Sie hatte sich zurückgleiten lassen, ach, und wieder waren da ihre sanften kleinen Hände.

„Ja doch, Georgie, ja!“ sagte sie, als tröste sie ein Kind, „ja, ach Georgie, — und so müde …“

Sie gähnte leise. Sie zog die Decke bis ans Kinn hinauf. „Gute Nacht!“ murmelte sie, oh, es war gar kein Zweifel, daß sie halb schon schlief.

Der harte Kern hatte endlich keimen, Wurzel schlagen wollen, — er war aus dem Erdreich gerissen, betastet und wie spielend fortgeworfen worden. Kristalle wollten zusammenschießen in dampfender Mutterlauge; eine achtlose Hand hatte die Lösung gerüttelt und aufgerührt. Und so würde es immer gehen, dachte George, und dachte es ohne Bitterkeit. Denn war dies nicht eigentlich erst Leben, dies, daß man nicht ausharrte in einem dunklen Gang des Labyrinthes, sondern vorwärts stürmte, einem halb nur geahnten Lichtschein zu, der, — Gott mochte es wissen, — den Ausweg in die Freiheit verhieß? Nun, welchen Schwung verlieh nicht der Entschluß, Wilna zu verlassen! Welche Pedanterie war es gewesen, sich an einen Vertrag halten zu wollen, der ihn in seinen besten Jahren an eine Galeere schmiedete! Therese war eine gute Tänzerin, sie wirbelte ihn hinweg über alle Bedenken, und oh, welche Stunden von Moquerie und Ausgelassenheit hatten sie nun zusammen, wie verschworen und eines Sinnes waren sie jetzt inmitten des vulgi stulti, der sie fressend und saufend in träger Geselligkeit umgab, wie eine Herde Kühe, die wiederkäuend mit runden Augen auf das Schauspiel zweier von Geist und Jugend beflügelter Menschen glotzte? Hatte er in dem letzten Jahr viel gearbeitet, so arbeitete er jetzt mehr als je, aber es ging ihm von der Hand als stünde er an einer gut geölten Maschine, und der Cook rückte täglich einen Bogen vor. Dies war nun noch einmal eine Übersetzung, dachte er, wenn er nachts mit fiebernder Stirn und kalten Händen am Pult stand, — aber auch die letzte. Oh, Therese sollte sehen, wie es war, wenn er die Schatzkammern seines eigenen Geistes erst einmal auftat, — erntete in den Gärten, die nun endlich reife Früchte bieten mußten. Nicht zum Dozenten, zum freien Schriftsteller fühlte er sich berufen. „Scheermesser sind nicht gemacht, um damit Klötze zu schnitzen,“ schrieb er an Sömmerring, frohen Selbstgefühls voll.

Nein, er wollte nicht mehr Kraft und Zeit vergeuden. Aber freilich war es gut, immer in Amt und Brot zu sein, gut, einem freigebigen Herrn zu dienen … Es galt, einen Gönner zu finden, dem es lohnend schien, ihn hier loszukaufen, oder dessen Macht ausreichte, mit seinem Wunsch nach Forsters Diensten allein diese verfluchte Last von nahezu 6000 Gulden Vorschuß zu löschen, die er der Erziehungskommission nun einmal schuldete. Therese hatte Recht: hier mußte er als Mann von Welt politisch und mit kühler Überlegung seine Möglichkeiten und Vorteile abschätzen und gegeneinander ausspielen. Therese setzte abends „das Schachbrett“ auf, wie sie diese Beschäftigung übermütig nannte, hohe und höchste Gönner aufmarschieren zu lassen und zu prüfen. Da war, wenn man die große Zahl der ihm gnädig gesinnten Fürsten wegließ, die hier nicht in Betracht kamen, da sie höchstens Louisdors und Schnupftabaksdosen, aber keine gut dotierten Ämter zu vergeben hatten, zunächst einmal der Landgraf von Hessen, von Cassel her in unliebsamen Angedenken, — indes die Verleihung einer Professur der Naturwissenschaften an der Universität Marburg lag in seinen Händen. Die tätige Liebe des wackeren Sömmerring war am Werk, hier sowohl als bei seinem eigenen Herrn, dem Mainzer Kurfürsten, für George zu arbeiten, und, — so sagte Therese, — beide Plätze hatten ihre Meriten, Mainz freilich ungleich größere, da es sich unter dem Krummstab des Barons Erthal zu einem kleinen Musenhof, vergleichbar dem von Weimar, entwickeln zu wollen schien und — „mein Georgie!