Versunken niederstarrend auf ein Beet mit Heilkräutern, sah er die beiden wieder stehen, mit den Köpfen nickend. Hatte nicht auch Riekchen, hatte nicht selbst die Mutter lachen müssen? Ein Scherz, mein Gott, ein Scherz im Familienkreise!

Er ging ins Haus zurück, von neuem betäubt durch diese Erinnerung, von der fürchterlichen Bedeutsamkeit, die sie in seinen Augen gewann, je öfter er sie hin- und herwandte: hier hatte er gestanden, allein, und dort — dort war Therese gewesen, — Therese neben dem Vater. — — —

Ein paar Stunden später am Fenster stehend, unfähig zu arbeiten unter dem fürchterlichen Druck des seelischen Schweigens, das zwischen ihm und Therese sich ausbreitete, einem ratlosen Zustand körperlicher Angst hingegeben und mit einem Gefühl von Abneigung und Ekel das Treiben der Gänse um den Tümpel auf dem weiten grasbewachsenen Platz zwischen seinem Wohnhause, dem Universitätsgebäude und der blendenden Fassade der Kirche gegenüber beobachtend, — in diesem Augenblick sah er durch die weiße Verödung der Mittagsstunde aus der Richtung der Posthalterei her einen Mann stracks auf sein Haus zukommen, trat einen Schritt zurück, griff sich an die Stirn, lachte glücklich auf und stammelte: „Nun, endlich!“ obgleich er sich sofort dessen ganz bewußt war, daß nicht der geringste Anlaß vorlag, in diesem Manne den Schicksalsboten zu sehen. Als er eine Stunde später das Wohnzimmer betrat und sich Therese gegenüber am gedeckten Tische niederließ, war eine Frische und Straffheit in seinen Bewegungen und lag, während sie die Suppe löffelten, ein nicht zu bändigendes Lächeln auf seinem Antlitz, daß Therese schließlich nicht umhin konnte, die Lider zu heben. „Was gibt’s, Forster?“ fragte sie ein wenig gereizt, — freilich, buchte er heimlich, was hatte er auch fröhlich zu sein, wenn es ihr zu schmollen beliebte? — und „Was ist’s mit dem russischen Kapitän? Wieder einen Gast auf den Abend? Du weißt, ich habe nichts im Hause.“

Spielerisch, als sei er gänzlich unberührt von ihrem larmoyanten Ton, gab George lächelnd zur Antwort: „Oh, wie du willst, meine kleine Therese! Es ist ein Kapitän Mulowsky aus Cherson von der Marine der Kaiserin, und gewiß ein etwas verwöhnter Herr. Ich — werde mit der Langmayer sprechen, meinst du nicht? und zum Soupieren mit ihm hinübergehen. Sie wird sich’s zur Ehre anrechnen, denk ich.“

Therese, die an ihm vorbeigesehen hatte, wie ein trotziges Kind, blickte ihn plötzlich voll und mißtrauisch an: „Zur Langmayer? Aber geh du nur, — und verdirb dir wieder den Magen an ihrem fetten Zeug! Es ist eine Sache des Geschmacks, ob man sich dabei behagt oder nicht.“ Und da das milde Strahlen gar nicht aus Georges Augen weichen wollte, blickte sie ihn noch einmal prüfend und nicht begreifend an und sagte dann langsam, mit einem Unterton ungläubiger, zögernder Ahnung: „Georgie, — was — wollte dieser Kapitän?“

„Oh — nichts …“

George zerschnitt vergnügt das Fleisch auf seinem Teller, — „gar nichts weiter Besonderes. Er — hat mir im Namen der Kaiserin — nun etwa dreitausend Rubel Gehalt versprochen und Deckung aller meiner hiesigen Schulden …“

„O George — Georgie!“

„… wenn ich mich bereit erkläre, eine Entdeckungsexpedition nach der Südsee mitzumachen. Er brachte einen schmelzenden Empfehlungsbrief vom Ambassadeur mit. So ist es! Ja, Therese!“

Glückselig lachend breitete er beide Arme aus. „So ist es!“ rief er noch einmal, „so ist es! Oh, Therese, — das Leben ist mir neu geschenkt!“ Und im selben Atemzug neben ihr kniend, sie umschlingend: „Oh, vergib! Aber verstehe, verstehe! Dies, — dies ist noch einmal eine Tür ins Freie. Und ich komme wieder, ich komme wieder, Kleine, Geliebte, — und du wirst mich lieben und wir werden selig sein!“