„Deine Fluten rauschen daher,“ klagte er, „daß hier eine Tiefe und da eine Tiefe brausen; alle deine Wasserwogen und Wellen gehen über mich …“
Als er fertig war, blickte er die Knaben freundlich an und richtete sich behutsam ein wenig auf. „Ist es nicht köstlich, meine Kinder,“ fragte er, „sich so völlig in der Hand des Herrn zu wissen und sich ihm ganz überlassen zu müssen? Ach, daß wir uns doch nur im Unglücke so richtig sein eigen fühlen, — aber das Fleisch ist schwach.“ Er hätte gewiß noch mehr gesagt, aber Gotthold Betzel schüchterte ihn mit ärgerlichem Grunzen hinlänglich ein und es verging noch manche Stunde, ehe eine ergiebige Unterhaltung in Gang kommen konnte, wenn schon Reinhold Forster mehrmals des Tags erschien wie das leibhaftige gute Wetter, um jene kleinen Kollationen zu sich zu nehmen, deren er, wie gesagt, zu seiner Aufrechterhaltung bedurfte. —
„Ihr werdet Hunger haben, immer,“ hatte die Mutter kurz vor dem Abschied mit weinenden Augen lächelnd gemeint, und: „Pah, Hunger!“ hatte der Vater geantwortet, der gerade ein Schinkenbein vorhatte und mit beiden Backen kaute, — „und wenn schon, meine Liebe! Die Wissenschaft ist Opfer wert.“ Nichtsdestoweniger widmete er sich jetzt hingebungsvoll dem umfangreichen Vorratskorb, den Frau Justine mit so viel Sorgfalt gepackt hatte, es schien die Zeit des Opferbringens noch nicht gekommen zu sein, und auf einem Schemel auf dem Fußboden der Kajüte hockend, besagten Korb zwischen den Knien, hielt er inmitten der Reisekumpane die vergnüglichsten Kolloquien ab. „Du staunst, mein Sohn,“ sprach er etwa dabei und George lächelte zuvorkommend, wenn schon etwas matt, — „ja, du staunst und wie sollte ich es dir verdenken! Siehst du doch deinen griesgrämigen Herrn Vater, der sich ganz darauf vorbereitete, hinter dem Ofen zu vertrocknen als ein dürres Reis, mit einem Male gleichwie versetzt an strömende Wasserbäche. Das Amt in Ehren, mein Herr Bruder in Christo,“ wandte er sich an den milden Krüzner, „in Ehren das Amt! Aber wenn einem Manne für sein Dorf in der Polackei die Welt angeboten wird, ja, wenn ihm die Größte aller Kaiserinnen eigenhändig — vergleichsweise, nun, meine Herren, vergleichsweise! — wenn sie ihm also das Tor auftut zu ihrem gewaltigen Reich: Ich bitte um die Ehre, Monsieur Forster! Ein Narr, nicht wahr, wer da nicht zugriffe, ein Narr! Und außerdem, ich besitze gewisse Gaben, die über das Amt hinausgehen, Herr Bruder, den Rahmen des Amtes sprengen, — jawohl, — wenn ich so sagen darf … Herr Bruder!“ Er brummte noch verschiedene Male „Hm, hm!“ hinterher, wobei er mit zwei Fingern vorsichtig an seiner Nase zupfte und verliebt vor sich hinblickte. „Jetzt kommen gleich die Verdienste um die Erforschung der Wasserfauna und der Insekten, die Bekanntschaft mit Herrn von Rehbinder, dem Geschäftsträger Ihrer Kaiserlichen Majestät, die Korrespondenz mit Herrn von Haller in Zürich und die Fertigkeit, sich in siebzehn Sprachen auszudrücken, — endlich aber sein Vermögen, den großen Zeh in den Mund stecken und mit dem Kopf zwischen den Beinen hindurchgucken zu können, welch letzteres Kunststück er gewiß ad oculum demonstrieren wird,“ — dachte George ergeben, der neben der Bewunderung für seinen Vater zum erstenmal in seinem Leben eine leise Befangenheit empfand, wenn dieser sich allenthalben so wohlig entfaltete, wie eine Blume im Sonnenlicht. Doch hub jetzt David Krüzner an, während er bescheiden aus einem leinenen Reisesacke zehrte und sparsam nur mit den Vorderzähnen zu knabbern schien, — er hatte eine lange geduldige Oberlippe und große feuchte Kaninchenaugen, — „Es geht nichts über ein Wirken in der Stille, lieber Bruder, und der Herr weiß es ja, wie ich ihn hätte preisen wollen, wenn er mir Armen ein solches Amt verliehen hätte, wo ich meinen Mitbrüdern unangefochten hätte dienen können. Indes, da es sein heilsamer Wille ist, mich hinauszusenden unter Morduanen, Baschkiren und Kalmücken, — ei, so geht David Krüzner, denn es ziemt ihm nicht, wider den Stachel löcken.“
„Recht habt Ihr, Herr Bruder,“ sagte Forster mit einer gewissen Öligkeit in der Stimme, die George von der Kirche her an ihm kannte, — dann wußte er, jetzt dachte der Vater an ganz andere Dinge, was aber die Leute durchaus nichts anging — „das Schäflein bleibt in seines Hirten Händen, — auch unter den Heiden! Indessen suum cuique, Herr Bruder, suum cuique, — meint Er nicht auch, Herr Studiosus?“ Und während David Krüzner murmelnd bekannte, ein demütiger Bruder zu sein und kein Latein zu verstehen, hub Gotthold Betzel an: „Der Teufel hole Morduanen und Baschkiren so gut wie jedes Amt in Deutschland, wo einen die Ratzen bei lebendigem Leibe auffressen, da die lieben Tierlein selbsten nichts zu nagen haben. Ich aber gehe nach St. Petersburg, dort kann man Kaiser sein, ehe man sich’s versieht, was mir übrigens ein viel zu heißer Boden wäre. Ich werde aber der Kaiserin mein Projekt zur Beleuchtung nächtlicher Paläste und Hütten mittelst eines aus Hammeltalg destillierten Öles vorlegen, wobei der Mensch sich zugleich erwärmen kann, und alsdann werde ich mit großen gewonnenen Schätzen in die Türkei verreisen, — allwo man weiter sehen wird.“
