Die Sache war die gewesen, ganz einfach die, daß, als Reinhold Forster, — im pfirsichfarbenen Frack und in der apfelgrünen Weste, wie es sich von selbst versteht, — bei grauendem Morgenlicht im Palais des Grafen angelangt war, — daß er daselbst erfahren hatte: nein, — der Herr Graf seien nicht zuhause, seien zur Jagd, — seien auf den Schnepfenstrich gefahren, — hätten gewiß wieder vergessen, das Väterchen, wie schon so oft, daß sie den deutschen Herrn bestellt hatten … Möchten der deutsche Herr vielleicht morgen …

Aber da hatte Forster dem gemütlichen Dwornik mit einem Fluch den Rücken gedreht und war durch den spritzenden Schneeschlamm davongerannt. Es war aus, er fühlte es nun endlich mit unentrinnbarer Gewißheit. Nachdem er zwei Stunden lang mit vorgeschobenem Kopf und geballten Fäusten in der unbekümmerten Stadt umhergeirrt war, gleich einem wildgewordenen Stier, sammelte er sich in einer Garküche bei einem Glas Tee und einigen Piroggen so weit, daß sein Blut wieder sanfter kreiste und er sich, schwermütig kauend, zugeben konnte, daß hier, in der Tat, ein Projekt von großer Schönheit gescheitert wäre, — freilich ohne seine Schuld —, daß aber, wie schon oft im Leben bewiesen, Reinhold Forster nicht zu entwurzeln sei. Es war ein Mißerfolg, gewiß —, indessen war es ein Mißerfolg auf breiter Grundlage und dies war es, was ihn vorteilhaft von allen bisherigen verunglückten Unternehmungen unterschied. Ein Mißerfolg auf breiter Grundlage, hierunter verstand dieser schalkhafte Logiker die Berührung mit Hofkreisen und die Wolgareise an und für sich, was beides er nun einmal genossen hatte, — er hatte es sozusagen weg, und kein noch so mißgünstiger Teufel würde es ihm streitig machen können. Ein solcher Mißerfolg war schon beinah ein Erfolg zu nennen, und diesen negativen Erfolg mußte man nun eben auszunutzen suchen.

„Aufwärter! Noch ein Schälchen!“

Neue Projekte von ebenfalls und zweifellos gleich großer Schönheit hatte es ja von jeher so zahlreich wie Kohlweißlingsraupen in einem bösen Jahr in Reinhold Forsters Haupt gegeben, sie hatten sich seinerzeit verpuppt und krochen jetzt zu Dutzenden aus, um ihn mit zärtlichem Flügelbewegen tröstlich zu umgaukeln. Es galt, den nun Passenden auszuwählen und dann aber sofort und ohne Zögern und rücksichtslos zu handeln und die Schlappe auszugleichen. Und bei unterschiedlichen Schälchen faßte Reinhold Forster sein neues Ziel ins Auge, wurde warm und lebendig dabei, vergaß völlig die große Enttäuschung. Geld brauchte er, — hm, hm, — er brauchte Empfehlungen, hm! Da waren Euler, Wolf, — auch Rumowski war gut. Und dann auf die Reede, ein Schiff ausfindig zu machen!

Und also traf Reinhold Forster Maßnahmen.

