War nun in mühseliger Arbeit das kärgliche Tageslicht erschöpft, gegen drei Uhr nachmittags also, so begann der Vater auf seinem Sessel unruhig zu werden und langsamer zu schreiben, er blickte aus dem Fenster zum Himmel, der sich über dem stumpfblauen Weiß der Dächer golden und rosig zu färben begann, und plötzlich stand er auf und begann sehr eilfertig seine äußere Erscheinung zu verschönern, wozu George schon am frühen Morgen das Notwendige bereit gelegt hatte, vor allem die apfelgrüne Schoßweste aus Seidensamt mit den Knöpfen aus Bergkristall, die der Vater neulich in dem großen englischen Bazar der Brüder Hawksford erstanden hatte, nachdem er wohl eine Stunde lang die zwölf Säle dieses Wunderhauses durchkreist hatte und immer wieder vor der Weste gelandet war, bis er endlich entschlossen sagte: „George, dein Urgroßvater war Engländer!“ Und hiermit waren die letzten Bedenken, sich für acht Rubel zum Besitzer dieses köstlichen Kleidungsstückes zu machen, überwunden gewesen. —

So weißgepudert und rosig von Angesicht leuchtete er über schneeweißem Jabot und grüner Weste, wie der leibhaftige Frühling von Yorkshire, und glich in nichts einem preußischen Prediger, was auch sein Ehrgeiz nicht war. Übrigens hatte man sich selbstverständlich auch mit Pelzwerk und den riesigen russischen Überschuhen versehen müssen, und so ausgerüstet betrat man alsbald die Straße, der Vater neugierig, vergnügungssüchtig und hungrig wie eine große stürmische Dogge, die vor lauter Lebensüberschuß tobt und bellt, George hinterdrein wie ein verfrorenes Pinscherchen, das nur ausgeht, weil es muß. Obgleich er den ganzen Tag noch nichts zu sich genommen hatte, als des Morgens zum Tee einen Kalatsch, eine dieser zähen russischen Semmeln, war er sich seines Hungers doch nicht bewußt, sondern nur einer allgemeinen grausamen Erschöpfung, einer Sehnsucht nach dem warmen Bett und eines flauen Geschmackes im Munde. Die Kälte machte ihm den Atem stocken und legte sich mit Klammern um seine Brust; Hände und Füße erstarrten, die Augen tränten ihm und halbblind stolperte er hinter dem Vater drein, der gewaltig ausschritt, vom weißen Gewölk seines Atems prächtig umwallt, im Siebenkragenpelz wie ein wandelnder Berg. Saßen sie dann glücklich in der sauren Wärme einer Garküche dem Ofen möglichst nahe und die Hände um das dampfende Teeglas gelegt, das sofort vor jeden Gast hingestellt wurde, so wurde es ja etwas besser, langsam, ganz langsam kam dann auch ein wenig Appetit über ihn, er leckte wie ein Kätzchen seine Schale mit Kascha aus und knusperte seine Pirogge, mit leiser Spannung auf ihren Inhalt bedacht und enttäuscht, wenn das Fisch war. Der Vater war sich wohl bewußt, daß es eigentlich unter seinem Stande war, zu einem Trakteur zu gehen, aber sein Hunger war größer als sein Standesgefühl, und ehe er in einen Gasthof ging, wo es für schweres Geld doch nicht satt zu essen gab, zog er mit dem Knaben lieber von einem fliegenden Händler zum andern, um an jeder Straßenecke etwas zu sich zu nehmen und dabei der Unterhaltung mit dem Volk zu pflegen, was er liebte, George aber fürchtete, denn er argwöhnte nicht ohne Grund, daß das Volk sich über das deutsche Väterchen belustigte und ihm mehr Geld abnahm, als sich mit der Rechtlichkeit vertrug. „Ein solches Leben, mein Sohn, läßt sich nur nach den strengsten Grundsätzen der Ökonomie führen“, sagte Forster jedoch nach derartigen Mahlzeiten befriedigt zu seinem Sohn und schlug den Weg zur Newa ein, um dem letzten Tagesschein noch eine Wenigkeit Amüsement abzugewinnen. Hier spielte das dicke Wintertier Fangball mit seinen Russen und der ganze breite ebene Raum der erstarrten Flußfläche zwischen Wassili Ostrow und dem Wiborgschen Stadtteil war eine einzige große Kinderstube voller Geschrei und Getümmel. Da gab es Eisberge mit Rutschbahnen, die auf flachen kleinen Schlitten hinunterzusausen Herrn Forsters Wonne, aber Georges Schrecken war, da veranstalteten die Schafpelze, die Bauernkutscher, die lustigen schmierigen Iwanuschki, die den Winter über in „Piter“ ihr prächtiges Auskommen fanden, Wettrennen auf der spiegelebenen, schneestäubenden Bahn, andere spielten Fußball, rangen und boxten und aus den Bretterbuden der Kabacken stieg unaufhörlich der schöne bläuliche Holzrauch, jedem Erschöpften Wärme, Tee und ein Schälchen verheißend. Dazwischen, auf den mit Tannenzweigen abgesteckten Verkehrswegen wälzte sich das Leben der wimmelnden Stadt schellenklirrend und geschäftig herüber und hinüber, während hinter der Kuppel der Isaakskirche der Tag verlohte und hier unten die Pechpfannen und Fackeln aufglühten, sich im Nebel mit zitternden Kreisen wechselnden Lichtes umgebend. Es war allenthalben eine Herzlichkeit sondergleichen, man war zärtlich für einander besorgt und rieb sich die Nasen mit Schnee, auch wenn es noch gar nicht nötig war, die Kälte zauberte Kräfte hervor, die Kälte machte betrunken und selig, weil man selbst so von innerer Wärme strotzte, die Kälte, kurz, war die eigentliche Mutter der Petersburger, sie säugte sie mit Tee und Schnaps und machte sie wieder zu Kindern. Hier war Reinhold Forster in seinem Element, sein großes Lachen dröhnte hinter den Iwanuschki her, die ihre Pferdchen peitschten und anschrieen, und mit ihm lachte behaglich das Volk, daß ihm die Bärte wackelten. Es mußte wohl alles so sein, dachte George, der von einem Fuß auf den andern trat, weinerlich vor Kälte und mühselig schnüffelnd. Aber, mein Gott, wie sehr zog er es vor, den Abend in der Studierstube eines Freundes zu verbringen, etwa bei dem gelehrten und gütigen Pallas, wo der Vater disputierend doch auch glücklich war, und wo man ihn, der hinter dem Ofen auf einem Schemel hockte, vergaß, so daß er im Halbschlummer sonderbare Traumreisen in die sommerlichen Wolgagefilde oder in den Lichtkreis von Mutters Kerze antrat, die jetzt doch auch brannte, fern, irgendwo, wo er vor hundert Jahren einmal im Paradiese gewesen war.

