Auch dies begriff er nicht. Therese dachte immer an ihren Tod. Therese war des Morgens vor Tage auf, trillerte wie eine Lerche, — und dachte an den Tod. Therese hielt in aller Frühe eine Heerschau über ihr Gesinde ab, gab die Losung für den Tag aus, verteilte die Arbeit, nicht ohne die Marischa in scherzhaften Wendungen, die durchs ganze Haus schallten, von ihrer Meinung über ihren mangelnden Reinlichkeitssinn unterrichtet und den Joseph ob seiner Trägheit bedroht zu haben, — und dachte an den Tod. Therese saß mit ihm am Frühstückstisch, ihre Hände bewegten eine Strickarbeit, ihre Augen hingen gebannt an den Seiten eines französischen Buches, beim Umblättern fand sie Zeit einen Bissen, einen Schluck zu nehmen, ihm einen Blick, ein Wort zu schenken, sei es „Forster, mein Engel!“ oder „Iß, mein Georgie!“ — und dachte an den Tod. Therese tanzte treppauf, treppab durchs Haus, kramte in Schränken, klimperte auf dem Klavizymbel, sortierte Sämereien, betrachtete ihre Souvenirs und Silhouetten, ordnete ihre Schmucksachen, lief mit der Langmayer in die Kirche, einem Hochamt beizuwohnen, brach in sein Kabinett ein, um sich sowohl über die Langmayer — „sie verpolackisiert, Georgie, es ist eine Schande!“ — als über den Katholizismus auszuhalten — „Pfaffenglanz, Affentanz!“ — Therese rief: „Ich störe dein Werk, vergib mir!“, eilte lachend hinaus — und dachte an den Tod. Es mochte ein Fest geben, eine der Assembleen, die ihn so schrecklich langweilten, etwa fetierte ein Würdenträger seinen Namenstag mit einer Schmauserei und Musik. Therese machte aufs sorgfältigste Toilette, Therese putzte ihn, — George, — aufs gewissenhafteste, daß er auch nicht im Kleinsten gegen die Mode verstieß, Therese strahlte an seinem Arm durch die Gemächer, war huldvoll, war graziös, funkelte vor Belustigung über die schwarzen Dohlen, die Herren Paters, die nun wahrhaftig in ihren langen Weiberröcken zur Polonaise antraten, neben sich die schillernd sich brüstenden polnischen Damen. Therese kokettierte nichtsdestoweniger wahllos, sowohl mit den Schwarzröcken als mit den polnischen Granden, wanderte von einem Arm an den andern und bezauberte selbst Monseigneur, den Bischof bis zu folgender Unterhaltung, an die sie sich in den nächsten vier Wochen unter großem Gelächter alle paar Tage erinnern mußte, die, dies war nicht zu bezweifeln, in jeden ihrer zahlreichen Briefe eingeflochten wurde:
„Mais en conscience, Madame,“ hatte Se. Eminenz hinter der scherzhaft vorgehaltenen Hand gefragt, „Quel âge avez-vous donc?“
„En dix ans, mon Prince (nein, Georgie, dieser alte violette Suitier!), je ne vous dirai plus la vérité. Aujord’hui j’ose la dire, — j’ai vingt et un ans passé.“
„Comment! Mais vous avez l’air d’un enfant de treize ans!“
„Ha ha ha, Georgie, und das mir, einer Frau, die nächstens Mutter sein wird. „Grâce à ma conduite folle, grâce à ma conduite folle, Monseigneur!“ hab ich gesagt, ha ha!!“
Solche und ähnliche Erlebnisse hatte Therese in Hülle und Fülle, — indes, sie dachte an ihren Tod. Sie litt zeitweise unter den Widerständen, die ihr Körper der Entwicklung seines neuen Zustandes entgegensetzte, unter den Anfällen von Übelkeit, unter einer krankhaften Abneigung gegen gewisse Speisen, sie beobachtete peinlich berührt, daß Hals und Arme an Fülle einbüßten, je schwerer die Last ihres Leibes ward. Sie ließ sich die Ader schlagen — „Unnützerweise, Freund, — doch es beruhigt sie und wird nicht schaden“, sagte der wackre Langmayer zu George, — sie litt an Blutandrang zum Kopf, an Schwindel, an einem Zittern der Knie. Sie litt nicht im Verborgenen, o nein, das Haus erfuhr es, daß sie litt, doch schien dies Leiden mehr oder weniger ebenso gut ein Anlaß zum Bewußtwerden der Daseinswonnen und eine Art von Genuß zu sein, als