Sie waren beide in derben Kleidern, hatten vollständig durchnäßtes Schuhwerk und sahen auch sonst mitgenommen aus wie Männer, die vor Tau und Tag zu irgendeiner harten Arbeit aufgebrochen waren. Sie hatten eine Morgenwanderung hinter sich, eine Forschungsfahrt, eine kleine wissenschaftliche Expedition, die von Erfolg begleitet gewesen war.
Im Opus mago-cabbalisticum steht geschrieben: „Wenn der nitrosulphurische Zunder, woraus Blitz und Donner entstehen, in unserem Luftkreis keine wässerigen Dämpfe oder Wolken antrifft, die ihn zusammentreiben und einschließen können, so bleibt dieser auf die sublimste Art gleichsam in einer geistlichen Gestalt in unserer Luftregion hin und wieder zerteilet, dessen grobe Teile aber werden durch ein schleimiges merkurialiches Wasser globulieret, und des Tages über durch die Sonnenstrahlen entzündet, daß dieselben des Nachts bei hell gestirntem Himmel den Fixsternen gleich scheinen, bis ihr Schwefel verzehrt ist, da sie dann wieder auf die Erde fallen; und ein solches Meteorum heißt der Pöbel Sternschnuppe.“
Dieser Sternschnuppensubstanz, diesem geheimnisvollen Stoff voll unabsehbarer Verwandlungskräfte waren sie auf der Spur gewesen, hatten sie gesucht wie es angegeben war, an einem Frühlingsmorgen nach einem nächtlichen warmen Gewitterregen, eh noch die Sonne ihre Strahlen darauf geworfen hatte. Wie die Kraniche waren sie im hohen Gras einer sumpfigen Wiese vor dem Dörfchen Weckerhagen umhergestelzt in stoischer Gleichgültigkeit gegen einen bäuerlichen Volksauflauf, der sich jenseits des Rains auf der Landstraße ansammelte. Und es war geglückt! Wasserblau, gallertartig und zähe, kugelig und wie von Fett strotzend hatte es in Vertiefungen des Erdbodens gelegen, sie hatten sich klopfenden Herzens darüber hergemacht und die Gefäße gefüllt. Sagte ein Bauernjunge, der, seine Neugierde nicht länger beherrschen könnend, herangekommen war, grinsend: „Das mache die Frösch’ …“? Das Volk war roh! Und das war recht gut. Nur dem Eingeweihten, dem Magier lächelte die Natur ohne Schleier ins wissende Auge.
„Konnte jener Flegel dich in deinem Glauben wankend machen?“ fragte George heftig, „bist du der Gnade so wenig wert?“
Sömmerring wandte ihm die kleinen, ein wenig schräg gestellten Augen bekümmert zu. „Der Kerl sprach etwas aus, was ich längst vermutete,“ sagte er in klagendem Westpreußisch, „diese Materie ist als die Ablagerung gewisser Kröten, Frösche oder Schnecken zu betrachten, mit ihrem Fortpflanzungsgeschäft zusammenhängend, wenn nicht alles täuscht. Es entspricht dies Beobachtungen, die ich als Knabe auf den Wiesen an der Weichsel gemacht habe. Man betrügt uns. Als ich uns dort im Grase hocken sah und deines Weltruhmes gedachte, überkam mich Scham, — ich hätte weinen können!“
„Schweig!“ herrschte George ihn an. „Du hast keine Demut! Uns ziemt zu glauben und zu gehorchen!“
Er schritt stürmisch vorwärts, die Lippen zusammengepreßt; Sömmerring folgte verkniffenen Gesichtes. Lerchen träufelten ihren Gesang über die jungen Saaten, am Wege lockten Ammern in den Apfelbäumen. Ländliche Fuhren überholten sie, von Bauern in blauen Kitteln geführt, Mädchen, die kurzen, gefältelten Röcke wippend, Lasten auf den Köpfen tragend, schritten schwatzend vorbei, in den Straßen der Stadt empfing sie das Gewimmel eines Markttages. Die Professoren Sömmerring und Forster rannten finster hindurch. Die ersten Worte, die einer von ihnen nach jenem Gespräch auf der Landstraße hören ließ, sagte George, sagte sie ein wenig atemlos zu dem Hofrat Prizier, der ihnen schwarzbekittelt in seinem Arbeitsgewölbe in den Kellern der Residenz entgegentrat. „Wir haben sie!“ sagte er in herausforderndem Ton und reckte die Hand mit dem irdenen Töpfchen aus. Nun, war er etwa nicht von Glück überströmt? Was galt’s nun noch, als aus jenem astralischen Subjekte die kostbare, die unschätzbare tinctura universalissima, den Stein der Weisen auszuscheiden, sie von ihrem Fluch zu reinigen und zur Übervollkommenheit zu bringen?