„Ergo bibamus! Trink Er, Herr Bruder, ich hab mir auch einmal den Rücken im Kollegio krumm gesessen“, sagte Forster teilnahmsvoll und reichte ihm die Flasche, ohne weiter auf die Projekte des pp. Betzel einzugehen. Gegen Ende der Reise, die in neun Tagen glatt und sicher verlief, saß er übrigens mehr in der Kajüte des Kapitäns, dem er gewaltigen Eindruck durch seine Kenntnis der fernsten Küsten und Völker machte, und der ihn nichtsdestoweniger fabelhaft anlog, um ihn zu übertrumpfen, was ihm aber nicht gelang, denn Forster hatte immer noch etwas daraufzusetzen: auf das Meerweib die fliegenden Fische, auf den Magnetberg die feuerspeienden Berge und auf das Nagelmeer die kochenden Springquellen Islands, wobei sie sich gegenseitig vortrefflich unterhielten und der Schipper Mandeweit, der alljährlich einmal um das Kattegatt herum nach London segelte, im übrigen aber nie in seinem Leben über die große Punschbowle der Nordsee hinausgekommen war, den gelehrten Herrn für „’nen verdammten Slusuhr“ erklärte, was einen hohen Grad von Anerkennung bei ihm bedeutete. Er nahm Forsters Mitteilungen restlos in seinen Lügenschatz auf und zwar als Glanzstücke, und wurde so zu einem unfreiwilligen Verbreiter der Wahrheit. Auch Gotthold Betzel erholte sich alsbald so weit, um von der Gesellschaft zu sein. Verschiedne Spiele Karten bildeten einen Teil seines Reisegepäcks, und er weihte Herrn Forster und den Schiffer in die Geheimnisse des Rabougierens ein, nicht ohne gründlichen Gebrauch von seiner Überlegenheit zu machen, die sich Mandeweit fluchend, Forster mit Gelassenheit gefallen ließ: er tat wohl mit, gewiß, er war kein Spielverderber, aber im Grunde war dies denn doch ein Amusement für seichte Köpfe und wenn man nicht unterwegs gewesen wäre … Zudem langweilten ihn die Karten von jeher gräßlich und er verlor schon allein aus Gleichgültigkeit fortwährend und versetzte dadurch Gotthold Betzel in unbändig gute Laune; dieser erinnerte sich seiner musikalischen Gabe und sang nunmehr viel mit rauher Stimme, sang Lieder, deren Inhalt den Bruder Krüzner wehmütig, George und Janusch aber außerordentlich heiter stimmte. Diese beiden trollten auf Deck umher und erschienen so wenig als Herr und Diener wie nur je in den vergangenen Tagen zu Hause.
„Georgie, Panje, ist sich viel zu viel Wasser, ist sich fürchterlich!“ hatte Janusch am ersten Tage schaudernd erklärt, und George, obgleich innerlichst geneigt, ihm zuzustimmen, hatte die Hände auf den Rücken gelegt und mit vorgeschobener Unterlippe sein Magistergesicht aufgesetzt. Mein Gott, wenn das noch alles Wasser wäre, was es auf Erden gäbe, — aber bewahre, — dies war ja nicht mehr als daß ein kräftiger Walfisch es auf einen Zug austrinken könnte! Und „Täubchen schöne“ waren das da oben auch nicht, sondern Wasservögel, Möwen, vermutlich, — ja, so etwas konnte man wissen, ohne einen von den groben Matrosen zu fragen, die gleich mit der Gegenfrage bei der Hand waren, ob man wohl belieben würde, mal unterzutauchen, mal Salzwasser zu schlucken, mal sein Fell auswringen zu können? Die gelbbraunen Eulenaugen des Janusch wurden vor Staunen immer runder und das nahm George wie eine Aufforderung an seine Ehre, selbst unter keinen Umständen Verwunderung an den Tag zu legen. Am achten Tage sah man einen Zug wilder Schwäne, der von Süden kommend den Meerbusen kreuzte und sich untereinander ermutigend geheimnisvolle Töne zurief, — Namen vielleicht der unendlichen Seen Finnlands. Am Morgen darauf tauchte Kronstadt aus dem Nebel, wie das phantastische Bollwerk des Seekönigs und am Abend desselben Tages schaukelten die Reisenden auf ihren festlandungewohnten Sohlen die Newski-Perspektive hinab. Nun versagte die Haltung des nicht zu Rührenden dennoch und es war erfreulich, einen Vater zu haben, dessen Hand man ergreifen konnte, — merkwürdigerweise schien diese große Hand selbst einen gewissen Anhalt an der kleinen des Sohnes zu finden. Stumm gingen sie diese ungeheuerste aller Straßen hinunter und sahen sich immer wieder nach dem Janusch um, der unter der Last des Reisesackes gebeugt hinter ihnen drein keuchte, unterstützt von einem freundlichen schlitzäugigen Kerl, der sich mit dem übrigen Gepäck beladen hatte und jedesmal aufmunternd grinste, wenn er angesehen wurde. Übrigens gewann Herr Forster mit jedem Schritt an Sicherheit, und schon im Gasthaus Peter Bierbergs trat er auf wie der siebenfach gebrühte Weltreisende, der sich beileibe nichts vormachen läßt und alles an Erfahrung überragt. Was Peter Bierberg demütig zu stimmen schien, ihn aber nicht hinderte, die neuen Gäste unter Achselzucken und mancherlei Entschuldigungen in einem Raum mit einer vielköpfigen polnischen Familie einzuquartieren, wo Vater und Sohn zusammen ein Bett beziehen mußten und mancherlei an Schamhaftigkeit auszustehen hatten, d. h. sie schämten sich fast zu Tode, aber die dicke polnische Mama schien nur an feuriger Lebendigkeit zu gewinnen. Indes verging dieser erste Aufenthalt in St. Petersburg traumhaft schnell, und George hatte kaum Zeit sich darüber klar zu werden, daß er nun zwar wieder auf festem Lande, aber doch unendlich weit von daheim und der Mutter entfernt war, — hatte seinen kleinen Kopf kaum den Eindrücken dieser wilden großen Stadt angepaßt, ihren Palästen und stattlichen Steinhäusern, die grün oder café au lait getüncht mit ihren bunten flachen Dächern und den anspruchsvollen Säulenverzierungen ihrer Vorderseiten bereits anfingen, die alte hölzerne Stadt Peters zu verdrängen, ihren Bazaren und Kuppelkirchen, den Kanälen und vor allem der wimmelnden Newa mit ihren