Zweiter Teil. Ariadne
Las dieser letzte Satz seines Briefes sich etwa so, als wollte er, George, sich beklagen? Da sei Gott vor, — nicht einmal vor sich selbst tat er das, — geschweige denn dem guten Sömmerring gegenüber! Ganz im Gegenteil! Er überlas noch einmal die letzten Zeilen, — malte er da nicht ein Bild häuslichen Glücks, daß es dem armen Teufel, der immer noch allein hauste, beim Lesen ganz verlassen zumute werden mußte? Und diese Worte, die er eben geschrieben hatte: „Therese ist trotz ihres Zustandes von unbegreiflicher Beweglichkeit des Körpers und des Geistes …“ die fielen doch gar nicht aus dem Rahmen heraus, klangen doch nicht anders als die Feststellungen über seinen eigenen Gemütszustand, seinen Tageslauf, seine Arbeiten! Es störte ihn doch auch gar nicht, störte ihn nicht im geringsten, dachte er und horchte hinaus, daß das Haus von früh bis spät widerhallte von Theresens Geschäftigkeit! Was tat sie jetzt wieder? War es eigentlich möglich, daß eine Frau mit zwei Mägden bei der Tätigkeit des Wäschenähens — ja, es entstanden Hemden für ihn, zwölf neue Taghemden, fühlte er mit gebührender Erschütterung, und die zwölf alten waren ausgebessert worden! — daß sie bei dieser sitzenden Tätigkeit einen derartigen Aufwand von Geräuschen machte, die für den Außenstehenden nicht unmittelbar zur Sache gehörten? Daß zunächst Lieder gesungen worden waren, heimatliche deutsche Lieder, die Liese, die Getreue, aus Göttingen in fühlender Erinnerung an den fernen Geliebten anstimmte, nun, das mochte angehen. Indessen schien es ihm doch, als sei Therese ein wenig unmusikalisch; wenn sie mit ihrer tiefen Stimme einfiel, wurde die Melodie immer so seltsam unkenntlich. Dann gab es einen zornigen Aufschrei und heftige Scheltworte, — aha, Marischa, das polnische Mensch, hatte wieder einmal etwas versehen! Wenn es, dachte er ein wenig gepeinigt, nur nicht wieder zu Maulschellen kommt, die hinterher gleich mit Küssen null und nichtig gemacht werden! Therese handelte oft so — unmittelbar. Nun fiel etwas Schweres dumpf hin, ein Ballen Leinwand etwa, — war das ein Grund, derartig zu kreischen? Und warum wälzten sich jetzt mehrere erwachsene Menschen auf dem Fußboden herum? Therese lachte und schimpfte, plattdeutsch und polnisch durcheinander, — nun kam auch noch Joseph, der Hausknecht, mit frischem Holz für den Kamin die Treppe hinaufgepoltert, das würde einen neuen Anlaß zur Heiterkeit geben. Joseph, der seine Pflichten für acht Taler Lohn, einen Schafpelz und ein Paar Stiefel jährlich unvollkommen erfüllte, war von polnischem Adel und darum trotz seiner Schmutzkruste in den Augen Liesens von Glorie umgeben. In den nächsten Minuten steigerte der Lärm sich ins Ungeheure, der Joseph schien mit Jubel aufgenommen worden zu sein, wie Merkur unter den Grazien, das Holz krachte, der Joseph schien unglaublich scherzhaft und Therese leutselig, jemand begann auf einem Kamm zu blasen und — war es möglich? — wurde jetzt der neulich begonnene Unterricht Liesens im Mazurkatanzen fortgesetzt? Nun fehlte nur noch Michael, der Bediente und Gemahl der Marischa, um den Zirkus zu vervollständigen. George wurde ein wenig unruhig. Nun Therese — Therese amüsierte sich, Therese war zwanzig Jahre alt, es fehlte Therese hier an einem passenden Umgang. Er wußte, jetzt saß sie da und hielt sich die Seiten vor Lachen. Warum auch nicht, warum auch nicht, — sie verlangte ja nicht, daß er, George, dabei war. Und es störte ihn nicht, o, es störte ihn nicht im geringsten, er arbeitete doch eben nicht, er erledigte Korrespondenzen, — nur, es war ihm im Augenblick nicht möglich, seine Gedanken zu sammeln. Also: Therese ist trotz ihres Zustandes von einer unbegreiflichen Beweglichkeit … Freilich, wohl war sie das. Wenn sie nur um Himmels willen nicht wieder selbst tanzen wollte, wie neulich, als sie den bösen Fall tat! Ob er doch einmal hinüberging? Nun kam der Michael wahrhaftig … Er brachte jemanden mit, er geleitete einen Besuch … Aber das ging doch nicht! George sprang erregt auf, drüben verstummte jäh der Lärm, und gleich darauf ließ sich eine lachende Stimme in Wiener Mundart vernehmen. Ach, die Langmayer! Da ging Therese plaudernd mit ihr über den Flur ins Wohnzimmer, die Männer liefen die Treppe hinunter, Liese fing wieder an, zu singen, schmachtend, langgedehnt: „Wenn ich ein Vöglein wär …“ Ja, nun war Ruhe, und nun konnte er weiter schreiben. George starrte nach dem Fenster, vor dem in der grauenden Dämmerung die Flocken tanzten. Gedämpft durch die Schneeluft klang das Angelusläuten von der Universitätskirche herüber. Sie schneiten ein. Meilen über Meilen, grenzenlose Flächen weit breitete es sich um Wilna wie Leichentücher, und Deutschland lag auf einem anderen Stern. George machte Licht. Es war gefährlich, in der polnischen Winterdämmerung nach Deutschland hinzudenken. Im Reich des Geistes gab es keine Trennung. Er wollte korrespondieren, wollte weiter Sömmerrings brüderliche Seele beschwören, sich an ihr erwärmen!