Im Frühjahr, hieß es immer, — und: wenn das Eis bricht, — und schließlich: wenn die Geschäfte abgewickelt sind … dann, ja dann würde die Heimreise angetreten werden. Was freilich dann begonnen werden sollte, darüber grübelte der Knabe manchmal vergeblich nach, denn es beunruhigten ihn unklare Ahnungen von der Gefährdung ihrer Existenz und ein instinktiver Zweifel an seinem so prächtigen Vater, den er jedesmal, wenn er sich bemerkbar machte, erschrocken wieder ins Unterbewußtsein hinabstieß, von seiner Sündigkeit überzeugt. In einem der spärlichen Briefe, die von der Mutter kamen, hatte gestanden, daß sie schon im Herbst genötigt worden war, die Pfarre einem neuen Prediger zu räumen, da von obrigkeitlicher Seite auf den im Auslande säumenden Herrn Forster verzichtet wurde. Der Vater hatte sofort gerufen, daß er dies nicht anders erwartet habe, daß es aber trotzdem eine Infamie sei und daß er mit den Herren schon abrechnen werde, — schon abrechnen … Jedoch ließ sich einstweilen nichts daran ändern, daß die Mutter mit den fünf Kindern bei Verwandten in Danzig Wohnung nehmen mußte und daß diese Tatsache zusammen mit der unsicheren Zukunft Herrn Forster gelegentlich beunruhigte, wie ein kranker Zahn, der doch einmal weh tun könnte. In solchen Tagen ließ er sein unterirdisch arbeitendes Pflichtgefühl, — eine lästige, — eine höchst lästige Krankheitserscheinung, — an George aus, es hagelte Wiederholungen auf allen Gebieten des Wissens und der Himmel ward zum Zeugen angerufen, daß es nicht seine, des unglücklichen Vaters, Schuld sei, wenn die Bildung des Knaben lückenhaft bleibe. War es nicht der Himmel, so war es Herr Dilthey, der deutsche reformierte Prediger, den man Forster als Beirat bei seiner Arbeit zugeteilt hatte, — auch so eine Kabale, zweifelte man an seinen Fähigkeiten?! — und Herr Dilthey, ein pünktlicher Herr im schwarzen Habit und kein Freund von Extravaganzen, der in diesem vagabondierenden Amtsbruder einen Hohn auf die Würde des Standes sah, bemerkte gelangweilt:

„Wir haben hier Schulen, Verehrtester, bedienen Sie sich derselben!“ worauf Forster ihn mit einem schiefen Blick ansah und in mürrisches Schweigen versank, denn er hatte nun einmal den Ehrgeiz, den Quell von Georges Bildung aus der Brunnenstube des eigenen Wissens zu speisen, — zudem kosteten Schulen Geld. Indes, um vor den Augen dieses Dilthey zu bestehen, entschloß er sich in den nächsten Tagen zu entscheidenden Schritten, und seiner Beredsamkeit an gewissen Stellen gelang es diesmal wirklich, im Gymnasium der Akademie wenigstens einen halben Freiplatz zu erlangen. So geschah es, daß George, zwölfjährig, in den drei ersten Monaten des Jahres 1767, zum erstenmal in seinem Leben eine Schule besuchte. Dort verhöhnte man ihn um seiner Aussprache des Russischen willen, man versteckte seine Bücher und verdarb seine Federn, man malte mit Kreide abscheuliche Dinge auf den Rücken seines mausegrauen Rockes und nannte ihn „Krähenfresser“, weil er unvorsichtigerweise einmal erzählt hatte, daheim habe der Vater manchmal Krähen geschossen und dieselben schmeckten gebraten nicht übel. Trotz alledem war er in dieser Zeit oft sehr glücklich, denn er hatte eine heimliche zitternde Neigung zu einem viel älteren Knaben, einem großen, faulen Schlingel, der sich von ihm den Horaz übersetzen und ihm dafür gelegentlich einen lässigen Schutz angedeihen ließ. Dieser Immanuel Oberhof, eines deutschen Kaufmanns Sohn, erinnerte ihn so stark an den Kadetten, den er bei der Fürstin Daschkow gesehen hatte, daß er der unausgesprochenen Überzeugung war, es tatsächlich mit diesem zu tun zu haben, und das Gespräch immer wieder auf den König von Preußen brachte, in der Hoffnung, sich hierdurch interessant zu erweisen. —

Die Butterwoche des Karnevals vor den Fasten war noch ein Höhepunkt in Reinhold Forsters Petersburger Aufenthalt. Er hatte seine Arbeit beendet, sie war in den Händen des Grafen Orloff und somit seiner Ansicht nach auf dem besten Wege zur Kaiserin selber, der er in der nächsten Zeit vorgestellt zu werden hoffte. Er dankte nunmehr Herrn Dilthey ab, der nachgerade anfing, ihm überlästig zu werden, das heißt, er verabschiedete sich mit einer feierlichen Vormittagsvisite von diesem zugeknöpften Herrn, der dies mit gehaltener Verwunderung entgegennahm und behutsam anfragte, ob Monsieur Forster denn glaube, seine Angelegenheit würde sich nun mit Geschwindigkeit abwickeln? Warum sie das nicht solle? fragte Herr Forster streitbar zurück. Er hatte zu der apfelgrünen Weste einen neuen pfirsichfarbenen Rock an, angeschafft für sein Erscheinen vor Ihrer Majestät, jetzt aber einzig mit der Absicht angelegt, Herrn Dilthey zu ärgern. „Warum also nicht?“ wiederholte er angelegentlichst und richtete seine Augen mit der unschuldigen Selbstzufriedenheit eines gesättigten Säuglings auf sein verkniffenes Gegenüber, wobei er die gesunden roten Backen unmerklich ein wenig aufblies. Herr Dilthey ließ einen mitleidigen Blick von ihm zu George gleiten und begnügte sich damit „Mon Dieu!“ zu sagen. Der Ton aber, in dem dies geschah, war geeignet, den Gast zu verstimmen. Er brach denn auch bald auf und war, kaum war die Haustür hinter ihnen zugefallen, im Begriff, sich seiner Meinung über diesen knöchernen Gesellen George gegenüber gründlich zu entäußern, als er fast zusammenstieß mit einem — nun mit einem Subjekt, — einem Subjekt in einem abgeschabten Schafpelz, das sich demütig beiseite drückte, als Herr Forster auf deutsch fluchte, dann aber standhielt, als der Fluch überging in die verwunderte Begrüßung: „Der Kuckuck, — Betzel! — Er ist das?!“

