Wo Pallas seinem Euler traut.“

Er kicherte hastig, geriet ins Hüsteln und klopfte dem verlegenen George auf den Handrücken. „Die beiden können sich nämlich gegenseitig nicht ausstehen!“ röchelte er ihm noch ins Ohr und verließ ihn, plötzlich auf den Spieltisch zutänzelnd, an dem die Fürstin Daschkow mit dem Astronomen Rumowski und dem Franzosen St. Pierre Platz genommen hatte. George sah sich auf einmal völlig allein dem Glanz der Spiegel, der kristallbehängten Kronleuchter und des eisblanken Parketts ausgesetzt, etwas wie Platzangst lähmte ihn und er wagte keinen Schritt zu tun. Außerdem kam er sich durch Kotelnikows Vertraulichkeiten ebenso wie durch dessen plötzliches Vonihmablassen vor dem anderen Knaben bloßgestellt vor und blickte unglücklich hinüber, ob dieser ihn wohl beachtet habe. Er sah ihn noch immer in der gleichen Stellung vor dem überlebensgroßen Bilde eines Generals mit der Allongeperücke, der auf einem hochgebäumten Pferde saß, stehen, als sei er dort zur Ehrenwache bestellt, die Linke am Degenknauf, die Nase keck und gelangweilt zugleich in die Luft gestreckt. Aber obgleich er George nicht zu beachten schien, ging mit einem Mal ein Ruck durch seine Glieder, er kam mit etwas steifen abgemessenen Schritten auf ihn zu und blieb vor ihm stehen.

„Mein Herr,“ sagte er auf Französisch, „Sie kommen aus Deutschland: haben Sie den König von Preußen gesehen?“

George fühlte all sein Blut zum Herzen schießen und seine Knie wankten.

„Nein, mein Herr!“ stammelte er und hatte hierauf noch eine Sekunde das Glück, die blaßblauen Augen Michail Grigorjewitschs aus nächster Nähe mit dem Ausdruck mitleidiger Verachtung auf sich gerichtet zu sehen. Hierauf wandte sich dieser junge Mann schweigend ab und schritt zu seinem Standort zurück, während von der anderen Seite glücklicherweise der Vater nahte, um George nach einigen Abschiedszeremonien mit sich fortzunehmen.

In den Tagen nach dieser Soiree in der Eremitage war der Vater auffallend schlechter Laune, was sich, wie immer, darin äußerte, daß er nicht mehr als das Notwendigste sprach und sehr majestätisch und vorwurfsvoll aussah. Ohne weitere Erklärungen abzugeben, entließ er den Lohnlakaien und fand den Mietskutscher ab, welche beiden er sich seit der Rückkehr nach St. Petersburg als unentbehrlich für die Gewohnheiten eleganter Reisender gehalten hatte, ebenso wechselte er den teuren Friseur vom Newski-Prospekt mit einem Biedermann, der in Gostinnoi dwor, dem großen Bazar, eine Badestube für jedermann hielt. Schließlich, was das Einschneidendste war, er befahl George die Koffer zu packen, und im Umsehen vollzog sich eine Übersiedlung aus dem Demuth’schen Gasthof in der Nähe des Winterpalastes zu der Witwe Olga Nikolajewna Demidow, die im Wiborgschen Stadtteil ein hölzernes Häuschen besaß und den ganzen Tag über billige Tränen darüber vergoß, daß Fremde in den Federbetten des seligen Fedor Wassiliewitsch lagen, — aber was tat sie nicht dem Kollegienrat Stephan Rumowski zuliebe, ihrem Freunde, der sie überredet hatte, diese Deutschen ins Haus zu nehmen?