„Therese ist von unbegreiflicher Beweglichkeit …“
Ob sie nun Hemden zuschnitt oder winzige Wäschestücke für das erwartete Kind, — den Jungen, natürlich, den Jungen! — nähte … Ob sie in der Küche Fleischklümpe drehte und zugleich der Marischa aufklärende Vorträge über den Wert der Sauberkeit beim Zubereiten der Speisen hielt, — oho, Georgie, hätte die Miß Therese nichts gelernt, so äße die Panji Forstrova und ihr ganzes Haus jetzt mit den Schweinen! Pfui Teufel, selbst die Steckrüben fraßen diese Barbaren ungeschält! — Ob sie mit ihren knospenden Hyazinthen am Fenster plauderte und Le Cœur aimable ermunterte, baldigst aufs aimableste zu duften und La Beauté blanche ein wenig anbetete, — es waren auch Küchenkräuter, Kerbel, Kresse und Petersilie mit in die Töpfe gesät, die Schönheit allein macht nicht satt, Georgie! — Ob sie mit des Bischofs Gärtner, Feureißen, einem wackern Landsmann und gutem Hannoveraner, Pläne machte für die Bestellung der Beete im Frühjahr und Betrachtungen über die moralische Minderwertigkeit des Katholizismus einfließen ließ, — Feureißen würde doch sein Kind, das Kind, das seine Frau, eine katholische Ermländerin, erwartete, nicht etwa den Pfaffen in die Hände fallen lassen („o, Feureißen!“) — und sich alsbald von der Weitherzigkeit Feureißens überwältigt zeigte, der ihr treuherzig versicherte („o, liebe Madam!“), es käme ihm zunächst darauf an, sein Kind zu einem Ehrenmann zu erziehen (auch er erwartete einen Jungen, natürlich!), alsdann würde es jeder Sekte Ehre machen … Ob sie, mit riesigen Überschuhen bewehrt, durch den kniehohen Schnee watete, um irgendwo irgendein vorteilhaftes Geschäft abzuschließen, das dem Haushalt zugute kam, in Holz, in Ölfarbe für die Wände, in Fleisch, — es mochte ein Edelmann seinen Wald abgeholzt, mochte eine Jagd veranstaltet haben, woher aber wußte Therese dergleichen immer früher als andere Leute? George staunte. Ob sie ihre Möbel, ihre allerliebsten, nagelneuen Möbel abrieb und blitzblank putzte, ob sie eine Liste der Leute aufsetzte, die nun demnächst endlich einmal eingeladen werden mußten (schon wieder? dachte George), denn freilich, die Menschen hier waren horribel, ohne Erziehung, ohne Geschmack, indessen, was blieb einem übrig … Ob sie Journale las oder einen neuen Roman, in die Ecke des grünen Kanapees gekuschelt, die Füße unter den Rock gezogen, die Hände ins Haar gewühlt, lachend und weinend, Gott und Georgie anrufend, oder ob sie, an dem kleinen Mahagonibureau sitzend, Korrespondenzen erledigte, ihre unübersehbaren Korrespondenzen … Therese war trotz ihres Zustandes von einer unbegreiflichen Beweglichkeit des Körpers und des Geistes!
Denn George begriff nicht. Er begriff nicht ganz. Er war so glücklich, wenn es still um ihn her war, um ihn und um Therese. Er war im Geheimen und unerachtet häufiger nachdrücklicher Seufzer über die geistige Einöde, in die er verbannt sei, einverstanden mit Wilna, einverstanden mit der Entfernung von den deutschen Freunden, sonderlich freilich von den Göttinger Freunden Theresens, er nahm im innersten Herzen den lächerlichen Zustand dieser Pseudo-Universität leicht und leicht den unvermeidlichen Umgang mit den Paters, den Exjesuiten, seinen Herren Kollegen. Er war gerührt und begeistert von seiner Wohnung, er liebte den großen winkligen Gebäudekasten des ehemaligen Klosters, in dem sie sich befand wie der Kern in der Nuß, er wollte von der Welt nichts weiter, als eben dieses Asyl seiner Zärtlichkeit. Er hatte seinen Briefwechsel einschlafen lassen, er hatte seit der Hochzeit im August bis in den Winter hinein nur das Notwendigste an Arbeit erledigt, ruhend, wie Langmayer fröhlich behauptete, auf Amors Wolken und den Lorbeeren des Erfolges, den sein Memoire an die Regierung zugunsten der naturwissenschaftlichen Institute der Universität gehabt hatte.
