George war aufs tiefste peinlich berührt und empfand es auf einmal deutlich, daß er den Janusch nicht liebte, ja mehr noch, daß der Janusch trotz des sauberen Kamisols nicht aufgehört hatte, ihm widerlich zu sein, wie daheim, seit seinen ersten Lebensjahren. Aber gerade deshalb fühlte er einen dumpfen Zwang, dem anderen dienen zu müssen, und mit schmerzlicher Überwindung beugte er sich nieder, um die zuckenden Schultern des Janusch zu berühren, — mein Gott, was sollte er nur sagen, und geschah dem Janusch nicht eigentlich ganz recht? Wer hatte immer mit Pferdeäpfeln geschmissen und nicht nur geschmissen, sondern auch getroffen! und das war es doch eigentlich. Und gab es das wohl überhaupt, Heimweh nach einem Stall, in dem Hühner, Katzen, Schweine und Menschen zusammen hausten? Gleichviel, der Janusch heulte, er sprudelte Flüssigkeit von sich in wütendem Schluchzen, er ließ sich gehen, war menschlich, war arm … Was tat man mit ihm? Wenn nur der Vater …
In diesem Augenblick erzitterte von fernher die Erde, sie wußten beide zunächst nicht, woher die glühende Lautlosigkeit der Wüste diesen dumpfen Trommelwirbel nahm, der Luft und Boden erschütterte. Janusch war aufgefahren und starrte George an, der seinerseits mit beiden Händen in die Höhe gezuckt war und mit offenem Munde dastand. Er hatte aber keine Zeit weder aufzuschreien noch davonzulaufen, er machte einen mühseligen Versuch, die nächste Düne zu erklettern, blieb jedoch auf halber Höhe liegen, Ärmel und Schuhe voll Sand. Und da lag er denn und sah. Auf zottigen kleinen Pferden kam ein Reitertrupp herangebraust, von Waffen starrend, die Ringelpanzer in der Sonne glänzend, Haarschöpfe hoch auf dem runden Schädel scharf abgebunden, im Winde flatternd. Unmöglich, einen einzelnen ins Auge zu fassen, wie die hundertmal wiederholte Erscheinung eines höllischen Grinsens rasten sie vorüber auf die Pferdeköpfe geduckt und schnatternde Schreie ausstoßend wie ein Zug wilder Gänse. Flimmernder Staub umwölkte sie, Sand spritzte unter den Hufen. Der letzte ritt in einigem Abstand und um einen Bruchteil langsamer, er war der einzige, der die Knaben bemerkt zu haben schien, denn mit wahnsinniger Geschicklichkeit drehte er sich ohne anzuhalten auf dem Pferderücken herum, — er ritt ohne Sattel und Bügel —, indem er die eine Hand rückwärts aufstemmte und die lederumwickelten Beine durch die Luft schwang. Er war unbewaffnet, — war er der Hanswurst oder der Koch des kriegerischen Zuges? —, er vollführte ein paar greuliche Faxen mit aufgerissenem Rachen und wildfuchtelnden Armen, um die Knaben zu erschrecken, zu unterhalten … George war wie betäubt, wie geblendet, er sah ohne zu sehen, aber der Janusch, um Himmels willen, was kam dem Janusch bei? Mit ausgebreiteten Armen machte er ein paar Schritte, lief er, ja wahrhaftig, da lief er dem Kerl nach und der, mit derselben teuflischen Geschwindigkeit sich wieder im Sitz herumschwingend, machte kehrt und kam zurückgeflogen, wie das schlagende Wetter. Ein Niederbeugen im Fluge, ein gellender Raubvogelschrei, und da saß der Janusch vor dem Kalmücken, die Arme um den Pferdehals geworfen und noch einen Blick zu George sendend, in dem Gott weiß was lag, Angst jedenfalls, aber auch Triumph ohne Grenzen, und George fragte sich später immer wieder, ob es wohl möglich sei, daß der Janusch in jenem Augenblick, als sein Schicksalsfaden wie rasend abrollte, imstande gewesen war, ihm die Zunge herauszustrecken, — oder ob das eine Augentäuschung seinerseits war, hervorgerufen durch die Gewöhnung an gewisse Eindrücke, ausgehend vom Mienenspiel des lieben Janusch?