unheimlich schwankenden Schiffbrücken, die doch Droschken, Roß und Reiter und die ganze bunte treibende Masse des Volkes vom ersten Admiralitätsteil hinüber nach Wassilii Ostrow trugen, — mit diesem Volke endlich selbst, so vielfältig an Erscheinungen, wie es sogar der Danziger Hafen, an dessen Jahrmarktstrubel er bisher alles Wunderbare bemaß, nicht war und nie sein konnte, — er hatte also kaum begriffen, daß sein kleines Ich nun diese ungeheure, schreiende, heulende, bewegliche, geheimnisreiche Erweiterung erfahren hatte, — denn jeder Ort stürzt sich unaufhörlich nach Einheit gierig in die Gemüter, die ihn auffangen und widerstrahlen, und jedes Ich hat seine Grenzen erst da, wo sein Bewußtsein aufhört, das Bewußtsein eines Kindes aber verschwimmt mit dem Umriß seines Wohnortes, — kaum hatte er solchermaßen Nassenhuben abgestreift, mit der vertrauten Enge von Haus und Garten und dem leeren Umkreis von Kiefernheide und Ebene, — kaum Danzig verwunden, das ihm hundert Gesichter gehabt zu haben schien und ihn schmerzhaft ergriffen hatte mit seiner angehäuften Kultur, seinem katholischen Prunk und seiner Bevölkerung von lauter Pastoren und Starosten, ja, lauter Herren, wie es daheim nur zwei gegeben hatte! — kaum lag die See hinter ihm mit ihren heftigen Anforderungen an Körper und Gemüt, von denen das nil admirari dem Janusch gegenüber vielleicht die schwerste gewesen war, — denn es ist unerhört hart, mit elf Jahren beständig die Würde zu wahren, — so kam St. Petersburg wie ein kurzer Fiebertraum und schon ging es weiter. Ging weiter mit Vorspannpaß im eigenen Wagen, zweihundertfünfzig Werst in vierundzwanzig Stunden, die wachsenden Tage und die immer heller bleibenden Nächte hindurch, kaum daß es einmal ein Nachtquartier in einem schmutzigen Gasthaus gab, wo der Wirt wohl in Ehrfurcht vor dem Herrn, der in Geschäften der Krone reiste und darum nur halbes Postgeld bezahlte, erstarb und Herrn Forsters Laune dadurch prächtig anfachte, wo man aber dafür des Nachts von Ungeziefer halb gemordet wurde. Doch war der Vater unterwegs außerordentlich frisch und lebendig und benutzte die Zeit zu den eingehendsten Wiederholungen auf allen Gebieten des Wissens, er botanisierte mit George neben dem Wagen her, wenn dieser mit trostloser Langsamkeit durch die Sandwege unendlicher Wälder schaukelte, und erging sich in verzückten Rhapsodien über die Ergiebigkeit und Unberührtheit dieses Landes, sobald man mit frischem Vorspann wieder feurig dahinrollte, fleißige kleine Pferde vor sich, die ihre zottigen Köpfe begeistert warfen und schüttelten, wenn der Iswotschik sie weniger mit der langen Peitsche als mit dem zärtlich singenden Ton seiner Stimme aufmunterte. George gewöhnte sich an den Anblick von Januschs Rücken mit dem hin und her tanzenden kurzen steifen Zopf vor sich auf dem Bock und wartete oft sehnsüchtig darauf, daß der runde Kopf herumwanderte und ein von Hochachtung und Mitleid gleicherweise sprechender Blick aus Januschs Eulenaugen langsam über ihn hinwegging, — worauf er sich wieder etwas gestärkt fühlte, denn ein Leiden ohne Zeugen hätte auch den heiligen Märtyrern nicht halb so viel Spaß gemacht, dessen sei man nur gewiß! Zuhause hatte die Mutter doch manchmal bewundert, was alles er zu leisten hatte, hatte ihm an besonders harten Tagen einen Apfel zugesteckt oder gar einen Eierkuchen gebacken, — sehr heimlich freilich, und dann hatten sie ihn zusammen am Herde verspeist, weder Rieken noch Fieken durften das wissen, auch nicht Malchus, der Knecht oder Mareiken, die Magd. Hier aber mußte man die Lippen zusammenpressen, tief durch die Nüstern schnaufen, um einen Augenblick Zeit zu gewinnen, und dann seine Antwort hervorschnurren, ganz ausgeliefert diesen undurchdringlichen blauen Porzellanaugen und im Banne der starken Hand, die ungeduldig am Wagenschlag trommelte und so leicht von dort abglitt und Georges Kopf traf, der sich dann geduldig duckte, — nein, hierbei sollte Janusch keinen Anlaß haben sich umzudrehen, und es ging, es ließ sich wahrhaftig aushalten, diese Kopfnüsse lautlos hinzunehmen! Zu größeren Exekutionen, wie der Vater sie sonst als Unterbrechung der Arbeitsstunden liebte, war ja in der Kibitka Gottseidank kein Platz; der Vater sah ganz davon ab, nachdem er sich in den ersten Tagen hart am Ellbogen gestoßen hatte, — ein Zeichen, daß auch er sich beherrschen konnte, wenn es sein mußte. George wußte schon von zuhause her, daß man am besten dabei fuhr, wenn man dem Gewaltigen diente, als sei dies ganz selbstverständlich; nun aber bildete er die Kunst, dem Riesen alles an den Augen abzusehen und seinen Wünschen lautlos zuvorzukommen, vollends aus. Der Riese war zuweilen äußerst schlechter Laune, — schön war das Reisen, ja, und wissenschaftlich war das Land ergiebig wie ein Pudelpelz an Flöhen, aber es war doch auch geradezu widerwärtig groß und es nahm gar kein Ende mit lichten wehenden, wehenden Birkenwäldern, mit den bunten hölzernen Dörfern, mit der unendlichen mattgrünen Ebene, hinter der der Horizont sich immer weiter hinausschob, wiewohl man an jedem Abend glaubte, man würde morgen im ewigen Osten landen und hätte die Wolga längst im Schlaf überschritten. Zudem widerstand ihm einstweilen die landesübliche Kost, er verachtete Schtschi und Kascha, vor Kwas aber ekelte er sich geradezu und behauptete lärmend, es sei unsittlich, diesen gegorenen Unrat