Diese Denkschrift hatte ihn im vorigen Winter beschäftigt. Er hatte seine ganze Enttäuschung über die vorgefundene Lotterwirtschaft und den verrotteten Pfaffenbetrieb, über den Mangel an Anschauungsmaterial und den Zustand der geringen Sammlungen darin niedergelegt, hatte sich stringenter Beweise bedient, war scharf, war deutlich gewesen wie einer, der den Fuß schon über die Schwelle gesetzt hat, um wieder davonzugehen. Was hätte auch daran gelegen, wenn sie auf ihn verzichtet hätten, anstatt seine Ansprüche zu erfüllen, hatte er nicht noch jenes Kaiserwort im Ohr, mit dem damals in Wien Joseph die Audienz abgeschlossen hatte: „Sie werden in Polen nicht bleiben …“ O, Wien! Oder auch Prag, — selbst Budapest! Nun, das waren wieder Projekte gewesen. Hingegeben an die negative Arbeit der Verurteilung der gesamten Wilnaer Einrichtungen, eine Arbeit, die zugleich zur Begründung eines etwaigen Rücktritts hätte dienen können, hatte er dem alten Laster des Plänemachens gefrönt wie nur je und sich hinweggeholfen über die tote Zeit der Sehnsucht und Erwartung. Den überraschenden Erfolg seiner Vorstellungen, die Bewilligung aller seiner Forderungen durch die Regierung, hatte er auf der Hochzeitsreise in Warschau einheimsen können. Und, nun wohl, — jetzt gab es keine Pläne mehr. Jetzt war nur noch Therese und Therese bedeutete in den ersten Monaten des Besitzes eine seltsame Auflösung aller Lebenskräfte, bedeutete, so hatte er schwindelnd gedacht, die Mündung des Stromes in den Ozean und den Untergang der Flamme in der Glut. Über sein Pult gebeugt, fühlte er Theresens Atmen in dem toten Holz unter seinem Arme, fühlte die eigenen Glieder wie den Körper seines Weibes. Manchmal sann er, irgendwo hingelehnt, ein Buch in der Hand, die schwimmenden Augen ins Leere gerichtet, seinem ganzen Leben nach. Dies war der Sinn, fühlte er erschüttert, der Sinn der Sinnlosigkeit. Alles hatte sein müssen, damit dies eine sein konnte. Dies war das Ziel, die Erlösung aus allem Irrsal, diese lebende, zur stummen Raserei gesteigerte Hingabe an ein anderes Leben und das Hinnehmen dieses Lebens so natürlich wohlig, wie das Kind die Muttermilch sog. Ach, Therese! daß er sie hatte finden dürfen, sie, die einzig seinen Sinnen Antwort zu geben vermochte, sie, deren Blut ihm die Essenz aller Süßigkeit der Erde bedeutete. War er so weit, dann merkte er, daß er sein Kabinett verließ, und lächelte. Wo war Therese? Er ging durch das ganze Haus, er suchte sie in der Küche, im Garten, bei der Langmayer und wo er sie auch fand, sie verstand sein wortloses Drängen, verstand es hinter seinen belanglosen Vorwänden. Sie lächelte. Sie folgte ihm. Und da war dies grüne Kanapee, und da war Therese an seiner Seite, seinem Herzen nahe, sein Gesicht lag an ihrer Brust, er atmete ihren Duft, — da waren ihre Hände, ihre Arme … Sie wehrte ihm nicht. Er hörte sie manchmal „Georgie!“ flüstern, er fühlte ihre kleine unruhige Hand über sein Haar gleiten. Er suchte ihre Augen und fand sie voller Tränen, abgewandt, aus Fernen heimkehrend zu ihm. „Du weinst?“ stammelte er befremdet. „Mein Freund!“ sagte sie sanft, und während er nun aufschluchzte und meinte, es sei aus Seligkeit, weil er jenes Gefühl grenzenloser unerklärlicher Angst und Fremdheit nicht wahr haben wollte, das ihn überschauert hatte, trocknete sie ihre Tränen, und ihn aufmerksam betrachtend, fragte sie spielerisch-ernsthaft, mit der Hand ihm die Brauen glättend: „Ist’s auch mein Tod, an den du denken mußt, mein Freund, der Tod deiner Therese, du Armer?“