ihr niemals gebrochener Tätigkeitsdrang. Es war dies nicht der Grund, daß Therese an den Tod dachte, fühlte George, und daß sie ihre Briefe zu Abhandlungen über die letzten Dinge werden ließ, — Abhandlungen, die sie ihm gelegentlich vorlesen mußte, wenn sie besonders wohlgelungen schienen. Da saß sie vor dem geliebten kleinen Mahagonibureau, das er ihr zur Hochzeit geschenkt hatte, samt all den Erinnerungen bitterer und süßer Arbeitsstunden unter allen Himmelsstrichen, die es barg, — sie hatte es The Resolution getauft, um die Meere des Gefühls darauf zu befahren, — da saß sie, die Füße auf dem Kohlenbecken, vorgebeugt auf die Schreibplatte, den Blick schwimmend zum Fenster erhoben, die Feder an den Lippen. Er ging behutsam durchs Zimmer, oh, er hatte ja nicht herantreten wollen, es hätte nicht dieser Bewegung bedurft, als wollte sie das Geschriebene vor seinen Blicken schützen! Sie schrieb, sie korrespondierte, auch er tat das, gewiß, wenn schon nicht so — pflichtgetreu wie sie. Da waren die Eltern, — eine Frau, eben noch selbst Kind in der Hut zärtlicher Eltern und nun in der sarmatischen Wildnis, in dieser Lage, sie bedarf ihrer Mutter! — da waren die Freundinnen, Musen und Grazien auf dem Parnaß, der Göttingen hieß, und unter denen sie nicht die Letzte gewesen war, — da war — jener, der Assad genannt wurde. Jener, der in einer Mondnacht zwischen Cassel und Göttingen einst das seltsame Wort von dem Pol der Geburt und dem des Todes gefunden hatte, der sein schönes Gesicht so fern, so beruhigend fern von Wilna durch die Welt trug und seine Bonmots immerhin verschwenden mochte, wo es ihm beliebte, da er dann nicht darauf versessen schien, sie Briefen anzuvertrauen, grâce à Dieu! Warum aber bedurfte jener, der Assad genannt wurde, — und warum wurde er so genannt? „O, Lieber, — weil er so um sich werben ließ, wie Lessings Tempelritter, ehe er Zutrauen faßte“. — „Und das sagst du mir?“ — „Aber — Georgie …?“ Warum bedurfte jener so häufiger, so ausführlicher Berichte über das Leben, die Gefühle, die Todesnähe Theresens, Berichte, unter deren Abfassung The Resolution schwankte wie nur je im Südwestpassat? Warum mußte von ihm gesprochen werden, abends, wenn George bei Therese auf dem grünen Kanapee saß und Archenholtzs „England und Italien“, aus dem er vorgelesen hatte, sinken ließ, weil er schon seit einer Weile fühlte, daß Theresens arbeitende Hände ruhten und sie ins Kerzenlicht sah? Er hatte vielleicht gedacht, Therese sähe so still ins Kerzenlicht, weil sie müde sei und wünschte, auch er, George, möchte bald ein wenig müde werden. Wollte er nicht gerne müde sein, müde mit Therese? Aber da wandte sie ihm die Augen zu und ihr Mund hatte jenes unbestimmte fortgleitende Lächeln, als sie sagte: „Georgie, — ist das nicht zum Lachen? Assad spricht in seinem Brief, — dem Brief, weißt du, vor vier Wochen, — von meinen zukünftigen Kindern, und in demselben Brief nennt er mich eine Vestalin!“
Was, so fragte sich George, nachdem er etwas von contradictio in adjecto gemurmelt hatte, was gingen Assad, — und zum Teufel, er hieß einfach Herr Meyer! — was also gingen Herrn Meyer Theresens zukünftige Kinder an, — und meinte er etwa, sie kämen durch Überschattung des heiligen Geistes zustande? Ich kenne die Frauen nicht, erklärte George sich selbst, jetzt erst erfahre ich, mit welcher Zärtlichkeit sie der Freundschaft die Treue halten. Mochte denn das Wohnzimmer ein Tempel des Gedenkens sein, er trug die Silhouetten seiner Eltern, seiner Freunde herbei, um sie neben denen von Theresens Teueren aufzuhängen. Er war der Letzte, das Glück des Erinnerns, des Sichversenkens in die Seelen der fernen Geliebten zu verdammen, und gab es ein edleres Vergnügen als mit Therese in Wonne und Wehmut zu vergehen