lippen und dann ans Herz, blickte verzückt in die Wolken und bekämpfte bei alledem in sich die bittere Enttäuschung über den Schluß des Briefes, der als Wunsch des alten Heyne den Satz enthielt, daß auf ein Wiedersehn, etwa jetzt auf der Durchreise, zu verzichten sei. „Der Vater meinte, daß wir fernerhin korrespondieren möchten und uns einstweilen im schriftlichen Austausch unserer Seelen genügen lassen. Ich bin gewöhnt, mich seinem Willen zu fügen, auch dort, wo es mir schwer fällt, und ich bin überzeugt, der beste Sohn der Welt, als den ich meinen Forster kennenlernen durfte, muß mir hier recht geben …“ so schrieb Therese und: „Oh, ja,“ dachte George bitter, „der unaufhörlich zärtlich gehorsame Sohn, wie sollte er nicht?“ Gewiß, Therese war jung, — aber wußte Heyne denn nicht, wie er, George, verzehrt von Glut und Einsamkeit war?

In einem Jahr, stand da noch, in einem Jahr, wenn er sich in Polen eingelebt habe und zu Besuch nach Deutschland kommen würde …