„Apfelbäume, Blumen, heimische Wälder, oh, nichts Exotisches, Freund!“ plauderte sie eifrig, als erzählte sie einem Kinde von Weihnachten.
„Ein Haus?“ fragte er bittend.
„Ein Haus zwischen Hecken, es gehört dem Forster allein!“ tröstete sie strahlend.
„Ein Klausthal!“ murmelte er.
„Klausthal!“ bestätigte sie zögernd und ihre Augen gingen blicklos in die Ferne. Und plötzlich fragte er wie erwachend:
„Karoline, — sind Sie glücklich in — Klausthal?“
„Wie anders?“ sagte sie ruhig und unter der Tür ihres elterlichen Hauses reichte sie ihm lächelnd die Hand, „Forster, gibt es nicht für uns eine Verpflichtung zum Glück?“ — — —
Wohl, sie hatte ihm noch Abschiedsworte gesagt und dies, daß sie einander wiedersehen würden, in Jahren, alte und weise Leute geworden, wie es sich von selbst verstand. Was ihn aber bewegte, ihm, — oh, endlich, endlich einmal wieder! — den federnden Schwung der Gedanken gab, es war dies Wort von der Verpflichtung zum Glück. Er, ein Mensch ohne die Fähigkeit, eine Melodie annähernd richtig wiederzugeben, verdankte dennoch der Musik gelegentlich ähnliche Wirkungen, wie sie ihm jetzt durch dieses Wort geschehen waren: nach der Versenkung, ja nach dem schwelgenden Untertauchen in die Wehmut der Erinnerung an erlittene Unbill, das Aufströmen schmerzlichen Trostes, des Lebenwollens, trotzalledem. Oh, und welche Aufforderung zur ritterlichen Askese, welch herausfordernder Widerspruch zwischen Zustand und Gebärde lag in diesem Ausdruck, den die Freundin ihm spielend hingerollt hatte, wie einen Ball! Nun, — und sie selbst? Wie kam sie, die ewig Heitere, zu solchen Erkenntnissen? Aber danach fragte er jetzt nicht viel in seinem soldatischen Rausch der Leidens- und Sterbensbereitschaft unter blanker Montur und bei erklingendem Marsch. Ach, George, der kleine Knabe von dazumal, der das Spiel nie gekannt hatte und einen so sonderbaren Aufwand mit den Werkzeugen seiner Fronarbeit am Schreibtisch trieb, aus dem verzweifelten Hunger seiner Phantasie nach buntem Symbol heraus, — George, der Mann, er brauchte das tönende Wort. George stürmte vorwärts durch die engen dämmrigen Gassen, in denen Kinder lärmten und Frauen schwatzend vor den Haustüren standen, George fühlte dies, daß das Bewußtsein des eigenen Wertes allein zum Glück, zur Verachtung der äußeren Umstände, zur Haltung verpflichte, und in diesem Gefühl schon meinte er zu besitzen, was er wünschte.