Hierzu ist nur zu bemerken, daß es nicht gelang, dieses Bedienten ohnegleichen wieder habhaft zu werden, und daß, wie schon gesagt, dieses Erlebnis das letzte deutlich umrissene in Georges Erinnerung an die Wolgareise blieb. —
Der andere Knabe war in die Uniform irgendeiner militärischen Erziehungsanstalt gekleidet, einen knapp sitzenden blauen Frack mit spärlichen Silberknöpfen; er hatte den schwarzen Dreispitz unter dem rechten Arm und die linke Hand am Knauf des Degens, der fast wagrecht von seiner Hüfte abstand. Er trug zwischen den mit Eiweißkleister haltbar gemachten und dick überpuderten Haarrollen an den Schläfen ein ungeheuer gelangweiltes Gesicht zur Schau, veränderte es aber aufs liebenswürdigste, sobald der Blick einer Dame ihn traf, etwa gar das hurtig wandernde Auge seiner gnädigen Tante, der Fürstin Daschkow, der geistvollen jungen Staatsdame Katharinas, die ihn, den bedauernswerten Michail Grigorjewitsch, zu dieser nichts weniger als glänzenden Soiree bei Hofe mitgenommen hatte. Er hatte gehofft, Hofgesellschaft anzutreffen, — nun, etwa den „engeren Kreis“, — und Stoff zur Unterhaltung der Kameraden zu sammeln wie eine Honigbiene. Und nun war hier, in den Sälen der Eremitage, fast die gesamte Akademie versammelt, lauter greise Männerchen mit gebückten Schultern und die Hände auf dem Rücken, wie er entrüstet in Bausch und Bogen feststellen zu müssen glaubte, obgleich eigentlich nur der D. Pallas, der dort drüben mit dem riesigen Deutschen plauderte, diese Haltung innehielt, und — freilich, dies war lächerlich, — neben ihm das Wunderkind, der Sohn des Deutschen, in einem Ableger von seines Vaters mausegrauen Rock gekleidet und mit Strümpfen, die über den Knöcheln Falten schlugen, das stand auch so da und guckte von unten schief zu dem großen Pallas hinauf, der es körperlich übrigens kaum überragte. Die Kaiserin war nicht mehr anwesend. Sie hatte der Versammlung ihre Gegenwart nicht viel länger als eine Viertelstunde gegönnt, und hatte den Eindruck hinterlassen, daß man sie gelangweilt habe, weshalb eine Art von Schuldbewußtsein die Stimmung der Gesellschaft drückte. —
George sah indessen nicht so sehr auf die farblosen Lippen des Kollegienrates, als daß er mit einem Ausdruck verlegener Sehnsucht zu dem anderen Knaben hinüberschielte, dessen Blick er spürte, den er aber um nichts in der Welt anzureden gewagt hätte. Er hatte ihn entdeckt, sobald er den Saal betreten hatte, und war sofort von der Hoffnung befallen worden, der Vater möchte sich mit ihm still und bescheiden an die Wand stellen, — eben neben jenen Knaben, — denn die Gesellschaft dünkte ihn glänzend, großartig und furchteinflößend, so sehr verwechselte er den Eindruck des durch hunderte von Kerzen erleuchteten sechseckigen Spiegelsaales mit dem der sich darin bewegenden Menschen. Einzig Simon Kotelnikow, der Oberbibliothekar, trug einen ponceauroten Schoßrock und eine reichgelockte Staatsperücke und nahm sich zwischen seinen Kollegen aus gleich einem Paradiesvogel unter einem Krähenvolk, wie er so umherwippte und überall gastfrei den Deckel seiner goldenen Dose aufspringen ließ, der Katharinas Bildnis en miniature zeigte. Böse Zungen behaupteten, er sei einzig deshalb so freigebig, um das Gespräch auf diese Dose, ein Geschenk der Kaiserin, zu bringen. In Wirklichkeit war Kotelnikow dem Schnupftabak dermaßen ergeben, daß er in der Stunde nicht weniger als sechs Prisen brauchte, — „um den Olymp zu entwölken“ meinte er, auf seine gewölbte, von feinen Falten liniierte Stirn weisend, — deswegen hielt er in Gesellschaft seine Dose für jedermann offen und bediente sich selbst wie aus Zerstreutheit zu gleicher Zeit. Er besaß außer dem Ehrgeiz, Voltaire zu ähneln, keine Eitelkeit, und sein häßlich-slavisches braunes Gesicht mit der eingedrückten Nase und den funkelnden braunen Äuglein gab ihm ein gewisses Anrecht darauf. Aber eine ganz hoffnungslose Güte, die unausrottbar in seinem Herzen wurzelte, zerstörte immer von neuem seine Versuche, dem großen Vorbild an spielender Bosheit ähnlich zu werden, so sehr er auch dagegen anwütete und sich selbst den Bösen vormimte.
