So war es an dem Abend bei Professor Michaelis gewesen, in dem Hause, das ihm lieb war durch irgendeine unbewußte Erinnerung an die ferne Karoline. „Du bist böse, Georgie?“ hatte Therese in der Dunkelheit des Heimwegs zaghaft gefragt, — woher kam ihr dies auf einmal, diese Zaghaftigkeit, ihr, die nie gezögert hatte ihn zu verletzen, weil eben sie es bisher noch nie für möglich gehalten hatte, daß ein Wort von ihr ihn verletzen könnte, so sicher war sie immer ihres guten Willens gewesen? „Therese,“ sagte George gequält, „es ist dies, daß du dich auffallend viel mit Meyer abgibst. Kennst du denn nicht die Göttinger Klatschmäuler? Es ist nicht meinetwegen, bei Gott, — ich weiß ja, ich bin ja sicher …“ log er und dachte dabei: „Therese ist ein Kind, Therese wußte nicht, aber jetzt ahnt sie, wie es um sie steht, und wenn sie völlig zu sich kommt, was soll dann aus uns werden?“
Und wie um es zu verhindern, daß sie sich rechtfertigte, in tödlicher Angst vor Auseinandersetzungen, sagte er heftig:
„Ich bin um deinen Ruf besorgt, meine Teure, du verspielst mit ihm auch den meinen. Und es ist meine Pflicht, dich zu warnen.“
Die Stimme aus dem Dunkel neben ihm kam warm und süß, — so wie Theresens Gesicht und ihr Körper in diesen letzten Monaten erblüht waren wie Rosenduft im Juni, warm und süß: „Du selbst hast ihm und mir das Du vorgeschlagen und den geschwisterlichen Kuß erlaubt, Georgie, damals, an unserem Hochzeitsabend, erinnere dich. Und, oh, Georgie, — er ist mir wie ein Bruder und nennt mich seine Schwester, — und du ludest ihn ein, zu kommen, so oft er wollte, zum Essen täglich, und mir vorzulesen. Wo ist denn da das Böse, Georgie, — wo?“
Er schwieg, denn er erstickte den Schrei, der in ihm aufstieg. Therese, wußte er zerbrochen, hat noch nie geliebt bis jetzt. Und Therese ist dennoch mein Weib geworden, — und ich liebe sie. — —
Mulowsky schrieb so voll höflichen Bedauerns, Biedermann, der er war, und beteuerte am Schluß seines Briefes den Gewinn, den er trotz des Fehlschlagens dieser schönen Pläne durch die Bekanntschaft mit dem Begleiter und Freunde Cooks gehabt habe. George würde einen ähnlichen Brief in gefaßtem Tone zurückschreiben, er entwarf ihn in Gedanken, als er in der Dunkelheit des Dezemberabends den Weg nach Hause suchte, von Heyne kommend, dem er das endgültige Scheitern seiner großen Aussichten nun doch hatte mitteilen müssen, ehe dieser böse Tag ganz zu Ende ging. Er entwarf den Brief, fieberhaft bemüht, seinen Geist zu beschäftigen und nicht in der fürchterlichen Leere der Zukunft zerflattern zu lassen und einer Versuchung zur Empörung zu erliegen, auf die, er wußte es wohl, er kein Recht hatte, denn: wem wollte er denn diese Vorwürfe machen, die aus ihm quollen wie schwarze Galle, wem die wahnsinnige Verzweiflung seines Herzens vor die Füße werfen, daß dies nun wieder nichts sei, daß man ihn wieder genarrt habe, — der Kaiserin Katharina etwa? Er war doch kein Kind, das den Stuhl schlug, an dem es sich gestoßen hatte, — aber, oh, mein Gott, wer, wer hatte denn Schuld, daß er immer und immer auf Sandbänke fuhr, wenn er die Segel spannte? Denn dies war nicht mehr begreiflich ohne Schuld, dies war Verhängnis, Strafe, Gericht! Gott versagte sich ihm, Gott schwieg und setzte allen seinen Hoffnungen, — unschuldigen Hoffnungen gewiß, aus dem Willen zur Arbeit, zum Wirken, zur großen Tat geboren, — ein stummes hartes Nein entgegen, wie eine Mauer, an der er hin und her