“ — es lag linksrheinisch, es war fast schon Paris! In Berlin war der vortreffliche Gleditsch verblichen, Friede seiner Asche! Gewiß war es opportun, dem Minister von Herzberg die Opera botanica zu schicken und diesem Beschützer von Kunst und Wissenschaft zu seiner Erhebung in den Grafenstand zu gratulieren, — oh, kein Wort von dem erledigten Lehrstuhl, man rief sich in Erinnerung, weiter nichts. Die größten Figuren aber, mit denen Therese agierte, saßen im Norden und im Süden auf den Thronen des deutschen Reiches und Rußlands. Und es war zweifellos, daß es auf St. Petersburg ankam und auf St. Petersburg allein! Denn, so meditierte diese erstaunliche kleine Person ihm gegenüber am Tisch ernsthaft, — wo Frauen regieren, hat ein Mann von Verdienst alle Chancen, und darum, von der großen Katharina ganz abgesehen, — kam es darauf an, die Aufmerksamkeit der Fürstin Daschkow, des weiblichen Direktors der Akademie der Wissenschaften, auf sich zu lenken! In Therese, dachte George voll abgründigen Staunens, als er sich an einem dunklen Wintermorgen im Reisewagen auf der Fahrt nach Grodno sah, wo es Gelegenheit gab, sich dem Ambassadeur der Kaiserin, Herrn von Stakelberg, vorstellen zu lassen, — in Therese steckt etwas von einer Katharina, einer Daschkow und mehr von einem Diplomaten als in mir, Sömmerring, nun, und sagen wir einmal: dem Vater zusammengenommen! Und dann dachte er daran, wie der Vater im mausgrauen Rock nach Danzig gefahren war, mit der Absicht, den Vorgänger des Herrn von Stakelberg, den weiland Herrn von Rehbinder, in die Tasche zu stecken, und wie er heimgekommen war in der Überzeugung, daß ihm dies gelungen wäre. Oh, die, alten Zeiten und der Vater! Und jetzt kollidierte man mit ihm auf Schritt und Tritt, denn nicht nur um Marburg bewarb sich der Alte ebenfalls, auch in Berlin, wo, wie George jetzt durch Spener gehört hatte, er, der Sohn, auf die Liste der für Gleditschens Stelle Vorgeschlagenen gesetzt war, war Forster senior auf dem Plan erschienen und hatte bei seiner Ernennung zum auswärtigen Mitglied der Akademie die Erfahrung machen müssen, daß George diese Ehre gleichzeitig widerfuhr! O nein, ich triumphiere nicht, dachte George, sich erschrocken von seinen Gedanken abwendend, und fühlte doch, daß eine kalte Befriedigung sein Herz vorübergehend hart und glänzend gemacht hatte. —

Es gibt Dinge, die einem niemals allein und losgelöst, sondern immer nur in der Verbindung mit anderen Gegenständen einfallen, so konnte sich George nicht an den Londoner Nebel erinnern, ohne an ein gewisses kleines Federmesser zu denken, das ihm in jenen bösen Jahren vor der Südseereise ein zärtlich geliebter Besitz und ein Trost gewesen und später verlorengegangen war, — er konnte auch den Namen Surinam nicht hören, ohne die Erscheinung des Hofrats Kotelnikow vor sich zu sehen. Ebenso gab es Menschen, die ihm nur