„Zu viel der Ehren“, höhnte er sich selber und riß den Mantel am Halse auf, denn er fühlte seine Stirne feucht werden in der dampfenden Schwüle des warmen Oktobernachmittages. Er nahm den Hut vom Kopf und gesenkten Hauptes schritt er weiter. Es war die quälende Spannung, in der ihn die Erwartung einer Nachricht aus St. Petersburg hielt, einer Nachricht über die endlich erfolgte Ausreise des Kapitäns Mulowsky, die zugleich das Signal für seine und Sömmerrings Abreise nach London sein sollte, — diese quälende Spannung war es, an der sich seine Gedanken stauten. Nun war Therese mit dem Kinde untergebracht in der hübschen kleinen Wohnung bei Pastor Wagemann am Wall, seine Angelegenheiten waren geordnet, seine Koffer standen gepackt, er konnte jeden Tag aufbrechen. Aber anstatt der ersehnten Post kam böse Zeitung über böse Zeitung, die Welt summte von Kriegsgerüchten, England hatte den Krieg an Frankreich deklariert und hier, in dem sturmgeschützten Göttingen, saß er nun, bebend vor Ungeduld, und fühlte ohnmächtig die Verwicklungen europäischer Interessen, die alle Fürstenpläne wissenschaftlicher Art im Keime erdrosseln mußten. Wie, wenn Frankreich Anschluß an Rußland suchte, — wenn Katharina diesen Augenblick zur Überrumpelung der Pforte geeignet finden sollte? Nein, er selbst war wohl nicht mehr als ein gelegentlich nicht ohne Glück radotierender Kannegießer, aber hatte nicht ein Mann von politischem Weltblick wie Schlözer gestern bedenklich geäußert, es sei augenblicklich die unglaublichste Konjunktur in politicis, die je gewesen, Frankreich sei ganz von beiden Kaiserhöfen gewonnen, England aber habe vernehmlich ausgerufen, es würde nie zugeben, daß die Türken aus Europa vertrieben würden? Was würde dies alles ihn kümmern, wenn er nicht gewußt hätte, daß Katharina in Pallas mehr die Kriegsgöttin als die Beschirmerin der Wissenschaft ehrte, daß — nun kurz und übel, — sie einen wissenschaftlichen Plan mit Achselzucken aufgeben würde, wenn die Mittel dafür einem militärischen zugute kommen konnten! Hier saß er also, mußte sich einen guten Forster heißen lassen und hätte am liebsten jedem den Rücken gekehrt, der ihn fragte: „Nun und wann brechen Sie auf, wann reisen Sie, mein Bester?“ Der Betrachtungen anstellte über sein, des guten Forster, und über Theresens Los … Da hatte er nun um die Vermittlung Zimmermanns in Hannover nachgesucht, des Leibmedikus und ständigen Korrespondenten Katharinas, aber dieser Don Pomposo, wie ihn Lichtenberg nannte, regte sich nicht und rührte keine Feder. Ob er einmal nach Hannover fuhr? Wenn ihn doch niemand mehr fragen wollte, — wenn doch diese aufgeregten Briefe von Sömmerring ausbleiben möchten! Eine Arbeit, jawohl, das wäre Rettung! Kollegien belegen, Anatomie und Chemie treiben, jeder Minute abgewinnen, was sie nur bieten konnte! Doch hier lief er auf den Wällen von Göttingen spazieren, hier lief er, weil er es zu Hause nicht aushielt, weil da etwas Unsichtbares in der Luft lag, eine beständige Frage, eine Enttäuschung, ein Warten, — das Warten, daß er doch gehen möge, wenn nicht in die Südsee, so doch wenigstens auf die Wälle! War es nicht so? Oh, Therese sprach es nicht aus, sie sprach es natürlich nicht aus, im Gegenteil … Aber war die einsame Wandrerin, die ihm dort entgegenkam, nicht die Doktorin Böhmer? Und während er vor der im raschen Gange Stockenden stehenblieb und sich verneigte, nicht wissend, daß die bitteren Gedanken der letzten halben Stunde sein Gesicht noch verzogen, erinnerte er sich, gestern empfunden zu haben, Karoline habe die sanften warmen Hände einer Schwester oder einer Mutter, erinnerte sich eines irrenden Wunsches, diese Hände auf seiner Stirn zu fühlen. Karoline lächelte an ihm vorbei: „So einsam, Freund, — und ohne ein Ziel? Oh, ich sah Sie von weitem kommen und Sie gingen nicht wie einer, der ein Ziel, kaum wie einer, der einen Ausgangspunkt hat.“

„Ich verstehe nicht ganz …“

„Oh, grübeln Sie nicht, es ist Spielerei mit Worten. Sehen Sie, ich habe einen Ausgangspunkt und ich habe ein Ziel, und mein Weg beschreibt den Kreis der Schlange, die sich in den Schwanz beißt: ich komme aus Klausthal und ich gehe wieder nach Klausthal. Sie aber, — Sie kommen aus der weiten Welt und gehen wieder — hinaus …“

„Habe ich nicht auch mein Klausthal?“ fragte er, sonderbare Unruhe im Herzen. Er hatte gewendet und schritt an ihrer Seite, langsamer nun, den Weg zurück, den er gekommen war. Sie ließ den Blick seitwärts gleiten.

„Oh, nennen wir es Klausthal, gut! Klausthal,“ sagte sie mit unerklärlichem Lächeln, „Klausthal ist ein Ort von großen Meriten, denn er betrachtet mich als sein Zentrum, sein schlagendes Herz. Klausthal, verstehen Sie, — mein Klausthal, — kann nicht leben ohne mich, und das ist’s, was mich an — Klausthal fesselt. Etwas, wie die Verantwortlichkeit eines Fürsten für ein ihm ergebenes Land. Nein, lieber Freund, — ich glaube, — ein Klausthal haben Sie nicht.“

George hörte und dachte: „Sanfte Stimme“ und „Oh, wie die gelben Blätter auf dem schwarzen Wasser schwimmen!“ Aber er antwortete nichts.

„Der Ort, der Ihnen Klausthal sein könnte oder den Sie dafür halten … Verzeihen Sie mir, ich liebe es, ein wenig zu phantasieren und bin kein gelehrtes Frauenzimmer wie Dortchen Schlözer“, unterbrach sie sich heiter und sah mit lachenden Augen auf in seine kummervoll forschenden. „Nun, ich habe etwas von den Ideen des Herrn Kant über die Entstehung des Kosmos gehört und es hat mich amüsiert. Also Ihr Klausthal ist kein Granitfelsenort wie meins, sondern ein feuriger Stern, feurig und flüssig, noch nicht recht bewohnbar, ist’s nicht so? Ein Ort voller Eruptionen und Lavaströmen, — für einen Naturforscher recht interessant.“

„Oh, Karoline, dies war malitiös!“

„Lieber, Verehrter! Ich bin erschrocken. Es war nicht böse gemeint. Forster! Eines Tages taucht ein Eiland aus den dampfenden Wassern, — sanfte Matten …“

„Pisangwälder, ich weiß …“