zu trinken, man könne nicht wissen, welche Ingredenzien dazu verwendet würden. Einzig die Malinowka fand einige Gnade vor ihm, er pflegte sie allenthalben ernsthaft zu fordern und legte starke Verstimmung an den Tag, wenn dieses aus Kirschsaft, Zucker und Wein gebraute Getränk nicht zu bekommen war. Endlich kam er dahinter, daß die Russen Meister in der Kunst der Pastetenzubereitung waren; nun war freilich alles gut, und sobald er so weit war, zu wissen, daß sich die verschiedensten Piroggen, seien sie mit Pilzen, Fischen, Fleisch oder Speck und Rosinen gefüllt, auch als Reisevorrat mitnehmen ließen, gewann er einen bedeutenden Überschuß an Spannkraft. Er sorgte für den Vorratskorb und allenfalls für die Kiste, die die Bücher und seine wissenschaftlichen Notizen enthielt, welche George an den spärlichen Rasttagen nach seinem Diktat sorgfältig ins Reine schreiben mußte. Die Sorge für das übrige Gepäck überließ er dem Janusch und erklärte ihn für einen exemplarisch vortrefflichen Bedienten, ohne zu bemerken, daß sein kleiner Sohn den besten Teil der notwendigen Arbeit verrichtete, denn der Janusch war den mannigfachen Besitztümern gegenüber, die die Zivilisation seiner Herrschaft erforderte, ziemlich ratlos und hatte nicht Zeit, über diese Ratlosigkeit hinauszuwachsen, wie man bald erfahren wird. So begnügte er sich mit der Pflege des Schuhzeuges und dem Zuschnallen und Schleppen der Koffer, während George stillschweigend für Sauberkeit und geglättete Lage der Kleider sorgte. Als Herr Forster ihn einmal bei diesem Geschäft zu bemerken geruhte, stellte er nachdenklich fest: „Wie sehr du deiner Mutter gleichst, mein Sohn!“ legte weiter keinerlei Ergriffenheit an den Tag, machte aber in Zukunft George für jeden Flecken auf den Kleidern verantwortlich. Endlich erreichten sie Nishni-Nowgorod. Hier klaffte ein Riß in der farblosen Haut der Ebene und die Seele Rußlands lag bloß, starrend bunt, asiatisch üppig, wie das Innere der märchenhaften Kirchen: Edelsteinhöhlen, von Rubinlicht durchblutet, — wie die Völker, die hier zusammenströmten mit dem Geruch unübersehbarer Pferdeherden und des Leders, mit unerhörter Farbenfreude in den Gewändern und dem leisen Geklirr von silbernen Kettchen und Klapperwerk an den hohen bunt aufgenähten Mützen ihrer Weiber. Zudem strotzte alles von Fettigkeit und Schmutz, aber den Reisenden, von Staub, Wind und blendender Sonne gedörrt wie sie waren, tat die feuchtigkeitsgesättigte Luft der Stromniederung wohl und unter den Segenswünschen des Iswotschik, — ja, er würde warten, bei Gott, nicht rühren würde er sich aus seiner Herberge! am Ufer würde er stehen und sich blind schauen, bis das hochverehrte Väterchen wieder flußaufwärts gefahren käme! möchte es nur gefahren kommen, möchte es nur! — bestiegen sie eine Schaluppe und der Strom nahm sie auf. Wasser! hieß wiederum die Losung, aber anders war ihr Klang als zuvor auf der See, anders, zielbewußter und beseelter schien diese rastlos vorwärts sich wälzende Flutmasse in der ungeheuren Schwermut ihres Willens, der nichts wußte von der tobenden Regellosigkeit des Meeres. Nicht daß George es sich klar gemacht hätte, aber er verstand, — er verstand! Er kauerte hinter einer Rolle von Tauen am Bug des Schiffes und blickte grade aus, es war alles so sanft und ernst, wie die Wasser sich um die flachen Inseln teilten, wie die Schilfwälder meilenweit wogten und raschelten, wie große Stelzvögel majestätische Kreise darüber zogen. Er blickte nach Osten, wo die Wasserfläche in die unendliche Ebene überging und mit dem Horizont verschmolz; im Westen aber stand abends der Himmel tiefgolden hinter der schwarzen ruhigen Festigkeit der Berge. Dann begannen die Burlaki zu singen, während sie Anker warfen, und auch das verstand er, ohne vielleicht ein einziges Wort zu erfassen, er hockte nur da, ein sehr kleiner Junge trotz Schoßrocks und Haarbeutels, hatte den Kopf auf die Knie gelegt und weinte. Es war ihm aber gar nicht schmerzlich zumute, nur so, als müsse nun endlich alles leichter werden, und das war doch so gut, — so gut. Irgend etwas streichelte ihn, nahm ihn und wiegte ihn ein, die übermäßige Spannung, die ihn seit Beginn der Reise bis an die Grenze seiner Fähigkeit gestrafft hatte, löste sich, der „Herr Magister“ zog sich völlig ins Wesenlose zurück, ein Knabe blieb, kindlich, zutraulich oder unartig, kurz, er fiel an seine eigene Natur zurück und das nach sieben Jahren zum erstenmal, denn im Grunde hatte er sich von ihr entfernt, damals, als er so plötzlich lesen konnte, — ach ja, wie war es nur gekommen? — als es mit dem Spielen vorbei gewesen war. Dazu kam, daß es dem Vater ähnlich erging wie ihm selber, Herr Forster verbrachte ganze Tage in träumerischem Vorsichhinstarren und ließ sich die Sonne auf den breiten Rücken brennen, wobei er manchmal blinzelte und mauzend gähnte wie ein träger Kater. Zwischendurch erhob er sich allerdings, reckte sich, daß die Gelenke krachten, rieb sich gewaltig die Hände und begann dann eine hastige Teilnahme für die vorübergleitenden Ufer an den Tag zu legen, fragte den Steuermann, der unbewegten Gesichtes Auskunft gab, leidenschaftlich aus und stand gebückt, auf dem linken hochgestellten Knie ein Schreibtäfelchen, in das er eifrig Notizen eintrug. Es war aber nicht die Rede davon, sie auszuarbeiten, wie George immer heimlich fürchtete, wenn er den Vater bei dieser