paarweise oder gar in Gruppen ins Gedächtnis traten, Larry und Porea etwa, Sömmerring mit dem Hintergrund des ganzen Casseler Kreises, der ihm einigermaßen widerwärtige Nikolai in Berlin mit seinem Gegenspiel, dem herzlich verachteten Schrepfer in Leipzig, die Musiker Neumann und Naumann in Dresden und — nun, Gott möge ihn davor bewahren, dachte George, daß er jetzt seine ganze wimmelnd bevölkerte Erinnerung wachrief, um sich die ihn ein wenig quälende Tatsache zu erklären, daß er nicht an den Vater denken konnte, ohne daß Therese dies stattliche Gestirn umkreiste, — nicht sich in das Wesen seines Weibes versenken, ohne daß die gleiche Konstellation sich ungerufen einstellte. An diesem Junimorgen, da er wie gewöhnlich mit Sonnenaufgang erwacht war und nun auf der Seite ruhend, die Hand unter die Wange geschoben, im gedämpften Licht die neben ihm Schlummernde betrachtete, stieg irgendeine nächtige Woge in ihm und wahrnehmend, wie ihre Brust sich hob und senkte und die Kante ihres Hemdes am Halse von den zuckenden Schlägen des Pulses bewegt ward, dachte er sonderbar erregt: wie wehrlos sie ist! Und sich selbst vortäuschend, dieser Gedanke stiege aus der Lust, sie an sich zu reißen, fühlte er gleich darauf erschrocken, daß etwas wie gehässige Neugier in ihm sprach und ihm zeigte, daß Therese häßlich sei, doppelt häßlich jetzt in diesem Augenblick des Schlafes mit dem haltlosen Unterkiefer und dem Ausdruck unbedingter trotziger Hingabe an die Dumpfheit der Betäubung. Sieh keinen Toten und keinen Schlafenden an, sie können sich nicht verstellen! dachte George, sich unruhig herumwälzend und die Hände hinter dem Haupte verschränkend. Und da war’s wieder. Erinnerung arbeitete in ihm, deren er sich nicht bewußt zu werden wünschte, unwillig gab er ihr endlich Raum und erkannte, — jawohl, so hatte er oft, unzählige Morgen der Vergangenheit gelegen und den schlafenden Vater angesehen, hatte gedacht, — oh, lächerliche Gedanken eines Knaben! — aber etwa so: Wenn ich nun aufstünde, leise, heimlich, — das kleine Federmesser vom Tisch holte, das kleine, blanke, liebe, und mit seiner Spitze einen sauberen behutsamen Schnitt durch jenen tanzenden Adamsapfel dort zöge … Aber dies möchte Wahnsinn heißen, wenn es nicht so lächerlich wäre, sagte er sich, indem er sich nun plötzlich eilig erhob, das Gesicht zu einer unbewußten Grimasse verzerrt, — George Forster mit der Erinnerung an Mordgedanken, — George Forster mit der Lust, — und in einem letzten Nachgeben an jene dunkle Versuchung und mit einem scheuen Blick auf die Schlafende gab er es sich verzweifelnd zu, — ja, George Forster mit der Lust, sein Weib, seine Therese zu quälen. Ach, nicht zu töten! Aber einmal mit seinen Zärtlichkeiten den Blick ergebenen Duldens, den Blick unbeteiligter, stiller, ja vielleicht manchmal freundlicher Verwunderung wandeln zu können in einen gebrochenen, schwimmenden, — die in allen Lagen beherrschte Rede dieses Mundes auflösen in ein hilfloses Stammeln, — einmal Therese fühlen zu machen! Er dachte: einmal, das ist dann, als ob eine Tür endlich aufspringt! Einmal, — das heißt dann, für immer im Paradiese sein! Er zog sich hastig, geräuschlos und unglücklich an. Er verließ die Kammer und durchschritt mit gesenktem Kopf den Vorraum. Mein Gott, er war ein Narr, ein Undankbarer, sagte er sich, als er nun in seinem