Der späten Stunde vergessend, begann er, mit den Händen auf dem Rücken auf und nieder zu schreiten. Wärme überkam ihn, Gefühl des Besitzes, der Wurzelhaftigkeit. Er musterte die Bücherreihen, streichelte die Geräte, die Möbel, die so schweigsam und bescheiden ihm dienten, mit den Augen. Er liebte sie, er pflegte sie durch Ordnung, auch das kleinste Ding hatte seinen festen Platz. Er hatte es erreicht, daß sein Tag sich mit federndem Rhythmus abspielte. Weit hinter ihm lag das Nebelmeer der Schwärmerei mit seinen Untiefen, er war ein Mann geworden, er stand fest, er breitete sich aus. In dieser sonderbaren Stunde fühlte er sich jeder Arbeitslast gewachsen. Er wollte nun Ernst machen mit der Ausübung der medizinischen Praxis, womit er in innerer Unsicherheit immer noch gezaudert hatte, obgleich er sich schon vor zwei Jahren auf der Hochzeitsreise in Halle den dazu nötigen Doktortitel geholt hatte. Langmayer hatte ihm heute wieder zugeredet, es zu tun, vielleicht nur, um Régnier zu sekkieren, der der Vorstellung eines neuen Konkurrenten mit säuerlichem Schweigen begegnet war. Nun, ich werde ja nicht begehren, zu operieren, mein Herr Professor und Bartscher, dachte George vergnügt, wohl wissend, welche Art der Praxis ihm in der Gesellschaft von Stadt und Umgegend blühen würde, — Damenpraxis, leichte, aber einträgliche Fälle! Zweihundert bis dreihundert Dukaten für eine glückliche Kur waren durchaus nichts Ungewöhnliches, er wußte es von Langmayer; zwanzig bis fünfzig Dukaten waren gemeine Einnahmen. Oh, Gott möge ihm verzeihen, wenn er’s nicht rein aus Liebe tat, — aber Polen einst schuldenfrei verlassen zu können, war das nicht auch ein gottgefälliges Ziel?
Ich muß es Therese erzählen, daß ich mich entschlossen habe, vielleicht, daß es sie freut, dachte er, die Kerzen löschend und in der Dunkelheit den vertrauten Weg ins Schlafzimmer suchend. Ob sie noch wachte? Wie charmant sie heute Abend wieder die Wirtin gemacht hatte, war nicht Strzecky, dieser alte Abbé, völlig verliebt in sie gewesen und hatten nicht die Régnier und die Langmayer neben ihr gesessen wie schwerfällige Lummen neben einem blitzenden wippenden Strandläufer? Am Ende hatte sie am Klavizymbel gesessen und übermütig trommelnd ihn und die ganze Gesellschaft zu unauslöschlichem Gelächter hingerissen, während die Régnier den Präsidenten in seinem langen Priesterrock nach dem Marsch aus den Deux Avares durch’s Zimmer führte, verschämt-feurig mit den großen Kirschenaugen rollend, während der Alte so zierlich trat wie eine Dohle im Schnee und zu seiner eigenen Entschuldigung etwas vom Wandel der Sphären dozierte und den König David namhaft machte. „Habens eine Ahnung von ein Jesuitel!“ hatte die Langmayer atemlos gekreischt, — ja, Therese, sie war ein Genie der Geselligkeit, es machte ihr Plaisir, die Leute durcheinander zu bringen, und daß sie glücklich war, lag auf der Hand. ‚Ich bin’s, der sie glücklich macht,‘ dachte er noch gerade voll Zufriedenheit, die Klinke schon niederdrückend, nachdem ein feiner goldener Streifen am oberen Türrand ihn belehrt hatte, daß drinnen noch Licht brannte. Und, so dachte es in irgendeiner Unterströmung seines Wünschens, — die Régnier ist schon wieder in anderen Umständen …
„Therese!“ rief er halblaut und erschrocken aus und war mit zwei Schritten neben ihr, „was ist dir, Kind?“
Sie saß auf dem Bettrand, die Ellenbogen auf den Knien, das Gesicht in die Hände vergraben. Jetzt, da er, ratlos, den Arm zart um ihre zuckende Schulter legte, wandte sie sich hastig ab, warf sich in die Kissen und schluchzte weiter, schluchzte wie von Eruptionen einer körperlichen Verzweiflung geschüttelt, schluchzte wie ein Mensch, der sich nun einmal auf Gnade und Ungnade einer dunkelen Gewalt überlassen hat, die er sonst zu bändigen pflegt, ja, hingegeben schluchzte Therese, hingegeben an diesen Ausbruch einer wilden Traurigkeit, darin rasend, taumelnd, schreiend in einer Art bacchantischer Gelöstheit, mit den Händen schlagend, den Kopf drehend und zurückwerfend, Laute ausstoßend, hohl, drohend, anklagend, als stände sie nackt vor Gott und wiese ihm ungeheures Elend, — so schluchzte Therese, — Therese, die ein Kind war, lachend sonst, schwärmend, spielend, Therese, die glücklich war, die er glücklich machte, Therese …
George, in namenlosem Entsetzen, zurückgebogen nach dem Fußende des Bettes, die Arme steif von sich gereckt, die Hände ineinander gerungen, erstarrt in der eisigen Strömung dieser fürchterlichen Offenbarung, George stammelte hilflos, mit kleiner Stimme, jammernd: „Therese! Aber Therese …“
„Oh!“ rief Therese. „Oh! Oh!“
Irrsal. Verlassenheit. Beschwörung. —
Und dann weinte sie stiller.
George gewann Zeit, sich zu sammeln, aber er ließ seine Augen wandern und fühlte, daß er nicht wußte, was er hiervon halten sollte, daß er müde war, ja, und daß ihn fror. Da stand sein Bett, schneeweiß, einladend aufgedeckt, — wie, wenn er sich geschwind auszöge und die Erklärung von Theresens Kummer unter der Federdecke liegend empfinge? Unsicher indes, wie Therese dies aufnehmen würde, drängte er solchen Wunsch zurück und begann ganz leise den Rücken der Halbliegenden zu streicheln, indem er in die Kerzenflamme starrte und mit dem Gähnen kämpfte. Und fast erschrak er, als das Weinen plötzlich aussetzte und Therese sich so schnell aufrichtete, daß seine Hand von ihr abglitt, wie abgeschüttelt.
„George!“ sagte Therese und ihre kleinen festen Fäuste mißhandelten leidenschaftlich ein feuchtes winziges Taschentuch. „George!“ wiederholte sie tief atemholend und noch einmal aufschluchzend, er suchte mit einem scheuen Blick ihr gerötetes entstelltes Gesicht und sah schnell wieder weg. „George!“ rief sie zum dritten Mal und der Batist zerriß: „Ich — halte dies — nicht mehr aus!“