„Der zwölfjährige Jesus im Tempel“, sagte er eben mit dem verzweifelten Versuch zu einer Blasphemie, die ihm selbst so widerstrebte, daß sich sein ledernes Gesicht völlig verzerrte und es ihm in der Hand zuckte, sich zu bekreuzen, welche Regung er, maßlos über sich selbst erschrocken, noch rechtzeitig unterdrückte, indem er dem jungen Forster die Hand auf die Schulter legte.
„Welcher Stolz mag das Herz eines Vaters im Besitz eines solchen Sohnes schwellen!“ fuhr er fort und hielt die geöffnete Dose ins Leere. „In der Tat, Monsieur Forster,“ sagte er mit fieberhafter Eindringlichkeit zu Georges Vater aufblickend wie eine alte verliebte Frau, „Ihr Sohn hat uns mit seinem Bericht über das Biberdorf in der Woloschka bei Fedorowka alle beschämt, uns Veteranen der Wissenschaft, ist es nicht so — he, Pallas?“ fragte er, mit der Dose den Kollegen bedrohend, der gelangweilt eine halbe Schwenkung von ihm weg machte und sein Gespräch mit Forster über die Völker längs der Wolga fortsetzte. „Sie werden mich besuchen, Väterchen!“ brach es nun unbezwinglich aus Kotelnikow hervor und er umarmte George fast, „ich bin nur ein alter Mann, aber ich besitze doch einiges, was Ihr Herz erheitern möchte. Wie, sollten Sie nicht meinen Sekretär mit Musik zu sehen wünschen oder meinen zahmen Papagoyen? Er stammt aus Surinam und ist ein Geschenk von Madame Merian, meiner gelehrten und berühmten Freundin. Sie studiert speziell die Insekten und malt und zeichnet sie samt den Blättern und Pflanzen, die sie zum Aufenthalt bevorzugen, Sie werden diese kleinen Meisterwerke im Museum der Akademie vorfinden. — Ich, mein Freund,“ setzte er hinzu, faßte George vertraulich unter den Arm und zog ihn mit sich fort, „ich finde unter uns gesagt mehr Geschmack an den schönen Künsten als an der unverarbeiteten Natur. Aber lassen Sie das hier nicht laut werden, alles, was Sie hier an Kapazitäten vereinigt sehen, huldigt den Naturwissenschaften und der Mathematik, wie ich ja selbst zur Mathematikklasse gehöre, — aber passons çi-devant! Sehen Sie, dort drüben, der Wohlbeleibte im blauen Frack ist mein Kollege Äpinus, — er hat den Annenorden, Pallas und Euler sind Ritter des Wlodomirordens. À propos, hören Sie ein Epigramm von mir, es ist allerliebst, ich muß es sagen (es ist deutsch, des großen Lessing würdig):
Zerbrach auch längst die Marmorsäule,
Drauf Pallas stand mit ihrer Eule:
Hier ist sie wieder aufgebaut,