In der Tat war es der ehemalige Reisegefährte, der da vor ihnen stand wie der Schatten seines einstigen Selbst, und Forster wiegte mitfühlend sein Haupt, indem er leise mit der Zunge schnalzte, als er diese Erscheinung musterte, die im Vergleich mit ihrer früheren Gedunsenheit jetzt wie ein Gummiball aussah, der ein Loch bekommen hat. Betzel lachte ein wenig krampfhaft und gab an, zu dem Ehrwürdigen Dilthey zu wollen, in der Hoffnung, durch dessen Vermittlung eine Stelle zu finden, denn seine Projekte seien fehlgeschlagen, jawohl, es sei nichts mit jenem aus Hammelfett destillierten Öle, und er sähe ja selbst ein … Er führte nicht des näheren aus, was er einsähe, aber er stand so ungemein bescheiden und kummervoll vor dem prächtigen Forster, daß George vor peinlicher Beschämung nicht aufzusehen wagte. Indessen lachte der Vater überlaut und drehte Gotthold Betzel um, ihn unter dem Arm ergreifend und mit sich fortziehend. Jetzt werde man erst einmal miteinander frühstücken, dann sei es immer noch Zeit, Schritte zu tun, wenn denn Schritte nötig waren. Der Tag verlief hierauf auf das fettste und lustigste, und nachdem Gotthold Betzel etliche Schälchen zu sich genommen hatte, war er ganz der Alte, und Forster belustigte sich damit, seine Bierbankprahlereien immer höher zu schrauben und neue Projekte aus ihm hervorzulocken, kurz, er spielte ganz den großen Herrn, dem sein gutes Geld es gestattet, einen Hanswurst zu halten, und George saß daneben, bald ihn, bald Betzel anstarrend wie ein böses teuflisches Schauspiel. Ihm war weinerlich zumute, er hätte nicht sagen können warum, doch spürte er wohl mit unendlich viel zarteren Nerven als der Vater, daß der Strudel sie schon erfaßt hatte, daß der Wirbel sie mitriß und der Abgrund an ihnen saugte. — — —

Herr Forster begann nicht zu trinken, obgleich er es hundertmal die Woche verschwor, er schlug George auch nicht mehr als sonst, — das Erlebnis wachsender Hoffnungslosigkeit und steigender Verzweiflung war zu neu für ihn, als daß er sogleich die Stellung herausgefunden hätte, die er dem gegenüber einzunehmen hatte. Aber es fiel so allmählich alles von ihm ab, sein ganzes gehaltvolles Auftreten sank in sich selbst zusammen, es war, als drehte ihm eine unsichtbare Hand die Rückenwirbel einzeln heraus. Ende Februar hatte er noch die Kraft, in seinen vier Wänden gewaltig zu toben, und dann, gleichsam mit Entrüstung vollgepumpt, stürzte er zum Grafen Orloff, um in dessen Vorzimmer die schöne angesammelte Spannkraft in stundenlangem Warten langsam entweichen zu fühlen. Würde man ihn etwa wieder nicht vorlassen?