Beschäftigung sah, sondern Herr Forster blieb sanft und faul und ward nur ein wenig munterer, wenn angelegt wurde und man an Land ging, was alle zwei bis drei Tage einmal geschah. Alsdann suchte man sich Reittiere zu verschaffen oder ging zu Fuß landeinwärts in die wilden Wälder oder die öden Steppen hinein, sammelte Pflanzen und stellte Tieren nach, bei welcher Gelegenheit Janusch wie wild hinter der armen Tschokuschka, dem allerliebsten Zwerghasen her war, dessen wachtelschreiähnlichen Lockruf er nachzuahmen verstand und dessen unterirdische Laufgräben und Höhlen er mit dachshundgleicher Spürnase aufzufinden wußte. Er gab sich dieser Unterhaltung mit einer Art weinerlicher Leidenschaft hin und George fühlte es wohl, Janusch hatte keine andere Freude mehr, Janusch war bitter enttäuscht und suchte hier eine Entschädigung für seinen Tatendurst und seinen Ehrgeiz, denen ein Leben auf dem Kutscherbock und auf der Ruderbank zu eng war. Dies war klar, obgleich Janusch sich nie darüber äußerte, aber sein mürrisches Schweigen, diese finstere Majestät seiner Verdrießlichkeit lasteten schwer auf George, gerade weil er selbst so vergnügt war und sich mit ängstlicher Seele bemühte, auch seine Umgebung heiter zu wissen, als läge in deren Unzufriedenheit eine Gefährdung dieses harmonischen Zustandes. Um die Wahrheit zu sagen, der Janusch haßte das Wasser, und nun hatte er die Ostsee gerade überstanden und war schon wieder in so einen hölzernen Trog gebannt, der auf dem widerwärtigen Element schwamm und schwankte, daß einem vom bloßen Zusehen übel werden konnte. Ja, wohl hatte er daheim die Pferde in die Schwemme geritten, aber das war auch bei Gott etwas ganz anderes gewesen, da war er der Herr von Pferd und Wasser, diesem Tümpel, dessen Blutegel und schlammgrüne gelbbauchige Salamanderchen er alle persönlich kannte. Nun, und dann, so halbnackt und naß wie irgend ein Wasserteufel ins Dorf zurückgaloppieren, schreiend, peitschenknallend und fratzenschneidend, daß alle Kinder und Mädels Reißaus nahmen, — das war doch etwas anderes als so tagaus tagein, so wiegala wogala in diesem verdammten Kasten sitzen zu müssen. Der Janusch grollte. Der Janusch starrte den Treidelpferden nach, die so geduldig am Ufer gingen und die schwer beladenen Barken zogen, und beneidete die Bauern, die sie trieben. Tausendmal mehr noch aber beneidete er andere Leute, die man zum erstenmal Anfang August auf dem westlichen Ufer antraf, wo man eines Abends schon von weit her eine Wolke schweben sah, eine Wolke von Rauch und Staub, die als sie näher hinzukamen, von der sinkenden Sonne ganz golden durchglüht war, und darin tummelte sich ein Gewimmel von Menschen und Tieren, entstanden, wie Pilze aufschießend, dunkele, runde und zugespitzte Zelte und war ein Geschrei, Gebrüll und Gewieher, von Peitschenknallen und Flintenschüssen zerrissen, daß George und Janusch sogleich an Jahrmarkt dachten und George wahrnahm, wie der Janusch ganz glühende Augen bekam und ungebeten des Vaters große Stulpenstiefel bereit stellte, dann aber von einem Fuß auf den andern tanzte und sich durchaus geberdete wie ein Hund, der die Anstalten eines Aufbruches wittert und noch nicht genau weiß, ob er mitgenommen werden wird. Herr Forster enttäuschte ihn denn auch nicht, und obgleich der Steuermann murrte, man würde sich dies ganze Gesindel auf den Hals laden, ließ er angesichts des Kalmückenlagers anlegen und ging mit den beiden Knaben hinüber, unbewaffnet und seelenruhig wie auf seiner Dorfstraße zuhause. Tief befriedigt kehrte er zurück, hatte aber nichts dagegen, daß sogleich der Anker gelichtet und alsdann noch die halbe Nacht stromabwärts gefahren wurde. Selbst auf dieser Strecke folgte ihnen auf dem linken Ufer ein Haufe halbwüchsiger Knaben und Kinder zu Fuß und zu Pferde, von großen weißen Windhunden geisterhaft begleitet und umschwärmt, während die Schaluppe auf dem Wasser dahinglitt und Strom und Steppe in dem grenzenlosen, vom silberbläulichen Mondlicht erfüllten Rund der Himmelskugel lagen. Janusch war ganz aufgeregt, er hockte neben George und flüsterte mit heiserer Stimme von allem, was sie gesehen hatten, wobei er immer wieder ins Polnische verfiel und zu den am Ufer Dahinreisenden hinüberstarrte, mit bebenden Nüstern die Luft einziehend, als hoffte er den ihm so köstlichen Geruch des Lagers noch einmal zu spüren, nach Pferden, nach Leder, nach Schafmist, nach Milch, säuerlich und gegoren. Und dann war auch hier alles so himmlisch fettig gewesen, sogar in dem Tee, der ihnen feierlich in der Kibitka des Chans dargeboten worden war und der aus einer kunstvollen kupferbeschlagenen Lederkanne herauskam, war zerlassene Butter gewesen und außerdem Milch und Salz; man trank ihn aus Bechern, die gleichfalls von hornhartem Rindsleder waren. Alle diese gelbbraunen glänzenden Gesichter mit den schwarzen strähnigen Haaren, den blanken Äuglein und den breiten Mäulern waren dem Janusch ansprechend und zutrauenerweckend erschienen, die langen dünnen Schnurrbärte der Männer ehrfurchteinflößend und die Rüstung des Chans und seiner Umgebung mit Ringpanzer und rundem Helm, Bogen, Pfeilen und kurzem Feuergewehr gewaltig und königlich. Er hatte das weiße Kamel aus Buchara angestaunt, das ihn hochmütig übersah, denn es war ja das weiße Kamel und es durfte allein den kleinen zweiräderigen Wagen schleppen, der die Heiligtümer