„Du — du bist nun einmal zu gut dafür, um nichts zu sein als das weiße Tuch für das Schattenspiel der andern!“ schluchzte Sömmerring.

George sah mit sonderbar auflauschendem Ausdruck über diese Worte hin ins Leere.

George durchwachte diese Nacht; er hatte es nicht anders erwartet. Hingegeben an das Rauschen seines Blutes lag er da, und daß es rauschte, daß es endlich wieder einmal mit Hochdruck durch seine Adern stürzte, ach, er wußte es wohl, das war nicht Theresens Brief allein, der das machte. Dieser Brief mit seinem hinhaltenden Schluß hatte eher etwas in ihm zurückgestaut; ja, wenn er sich denn nun nicht sogleich von dem vollen Aufstrom seiner Seligkeit an ihre Brust tragen lassen durfte, so sollte dieser Strom wenigstens Mühlen treiben, gut, gut, — Forster war nicht der Mann sich haltlos einer Enttäuschung zu überlassen. Und da er denn nun in der fürchterlichen Dunkelheit nicht weinte vor bitterer maßloser Enttäuschung darüber, daß er sein Mädchen morgen abend in Göttingen nicht sehen sollte, wie er mit zweifelloser Sicherheit angenommen hatte, — daß er nicht, ehe er noch einmal in eine so gramvolle Einsamkeit und Fremde ging, ein Wort, eine kleine Gebärde der Zärtlichkeit mitnehmen würde, nicht ihr Haar, nicht diese flaumige bräunliche Haut ihres Halses einmal berühren durfte, — oh, seltsames Verlangen, wunderliche Wünsche mußten nun zurück in das stumme innerste Herz! — da kam dieser verzweifelte Trotz, dieses hohnvolle Lebensgefühl über ihn: dennoch wollte er glücklich sein! Und nun stand ja diese Reise bevor, dieser angenehme Umweg nach dem Ort der neuen Pflichten, der über den Harz, über Dresden, Prag und Wien führen würde und zwischendurch die freundliche Einschaltung eines Badeaufenthaltes in Teplitz voraussah. Nein, sein Herz klopfte nicht allein unter dem Druck jener bittersüßen Erfüllung, es war der wohlbekannte Frühlingssturm der Projekte und des Reisefiebers, der das Schiff an der Ankerkette tanzen ließ, diese verworrene gläubige Erwartung größter Dinge und Ereignisse hinter der nächsten Wegbiegung, zum erstenmal empfunden, als der Vater damals mit der Wolgareise schwanger ging. Er wurde nun hellwach, fühlte die letzte Neigung einzuschlafen, entweichen, wälzte sich herum, stemmte den Kopf in die Hand und starrte mit leise brennenden Augen in die Dunkelheit. Wohl, Cassel war erledigt. Oh, Gott im Himmel sei Dank, diese Leidensstation lag hinter ihm, nie wieder betreten würde er diesen Gang des Labyrinthes. Und mit einer Art phantastischer Fröhlichkeit der alten Vorstellung erliegend, warf er sich zurück und lachte lautlos auf. Ja, drinnen heulte der Minotauros und hier, — hier ging er, George Forster, der gemeint war, nicht mehr ein kleiner demütiger Knabe, nicht mehr ein dürftiger überarbeiteter Jüngling, — auch nicht der dumpfe Schwärmer der letzten vier Jahre, — nein, hier ging ein freier zielbewußter, und nebenbei ein berühmter und à la mode gekleideter, kurz, ging ein Mann, ein ganzer Mann seinen Weg hinein in neue lockende Windungen der dunklen singenden Riesenmuschel. Sich selbst hellsichtig aus dem Nichts erschaffend, gewahrte er sich, wie er in Klausthal mit dem Berghauptmann von Trebra in die Bergwerke einfahren würde, fühlte seine Kenntnisse der praktischen Gesteinskunde mühelos durch Anschauung um das vermehrt, was man von Polen aus für die Anwendung auf dortige noch zu hebende Bodenschätze von ihm verlangt hatte, — sah sich diese genußreiche Art des Studiums in Freiberg bei dem berühmten Inspektor Werner fortsetzen, zwischendurch in Leipzig und Dresden seinen Kreis bedeutender Bekanntschaften und ergebener Freunde durch die einfache Tatsache seines Auftretens erweitern, in Teplitz allerliebste Beziehungen anknüpfen und sodann durch verschiedentliche Triumphbögen in Österreich eingehen. Besonders von Wien versprach er sich viel und, — da er ja noch nicht gebunden war, — so würde er sich mit der Freiheit des Weltmannes bewegen. So nahm er sich vor, fühlte aber sogleich aus irgendeinem Winkel der Erinnerung Beschämung sich ankriechen, — was war das doch nur, — war’s jener Vorsatz auf die Schönen von Tahiti, den er damals im Eise des Pols gefaßt — und nie ausgeführt hatte? Mit Ernst gebot er derartigen störenden Erinnerungen Einhalt, legte sich auf die andere Seite und überzählte im Geiste die Empfehlungsbriefe und Adressen, die er mit sich führen würde. Ein Wolkenbruch von Namen ergab sich, das gesamte geistige Deutschland, soweit es an jenen Straßen ansässig war, hatte er sozusagen in der Tasche und das, was jetzt nicht an seinem Wege lag, — er schloß erschrocken die Augen, — oh, nur nicht diesen Hexensabbat von Erscheinungen heraufbeschwören, die seit der Rückkehr aus der Südsee an ihm vorübergezogen waren, — gab es denn eine einigermaßen hervorragende Existenz, von deren Bedingungen er nicht einen Begriff hatte, wenn er sie nicht schon persönlich kannte oder im Briefwechsel mit ihr gestanden hatte? Jetzt bin ich wie der Vater war, damals in Nassenhuben, als er so viel korrespondierte, dachte er mit kindlichem Vergnügen und jener Unumwundenheit innerster unbeobachteter Gedankengänge, — nur, daß ich jünger bin, als er damals, und dennoch — mehr!

