„Aber was denn, Therese, — komm doch nur!“ bat er verzweifelt und suchte sie an sich zu ziehen. Aber sie stand auf, machte sich an der Wiege des Kindes zu schaffen, stand dann am Nachtschränkchen, putzte mit bebenden Fingern das Licht und wiederholte: „Ich halte es nicht mehr aus! Und was doch nur? Was doch nur? Dieses Land, — diese Stadt, — diese Menschen! Und dies, daß du dich hier behagst! Du! George Forster!“
„Ich?“ fragte George und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, — „Ich — oh — ich …“
„Oh, Georgie!“ rief Therese leidenschaftlich und auf einmal war sie zu seinen Füßen und umschlang seine Knie. „Es geht nicht länger! Oh Georgie! Laß uns …“
Das Röschen rührte sich in seiner Wiege und stieß einen kleinen Laut aus. „Still! das Kind!“ machte George.
„Das Kind!“ sagte Therese böse, stand mit einer sonderbar verächtlichen Bewegung auf und trug geschäftsmäßig das Licht in eine andere Ecke des Zimmers. Dann trat sie an das Fußende des Bettes, auf dem er saß, sodaß er sich zu ihr umwenden mußte, und die Arme aufstützend und ihn fest und beobachtend anblickend sagte sie nun in leichtem und nüchternem Ton: „Es geht nicht länger, George. Wir müssen von hier fort. Du bist es dir selber schuldig.“
„Therese,“ sagte George müde, „du vergißt, daß ich für sieben Jahre verpflichtet bin. Therese, und — wir sind doch jetzt ganz froh.“
„Froh!“ stieß sie hervor, „froh! Wenn ich mein besseres Selbst vergesse, bin ich froh.“ Und da er schwieg und mit einer haltlosen Geste die Hände öffnete und schloß, den Blick von ihr abgewandt, fuhr sie fort: „Wenn ich vergesse, daß ich einmal in einem Zirkel von Menschen gelebt habe, in dem das Gespräch nicht einzig auf Dienstboten und Essen roulierte. In dem die großen Geister unserer und anderer Nationen wie Hermen in einem Tempel standen und täglich frisch bekränzt wurden. Wo Seele die Seele erkannte und verstand im Augenblick des Sichfindens …“
„Jawohl, — Assad!“ flüsterte ein böser Geist George ins Ohr. Und als ahnte sie seine Gedanken, schloß Therese ein wenig allzu emphatisch: „Karoline! Philippine! Fiekchen! Schlözer und seine herrliche Tochter! Wen soll ich noch nennen? Oh, George, du hast mit uns in Göttingen gelebt, du kennst die Wonnen eines Umgangs mit Lichtenberg, mit — mit Assad …“
„Und,“ fuhr sie nach einer kleinen atemlosen Pause hastig fort, als wollte sie ihn hindern, zu antworten, „du behagst dich hier mit einem Langmayer, einem Régnier beim L’hombre und bist es zufrieden, diese polnischen Gänse in der Botanik zu unterrichten.“
Dies letzte bezog sich auf einen Zyklus populär-wissenschaftlicher Vorträge, den George in diesem Winter vor einem Kreise von Damen aus der Gesellschaft hielt. Er errötete und sagte unwillig: „Du vergißt, daß es nicht mein eigener Wunsch war. Und ich habe Gründe, derartiges nicht von der Hand zu weisen.“ Er stockte. Therese, ging es ihm durch den Sinn, sollte leben wie die Blumen auf dem Felde … Er hob den Kopf und sah sie mit einem bittenden Lächeln an.