„O, ich verkaufe meinen Glauben an das Herz nicht um Ihre Menschenkenntnis!“ rief George voll Bitterkeit und fuhr im selben Augenblick leicht zusammen. Wie von einer Woge der Musik hereingespült war aus dem Saal ein Paar in dies Kabinett geeilt und beim Anblick der beiden einsamen Zecher in plötzlichem Zaudern stehengeblieben, als hätte es den Ort verlassen geglaubt.

„Oh, Therese!“ sagte George sonderbar langsam und erhob sich schwerfällig, „du suchtest mich? Mein lieber Meyer, — nehmt doch Platz. Ihr — seid erhitzt, — Ihr wünscht etwas zu trinken?“

Und stehend neben seinem Stuhl verharrend, blickte er in unschlüssiger Hilflosigkeit auf Therese nieder, die da schon gegenüber von Lichtenberg saß, mit unruhigen Händen ihre Frisur ordnete und den leichten silbergestickten Schal um die zarten Schultern zog.

„Wir stören das erste Sichwiederfinden zweier schöner Geister, ich wette!“ rief sie aus und ließ ihre Augen zwischen Lichtenberg und George wandern.

„Warum stehst du so gebrochen da, mein Freund?“ Und bemüht, dieses sonderbare Gespräch stummer Blicke zwischen George und Wilhelm Meyer zu beenden, Meyern, der ebenfalls noch stand und sehr aufrecht mit einem rätselhaften Erzengellächeln seiner blauen Augen auf den in sich gebückten George sah, drängte sie: „So setzt euch doch! Wie ist dein Kopfweh, George? Ach, Assad, wenn du das Fenster schließen wolltest, dieser kühle Luftzug tut unserm Freunde unmöglich gut! Oh, unser deutscher Walzer, George, — was sind alle Mazurken dagegen! Du erlaubst doch, Lieber?“

Sie führte sein Glas an die Lippen, sie lächelte ihn an, ihre Hand suchte seine. Eine Woge von Entzücken sprengte den Reifen, der um seine Brust gelegen hatte; er lachte, er stürzte den Rest des Weines hinunter und setzte das Glas mit solchem Schwung und Nachdruck nieder, daß es zersprang. Er saß neben ihr, er hielt ihre Hand fest, er redete, eifrig, demütig: „Ich bin glücklich, dich hier zu wissen, Assad. Wenn der Ozean um mich brandet, wird der Gedanke mich stärken: Therese ruht im sicheren Hafen, treue Freunde schützen mein Weib und mein Kind.“

„Komm doch häufig zu uns, Teurer,“ sagte er in das seltsam ratlose Schweigen der anderen hinein, „sieh, wie wir leben, nimm dir ein Beispiel an unserm Glück! Ich werde dir dankbar sein, wenn du Therese auf ihren Spaziergängen begleitest, ich bin von meinen Reisevorbereitungen übermäßig in Anspruch genommen, — lies ihr vor, ich werde dabei sein, wenn ich kann. Höre, Assad, — aber du willst gehen, — warum geht er denn, Therese?“

Mit einer kurzen Entschuldigung war Meyer aufgesprungen und hinausgeeilt, in dem Augenblick, als die Musik aufhörte und die Menge der Tanzenden plaudernd und lachend hereinströmte. „Er scheint da doch irgendwo interessiert zu sein,“ sagte George, ihm nachblickend, „was meinst du, Therese, ist es eine von den Gatterers oder am Ende gar die gelehrte Dorothea?“ Aber da nun der alte Heyne, am Arm die Professorin Wrisbach, an den Tisch trat, den Schwiegersohn auf die Schulter schlug mit dem Aufruf: „Hier verbirgt sich das Turteltaubenpaar, ei, ei, da kann man freilich lange suchen!“ und: „So lob’ ich mir’s, Töchterchen, hast dem petit maître den Laufpaß gegeben und deinen Forster gesucht!“ so ward Therese der Antwort völlig überhoben.

Er wollte nicht zu Professor Büttner gehen, wie er daheim zu Therese gesagt hatte, er fühlte sich heute weder den Anforderungen einer gelehrten Konversation, noch der Hundeatmosphäre im Studio des Alten gewachsen. Er ging auch nicht zu Heyne. Ihm war nicht nach tabaksqualmumwölkten philologischen Erörterungen zumute und er hatte keine Lust, sich von jedem Besucher, — und immer waren dort Besucher! — auf die Schulter klopfen und beglückwünschen zu lassen, zu seiner Heimkehr aus Sarmatien, zu seinen Aussichten, zu — seinem Weibe. Warum überhaupt, meditierte er irgendwie erregt und weit ausschreitend, warum fühlte sich jetzt jedermann nicht nur gedrungen, sondern auch berechtigt, ihn auf die Schulter zu klopfen, sei’s im Ton der Rede oder mit der Gebärde? War er etwa jünger geworden, hatte er eingebüßt an Verdienst, an Haltung, an Würde? Warum hatte Karoline Michaelis, die nun des wackeren Böhmer Gattin und aus ihrem Klausthal am Harz nur vorübergehend nach Göttingen gekommen war, ihn gestern beim Wiedersehen im Hause Gatterer so besorgt betrachtet, so aufmunternd zu ihm gesprochen, als sei er mütterlicher Betreuung bedürftig? Und: „Guter Forster!“ hieß es allenthalben, „der gute Forster“ an allen Ecken und Enden, und: „Forster, mein Guter!“ rief ihn Therese über den Tisch hinüber an, oh, hatte er sich denn je im Leben dieser Bezeichnung weniger wert gefühlt, als gerade eben? „Karoline freilich“, schaltete er mit einem Aufatmen in seine Gedanken ein, „wird wohl jeden streicheln und betreuen wollen, dem sie ein wenig gut ist, — und ich glaube, sie war mir ein wenig gut, einst, ehe ich …“

Seine Gedanken wurden zu Vorstellungen. Er sah einen Frühlingsgarten, sah Therese, sah Karoline vor sich stehen. Zog er Vergleiche? Lächerlich! Sie war die Doktorin Böhmer, er war Theresens Gatte. — „Was bin ich noch?“ dachte er angestrengt, während seine Füße im Herbstlaub rauschten und sein Blick unruhig den Himmel suchte zwischen den entblätterten Wipfeln der Kastanien, und wußte im Hintergrunde seines Bewußtseins ganz wohl, welche Antwort er von seinen Gedanken erwartete, welches Spiegelbild er zu sehen wünschte. „Den jungen Forster“ etwa, wie einst, als diese Formel eine Vorstellung von Tapferkeit, Geist und Gunst der Götter ausdrückte, „den Pionier der Kultur“, gewiß! und den „Bannerträger der Aufklärung in die Nacht der Barbarei“. Indessen kam nur eine Antwort mit der Aufdringlichkeit eines repetierenden Uhrwerkes und seine eigene Einsicht ließ nicht ab, ihm zu versichern, er sei Theresens Gatte und Herrn Meyers Freund und Bruder.