Er trat ans Fenster und legte einen Augenblick die Stirne an die kühle Scheibe. Messerscharf stand die Firstlinie des Daches gegenüber gegen den grünlich-klaren Himmel. Alte Dächer, dachte er, ich seh euch nicht wieder im Sonnenlicht! Ach, die Orte, die er schon hinter sich hatte versinken sehen!

„Du kennst meinen Charakter,“ begann er, sich ins dunkle Zimmer zurückwendend, „es waren nicht Vorspiegelungen, Bestechungen mit angenehmen Aussichten auf Wohlleben und dergleichen, die mich verführten …“

„Nein, bei Gott,“ beruhigte er sich selber, „denn die Hoffnung auf Gold, sie war mir aus den edelsten Gründen teuer, — war es nicht so?“

„… sondern Wahrheitsliebe, brennender Durst nach Überzeugung von gewissen Wahrheiten und der schwärmerische Hang, sie für wahr zu halten, — das war’s doch einzig, was mich die vier Jahre hier laborieren ließ! Darum habe ich an meiner vermeintlichen Geistesreinigung gearbeitet, mich kasteit, allen unschuldigen Freuden des Lebens entsagt, habe voll redlichem Enthusiasmus in unseren Versammlungen geredet, bin bei den Bundesbrüdern die Runde gegangen, habe sie ermahnt und angefeuert, habe Geld und Ruhm in die Schanze geschlagen, kurz, alle Kräfte aufgeboten, um das Ziel zu erringen, welches man uns als erreichbar gezeigt hatte. Und nun, da ich endlich eingesehen habe, daß mich diese Verirrung nicht nur jene 500 Taler bar gekostet hat, sondern gewiß mehr als 1500 an verschwendeter Zeit und unschätzbare Summen an Kenntnis, die ich mir in den vier Jahren hätte erwerben können, und so viel an Freuden des Lebens, die meinen Kopf hätten aufhellen, meinem Herzen hätten Schwung geben können, — seitdem ich mich und auch dich als so betrogen erkannt habe, seitdem“ — und er stieß den Stuhl, dessen Lehne seine Hände umfaßt hielten, heftig auf den Boden, — „seitdem erlaube ich es mir, eine schlechte Sache schlecht zu nennen und ihre Vertreter zu verachten. Ja, Sömmerring, für mein Leben fluche ich der Schwärmerei! Freimaurerei und Rosenkreuzerei sind abgetan für mich. Meine Natur ist dem Mystischen entgegen. Es war nicht Frömmelei, die mich zum Betbruder machte. Es war — etwas anderes …“

„Du meinst?“ fragte Sömmerring zaghaft aus dem Dunkel.

„Ach, genug! Ich habe viel entbehrt, Bruder. Bitterer, als andere. Ich weiß es jetzt.“

„Therese!“ dachte er, in einem plötzlichen Aufruhr des Herzens, — „Therese!“

Gleich darauf lächelte etwas in seiner Stimme, als er abschließend sagte: „Die Arbeit, Freund! Die Wissenschaft! Und — die Brüder vom reinen Willen über alle Welt verstreut! Oh, er hatte recht, jener Müller!“

„Ein Treuloser!“ murrte Sömmerring, „wo mag er sein?“

„Gleichviel!“ sprach George. „Mein teuerer, einziger Sömmerring, was ich dir zu sagen hatte, es war dies: ich bin mit Therese einig.“