Die „Mütterchen Elisabeth“, ein schwerfälliger russischer Kutter, der Holz geladen hatte und außer den Forsters keine Passagiere führte, stampfte schon zwei Tage lang westwärts, als George endlich aus der ersten Reisebetäubung aufwachte. Übrigens war er diesmal kaum seekrank geworden, es hatte sich nur nach der Aufregung des Reiseentschlusses und der Anstrengung des Packens eine Erschöpfung bei ihm eingestellt, der er sich selig hingab, fast schon in dem Gefühl, von der Mutter zu Bett gebracht worden zu sein. Nun, am dritten Tage, stand er vergnügten Herzens an der Reeling neben Wanja, dem Koch, und sah zu, wie die Möwen auf die Abfälle herabstießen, die Wanja ihnen mit einem schrillen Schrei zuschleuderte, worauf er dann eine grünliche Reihe spitziger Fischzähne entblößte und seine tranblanken Augen hinter schrägen Fettwülsten fast verschwinden ließ, während er George triumphierend zugrinste und seine Finger, — waren nicht Schwimmhäute dazwischen? — unbedenklich an seiner Bluse abwischte: Konnte er nicht großartig schmeißen, vortrefflich?! Und erst die Möwchen, verteufelt, nicht wahr! Ja, ja, der Wanja! — Es rauschte, es knatterte und brauste, Tropfenschauer sprühten aus dem schäumenden Gewoge da unten, das an die Schiffswände klatschte, der Himmel war weit und blau, von langem, treibendem Gewölk durchschifft. Wind, Fahrt und die unerklärlich prickelnde Erregung, die von der bewegten See ausgeht, überkamen den Knaben rauschmäßig; seine Kappe mit beiden Händen festhaltend, begann er von einem Fuß auf den andern zu springen und Schreie auszustoßen, mit einer Art von Tanz und Lobgeheul den Göttern der Ostsee zu huldigen, nicht wenig gestärkt durch Wanjas Beifall, der sich vor Vergnügen auf die Schenkel schlug, anfeuernde Rufe ausstieß und nicht übel gewillt schien, auch seinerseits in einen Tanz auszubrechen, denn er stemmte die Arme in die Seiten und begann mit eingeknickten Knien in verwunderlicher Weise vor- und zurückzuspringen. In diesem Augenblick hielt George inne, — war er von einer Ahnung überkommen, daß es sich immer strafte, wenn er sich selber vergaß? — sah um sich, bemerkte den Vater in einiger Entfernung, nahm Haltung an, bemerkte aber, immer noch, von innerem Jubel geschüttelt und übermütig genug: „Ha, — wenn er anhält, der Wind, sind wir übermorgen in Danzig? He, Wanja, so ist es?“ Wanja hierauf, ein paar blutige Fleischstücke auflesend, die aufs Deck gefallen waren, und sich wieder in Schleuderhaltung aufstellend, antwortete: „Wai, Väterchen, Danzig?“ Warf sodann ein Stück Rinderherz in prächtigem Bogen einer grauen Möwe entgegen, die herumschwenkend silberweiß aufglänzte, — wandte sich George ganz zu und sagte unbefangen: „Legen wir doch gar nicht in Danzig an, Väterchen, — halten wir nicht, eh’ in London am Themsekai, Towerstairs …“ und bemerkte es gar nicht, daß George einen Schritt von ihm zurückwich und mit beiden Händen nach seinem Herzen griff, — ja, es ist wahr, er nahm diese romantische Pose ein, woraus zu ersehen ist, daß es keineswegs ein abgenutzter Theatertrick ist, sich nach dem Herzen zu greifen, wenn es vor Schreck stillzustehen droht, denn hier war es die unmittelbarste Bewegung von der Welt. Ganz matt, mit blutlosen Lippen, drehte er sich zu Herrn Forster um, der soeben herantrat, dem Anschein nach harmlosen Frohsinnes voll, und legte die zitternde Hand auf seinen Ärmel. „Aber Vater!“ sagte er jammervoll, — wie würde er diesen Schlag tragen, der Vater? — „hören Sie doch nur, was dieser Mann da behauptet! Er sagt, daß wir in Danzig gar nicht anlegen, sondern erst — in London …“ Es war zunächst nichts als Angst vor dem Eindruck, den diese Mitteilung auf den Gewaltigen ausüben würde, die die arme kleine Stimme beben ließ, ja fast ein Schuldbewußtsein, — der Vater machte ihn für so viele Dinge verantwortlich —, hätte er nur aufgepaßt, hätte er vielleicht vorgestern auf der Reede in Petersburg gefragt: „Geht es auch nach Danzig, dies Schiff, die ‚Mütterchen Elisabeth‘, mein Herr Kapitän?“ In der Tat, dann hätte es abgewendet werden können, dies Unheil! Nun, er wußte ja, was es zu bedeuten hatte: Zeitverlust, — man denke: die vergebliche Reise nach England und von dort wieder zurück nach Danzig, und dann: unendliche Kosten, Geld, Geld, das nicht vorhanden war, das man aufnehmen mußte, Schulden also, und — demnächst würden sie darben müssen, wie Herr Forster immer beteuerte, am liebsten, wenn er so recht behaglich beim Essen saß. O, nun dauerte es noch so viel länger, bis man die Mutter wiedersah und es gut bei ihr hatte, — aber dieser Gedanke trat ganz zurück hinter der unmittelbaren Furcht, welche Formen die Enttäuschung des Vaters annehmen würde. Herrgott, wenn er nur nicht ins Wasser spränge im ersten Schrecken, — man konnte nicht wissen —, wenn er dem Kapitän nur nichts antäte oder Wanja am Kragen nähme! Sie konnten nichts dafür, freilich, — aber wenn dem Vater etwas schief ging, hatte immer der Nächstbeste schuld, und so, — George trat tapfer wieder einen Schritt vor —, so war es vielleicht besser, der Schlag traf ihn, und er zog die Schultern etwas an, des Ausbruchs gewärtig, dessen Notwendigkeit er sich während kaum mehr als einer Minute dramatisch vorgestellt hatte. Indessen geschah ihm wie einem, der, mit schrecklicher Angst vor dem Knall, ein Gewehr abzufeuern sich entschließt, das dann versagt, kurzum, auf des Vaters Gesicht malte sich durchaus keine entsetzte Überraschung, kein Schreck, keine Entgeisterung, Herrn Forsters Augen drückten nichts aus als unruhvolle Verlegenheit, er wandte sich halb ab, er griff nach dem Taschentuch, er schneuzte sich ausgiebig und starrte dabei in die Ferne. Räusperte sich sodann, ließ ein betretenes: „Du weißt es also noch nicht, mein Sohn!“ vernehmen und blickte jetzt einigermaßen hilflos auf den Knaben nieder, der mit hängenden Armen und so verzweifelt begreifend zu ihm aufsah, daß selbst diesem niemals um eine Begründung seiner eigenen Taten verlegenen Herrn das Wort versagte und er zunächst nur murmelte: „Allerdings, — ich hätte dich einweihen sollen!“