enthielt, den fetten kleinen Buddha aus vergoldetem Holz, die Räucherfässer und die Schriftrollen, unter denen der Schamane jetzt zornig hantierte; denn ihm gefiel der Besuch eines friedlichen fremden Mannes nicht, er hielt ihn für einen andern Zauberer. Aber auch die gewöhnlichen Kamele waren sehenswert, wie sie geduldig niederknieten und sich mit vorgebogenem Halse die unerhörten Lasten abnehmen ließen, — ganze Häuser trugen sie an den Seiten ihrer wunderlichen Höcker, überhaupt, was waren das für Tiere? Die Pferde waren zottiger und wilder, die Rinder kleiner und hochbeiniger als zuhause, die Ziegen hatten keine Hörner und die Schafe so fette Schwänze, — kurz, es war alles, alles anders und doch berauschend, schwindelerregend schön, es war kaum ein Unterschied zwischen Mensch und Vieh, alles umdrängte, beschnüffelte und betastete einen, man kam sich gegenseitig nahe, man roch und schmeckte sich und das war es, was Janusch seit Monaten entbehrte, ja, das war es, und so war er jetzt wie betrunken. Er aß Schafkäse und Dörrfleisch und trank gegorene Stutenmilch, er kroch in jedes Zelt hinein, wo auf den Dreifüßen frischer Tschipan in flachen eisernen Schalen gebraut wurde, und die blanken Knöpfe an seinem grünen Kamisol verhalfen ihm zu einem billigen Vorrang vor dem mausegrauen George, der hinter ihm herging, sich unbehaglich fühlte und den Vater herbeisehnte, der endlos mit dem Chan um Waffen und Ledergefäße handelte, ja, dem es sogar gelang, gegen ein Bernsteinkettchen, nach dem es einer schiefäugigen kleinen Dame gelüstete, einer Lieblingstochter des kahlköpfigen Oberhauptes offenbar, eine Gebetsmühle einzutauschen, sehr zum Ärger des Schamanen, der dem Chan die Verfolgung aller bösen Geister prophezeite und hinter den Gästen dreinräucherte, am liebsten entschieden das ganze Lager abgebrochen und an einem andern unentweihten Ort wieder aufgeführt hätte. — Nein, George hatte eine verschwiegene, aber sehr starke Abneigung gegen alle diese bunten Zaubervölker, von denen immer neue auftauchten, so daß nach ein paar Tagereisen die Städte und Dörfer ihr Gesicht wechselten; er liebte es gar nicht, mit dem Vater in die Hütten zu gehen und Gemeinschaft zu haben mit Morduanen, Tschuwaschen und Baschkiren oder wie sie sonst hießen, er hielt sie in der Tiefe seines Herzens allesamt für Räuber, von denen ihm Akim, ein alter Schiffer, mit dem er sich notdürftig verständigen konnte, mehr durch aufgerissene Augen, emporgehobene Hände, dumpfe Kehltöne und eine Gebärde, die das Halsabschneiden anschaulich wiedergab, erzählt hatte. Er kam sich merkwürdigerweise am sichersten vor, wenn weit und breit kaum eine menschliche Ansiedlung zu erblicken war, wenn die Strombreite sich bis zum Horizont ausdehnte, rastlos vorwärts ziehend, das erhabene Antlitz voll der Farbe des Himmels, — wenn ringsum nichts war, als das Rucken der Ruder oder das Knarren des Segelgestänges, das leise hinstreichende Rauschen und Glucksen am Kiel, der Schrei eines Wasservogels und die schläfrige Unterhaltung der Matrosen. Vielleicht auch ihr Gesang am späten Nachmittag oder an einem Morgen, wenn der Himmel mit seinen Wolkenmassen allzu niedrig über der Ebene hing, daß alles so erdrückend traurig ward und die Seele sich aufzulösen suchte, — dann ward in diesem Gesang alles eins, Himmel und Erde, Strom und Mensch, und die sanft bewegte dunkele Linie der Berge war wie eine schwermütige Begleitung, wenn die Töne verschwommen von dort zurückkehrten. Da waren die graugrünen Weiden auf den langen niedrigen Sandinseln, sie spiegelten sich im stillen Wasser und ließen ihre langen Zweige von der Strömung mitschleifen; da waren Fischer, die im Wasser wateten, die ihre Netze stellten und ihre Hütten am Ufer hatten, kaum als Menschen empfunden, sondern als eine Äußerung der Landschaft, — da waren die Mündungen einströmender kleiner Flüsse, von Schilfwäldern verborgen, schamhaft, wie ein Verschmelzen der Liebe. Da war der Geruch nach Teer und Werg und bittrem Holzrauch, von der feuchten Reinheit des Gewässers durchatmet, und zuweilen auch der nach Fischen und faulenden Pflanzen. Das alles war gut, zärtlich und gelinde, George lächelte viel ohne eigentlichen Grund, er saß und besah seine Hände, sehr kleine Hände, wie er fand, sie erinnerten ihn irgendwie an Fieken, die Schwester, die doch noch ein Kind war. Und siehe, da fiel es ihm ein, mitten auf der Wolga fiel es ihm ein, daß er ja selbst nur ein Jahr älter als Fieken sei! Er wunderte sich einen Augenblick, vergaß es aber wieder. Dort handelte der Vater mit einem Bord an Bord mit ihnen fahrenden Fischer um Wälshaut zum Schließen seiner Weingeistflaschen, in denen er gefangenes Gewürm aufhob. George mußte dabei sein, stand daneben, lauschte dem Handel und einem Streit über den Goldfisch, die Beschanaja Ryba, — „Verzehre ihn nicht, Väterchen, er macht toll und Gott gnade deiner hohen Familie!“ Ein Fressen für die Heiden sei er, die Morduanen und Tschuwaschen, — Väterchen lachte und ließ ihn zum Abend bereiten, fand ihn aber langweilig im Geschmack und zog auf die Dauer Sterlett vor, — George lächelte träumerisch und ging zum Bug zurück, wo auch Akim hockte und Körbe aus Weiden flocht, — da saß er und wartete, daß die Seele wiederkehrte, der scheue Vogel, der ihn jetzt dauernd umschwärmte und Wohnung machen wollte, da Formeln und Vokabeln nicht mehr den Platz ausfüllten.
