Zwei Monate später fand er sich auf derselben Wegstrecke, Göttingen wieder zugewandt. Gewaltsam hatte er seine Gedanken in diesen letzten Stunden vor der Ankunft mit den Ergebnissen des Berliner Aufenthaltes beschäftigt, hatte Unterhaltungen von Wert und Inhalt, wie sie sein Gedächtnis aufbewahrt hatte, memoriert und Betrachtungen daran geknüpft, hatte sich mit Biester und Nikolai in dem Handel gegen Starcke einig gewußt und in der Erinnerung an seine Besprechungen mit Spener alle guten Kräfte in sich lebendig werden gefühlt. Fuhr er nicht selbst nach den Philippinen, o, so würde er sich ungleich müheloser in diese Breiten versetzen, indem er für Spener die Geschichte vom Schiffbruch einiger Engländer auf den Pelews-Inseln, erzählt von Mr. Keates, ins Deutsche übertrug. Aber nicht etwa, daß er ausschließlich zu übersetzen gedachte! Da waren botanische Kuriosa, die auf seine Feder warteten, um liebevoll und sauber beschrieben zu werden; da war, in undeutlichen Umrissen zwar noch, aber doch schon monumental am Horizont sich aufbauend, das Werk über die Geographie der Südsee, über alles Denkwürdige, was zwischen China und Peru zu finden war, das er der Welt schuldete. Dies alles hatte er vor und noch viel mehr. Ein freier Mann nunmehr, da die Kaiserin in großmütiger Weise trotz ihres Verzichtes auf seine Dienste ihn aus seinen polnischen Verpflichtungen gelöst und ihn für seine Wartezeit entschädigt hatte, — eine Anstellung in St. Petersburg, die ihm angeboten worden war, hatte er abgelehnt —, ein Mann, dem keine Kette mehr am Fuß klirrte, hatte er seine Zukunft in der Hand und nie wieder würde er sich an die Galeere schmieden lassen. Die Stelle des Universitätsbibliothekars in Mainz war durch Müllers Aufstieg in das Ministerium des Kurfürsten soeben frei geworden, Sömmerring hatte ihn sogleich davon benachrichtigt, Müller begünstigte ihn. Er gedachte sich zu bewerben, gedachte im nächsten Monat nach Mainz zu reisen, um sich dem Kurfürsten vorzustellen, gedachte …

Ich will es ihr leicht machen, durchbrachen seine Gefühle hier endlich die mühsam aufgeworfenen Dämme der nüchternen Überlegung, will sie in meine Arme nehmen, will zu ihr sagen: Es ist alles gut, mein Liebling, weine nicht, nichts soll uns wieder trennen.

Allein im Wagen, wie er auch diesmal wieder war, drückte er den Kopf in die Fensterecke und überließ sich seinen Gefühlen.

Dies also war das Ergebnis eines mit tödlich bittrem Pathos geführten Briefwechsels zwischen ihm und dem Schwiegervater und schließlich auch zwischen ihm und Therese. Nicht nur, daß er zurückkehrte zur Versöhnung bereit, bereit, selbst Meyern zu vergeben, wenn dieser nur zunächst seinen Weg nicht kreuzen wollte, — hier saß er wiederum wie auf der Hinreise, gebrochen, nach Versöhnung seufzend, lechzend nach der Wonne, vergeben zu dürfen. Hier saß er, tränenüberströmt, sein Herz taute wie draußen die Erde, hier saß er, dem Augenblick entgegenbebend, da er sie wieder sehen, hören und fühlen würde …

In den Göttinger Gärten blühten die Veilchen. Er ahnte es, er atmete den Duft, er ging an der Mauer entlang, über die das Gartenhäuschen sein spitzes, mit dem Pinienapfel gekröntes Dach hob, ging und dachte, dachte: Ach, noch ein paar Schritte …

Sie sollten sich im Hause der Eltern wiedersehen. Nun kam die Gartenpforte, der Pfad zwischen den Buchseinfassungen der Beete, die Glasveranda, — ach, der Klingelzug …

„Meine geliebten Kinder!“ sagte der alte Heyne und erhob segnende Hände, „meine geliebten Kinder!“ O, würde er denn nicht hinausgehen? Er ging hinaus, im langen grünen Hausrock, ein wenig schwankend vor innerer Bewegung, und nun, — wo war Therese? Er hatte sie wohl beim Eintritt gesehen, ihre schlanke kleine Silhouette mit dem ein wenig zu großen Kopf gegen das helle Fenster gelehnt, jetzt erst kam sie auf ihn zu, und er erkannte, sie trug das Kleid aus tabakfarbenem Kaschmir, mit den weißen Säumchen, das er nicht sehr liebte, eine gestickte Schürze und ein Falbelhäubchen auf den à la hérisson frisierten Haaren.

