„Meinst du?“ fragte Therese tonlos und ihre Augen wanderten, — „ja, du magst recht haben …“

Sie duldete seine Liebkosungen. Er fühlte müde kleine Hände seinen Nacken streicheln und überließ sich besinnungslos der Zärtlichkeit, die aus seinem Herzen brach. Er lag, veratmend, neben ihr, die Stirn an ihrer Schulter, fühlte sein Blut so sanft, wußte: nun kommt Schlaf, — da hörte er ihre Stimme:

„George“, flüsterte sie, „du und Langmayer, ihr glaubt es nicht, — aber wenn ich dennoch stürbe …“

„Therese!“

„Ich weiß, Freund, ich weiß, — du ertrügest es nicht. Und ich muß leben, deinetwegen. Aber dennoch, — was ist unser Wille? Und wenn ich stürbe und du gehst allein nach Deutschland zurück, — geh zu Assad, George, er wird dir wohltun, er wird um mich weinen, — er kannte mich gut, — obschon ich weiß, er hat viele Freundinnen …“

Therese dachte an ihren Tod. Therese dachte an Assad. Aber nun atmete sie im Schlummer wie ein Kind, und George wachte und starrte ratlos in die Nacht.

Des Morgens frühe mit der Sonne auf, einen Gang durch das Gärtchen getan, Zwiesprach gehalten mit den guten Geistern der Erde, den Teller voll Obst mit Milch, seien’s Himbeeren, seien’s Erdbeeren geschluckt, wie es der wackere Sömmerring verordnet hatte zur Reinigung des Geblütes; ausgeruhten Kopfes alsdann am Schreibpult gestanden und bis zum Frühstück die Übersetzung der Reisebeschreibung Cooks um ein paar saubere Seiten gefördert, das war der Auftakt zu jedem fruchtbaren Arbeitstag, — oh, nun seit Monaten schon! Das kurze Beisammensein mit Therese am Tisch, von gutem Gespräch belebt, etwa über die Frage, ob Therese, die Tochter, — da war sie, da schrie sie, da näßte sie Windeln nun fast schon ein Jahr lang und war kein Junge und doch so unbegreiflich lieb, — ob dieses annoch lallende Würmchen würde Polnisch lernen müssen oder nicht. Und da Polnisch so viel hieß wie Katholisch, bewahre sie also der Himmel! Ja, die Pfaffen strichen ums Haus wie die Aasgeier, fand Therese mit großen Augen streitbar, da war besonders so ein langer, dürrer mit spitzen Ohren und knolliger Nase, der versuchte seit gestern die Liese in Gespräche zu verwickeln, wenn sie das Kind spazieren trug, — näherte sich ihr mit Blumen in der Hand …

„Es war der Pater Liborius, er brachte mir ein paar Zypressenzweige für die Raupen von Deilephila euphoribae und konnte unsere Wohnung nicht finden,“ sagte George begütigend.