Pater meus major est me! fügte er freilich sofort hinzu, sich gleichsam bekreuzigend aus alter Gewohnheit. Und, das schwere Federbett von der Brust wegschiebend, dachte er aufseufzend und mit einem dumpfen Gefühl in der Brust: Er hat die Gesundheit, er steht wie ein Baum, Gott weiß, wohin er es noch bringt, wenn er noch einmal anfängt. Ich aber …

Aber das sollte ja in Teplitz besser werden. Sein armer Leib, immer wieder von rheumatischen Schmerzen geplagt, von rätselhaften Schwären verunziert, mit ständigem Kopfweh und chronischen Koliken geschlagen, er sollte sich erneuern durch und durch. Und eingestandenermaßen, sein Geist schien abhängig von den Gezeiten jenes Giftes, das seit den Skorbuttagen im Südmeer in seinem Blute auf- und niederstieg: er arbeitete besser, wenn es ihm nicht allzu gut ging, — oh, er wußte es mit heimlich asketischer Inbrunst, — zuviel Gesundheit vertrug sich nicht mit seiner Einsamkeit! Später vielleicht, — in einem Jahr, wenn er Therese besaß.

Der Schwung der Erregung hatte nachgelassen, er fühlte es. Er fror plötzlich, er zog die Decke über sich. Er war doch müde.

Er wollte ja Therese nicht nur, um dies wahnsinnige Verlangen seiner Sinne zu stillen, nicht nur zur Gefährtin seiner Arbeit. Er brauchte einen Menschen neben sich, endlich, endlich, wollte diese Verstoßenheit, diese körperliche Verlassenheit vergessen können, wie er es einst, — ach, vor undenklichen Zeiten gekonnt hatte, wenn er des Nachts die Atemzüge der Schwester neben sich hörte. Er wollte jemand haben, der still und zärtlich um ihn waltete, nichts von ihm verlangte als das, was er in Einfalt geben konnte, ohne Aufwand von Geist und Willen. Es sollte ihm geschenkt werden, da war dieser Brief, — er tastete in der Dunkelheit nach ihm und drückte ihn an sein Herz, — nur noch ein klein wenig Geduld, nein, er wollte nicht murren! Diese Menschen, diese schrecklich emsigen, erwartungsvollen, klugen, geistreichen Leute, die auf ihn blickten und vor denen man sich dauernd Haltung geben mußte, — ahnten sie, daß Forster — der jüngere Forster, wohlgemerkt, der Ruhm Deutschlands! — hier in der Dunkelheit des Alkovens weinte wie ein Kind? Oh, nichts weiter sein dürfen, als das duldende, menschenliebende Geschöpf, als das Gott einen gewollt hatte, geliebt um seines Wesens, nicht um seines Wissens, seines Namens willen, so sehr geliebt, daß die Leute den Forster nur allzu gern immer um sich gehabt hätten, — wie selig mußte es sein! Aber wenn es nur einen, einen solchen Menschen gab, der ganz ihn kannte! Oh, er war freilich zu weich, sein eigener Herr zu sein! War er vielleicht nicht glücklich gewesen als Sklave seines Vaters? Und dies, was Sömmerring da gesagt hatte, dies mit dem weißen Tuch und dem Schattenspiel, — traf es nicht zu?

Er fuhr empor und griff sich mit den Händen an den Kopf. Wie, sollte er nicht lieber gleich die Pistole nehmen? Dies war Selbstmord. Es war die Müdigkeit, nicht wahr, ach, nicht wahr, — die Angst vor den Fährnissen der Reise, für die er trotz aller inneren Unrast nicht geschaffen war, Angst vor dem tagelangen Fahren auf schlechten Straßen, den Nachtherbergen voll Schmutz und Ungeziefer, vor Nässe und Kälte. Es war, — ach, es war die Angst des im Labyrinthe Verirrten, des Ausgelieferten, Verlorenen. Aber nun kam ja Ariadne, — nun kam — Ariadne …

Entwirrung, — Klärung, — Vereinfachung! Er würde arbeiten, sich ausströmen an die Welt. Zunächst kamen nun Briefe, Tagebücher, — oh, liebevoll, sorgsam, geduldig wollte er sein …

Als Mühlhausen eine Stunde später mit dem Leuchter in der Hand und dem Reiserock über dem Arm zum Wecken eintrat, fand er seinen Herrn fest schlafend, die Linke über die Augen gelegt, einen lächelnden Zug um den armen häßlichen Mund. — — —