Kabinett hastig den Teller auslöffelte, den ihm Marischa gebracht hatte. Diese morgendlichen Verstimmungen waren ebenso eine Folge skorbutischer Schärfe in seinem Geblüt, als die fortwährenden Anfälle ziehender Schmerzen, als diese kleinen lästigen Ausschläge, die entzündeten Augen, die peinigenden Koliken. Die Säfte reinigen! Das war der Schlüssel auch zur Harmonie der Seele. Hastig schluckte er seine Erdbeeren in Milch, — Obst auf nüchternen Magen, wie es ihm Sömmerring verordnet hatte, und das Therese nie versäumte, ihm hinstellen zu lassen, in der Form, wie die Jahreszeit es bot. Oh, sorgte sie nicht rührend für ihn? Ja, er war ein Narr! Wenn jetzt der Druck der Enttäuschung auf ihr lastete, daß bisher alle Pläne, von Wilna fortzukommen, gescheitert waren, — wenn dieser Druck sie matt und teilnahmslos machte, — war das nicht nur natürlich? Was verlangte er denn von ihr? Er schob den Teller zurück. Obst am frühen Morgen, mir zuwider wie nur je, dachte er angeekelt. Ach, mein Gott, es verlangte ihn ja nur nach ein wenig Zärtlichkeit und Wärme, schrie es verzweifelt in ihm auf. Trugen sie denn die Enttäuschung nicht gemeinsam? Litt er nicht wie sie unter dieser Umgebung ohne Geist und Feuer, mußte sie nicht endlich überzeugt sein, daß er Ruhe und Gesundheit dransetzte, um aus diesem stagnierenden Froschteich herauszukommen, daß die satte Zufriedenheit der Kollegen, die kleinlichen Eifersüchteleien und Kabalen ihn bis zur Verzweiflung peinigten? Litt er denn immer noch nicht sichtbar genug, um der Gemeinschaft ihres Leidens endlich teilhaftig zu werden? Denn, — nicht wahr, — dies war’s: er wollte leiden, um ihrer würdig zu sein, um bei ihr zu sein, wohin ihr Herz sie immer trug, — nur bei ihr und mit ihr, — und um den Dämon Lügen zu strafen, der ihm so den Spiegel vorhielt und hämisch raunte: brächtest du selbst denn die Größe auf, Freund, um so zu leiden wie sie, unmittelbar aus Gottes bitterer Hand? — sprang er verzweifelnd auf und rannte hinaus, fort von den schon ausgebreiteten Büchern und Papieren, der still lockenden und drohenden Welt der Arbeit, in der Vergessen und Zufriedenheit war.

Ein botanisches Gärtchen von Qualität! ging es ihm durch den Kopf, als er in dem Schattenwinkel hinter dem Hause war, wo er die für die Demonstrationen in den Kollegien notwendigen selteneren Pflanzen ziehen sollte und wo er nun zwischen den Rabatten auf und nieder ging, dumpf eingedenk, daß die unzähligen Fenster des weitläufigen Gebäudes auf ihn niederblickten und daß hinter einem möglicherweise die Langmayer stand und in der lieben Wiener Mundart sagte: „Maria und Josef, — der arme Mann!“ Hätte er nur gewußt, warum sie ihn immer bedauerte, ihn, der vor der Welt so glücklich war! Dies aber, was ihn jetzt quälte und ruhelos machte, da er nun einmal wieder den Vater und Therese in seinen Gedanken vermengt hatte, war eine Erinnerung von der Hochzeitsreise her, die über Halle hierher gegangen war. Selbst in dem Bewußtsein, wieder in den Bannkreis des Vaters zu treten, hatte er dieses Mal ohne inneres Widerstreben, ja, mit einem gewissen Frohlocken die Schwelle des Elternhauses überschritten, er kam ja nicht allein, wer konnte ihm jetzt noch etwas anhaben? Die Erlebnisse der ersten Tage des Zusammenlebens waren noch unentwirrt um ihn und Therese, sie bedeuteten einstweilen noch die