Übrigens staunte er manchmal, wenn er späterhin den Vater von dieser Reise erzählen hörte; Herr Forster wurde dann ganz dithyrambisch und gab Schilderungen von der Wucht der Gewässer, von dem Einfluten der Oka und der Kama, — die Rivalinnen der Wolga nannte er diese beiden, — und der übrigen gewaltigen Nebenströme, von dem Gewander der Barken und Flöße, dem Gesumm der wachsenden Städte, dem Überfluß an Holz in den krachenden Urwäldern und dem geheimnisvollen, unheimlichen und unerschöpflichen Leben der wilden Tiere und Menschen, von denen beide Ufer überquollen. Gewissenhaft suchte er dann in seiner Erinnerung und bemerkte, daß er von alledem nichts wußte. Er erinnerte sich an Akim und an die Fischer und daß er gerne Störrogen gegessen hatte, obgleich er sich ein wenig davor ekelte. Er erinnerte sich an die Frau des reichen Tataren, den sie in Kasan besucht hatten, wie sie auf dem Divan gesessen hatte, von Goldstickerei, von Ketten und Ringen starrend und durch den Dampf ihrer muschelzarten chinesischen Tasse mit den geschwärzten Zähnen zu ihm hinüberlächelnd. Der Vater hatte ihn aus irgendeinem Grunde hier zurückgelassen und war fortgegangen, er hockte klein und bescheiden auf einem Polster neben dem Ofen, in dem ein Feuer brannte, obgleich draußen warmer Spätsommer war. Auch er bekam eine bläuliche Eierschale voll Tee und ein Häufchen klebriger Süßigkeiten auf einem schönen Tischchen vor sich hingestellt, das mit Perlmutter ausgelegt war, aber er schämte sich zu essen unter dem Lächeln dieser Frau, die ihre edelsteinbeladenen feisten Hände nur bewegte, um die Tasse zum Munde zu führen und sie dann leer der Dienerin zu reichen, die ebenfalls beständig lächelte, aber doch mehr wie ein wirklicher Mensch. Er wollte vermeiden sie anzusehen, und ließ seine Augen verzweifelt umherwandern, — da war ein wunderlicher bunter Holzkoffer, mit blankem Zierat beschlagen, kupferne Waschbecken, ein Spiegel, ganz wie zu Hause, und auch Nelken und Geranium am Fenster. Dann aber wieder ein Lackschränkchen mit goldenen Blumen und Vögeln und der Samowar summend und fauchend. Er fühlte, wie ihm warm wurde, übermäßig warm, seine Hände wurden ganz feucht und er hätte sich gern einmal das Gesicht abgewischt, wenn nur die Tatarin … Nun hatte er doch hinübergesehen und war tödlich erschrocken: das Gesicht seiner Wirtin löste sich auf, es rieselte ihr von der Stirn, zog Bahnen durch ihre kohlschwarzen Brauen und rosigen Wangen, ja selbst ihr lackroter Mund ward wie verschmiert, wie eine klaffende blutige Wunde. Mein Gott, was war nur geschehen? Sie schwitzte, die Gute, sie schwitzte; sie hatte diesen wohltuenden Ausbruch, der der Zweck ihres Teetrinkens war, aber in diesem Augenblick saß sie völlig hilflos da, bis die Dienerin mit dem Tuche zur Hand war, einem Tuche, das schon mehrere Wochen zu diesem Zweck gedient zu haben schien. Alsbald war der Samowar zur Seite geschoben, die Tatarin schnaufte zufrieden und genoß ihren Zustand, immer aufs neue von der lächelnden Zofe abgetupft, bis die Ergiebigkeit ihrer Poren erschöpft war. Sodann trat ein Kästchen aus Zinkblech in Erscheinung, das in seinen Fächern vielfarbig leuchtete. Die Tatarin hielt ihr Mondgesicht mit breit verzogenem Munde hin, und nun ward gemalt, gestrichelt und gewischt, immer von dem flinken, behutsamen Mädchen, während das entstehende Kunstwerk regungslos saß und nur manchmal aus schmalen Augenschlitzen zu George hinüberblinzelte. Nun vollendet, verharrte es unbeweglich, die rotgefärbten Fingerspitzen über dem stattlichen Leibe aneinander gelegt und ins Leere lächelnd in dem Bewußtsein übergroßer Schönheit. George geriet so unter den Bann des Eindrucks, dort drüben befinde sich ein Edelsteinschrein, ein Schnitzwerk vielleicht, ein Bild, nur eben kein Mensch, daß er es wagte, die Beine zu bewegen und sich an der Nase zu kratzen, — da sah er, wie die Tatarin die Augen herumwälzte, und gleich saß er wieder versteinert. Nun sagte sie auch etwas zu ihm, sagte dreimal den nämlichen Satz, wobei er sie verzweifelt anstarrte, denn er verstand sie doch nicht, bis sie endlich unzufrieden mit dem Kopf wackelte und verstummte. Dann sagte sie plötzlich mit ganz heller Stimme auf Russisch: „Tschaj? Tee?“ und nickte mit schief geneigtem Haupte. Da er diesmal begriff, bejahte er begeistert, um sie zu erfreuen und jedenfalls nicht zu erzürnen, und sogleich richtete sie einen Strom hastiger Rede gegen die Dienerin, die hinausglitt und mit einem frischen brausenden Samowar wiederkehrte, der alsbald Wasser hervorsprudelte und Dampf spie, während ein frühlingszarter Duft sich im Augenblick des Aufbrühens aus der Kanne erhob, den das Götzenbild befriedigt schnuppernd einsog. Und indem das Mädchen mit leisem Klingeln seiner Armreife und Ohrringe hin und her eilte, um die Tassen zu füllen, — sie trug ein lichtblaues Jäckchen mit Silberstickerei und unter dem engen roten Obergewand weite Pluderhosen, die über den Knöcheln zusammengebunden waren, — indem die Tatarin der heißen Tasse die Zähne zeigte, indem George verzweifelt pustete und die Augen nicht von seinem Gegenüber ließ, kam es mit der Gleichmäßigkeit eines bösen, stets sich wiederholenden Traumes zu demselben Auftritt wie vorhin, einmal, und noch einmal: Teetrinken, Schwitzen und Schminken und dann erst kam endlich der Vater mit dem Tataren zurück, — ja, der Vater hatte gut lachen! —
Überhaupt hatte er sich auf dieser Reise oft gefürchtet, daran erinnerte er sich später besonders gut und daß er sich gewöhnt hatte, mit der kleinen Pfote über den Augen einzuschlafen, wenn er nicht den Kopf ganz im gebogenen Arm vergrub, das stammte von diesen Nächten im Schilf her, in denen immer ein Mann mit geladenem Gewehr wachen mußte, denn die Räuber entstammten nicht nur Akims Phantasie, sondern die Berge waren voll von ihnen, und die Matrosen bekreuzten sich dankbar, wenn wieder ein Wolok, — eine jener angeschwemmten mit Weidengebüsch bestandenen Landzungen vor den Einmündungen der Flüsse, — umschifft war, ohne daß dort Geheul und Flintenknattern aus dem Hinterhalt aufgebrochen war. Auch an die deutschen Ansiedlungen, deren Besuch der eigentliche Zweck des ganzen Unternehmens war, erinnerte er sich nur in verschwimmenden Umrissen, und eigentlich nur an jene Frau, die ihm die Füße gewaschen und ihn zu Bett gebracht hatte wie einen müden kleinen Jungen, gar nicht wie einen „hoffnungsvollen jungen Gelehrten“. Auch daran, daß er da, nach Monaten zum erstenmal wieder in einem richtigen weißen Bett ruhend, trotz aller Erschöpfung noch lange wachgelegen hatte, von einem jähen nagenden Heimweh befallen. Alle diese Erinnerungen aber verblaßten vor jenem letzten schrecklichen Erlebnis mit dem Janusch.