vor dem Bilde eines Jakobi, vor den Zügen seines Sömmerring, Tränen zu vergießen in den Gefühlen, wie sie der Anblick des Pastells heraufbeschwor, das ein Abglanz war der vom Tode berührten Schönheit jener unglücklichen Auguste, die an Theresens Herzen gestorben war? O, er wollte nicht ausgeschlossen sein von Theresens Freundschaftstempel, wollte mit ihr anbeten, schwärmen, sich entzücken, Balsam finden für die Wunden der Vereinsamung unter diesen bunten polnischen Tieren, wollte mit ihr vereinigt sich hinschwingen in den Kreis der ihm verwandten Seelen. Hatte er nicht mehr als guten Willen, sie zu begreifen, hatte er nicht dieselben Bedürfnisse des Herzens, wie sie? Sie waren doch eins, — eins auch in diesen Dingen? Indessen, — warum mußte Meyers Schattenriß dort allein in der Fensternische hängen, wo Therese ihn vor Augen hatte, wenn sie an ihrem Tischchen saß und The Resolution sie nach Deutschland trug? Warum stand ein Topf mit Immergrün auf einem Brettchen darunter, warum hauchten Hyazinthen, Goldlack und Tazetten den langen Winter und den grauen zögernden Frühling hindurch ihren Duft zu Assads schönem, hochmütigen Profil empor, wie Opferrauch? Wenn er mein Freund wäre, dachte George einmal, als er vor Tisch in das Zimmer gekommen war, und es noch leer gefunden hatte, und betrachtete das Bild mit sehnsüchtiger Erbitterung, — aber er ist nicht mein Freund! Er wußte es trotz aller Grüße und Komplimente, die ihm mit jenem unbegreiflichen Lächeln ausgerichtet wurden, — Meyer war nicht sein Freund. Nie war ein Mensch von dieser gleitend geistreichen Art und dieser Selbstverständlichkeit des eleganten Auftretens, nie war so ein beneideter sorgloser Plauderer sein Freund gewesen. Sie schienen Geheimnisse zu wissen, diese Menschen, deren Erwerbung ihn seine zwangvolle Jugend hatte versäumen lassen. Mit Aufbietung aller Kräfte konnte er ein paar Stunden, einen Abend lang Schritt mit ihnen halten, — immer aber fühlte er, daß er Blöcke wälzte, wo sie mit Bällen spielten, — ja, ihre Zustimmung, ihre Bewunderung, empfand er sie nicht meist wie Heuchelei, wie Hohn? Waren sie nicht Feinde, glatte, glänzende Feinde, die hinter der Maske des Gönners ihren Neid auf den bitter erworbenen Ruhm verbargen? Nein, Meyer war nicht sein Freund. Aber ich will ihn lieben, dachte George, mit einer fanatischen Umschaltung des Willens, ich will ihn lieben, denn ich gehöre Theresen. Ich gehöre Theresen, dachte er verzweifelt, und was wäre ich, wenn ich mein Herz nicht in ihres fügte, wohin es immer gehen möge?
Assad also, morgens, mittags und abends. Assad um Mitternacht, in Augenblicken, da die Welt völlig versunken zu sein schien vor dem Glück der gegenseitigen Nähe. Ja, Assad selbst in solchen Augenblicken! „Der arme Assad, Georgie, er ist immer so allein!“
Therese, hatte George bei Gelegenheit dieses Ausspruches sich selber innerlich zugerufen, — er mußte etwas in sich überschreien; es war da nichts zu jammern, für sein Herz, o nein! — Therese ist ein Kind, wahrhaftig, sie ist ein Kind! Und sich herumwälzend, daß er nahe neben ihr lag, den Kopf in die Hand gestützt und ihr eindringlich in die Augen blickend, sagte er: „Therese, Assad ist gar nicht allein. Du bist seine Freundin, ja, wir lieben ihn, aber wir sind nicht die einzigen, die das tun. Du weißt es doch. Assad hat viele Freunde.“
„Assad hat viele Freundinnen“, fuhr er fort, mit uneingestandener Genugtuung bemerkend, daß Theresens Augen sich weiteten und sie seinen Worten entgegensah mit einem hilflosen Beben ihres Mundes, das ihm ein sonderbares Gefühl der Macht über ihr Herz gab, ein sehr seltenes, berückendes Gefühl, — „du weißt es doch, wie wir alle in Göttingen es wußten: Assad fliegt von Blume zu Blume, er ist ein schöner Schmetterling.“