holde Unordnung zerrissener Kränze, die noch nicht verwelkt waren, es war im gesicherten Besitz noch das atemlose Zittern ungestillter Sehnsucht in ihm und sie war von jener bräutlichen Schmiegsamkeit gewesen, mit jenem weinenden Lächeln der Hingebung, der Bereitschaft, das ihn rührte und toll machte zugleich. Sie waren im Gasthof abgestiegen, Therese machte sich schön, sie hatte das Kleid aus jenem weißen Aotobast hervorgeholt, den George ihr einst geschenkt, hatte es angezogen, um, wie sie mit Munterkeit sagte, den alten Eroberer von Tahiti zu ehren. George hatte ihr geholfen, hatte Hefteln und Bänder geschlossen, die Handspiegel gehalten, damit Madame sich von allen Seiten betrachten konnte, hatte zwischendurch vor ihr gekniet und diese lieben, wunderlich kleinen Füße gestreichelt, — mußten sie nicht müde sein von der Reise? Aber ja, sie mußten doch, wenn man auch beständig gefahren war! Wie war es denn möglich, daß ein Mensch sein Leben lang auskam mit Füßchen, nicht größer als eine gewöhnliche Männerhand? — kurzum, er hatte sich verliebt und ungeschickt betragen, bis Therese: „Aber, — mein Freund!“ gesagt hatte, ja, das hatte sie schon damals zuweilen getan. Am Ende hatte er mit ihr am Arm den Gasthof verlassen und hatte sie ganz übermütig vor Stolz und Wichtigkeit durch die Straßen geführt, selbst elegant genug, wie er sich dünkte, im neuen blauen Tuchrock nach englischem Schnitt, Hut unterm Arm und Hand am Degenknauf. Blickten die Mutter und Fieken nicht schon am Fenster nach ihnen aus? Er gab Theresen noch einige Verhaltungsmaßregeln; sie sollte sich nur nicht fürchten, sagte er tröstend, der alte Herr, nun ja, er habe seine Wunderlichkeiten, aber er sei kein Menschenfresser, — sei kein Menschenfresser, wiederholte er sich selbst innerlich staunend, wer hatte ihn denn je dafür gehalten, für einen Menschenfresser? — und man brauche ja nicht mit ihm zu leben. In wenigen Tagen würden sie wieder allein miteinander sein, sagte er, nur, nicht wahr, ein paar Stunden täglich während dieser kurzen Zeit müßten der Pietät zum Opfer gebracht werden und die Mutter, ach, die Mutter würde sich so freuen! Er redete so viele Worte der Beruhigung und der Vorbereitung, daß Therese endlich ganz verwundert zu ihm aufsah und sagte: „Aber, George, ich fürchte mich doch gar nicht!“ und er sich besann, freilich, er hatte nicht bedacht, daß Therese Heyne gewohnt war, mit den sonderbarsten alten Knaben zu plaudern, daß sie, — und war das nicht einer der Züge, die er so leidenschaftlich an ihr bewunderte? — eine kleine Dame von Welt war, gewohnt, sich in alle Situationen zu schicken. Kindlich genug betrachtete er ihre Eigenschaften als eine Verstärkung, eine Erweiterung der eigenen Person, — nun, der Vater würde sehen, der Vater würde staunen, was da endgültig aus ihm, George, geworden war, er würde es nicht mehr wagen …