George, erregt in dem weiten Gewölbe auf und nieder schreitend, und blitzenden Auges über Sömmerring hinwegsehend, wiederholte sich krampfhaft die Verheißungen des Annulus Platonis. Reichtum, — Weisheit, — ein Leben über Jahrhunderte hinaus … war’s nicht so? Prizier hantierte mit Tiegeln und Retorten, auf dem Herd in der Ecke blakte ein Feuer auf. Sömmerring hatte einen schwarzen Kittel über seine Kleider gezogen und arbeitete auf einmal schweigsam und angespannt. Der Blasbalg fauchte zwischen seinen Händen. „Ich sollte mehr von der Chemie verstehen,“ dachte George träumerisch, seiner Ermüdung nachgebend, an einem der schießschartenähnlichen Fenster lehnend und den ganzen Aufwand des Adepten betrachtend, Hunderte von Büchsen und Fläschchen, von ihrem Inhalt rubinen, smaragden, schwefelgelb glühend. „Ich sollte die einfachsten Grundlagen meiner Wissenschaft besser beherrschen,“ redete jene unbeaufsichtigte Stimme noch einen Augenblick lautlos weiter, — „was bin ich mehr, als der vom König Minos dressierte Pudelhund?“ „Den Seinen gibt’s der Herr schlafend!“ fiel sich George hier selbst heftig ins Wort und dachte zugleich: „ist’s meine furchtbare Müdigkeit, die mich immer wieder nach diesem Wort greifen läßt, — gerade nach diesem?“ Er näherte sich Prizier, der mit fanatischem Gesicht und feierlichen Gebärden an einem Tisch hantierte, Essenzen auf die grauweiße Sternschnuppensubstanz tropfte und ihre Wirkung mit fiebernden Augen beobachtete. Seiner Verpflichtung endlich eingedenk, fuhr George nun auch in ein Arbeitskleid und tat Handreichung, murmelte gewisse Sprüche und suchte mit Gewalt das zu übertönen, was seit Sömmerrings Worten auf der Landstraße unaufhaltsam in ihm reden wollte. Mein Gott, dieser Sömmerring, der jetzt so hingegeben auf Priziers Finger sah, als hinge seine Seligkeit von dem Erfolg seiner Bemühungen ab! Was hatte er ihn angerührt, ihn, den so gern und glücklich Schlafwandelnden? George, vergessend den Geist zur Sache zu zwingen, ließ die Augen wiederum wandern. Und da plötzlich, — war’s ein Wort, das gefallen war, ein Geräusch, der flüchtige Duft irgendeines Arkanums, eine kaum gespürte Blutwallung in seinem Gehirn? — plötzlich überkam ihn das rätselhafte Behagen, das er einst in frühen Morgenstunden in des Vaters Kabinett hatte empfinden können, ehe die Tagesarbeit begonnen hatte und wenn alle Gegenstände, Bücher, Papiere, Schreibgerät, so sachgemäß und rüstig dagestanden hatten, als würden sie sich sogleich selbständig in Tätigkeit setzen, — das ihn einst wie ein Rausch überkommen hatte bei dem Aufenthalt in Dalrymples Arbeitsraum und aus dem er auf der Reise Kraft gesogen beim Anblick von Cooks rechteckig aufgestelltem und blinkendem Gerät. Nun, — Prizier war kein Cook, er war kein Dalrymple. Er war dem Vater in keiner Weise vergleichbar. Jedoch, er stand hier als der Meister und Sömmerring und er selbst als gläubige Schüler. Handreichung tun und gehorchen, sich von der Stimmung dieses Raums, diesem magisch-wissenschaftlichen Aufbau, dem ausgestopftem Krokodil an der Decke, dem grinsenden Totenkopf dort auf der schweinsledernen Bibel unter dem Kruzifix in das selig verantwortungslose Gefühl des Zauberlehrlings hineinsteigern zu lassen, — dies war das verlockende Spiel einer Phantasie, die sich selber ernst zu nehmen liebte. George war für Minuten völlig glücklich. Verzückte Sammlung aller Strahlen des Gefühls auf den einen Brennpunkt gelang ihm: so wie göttliche Schöpfungs- und Verwandlungskräfte sich niedergeschlagen hatten in dieser köstlichen Masse, diesem wahren sperma astrale, dem Weltensamen, so meinte er einen übermenschlichen Grad aller Spannkräfte des Gemüts erreicht zu haben, — als eine schroffe Bewegung Priziers, der das Prüfgläschen gegens Licht erhoben hatte, ein unwilliger Laut, ihn herausriß. „Nichts!“ stieß Prizier hervor und warf das Glas klirrend auf den Tisch. Und „Nichts!“ wiederholte eine andere Stimme und eine Gestalt trat mit lautlosem Schritt neben George, ihm die Schulter berührend, daß er mit einem unwillkürlichen Schrei zurückfuhr. Woher war sie gekommen, aus welchem Schatten des Gewölbes? „Du hier, Bruder Manegogus?“ murmelte George erschüttert und blickte auf Sömmerring, dessen Hände schlotterten.
„Ich hier, — jawohl, Bruder Amadeus! — wann wäre ich nicht um euch?“
Eine entsetzliche Kälte, ein Unlustgefühl sondergleichen überkroch George, als er den Ankömmling anblickte, der nun an Priziers Stelle an der Breitseite des Tisches lehnte, sich aufstützend und seine lange flache, bis zum Halse schwarz eingeknöpfte Gestalt vornüberschwanken ließ. Das im Gegensatz zu der niederen Stirn und der geringen Nase schwere eckige Kinn schob sich höhnisch vor, die rechte Hand hob sich, um geballt auf die Tischplatte zu fallen, daß die Gläser erklirrten.