Es wurde Herbst. Es wurde Herbst und noch war es nicht erprobt, wie seine Gesundheit dem Klima des Rheinlandes standhalten würde. Das Geräusch der Haustür, die Schritte eines Ankömmlings auf den Steinfliesen des Flurs, enthoben ihn diesen sorgenvollen Betrachtungen seines müden Kopfes. Auf einmal stand er nebenan am Pult, über einen angefangenen Brief an Jakobi gebeugt. Müller, falls denn er es sein sollte, der ihn aufsuchte, nun endlich aufsuchte, durfte ihn nicht müßig antreffen. Indes, auch als Eindruck für den jungen Huber, den die Magd nun zu seiner leisen Enttäuschung anmeldete, war es günstiger, als werktätiger Forster hier zu stehen, denn als träumender.
„Ich bin enchantiert, mein lieber Freund,“ sagte George, dem Gast entgegengehend und die tintennasse Feder von der Rechten in die Linke wechseln lassend, um Hände schütteln zu können, „Sie stören mich ganz und gar nicht, — Sie erlauben nur, daß ich eine Schlußzeile …“
„Diese Bücher werden noch anders geordnet,“ redete er, eilig schreibend, Sand streuend, salzend, siegelnd, „ich habe bestimmte Prinzipien der Anordnung, die ich nun auch amtlich wirksam zur Geltung bringen kann.“
Er trat neben den Besucher, zog ein Buch aus der Reihe und reichte es ihm. Der junge Huber, schlank, von wenig guter Haltung, schwarz gekleidet wie ein Abbé, blätterte die Titelseite auf und richtete dann sein blasses Gesicht mit dem Ausdruck liebenswürdiger Ratlosigkeit auf Forster.
„Übrigens sind mir einstweilen die Hände völlig gebunden,“ fuhr dieser fort. „So lange die Entscheidung über ein neues Bibliotheksgebäude höchsten Ortes nicht getroffen ist, lohnt es sich nicht, anzufangen. Mein Gott, es verkommt alles in Staub, es ist nichts zu übersehen, es existiert kein Katalog. Müller muß sich wahrhaftig kaum … Aber lassen wir das. Er hatte Besseres zu tun. In der Tat, wer hätte das nicht? Was ich Ihnen da in die Hand gab, mein Teurer,“ sagte er und nahm Huber das Buch nachsichtig wieder ab, „ist eine interessante Reisebeschreibung des Engländers George Keate, die ich zu übersetzen gedenke. Ich weiß, ich weiß, Ihre Neigungen gehören der schönen Literatur und mehr den Franzosen als den Briten.“
„Soll, sprach er, soll mein Albion vergehen …“ murmelte Huber und strich sich mit der Hand verlegen über die Stirne.
„Sie meinen? Oh, Sie zitieren einmal wieder und vermutlich Ihren Abgott, diesen Herrn Schiller, von dem ich noch so wenig weiß. Nun, dem werden Sie abhelfen. Aber, was ich sagen wollte, — die schöne Literatur samt einer Tasse Tee finden wir drüben bei meiner Frau. Und außerdem vermutlich Demoiselle Dieze und den jungen Herrn von Humboldt aus Berlin, hier durchreisend nach Paris.“
„Ich bin so dankbar,“ sagte Huber mit seiner bedeckten Stimme, „so namenlos dankbar für dies Geschenk der Götter, das Ihr Wohlwollen mir bedeutet! Mainz war öde für mich, ich fand keinen Anschluß, weder bei Hofe noch in den gelehrten Kreisen. Ich bin ein Schwärmer …“ Er lächelte inbrünstig vor sich hin und hob dann die schweren Lider zu einem schnellen scheuen Blick in Forsters Gesicht. „Gewürdigt des Umgangs mit einem Körner, einem Schiller, kann ich den seichten Frivolitäten eines Heinse keinen Geschmack abgewinnen.“
„Und doch liebte ihn Fritz Jakobi!“
„Es wäre unbegreiflich, fänden sich nicht im „Woldemar“ Fingerzeige für gewisse Stationen des Geistes, die Jakobi durchlaufen hat. Er war nicht immer, der er ist.“