George hatte es sich angewöhnt, mit zur Schau getragenem fieberhaften Eifer zu arbeiten, wenn der Vater von diesen Gängen heimkehrte, manchmal lag er auch schon im Bett und schien zu schlafen, denn nichts fürchtete er so, wie des Vaters leeren Blick, in dem eine Ratlosigkeit sondergleichen stand. Ebenso schrecklich empfand er das veränderte Wesen des Gestrengen, das auf einmal gleichweit entfernt von aller lärmenden Anmaßung wie von jener pausbackigen Lustigkeit war, die etwas Kindliches an sich hatte und seinen Ansprüchen den Schein von Selbstverständlichkeit gab. George fühlte, daß er einen sanften Vater, der um seine Stiefel bat und für kleine Dienste dankte, weniger ertragen konnte als den alten König Minos. Da der Vater nun gänzlich aufgehört hatte, zu arbeiten, aber dennoch eine geheimnisvolle Geschäftigkeit mit Briefschreiben und Ausgängen, auf denen George nicht mitgenommen wurde, an den Tag legte, schloß er mit Recht auf den bevorstehenden Aufbruch und lauschte den empörten Klagen des Vaters über den Grafen Orloff zwar mit demütig entrüstetem Gesicht und indem er bisweilen ein zorniges dumpfes: „O!“ hervorstieß, war aber tief innerlichst überzeugt, daß, je ärger es dieser Graf treibe, ihre Abreise desto näher bevorstände, — hatte ihm nicht der Vater schon ein letztes Wort, — „ein unwiderruflich letztes, George!“ sagen lassen, nämlich er wünsche noch vor Ablauf des April in seine Heimat zurückzukehren, und nicht nur das, er hatte das Spiel so weit getrieben, die Anzeige seiner bevorstehenden Ausreise in die Petersburger Blätter einrücken zu lassen, wie es jeder Fremde gehalten war, dreimal zu tun, ehe er der Residenz den Rücken drehte, damit die Herren Gläubiger nicht um ihr Recht kämen. Ja, er spielte va banque und haute dabei auf den Tisch: tausendundeinen Rubel forderte er als sein Douceur, wohlgemerkt, einen mehr als tausend! hatte er dem Grafen ganz ohne eine diesbezügliche Anfrage mitteilen lassen, denn tausend seien nun einmal zu wenig für seine Dienste! Haha! welche Ironie, nicht wahr, welch feingeschliffener Spott, — vielleicht gar zu fein für die Lederhaut des hohen Herrn? Wollen sehen!

Erstaunlich, daß der Vater dermaßen mit einem Grafen umsprang, erstaunlich, aber zugleich ein wenig beängstigend, fand George; Gotthold Betzel aber, der gerade anwesend war und dem zu Ehren diese ganze Geschichte vielleicht zum besten gegeben ward, klatschte sich die Schenkel und lachte unmäßig. Er fand diese Art des Vorgehens außerordentlich spaßhaft. Der wackre Gotthold befand sich in besseren Umständen und war wieder ganz obenauf: er war als Hauslehrer, — als Pädagog, als Utschitschel, — in der Familie eines reichen Kaufmanns angekommen, wo er nicht allein eine Reihe von Sprößlingen in Zucht und Ordnung hielt, sondern auch eine Art von Haushofmeister darstellte, die Rechnungen zu führen hatte und vor allem Madame vorlesen mußte, — ein vielseitiges Amt also, das nicht viel Zeit zu Projekten übrigließ, bei dem man aber kleine Vorteile herausschlagen konnte, — kleine Vorteile, über die Gotthold Betzel sich nicht näher ausließ, aber bei deren Erwähnung er liebenswürdig zwinkerte. Über dem klopfte es stark an der Haustür, und der ans Fenster eilende George sah gerade noch die Rückseite eines prächtig goldbetreßten Läufers davontänzeln, während die alte Köchin Katinka mit allen Anzeichen erschütterter Demut ein Briefchen hereintrug, das Reinhold Forster ein wenig zu hastig für seine sonst zur Schau getragene Gelassenheit aufriß. „Die Sache macht sich!“ bemerkte er alsdann, richtete sich auf und rückte ein wenig mit den Schultern. Also kam man doch zum Ziel. Er war für den nächsten Morgen auf sechs Uhr zum Grafen Orloff bestellt. —

Wie sich diese Audienz abgespielt oder vielmehr nicht abgespielt hatte, das erfuhr George bruchstückweise am Nachmittag des folgenden Tages, während er mit ungeschickter Hast die Koffer packte. — Ja, mein Gott, sie würden reisen, — Dank dir, lieber, guter Gott! — und heute noch, heute abend noch! Daß das alles traurig genug war, was der Vater da erlebt hatte, nun ja, gewiß, — aber reisen! Heimreisen! Wieder zur Mutter zu kommen! Seine kleinen Hände wurden heute kaum mit den widerspenstigen Sachen, den dicken groben Stoffen von Vaters gewaltigen Kleidern, den poltrigen Stiefeln und Büchern, den zarten Jabots und Spitzenmanschetten fertig und er ließ den Inhalt einer Puderdose über Manuskripte und Reithosen niederschneien, die die große lederne Vache schon zur Hälfte füllten, während er mit offenem Munde einem Zornesausbruch des Vaters lauschte und dabei doch nichts dachte, als: „In acht Tagen vielleicht, — aber ganz sicher in vierzehn Tagen sind wir in Danzig!“