Dies alles nahm er seltsam deutlich wahr und bemerkte selbst, daß die Ärmel dieses, — von ihm also nicht sehr geliebten, — Kleides nach der neusten Mode enger gemacht und verlängert worden waren, sah, daß ihre Gesichtsfarbe auffallend frisch, ihre Lippen sehr glänzend rot waren, daß da, indem sie mit einem unbegreiflichen schwebenden Tänzeln auf ihn zukam, ein Zug von süßlichem Leiden, von irgend einem unaufrichtigen Märtyrertum in ihrem Gesicht war, so stark, daß der Blick ihrer Augen ein wenig verschoß, wie das dem Blick ihres Vaters angeboren war, — sah dies alles mit einem Zurückbeben des Herzens, ahnte über sich schwebend den kommenden Schlag, machte eine Bewegung, ihrer Umarmung auszuweichen, ihr zuvorzukommen, erkannte, es sei zu spät, ergab sich und empfing die Worte: „Ich habe dir verziehen, George!“ schweigend, auf ihre Hände gebeugt, einer Versuchung, auf seine Knie zu fallen, mühsam widerstehend. — — —

Er hatte sich, so meinte er, bei der Einrichtung dieser seiner beiden Arbeitsräume in der neuen Wohnung zu Mainz — einem weitläufigen Hause in der Klarengasse, nahe der Großen Bleiche und dem provisorischen Bibliotheksgebäude, der alten Bursche, — recht eigentlich von dem Grundsatz bestimmen lassen, daß der äußere Mensch ein Symbolum, ein Ausdruck und ein Abbild des inneren sein sollte oder doch wenigstens von dem Idealzustand dieses Unsichtbaren. Kleidete er sich in diesem Sinne mit peinlicher Gewissenhaftigkeit tadellos bis ins kleinste und unterschied zwischen Haus- und Arbeitsrock, zwischen Besuchs- und Straßenanzug, als sei er durch irgendwelche ihm allein bekannte Dienstordnung an ein strenges Reglement in diesen Dingen gebunden, so wollte er auch hier unter den zur Arbeit nötigen Gegenständen die Ausstrahlungen eines Geistes wirksam sehen, der so klar und exakt tätig war wie ein segensreiches Gestirn. Er lächelte. Er ging mit gleitenden Schritten zwischen den beiden Stuben hin und her und sah sich um. Die tahitianischen Rindenmatten an den Wänden in allen Abstufungen von Weißgelb bis zu Braunschwarz mit ihrer seltsam geometrisch-phantastischen Ornamentik taten ihm wohl. Die Kästen mit den Mineralien, den Konchylien, den Insekten standen rechtwinklig aufeinander getürmt mit Inhaltsvermerken versehen da. Übersichtlich geordnet lagen in ihren neuen Gestellen, die der Meister Hefele so überaus sauber angefertigt hatte, die Mappen mit den Herbarien, den Kartenwerken. Und während George vor seinem besten Schatz, dem großen Kartenwerk von Dalrymple, ein wenig verweilte, erkannte er plötzlich und wandte sich wiederum lächelnd aus der Tiefe des Raumes den Fenstern zu: O, nun wußte er, warum hier alles stand, wie es stand, warum dort der lange Tisch vor die drei Fenster gerückt diese Einteilung trug, die eines Schreibplatzes in der Mitte, eines Ortes für die Zeichengeräte, für Winkel und Zirkel, für Stifte und Farbnäpfchen zur Rechten, für das Mikroskop zur Linken … O, er wußte ganz gut, wen er selbst sich hier vorspielte, er lächelte darüber, er, der einzige Mitwisser dieses nicht ungeschickten Darstellers der Rolle eines großen Menschen und ausgezeichneten Gelehrten …

Gleich darauf wandte er sich ärgerlich von seinen eigenen Gedanken ab und ging zu dem hölzernen Barometer an der Wand, befragte die Quecksilbersäule durch Beklopfen und stellte an ihrem ruckweisen Sinken eine Übereinstimmung mit der Bedeutung der ziehenden Schmerzen in seinem Fuß fest.