Von der Johanniskirche schlug es eins.
„Natürlich habe ich geträumt,“ seufzte George schlaftrunken, und — „Therese weiß zu unterscheiden!“
Er lächelte in die Dunkelheit hinein und sank in Schlummer zurück, die Hand über die Augen gelegt zur Abwehr feindlicher Gewalten, wie einst, als er ein sehr kleiner Knabe war. —
Ein Mann, der eine Familie begründen will, bedarf der Mittel, um sie standesgemäß zu erhalten, — das steht außer aller Frage. Ein Mann, auf dessen geistige Kundgebungen ganz Europa mit liebender Ehrfurcht lauscht, und, — innerhalb des eigenen Bewußtseins ist ein solches Zugeständnis wohl erlaubt? — er war ein solcher Mann! — hatte die Verpflichtung, das kostbare Triebwerk seiner Schaffenskraft ununterbrochen zu speisen und in Gang zu halten. Er bedurfte also der Bücher, der Kupfer, der Landkarten, der Instrumente, der Gesteinsproben, der Kuriosa aller Art, — bedurfte kurzum der Arbeitsmittel im weitesten Ausmaß. Ein Mann, der sich in der Welt bewegt und der alle Tage gewärtig sein kann, vor irgend einen hohen Herrn treten zu müssen, er darf sich äußerlich nicht vernachlässigen, er hat auf eine soignierte Erscheinung zu achten, auf eine gewisse solide Eleganz, — für die das Leben in England ohnehin den Grund gelegt hatte, — er bedarf, da ihm selbst seine Geschäfte keine Zeit für dergleichen Peinlichkeiten lassen, einer geschulten Bedienung.
Dies alles zusammengefaßt und ruchlos nackt ausgedrückt: ein Mann von solchen Ansprüchen bedarf des Geldes. Wenn er kein Geld hat, wird er, verlockt durch den Kredit, auf den er überall und ohne Anklopfen trifft, Schulden machen. Schulden aber werden ihn, infolge übler Erfahrungen aus frühen Tagen, nächtlich drücken wie ein Alp. Hat er gleich von früh auf gelernt, daß man, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, eben Geld bedürfe, komme es aus welcher Quelle es wolle, falls sie nur ehrlich sei, so ist er doch durch Schaden so klug geworden, zu wissen, daß manche Quellen die Eigenschaft haben, sich selbsttätig zu vergiften. Er wird also andere untrügliche und ursprüngliche Quellen suchen, und dies tat George Forster, einer kindlichen, trotzigen Gläubigkeit voll. In diesem Gang des Labyrinthes hallte das Heulen des Minotauros sehr süß, ganz Gold und ganz Therese. Daß sie nur wieder vernehmlich war, diese Stimme der Gefahr, diese Lockung ins Ungewisse, der zu folgen süßer Schwindel war, ein Taumel Geistes und Blutes, der Rausch, der es erst wert war, Leben zu heißen! Daß man nur wieder unter Projekten einherging, Aussichten erwog, auf dem Schachbrett der Möglichkeiten Verdienst und Beziehung gegen bestimmte armselige Figuren ausspielte!
„Im Vertrauen, Freund,“ sagte George zu Sömmerring, den Blick in seltsamem Strahlen auf die Türme der Stadt gerichtet, die vor ihnen in der Morgensonne blitzten, „ich konnte von je nicht glücklich sein, ohne die Veränderung vor Augen, den Aufstieg, die Wendung zum Guten. Eine Unruhe ist mir angeboren, — oder anerzogen.“
„Dies verdankst du deinem Herrn Papa,“ bemerkte Sömmerring trocken.
„Wie dem auch sei,“ gab George unberührt zurück, „in diesem Augenblick der ungeheuern Spannung fühle ich meinen Fuß nicht, der mich auf dem Hinweg so unerträglich molestierte.“
Er blieb stehen, lüftete das Seidentuch, das ein irdenes Gefäß in seiner Rechten verhüllte, und blickte angelegentlichst hinein. „Ohne Zweifel,“ murmelte er, „ohne allen Zweifel! Materia prima, — materia prima …“ Dies letzte flüsterte er kopfschüttelnd, verklärt, sah auf und beeilte sich Sömmerring einzuholen, der mit mürrischem Gesicht weitergegangen war und seinen Stock auf eine betont unentwegte Art und Weise durch die Luft schwenkte. „Du bist verstimmt,“ sagte George unwillig, „nun, ich begreife dich nicht … Jetzt auf der Schwelle der Gebetserhörung …“
Sömmerring blickte zur Seite. —