Sie hatten in der Nähe des Kaspi einen Ausflug landeinwärts gemacht, die Sonne prallte blendend von der grauweißen Salzrinde der Wüste ab, die Luft war flimmernd heiß und schwer zu atmen wie von Salzlösung gesättigt, der Janusch war mürrisch und George tieftraurig. Beide stapften sie in finsterem Schweigen hinter dem Vater her, der im Sande grub und Versteinerungen suchte. Akim hatte sie begleitet und nahm die Beute in einen seiner Weidenkörbe auf, die beiden Erwachsenen der Unternehmung waren somit beschäftigt und in bester tätiger Laune, besonders Herr Forster, der fortwährend vor sich hinpfiff und Akim durch neckische Fragen zum Kichern brachte. Ein langgestreckter Hügelrücken erhob sich unter der Menge der Flugsanddünen wie ein ruhender Löwe in einer Herde geduckter Schäfchen, er hatte felsige Flanken und ein von interessanten Tonschichtungen rotstreifiges Fell, also ging Herr Forster auf ihn los wie ein witternder Jäger und sah sich in keiner Weise nach George um, der hinter einem Flugsandhügel zurückblieb, und zwar weil Janusch sich mit einem Laut verzweifelten Unmutes zu Boden geworfen hatte. „Hunger hat er sich, Durst hat er sich, will er sich nachhause, Janusch, armes Hund!“ schluchzte er schnaubend und krallte seine mageren Finger in die spröde bröckelnde Salzkruste. „Is sich furchtbares Land, Wasser, viel zu viel, kein Stall, kein Schwein, kein Garnichts!“ „Wir geben dir doch immer zu essen, Janusch“, sagte George ratlos und nestelte gebückt an dem Frühstückskorb, den der Heulende auf dem Rücken trug, — man mußte ihn stärken, — o Gott! — dies war gewiß ein Kollaps der Kräfte, — Herr Forster befürchtete für sich selbst dauernd Kollapse der Kräfte und erörterte eingehend diese Möglichkeit, — eine Kollation, nicht wahr, über dem Spazieren ward man müde, mußte anbeißen: „Janusch!“
Aber der Janusch hatte sich hingesetzt und wehrte angeekelt ab, — „nicht so!“ Sein Gesicht war rot gescheuert von salzigem Sand, sein krauses schwarzes Haar bestäubt, wie das einst so stolze grüne Kamisol, er zog die Knie an, umschlang sie mit den Händen und starrte aus seinen grellen Augen trostlos gradeaus in die leere Wüste. „Hat sich Hunger schweinernes von Mutter, hu hu!“ fügte er dann hinzu, steckte den Kopf zwischen die Knie und gab sich weiter haltlos seinen Gefühlen hin, die ihm in diesem Augenblick des Zusammenbruches die polnische Sumpfheide mit Mutters Hütte als Paradies erscheinen ließen. Da waren sie alle zerlumpt und zottelig und um den rauchenden Herd war kein Fleckchen ohne irgendwelchen lieben persönlichen Dreck, der sich jahrelang hielt und wärmte. Da roch es scharf und beißend nach ranzigem Speck und Fusel, die so gut schmeckten, hintereinander genossen, versteht sich! Ach, für eine Weile mochte es gut sein, gekleidet zu gehn wie ein Starost, mit Georgie-Panje Gemeinschaft zu haben, sich allen Schimpfens und aller Stallgewohnheiten zu enthalten und dem großen Pan Forster demütig zu dienen wie einem lieben Gott in Stulpenstiefel. Aber seinesgleichen waren sie nicht, diese Menschen, die nach gar nichts rochen außer etwa so zahm und süß wie der Pan Forster nach Lavendel oder etwas anderem, was nicht zu essen war, — und übrigens roch er nicht einmal selbst so, sondern nur seine Hemden und Röcke. Ach, Hemd und Rock, das hatte mit dem Menschen verwachsen zu sein wie sein eigenes Fell und mußte ganz durchtränkt von der Persönlichkeit werden! All diese Gedanken fanden sich nicht etwa in kristallisierter Klarheit in den Hirngängen des Janusch vor, aber sie quollen doch wie Lava rebellisch in seinem ganzen Körper auf und nieder und drängten zum Ausbruch, — denn der Janusch dachte, fühlte und litt mit seinem Bäuchlein und mit seiner Zunge ebensogut als mit dem Herzen und dem Kopf, es ging bei ihm alles einheitlich und verschmolzen vor sich und manchmal hatte er abends geweint, weil er nicht mehr so viel Läuse hatte wie früher und das Kratzen vor dem Einschlafen doch so angenehm gewesen war. Nicht, daß er sich dessen bewußt geworden wäre, aber eben: ihm fehlte etwas!