Hatte ihn nun die Angst vor der unerfreulichen Begleitung eines enttäuschten und heimwehkranken Kindes davon abgehalten, George rechtzeitig von seinem Plane, nach England zu gehen, in Kenntnis zu setzen, so hatte er dem Augenblick, in dem George sich über die Veränderung des Reisezieles klar werden würde, doch beständig mit peinlichen Befürchtungen entgegengesehen und konnte nicht umhin, sich nun angenehm überrascht zu sehen. Er gab angesichts der tanzenden Ostsee einige hastige, wortreiche Erklärungen ab, verglich die Aspekte, die die Heimat bot, mit denen, die einem Gelehrten von seinen Fähigkeiten in England leuchteten, erwähnte Empfehlungen an die Londoner Freimaurerloge, die er in der Tasche trug, eröffnete Ausblicke, — nun eben, Ausblicke! und fand den Knaben an seiner Seite blaß, aber aufmerksam lauschend. Die Mutter, natürlich, die Mutter würden sie nachkommen lassen, sobald sie in London festen Fuß gefaßt haben würden, dies verstand sich doch von selber, setzte er am Schluß in plötzlichem Besinnen hinzu und sah erleichtert ein mattes Lächeln über das kleine Gesicht gleiten, während ein leises: „Merci bien, très cher papa!“ ihn auf einmal davon überzeugte, daß er im Grunde doch außerordentlich dankenswert gehandelt habe. George benahm sich raisonable, aber, beim Jupiter, wie sollte er auch nicht, dies war eigentlich nicht mehr als seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit. Soweit war der Fall für ihn erledigt und abgeschlossen, er war für den Rest des Tages besonders gutgelaunt und blieb es die ganze Reise über, obgleich er am Kattegatt zum erstenmal seekrank wurde, und zwar gleich so ausgiebig, daß er sich verschwor, den Eltern des Janusch bei erster Gelegenheit den rückständigen Lohn ihres Sohnes zukommen zu lassen, — und hierin offenbarte sich, vom Dämon eines erschütterten Verdauungsgewindes ans Licht getrieben, die Erkenntnis, daß einer der Gründe, die ihn der Heimkehr aus dem Wege gehen ließen, dieser war, daß er den Janusch nicht wieder mitbrachte. Er hatte sich zwar längst eingeredet, der Janusch habe am Hofe eines Mongolenkhans eine Stellung eingenommen, die seinen Meriten besser entspräche als der Dienst bei einem schlichten Pilger der Gelehrsamkeit, — aber, immerhin, — ganz ließ sich sein Gewissen nicht betäuben und ein Verantwortungsgefühl lebte zuweilen auf und mußte durch Opfer und Versprechungen beruhigt werden wie ein unzufriedener Götze, bis es nicht mehr störte.