irrte, schreiend ein Tor in die Gnade begehrend. Ich habe, dachte er mit bitterer Unbarmherzigkeit gegen sich selbst, die Stimme überschrien, als sie leise zu mir zu sprechen begann, damals in Wilna, als ich in demütiger Handlangerarbeit anfing, mich glücklich zu fühlen. Denn dies ist’s, was er mir zugewiesen hat, Knechtschaft, und nicht Freiheit, leiden und nicht herrschen. Und wer mich anders sieht, der ist mein Feind! rief er halblaut, die geballte Faust gegen die Stirne pressend. Es gab keinen Menschen, der ihn so geliebt hatte, wie er wirklich war, — außer vielleicht der Mutter. Ach, die Mutter! Er ging nun ganz langsam, ganz gelöst, hingegeben an die Erinnerung der einzigen, still atmenden Liebe, die um ihn gewesen war, wie Frühlingssonne um den Baum. „Du wolltest nichts von mir,“ murmelte er, „du wolltest nichts, als geben dürfen …“ Und wäre dies nicht Glück? fragte er plötzlich, das Antlitz lauschend erhebend, als habe er von irgendwoher Anruf und Botschaft empfangen, — wäre — dies — vielleicht — das Glück? — —
Ob er das Röschen nicht mit hinauf nehmen wollte, hörte er die Stimme der Pastorin Wagemann in die sonderbare Stille seines Herzens hinein fragen, kam zu sich und erkannte, daß er schon im Treppenflur des Hauses stand, auf dem Absatz vor der geöffneten Türe der Wagemannschen Küche, aus der heraus es festlich und schmalzkuchenhaft duftete. Die ganze Familie, um den riesigen Backsteinherd versammelt, schien sich dem Opferdienst der Zubereitung eines Silvestergebäcks zu weihen, selbst der Pastor stand da in Schlafrock und Pantoffeln und auf jedem Arm ein Kind, von denen eins das Röschen war und schlief, den kleinen Kopf vertrauend auf die Schulter des freundlichen Würdenträgers gelegt. Oh, die Demoiselle Tochter sei von der Liese heruntergebracht worden, die noch einen Gang machen zu müssen vorgegeben hatte, und die Frau Geheimrätin habe ja Besuch, kam die Erklärung der Pastorin, in der George irgend etwas störte. Er machte sich klar, daß es dies unnötig eingeschobene „ja“ sei, — die Frau Geheimrätin habe ja Besuch … Aber was lag denn nur in diesem unschuldigen Wörtchen, fragte er sich in der Erschöpfung seines Gehirns vergeblich, indem er, Dankesworte murmelnd, dem Pastor das Röschen abnahm und sich auf einem hölzernen Stuhl niederließ. „Oh, hier ist es warm,“ sagte er und blickte um sich, „und so wie zuhause, wissen Sie, als ich ein Knabe war.“
„Ich denke an Nassenhuben, wo mein Vater Pfarrer war“, erklärte er, bemüht, unausgesprochene Fragen zu beantworten, — wenn man ihn doch nur ein wenig verweilen lassen wollte, ein wenig Zeit gewinnen! Jener Besuch dort oben mußte doch gewiß jetzt gehen und dann brauchte man ihm nicht zu begegnen! — „Dort war die Küche auch so groß und niedrig und um den Rauchfang herum hingen die kupfernen Pfannen. Auch so ein Dreifuß stand manchmal über den Kohlen und der Schmalztiegel drauf“, sagte er zu dem ältesten Knaben, der an ihn herangetreten war und ihm ernsthaft zuhörte. „Nun, du bist schon groß und verständig, du mußt dem Herrn Papa wohl schon gehörig assistieren? Exzerptieren, katalogisieren, Manuskriptlein kopieren, — haha, jaja, ich kenne es, mein Sohn, wir kennen es!“
Seine Hand, die er hob, um den blonden Kopf zu streicheln, griff ins Leere. Der Knabe war einen Schritt zurückgewichen.
„Ich spiele lieber,“ erklärte er, mit großen Augen auf den Fremden blickend. „Der Vater hat mir einen hölzernen Degen gemacht und lehrt mich exerzieren.“