Indessen war ein fabelhafter Winter hereingebrochen und lag über der Stadt, den wollig weißen Bauch auf den Boden gepreßt wie ein ungeheures Polartier. Er war eisblau und rauchig, er hatte sich in die Erde gefressen, hielt störrisch stand, er wich und wankte nicht. Ganze Wälder gingen in Flammen auf, um ihn aus den Häusern zu vertreiben, und die russischen Öfen waren die einzigen wahren Freunde in der kalten fremden Stadt. George wärmte seine Hände an den Kacheln, ehe er sich morgens an sein mühseliges Tagewerk setzte, denn er übertrug ein deutsches Werk über Pflanzenkunde ins Französische und saß gebückt über Papier und Wörterbüchern, nur zuweilen aufstehend, um den Samowar zu bedienen, den anderen Freund, der unerschöpflich belebenden Tee spendete. Der Vater hatte sich angewöhnt, ihn nach russischer Art kochend heiß zu trinken, Tee und Tabak, die waren es, die ihn aufrecht hielten, während er George gegenüber ächzend an seinem Gesetzentwurf für die deutschen Wolgakolonien arbeitete. Dieses Werk hatte die Regierung von ihm gefordert, nachdem er zwei Monate lang in den Vorzimmern aller Großen herumgesessen hatte, um seines, wie er meinte, mehr als wohlverdienten Lohnes für die in einer Denkschrift niedergelegten Reisebeobachtungen teilhaftig zu werden.

„Als ob ich mich ihnen an den Hals geworfen hätte!“ schnaubte er zwischendurch seinem Sohne zornig zu, und vergaß völlig, wie angelegentlich er seinerzeit in Danzig Herrn von Rehbinder hofiert hatte, vergaß auch, daß nach den leider nicht vertragsmäßig festgelegten Abmachungen ein Teil seiner Belohnung in den Reisekosten bestanden hatte, — oder vielmehr, er vergaß dies nicht, redete sich aber nachdrücklichst ein, daß natürlich der größere Teil des ihm Zukommenden noch ausstehe. Ha, wenn es ihm nur gelingen wollte, bis zu Ihrer Kaiserlichen Majestät durchzudringen, aber da war ja ein Ring, eine Kette war um sie hergezogen und niemals erfuhr sie vielleicht, daß der unschätzbare Forster, den sie doch selbst herangezogen hatte, — nun, hatte sie etwa nicht? — „George, sage es selbst!“ — daß dieser Mann in ihrer Nähe darbte, — „ja, nächstens darben wir, George!“ — weil ihm „das ihm Zukommende“ vorenthalten wurde.

Tatsache war, daß Graf Grigori Orloff, von Gardener unaufhörlich überlaufen, eines Tages naserümpfend, da er alle wissenschaftlichen Unternehmungen Katharinas gründlich verachtete, zur Fürstin Daschkow gesagt hatte: „Dieser Deutsche redet so viel von seinen Verdiensten um die Krone, — worin bestehen sie eigentlich?“ Worauf die gelehrte Dame, ebenfalls naserümpfend, denn sie ihrerseits verachtete wiederum gründlich die Liebhaberei der Kaiserin für so schöne dumme Tiere, wie der Graf eins war, erwidert hatte: „Jedenfalls nicht in Bestrebungen, dieser Krone Erben zu sichern!“ Und mit dieser so spitzen und beinahe schnippischen Antwort war die Angelegenheit Forsters zwischen dem damaligen Günstling Katharinas und der zukünftigen Präsidentin der russischen Akademie abgetan worden, so daß freilich keine Hoffnung mehr bestand, die Kaiserin könnte gerade über diesen ihren wertvollen deutschen Diener unterrichtet werden. Denn da die Aussendung Herrn Forsters ins Wolgagebiet ganz mit Umgehung der Akademie vor sich gegangen war, hatte auch diese vortreffliche Anstalt eine Neigung, seine Leistungen so einzuschätzen wie eben die Liebhaberarbeiten eines Privatmannes, und das war’s, was Herrn Forster an jenem Abend klar geworden war.

Er war ungeheuer empört und George trug dies in Demut, ohne ganz zu begreifen, er nahm die Stimmung des Vaters, die sich immer wieder prasselnd entlud, hin wie ein Schicksal und gedachte der Tage auf der Wolga wie eines himmlischen Zufalls. Ja, schon in diesen Jahren legte er den Grund zu der Anschauung, daß das Unglück der natürliche Zustand des Menschen sei, Glück aber beinahe gleichbedeutend mit Unrecht. Mit dieser Auffassung befand er sich im ausgesprochensten Gegensatz zu seinem Erzeuger, der von Anbeginn an mit dem Leben schmollte, wenn es ihm sein Behagen, seine Speckseiten, mit einem Wort: „das ihm Zukommende“ vorenthielt, — hatte er es aber, so bediente er sich seiner mit der kindlichsten Selbstverständlichkeit, denn jetzt tat der liebe Gott ja nicht mehr, als er schuldig war.