„Merci bien, très cher papa!“ — ja, was hätte er im Augenblick, als statt des erwarteten Zornesausbruchs so sanfte schnelle Erklärungen kamen, anders empfinden und denken können, vielleicht grade wegen der ungeheuren Enttäuschung, die mit einem Schlage sein ganzes Auffassungsvermögen lähmte und totes Grau auf die Welt herniederriß, die eben noch so farbig und verheißungsvoll geleuchtet hatte. Es ist die Erwartung der Liebe allein, die einem Herzen von der Demut, ja fast Unterwürfigkeit des kleinen George Schwung und Feuer zu leihen vermag; und seine Liebe hatte sich seit Wochen mit immer zunehmender Sehnsucht auf die Mutter gerichtet und damit unbewußt auf ein Leben der Geborgenheit in friedlicher, reinlicher Häuslichkeit. Er hatte die vielen Wunder so zum Sterben satt gehabt, ohne es einem Menschen, am allerwenigsten sich selber, eingestehen zu können. Satt hatte er die ausgestopften Märchentiere im Museum der Akademie, den Elefanten und den weißen Meerbären, die mongolische Kuh mit dem Pferdeschweif und das wilde Schaf mit den Riesenhörnern, — ganz zu schweigen von den vielen Mißgeburten in Spiritus und der Hornkröte, der Pipa, von der ewig die Rede war und die ihre Eier auf dem Rücken ausbrütete. Er war gelangweilt von dem Gottorpschen Globus mit seinem Planetarium, und es war ihm ganz gleichgültig, daß dies das achte Weltwunder vorstellen sollte, — ebenso wie ihm die botanischen Gärten auf der Apothekerinsel, das hölzerne Häuschen Peter des Großen und die Mammutsknochen gleichgültig waren, die Pallas mit ebensoviel Scharfsinn als Gelehrsamkeit als aus einer allgemeinen Überschwemmung herrührend erklärte. Was war ihm die surinamische Goldschnepfe, was gingen ihn die tangutischen Manuskripte an, die Peter der Große schon 1720 nach Paris gesandt hatte, um zu erfahren, was eigentlich darin stünde. (Ein Abbé Bignon hatte sie sogleich ins Lateinische übertragen und den großen Zaren durch eine gewisse klassizistische Geistesfärbung dieser Mongolenweisheit höchlichst überrascht, und wiederum war es dem ebenso gelehrten als scharfsinnigen Pallas vorbehalten geblieben, festzustellen — mit empörter Genugtuung festzustellen! — daß auch nicht ein Wort des Originals in dieser Übersetzung stand!) Mit einem Wort: was ging einen kleinen Knaben, der müde, blaß und elend war, die ganze bunte aufdringliche Welt an, wenn er noch irgendwo bei einer Mutter ein wohlgeschütteltes Bett, sein sorglich bereitetes Essen und die ganze Heimatluft einer vollen Kinderstube haben konnte, — konnte, — konnte, denn besessen hatte er diesen Segen ja in Wirklichkeit nie, und darum quälte ihn wohl diese beständige dunkle Sehnsucht danach, ließ ihn seine Pflichten verrichten, wie eine stöckrige Maschine und mit müdem, kleinem Muffgesicht an den Kuriositäten vorüberschleichen. Im Anfange hatte er sich eingebildet, die Kaiserin Katharina sehen zu müssen, hatte ihrem Amtssiegel, einem Bienenkorb mit der russischen Umschrift „Nützlich“ auf einem Schreiben an den Vater Ehrfurcht erwiesen wie einem Fetisch und mit starker Neugier auf die Geschichten gehorcht, die man sich an allen Straßenecken von dem Leben am Hofe erzählte. Auch dies hatte völlig an Interesse verloren, je länger der Petersburger Aufenthalt dauerte, je tiefer das Wunder der Wolgareise hinter ihm versank und je mehr im Verhältnis dazu seine Gesundheit abnahm. Schließlich hatte er nur noch an die Mutter denken können, wie ein Verdurstender in der Wüste auch nur eines Gedankens fähig ist, und dann, dann hatte er sich eben unvorsichtig, ohne den geringsten Zweifel, ohne eine innere Mahnung an vergangene Enttäuschung zu erhalten, übermäßig beglückt, berauscht, tölpelhaft selig hatte er sich der Gewißheit des nahen Wiedersehens hingegeben. Ja, und nun …

Und nun weinte er weder noch ballte er tückische kleine Fäuste oder stampfte den Boden, als der Vater den Rücken gewandt hatte. Er legte sich einfach für den Rest der Reise in seine Koje, dies war es, was er sich leistete, dort lag er stundenlang mit offenen Augen und dachte immer wieder dasselbe, das anfing: Also nicht nach Danzig … aber ebenso schlief er auch stundenlang mit bleichem Gesicht und geöffnetem Munde. Wenn der Vater zu ihm kam, empfing er ihn freundlich und aß gehorsam, was ihm gebracht wurde, aber der Verkehr mit ihm war nicht viel ergiebiger als mit einer sprechenden Gliederpuppe, und so blieb er viel allein, was ihm auch recht war, denn: hätte es nicht doch plötzlich eintreten können, daß er dem Vater in sein zufriedenes, rotes Gesicht hinein hätte weinen müssen, weinen, weinen … Es kam ja nie dazu, aber es war sehr wunderbar, denn er träumte doch so oft, daß er weinte, — nur im Wachen gelang es ihm nicht, da war alles so fern, wie hinter Glas.

Jedenfalls war ein anderer George Forster am Newski-Prospekt auf die „Mütterchen Elisabeth“ gegangen als der, der nach drei Wochen die Tower-Stairs in London emporstieg. Wohl erschließen sich auch solche Blüten noch, um Frucht zu bringen, die in der Knospe vom Frost getroffen wurden. Aber, guter Gott, wie sehen sie aus und wer will sie noch Blüten nennen? —