Warum aber erlahmte sein Schritt, je näher er seiner Wohnung kam, warum stieg er die Treppe so zögernd, warum verharrte er auf dem letzten Absatz, den goldlackierten Knauf des Geländers mit der Hand umklammernd, und sagte sich: „das Röschen freut sich, wenn ich komme, — das Röschen wird sich freuen …“ —
Sollte sie bis zu seiner Abreise warten, um sich in der Göttinger Gesellschaft einzuleben? Nun, war es nicht etwa freundlicher, er begleitete sie in die Häuser der Freunde und pflanzte sich Keime der Erinnerung an den verschiedenen Teetischen, damit sie erblühen und duften konnten, wenn er erst fort war? Sollten die Fakultäten und ihre Damen annehmen, er sei ein Tyrann und verlangte, sie sollte in der Heimat freiwillig das geistige Hungerleben von Wilna fortsetzen? Gewiß, das war seine Absicht doch nicht! Liebte er seine Therese? Hier wurde: Georgie! geflüstert mit einem gewissen Lächeln, das lockte und verhieß, und das ihn wehrlos machte, er wußte es wohl. Er glaubte diesem Lächeln. Er hatte Grund, ihm zu glauben, — aber warum war er denn nicht selig unter diesem lauen Sturmwind des Gefühls, der so jäh und stoßweise aus Therese aufgebrochen war und sein Blut fächelte? War es der nahende Abschied, der ihr Herz endlich in Wallungen brachte? Oh, aber dieser Abschied zog sich hin, kein Mensch konnte auch jetzt, zu Ende November, sagen, ob bis Weihnachten, bis zum Frühling oder bis übers Jahr. Katharina hatte den Türken den Krieg erklärt, dies war im Grunde so gut, wie die Gewißheit, daß dem wackern Mulowsky samt seinen fünf Schiffen eine andere Verwendung blühen würde, als jene Entdeckungsfahrt. Indessen blieben bestimmende Nachrichten aus St. Petersburg immer noch aus, und obwohl George in seiner verzweifelten Ungeduld bereits begonnen hatte, mit dem jungen Eluyar Verhandlungen über ein neues Projekt anzuknüpfen und sein Geist genußreich mit der Ausarbeitung der Forderungen beschäftigt war, die er im Falle des Gelingens der spanischen Regierung zu unterbreiten gedachte, so hing sein Herz doch immer noch mit schmerzlicher Hoffnung an dem Auftrag der Kaiserin, dessen Erfüllung ihm seines Rufes würdiger schien, als die Annahme einer höheren Beamtenstelle unter spanischem Regiment. Denn darum handelte es sich. Er sollte mit Weib und Kind als sachverständiger Erforscher der Bodenschätze nach den Philippinen gehen. Da er aber nun zu wissen glaubte, was er wert war und welcher Summen eine Regierung fähig war, die ihren Kopf auf einen bestimmten Mann gesetzt hatte, — oh, ihn konnte niemand mehr übervorteilen! — so forderte er so raffiniert und phantastisch, daß der junge Eluyar erschrocken zurückwich und dieser schöne Plan sich sogleich als totgeboren erwies. Abschied und Trennung also lagen im Nebel vor ihm, in ungewisser Entfernung, ja, möglicherweise barg dieser Nebel nichts, als ein Zusammenleben unter veränderten Umständen. Warum aber dann dieser Aufwand des Gefühls bei Therese? dachte George, ungläubig und mißtrauisch, reizbar geworden in der kaum noch erträglichen Erwartung einer Entscheidung. Warum dieser Singsang vom Morgen bis zum Abend wie in der ersten Wilnaer Zeit, diese heitere Geschäftigkeit um ihn her, da er nicht mehr gewöhnt war, daß nach seinen besonderen Wünschen gefragt wurde, — warum dieser angelegentliche Drang, sich mit ihm in Gesellschaft zu zeigen und, womöglich an seiner Seite sitzend, seine Hand festhaltend — mit — Meyer zu konversieren, der sich zu ihnen gesellte, ruhig, wie durch ein Naturgesetz bestimmt? Er fühlte das wohlbekannte erregte Beben dieser manchmal so hilflosen kleinen Hand, fühlte, wie die Pulse in ihr zuckten und tanzten, blickte ratlos auf, sah Meyers undurchdringliche Augen auf sich gerichtet, — auf sich und nicht etwa auf Therese, — und senkte den Kopf in ratloser Bestürzung, in quälender Beschämung für sie, die da zwischen ihnen plauderte und lachte und nun nach Meyers herabhängender Linken griff als würde ihre Hand magnetisch hingerissen. „Die Kette ist gebildet“, dachte George dumpf. Spürte sie denn nichts von den Strömen, die nun durch ihre Hände aufstiegen, hielt ihr Herz es aus, daß in ihm Haß gegen Haß zuckte? — Oh, aber da war kein Haß, wußte George, wieder zu Meyer aufblickend und erkennend: da war Mitleid, und ein sehr kühles Mitleid, und nur in ihm selber war dieses böse drohende Gefühl, das ihn jetzt hastig aufstehen ließ und Therese veranlassen, ihm zu folgen.