Was würde er nicht mehr wagen? George wußte es bald selbst nicht mehr, was eigentlich er sich von diesem Besuch für eine Wirkung versprochen hatte, — etwa die einer Parade vor dem Feind, einer friedlichen Parade in voller Rüstung mit Fahnen, Standarten und blitzend neuen Waffen: Hier das Haus Forster junior auf immerdar? Da stand ein Riesenstrauß bunter Astern mitten auf dem runden Tisch und dahinter, rötlich wie der herbstliche Mond, leuchtete Reinhold Forsters massiges Gesicht unter dem schimmernden Toupet und selbstverständlich! er hatte auch einen blauen englischen Frack an und wie füllte er ihn aus mit Brust und Schultern! Da saß er, ließ seine großen Augen rollen, blies die Backen auf wie nur je und spielte den galant-homme, sich herabneigend zu der kleinen zierlichen Schwiegertochter und seine gewaltige Hand auf ihre schmale legend, — und das schon in der ersten halben Stunde der Bekanntschaft! George, an der anderen Seite des Tisches zwischen Mutter und Riekchen sitzend, sich der Verpflichtung innerlichst bewußt, sein neues Glück in die erloschenen Augen der Mutter strahlen zu müssen, die an ihm hingen, fühlte eine nie geahnte Erregung des Herzens. Plaudernd und lachend, als hätte er Wein getrunken, rief er Therese an, sie möge seine Erzählung von der Hochzeit ergänzen, was für eine Robe hatte ihre Mama getragen, wie waren die allerliebsten Carmina gegangen, die ihre kleinen Stiefgeschwister rezitiert? Dies alles interessiere brennend die Damen. Zugleich wühlte er hastig, fieberhaft nach einer Frage, die er dem Vater wie eine Schlinge umwerfen könne, — ja, — wie war das mit seiner Promotion, was für Visiten waren zu machen, welcher Anzug war angebracht? Sonderbar bemüht, der Mittelpunkt des Kreises zu werden, kein Sondergespräch aufkommen zu lassen, redete er nach rechts und links, was ihm gerade in den Sinn kam, die Augen immer wieder beschwörend auf Therese gerichtet: einen Blick, ein kleines Freimaurerzeichen des Verständnisses, der Zusammengehörigkeit wollte er haben, — oh, aber nicht dies gleichmütige, abgleitende Lächeln! Verzweifelt machte er Anspielungen auf kleine gemeinsame Erlebnisse der letzten Tage: „Weißt du noch, in Weimar …?“ sagte er, und „Therese, wie war die Aussicht aus unserem Fenster in Eisleben, du erinnerst dich, haha!“ erreichte aber nichts, als daß sie ihn erstaunt fragend und nachdenklich anblickte und daß Riekchen eifrig fragte: „Wie war das denn, erzähle doch!“ Allmählich verstummte er, zerbröckelte seinen Kuchen mit den Fingern und starrte vor sich hin aufs Tischtuch. „Mein Georgie,“ hörte er die Mutter neben sich und fühlte ihre leise Hand auf dem Ärmelaufschlag, „bist du nun froh?“

Er wandte ihr die Augen zu.

Der Vater neckte Therese. Der Vater nannte sie: „Frauenzimmerchen, charmantes, durchtriebenes!“ Der Vater reichte ihr mit Grandezza den Arm, um sie in den Garten zu führen. Die andern folgten. „Zwischen diesen ehrwürdigen Zeugen des Geistes,“ sagte Reinhold Forster im Kabinett verweilend mit einer weiten Handbewegung auf die Bücherborde deutend, „hat Ihr George seine ersten schüchternen Schritte auf dem Pfade der Wissenschaft getan!“ Alle waren stehengeblieben. Dort standen der Vater und Therese. Hier stand George, den Kopf ein wenig gesenkt, den Mund mit einem schmerzlichen Versuch zu lächeln halb geöffnet, die Augen schweifend; Mutter und Schwester hinter ihm in der demütigen Haltung liebender Einfalt. Der Vater aber legte den Arm plötzlich mit einer großen Gebärde um Therese, die mit einem gurrenden Lachen zu ihm aufsah, und mit der Linken erst auf sich selbst, dann auf den Sohn deutend, rief er mit dem alten wohlbekannten Dröhnen des Brustkastens: „Gegängelt, gegängelt, gegängelt ist er gegangen! Frauchen, Frauchen, nun kriegt Sie die Zügel in die Hand! — hat Sie auch die Forsche dazu?“