„Gleichviel. Es sind alles Vorwände! Wölfe in Schafskleidern!“ grollte Therese. Nun, von solchen Gesprächen, die auch um die Politik der Kaiserin gegen die Türken, oder um die Heiratsprojekte des guten zögernden Sömmerring oder um die Anmaßung des Herrn Kant in Königsberg, über die Verschiedenheit der Menschenrassen mitreden zu wollen, oder um die Schlamperei der Langmayer, ein ergiebiges Thema! — gehen mochten, — von solchen Gesprächen also erfrischt und gestärkt nach je einem Kusse auf die Stirnen von Weib und Kind wieder das Kabinett aufgesucht, Folianten gewälzt, Papier gefalzt, mit der Feder geraschelt, kurzum betriebsam gewesen, Material zusammengetragen für die Elementarlehre des Naturreichs für Schulen, zu der der große Camper in Harlem ihn angeregt hatte, an den Ausarbeitungen der Vorlesungen über Mineralogie im kommenden Semester geschrieben … Zwischendurch auf und niederwandelnd mit sich selbst über Mendelssohns „Morgenstunden“ deraisonniert, sich im Geiste mit Lessing und Jakobi darüber auseinandergesetzt und sich in der Stille der eigenen Klarheit gefreut, — auch sich Notizen gemacht für einen Brief darüber an Sömmerring; — Lavatern abgetan, der ein Schwärmer war und blieb, zu Cagliostro gehörte, zu Schrepfer, Gaßner und ähnlichen; endlich noch vor Tische den Bisonskopf, den der junge Studiosus von Howen am Morgen gebracht hatte, zum Versand an Sömmerring präpariert und mit Langmayer ein weniges über die Struktur des Wiederkäuerschädels geschwatzt, — ha, war das nicht exemplarisch der Vormittag eines Mannes im Zenith seiner Kraft, auf der Höhe des geistigen Schaffens? Im Sommer schien auch in Polen die Sonne und reifte die Saat; ein Mann, mochte er in der Welt stehen, wo ihn das launische Schicksal hinwarf, er fand seinen Wirkungskreis, und Befriedigung quoll einzig aus dem stolzen Gefühl des eigenen Busens. Die Welt, die ihn eine Weile vergessen zu haben schien, hatte sich seiner mit Heftigkeit wieder erinnert, wie ihn dünkte, und wenn die Nachmittagsstunden nach kurzer Ruhe der Abfassung populärer gelehrter Aufsätze für die deutschen Journale, sei’s für die Göttinger Anzeigen, für Bertuchs „Journal für Luxus und Mode“ oder für Lichtenbergs Kalender, und der Erledigung der Korrespondenzen gewidmet waren, so war’s eine knappe Zeit zu nennen, gemessen an der Überfülle dieser Arbeiten. Immerhin, er beherrschte jetzt die Materie, es war Methode in seiner Art, den Stoff zu überschauen und zu gliedern, sein Stil war geschmeidig und ein brauchbares Werkzeug, um die spröde Masse der Wissenschaft in Anschauung umzusetzen. Industria lapis philosophorum! dachte er, mit einem verlorenen Lächeln auf seine Niederschrift gebeugt, — freilich, jetzt wandelte er Blei in Gold! Therese, — das Kind, — sie wollten leben und sollten es gut und sorglos. Therese brauchte nicht zu wissen, wie sehr ihn die Ansprüche des täglichen Verbrauches auf einmal überstürzten. Therese sollte leben wie die Lilien auf dem Felde und die Vögel unter dem Himmel! Eine Hütte, ein Gärtchen mit Bohnen, Erbsen, Kohl und Spinat, eine Rosenlaube und Astern, ein Stückchen Feld, eine Ziege im Stall, grobe Schuhe und ein kamelottenes Kittelchen, — freilich, so schwärmte sie, dachte er gerührt, nicht besser wollte sie es haben, arbeiten wollte sie Tag und Nacht für ihn und das Kind! Wer aber kannte das Idyll von der Hütte und dem Stückchen Land und der Ziege im Stall besser als er? Oh nein, er war nicht Reinhold Forster, der sein Weib arbeiten ließ wie eine Magd, oh nein, Wilna sollte kein zweites Nassenhuben sein! Und dann, — er lächelte ein wenig, — „eine Hütte“, sprach sie, und: „Georgie, der Michal frisiert wie ein Stallknecht, ich kann seine Hände nicht an mir ertragen, und die Marischa ist so schrecklich katholisch und schmutzig, — ob wir uns nicht doch den Mühlhausen aus Cassel verschreiben?“ Und: „Georgie, ich wollte es nur gesagt haben, es steht eine Chaise zum Verkauf beim Starosten Rubinski, — sie, die Rubinska, ließ es mir sagen, — nun, ich will dir nicht zureden, aber die große Kutsche hängt so schlecht in den Federn, das Röschen weint bei den Stößen, wenn wir spazieren fahren …“ Und: „Georgie, der Schwarz fährt zur Messe nach Leipzig, ich gebe ihm Auftrag für ein Stück Bielefelder Leinen, du brauchst Nachtcamisöle, Georgie. Und, — nun ja, meinst du nicht auch, man könnte eine neue Kaninchenkatze für mich brauchen?“

Die Kaninchenkatze war Theresens Muff, sie hatte sich im vorigen Winter immer die räudige Katze schelten lassen müssen, weil sie irgendwo einen kleinen abgeschabten Fleck hatte. Die Langmayer besaß einen Zobelmuff.