„Nicht immer der tiefgrabende philosophische Kopf, als den ich ihn jetzt kenne, — oh, da haben Sie recht. Aber wollen wir nicht hinübergehen?“
„Ach, ein Gespräch zu zweien ist so unendlich viel fruchtbarer!“
„Sie sind wirklich ein Schwärmer! Und garnicht neugierig auf die Dame des Hauses?“
„Ich werde mich glücklich preisen!“ sagte Huber und legte die Rechte aufs Herz, indem er seine große Gestalt sonderbar in den Schultern fallen ließ und Forster folgte, wie ein Verurteilter.
Nachdem der neue Gast der Hausfrau und der Demoiselle Dieze vorgestellt worden war, verneigten sich der Legationssekretär der sächsischen Botschaft, Herr Huber, und der Doktor beider Rechte und der Kameralwissenschaften, Herr von Humboldt aus Berlin, auf das artigste vor einander und gerieten alsbald in ein höfliches Gespräch über den Wert des Reisens, sonderlich einer Reise nach Frankreich, dem Fiekchen Dieze mit schief geneigtem Kopf und leicht geöffnetem Munde andächtig lauschte, während Therese sich an dem sausenden Samowar zu schaffen machte, um frischen Tee zu bereiten, und George unruhig im Zimmer auf und nieder wandelte. Da lehnten die Bildnisse der Großeltern Theresens und sein eigenes, von Tischbein gemaltes, immer noch in einer Ecke an der Wand. Die Gardinen waren glücklich aufgesteckt, Hammer, Nägel und Schnüre jedoch lagen noch auf Stühlen und am Fußboden herum. Die Bücherkiste mit der schönen Literatur stand noch unausgepackt am Fenster, aber es war darin gekramt worden und die letzten Göttinger Almanache waren aufgeschlagen auf dem Tisch zwischen den Tassen. Das war nun einmal Therese, — er dachte es ergeben und wußte es nicht, daß seine Blicke zwischen ihr und den jungen Männern, denen sie jetzt mit ihren hastigen Bewegungen den Tee reichte, hin- und hergingen. Das war nun einmal Therese und so würde es auch noch morgen, auch noch in acht Tagen hier aussehen. Denn, nicht wahr, Umzug war Umzug und gab ein Recht auf Unordnung. Allerdings würden wie von Anfang an in allen Ecken Gläser und Vasen mit buntem Laub, Herbstastern und Veilchen stehen, „The Resolution“, aufgeklappt und mit beschriebenen Bogen bedeckt, würde von Tätigkeit und Mitteilungsbedürfnis zeugen, wie die umhergestreuten Bücher und Journale von Lesehunger, die angefangene Näharbeit dort von häuslichem Fleiß. Und ganz allmählich und schonend würde die Umzugsunordnung eben von der gewohnten, alltäglichen überwuchert und abgelöst werden, in der Therese sich nun einmal à son aise fühlte, — nun, er hatte ja seine eigenen Räume. Der junge Humboldt sah übrigens vorzüglich aus, auffallend viel besser als Huber, auf dessen weichem Enthusiastengesicht irgend ein Zug von Unfertigkeit oder Kindlichkeit lag. Dennoch, er fühlte sich zu Huber hingezogen, mehr als zu dem breit und fest gebauten Jüngling mit dem unerschütterlichen Blick der blauen Augen und diesem starken runden Kinn. O, er hatte dieser Art von Physiognomien mißtrauen gelernt, Erinnerung dunstete durch seine Gedanken wie Krankheit. Er rückte seinen Stuhl nahe an Hubers heran und legte ihm die Hand auf den Arm. „Ein wahrer petit maître, ein ganzer Mann von Welt, dieser Herr aus Preußen, nicht wahr?“ flüsterte er ihm kopfnickend, mit leicht verzerrtem Munde zu und besann sich sogleich unter dem gutwilligen, aber leicht befremdeten Lächeln, dem er begegnete. Wohin geriet er immer? Er war wahrhaftig krank in seiner Seele, und nicht mehr imstande, einen Menschen rein zu genießen. Therese unterhielt sich, Therese unterhielt sich gut, und sollte er nicht froh sein, sie nach Monaten wieder einmal unbefangen lachen zu hören? Was saß er denn hier und grübelte darüber nach, daß ihr Lachen nicht mehr so war wie früher, — daß da ein neuer Klang, ein pathetischer Ton in ihre Art zu sprechen gekommen war?
„Finden Sie Theresen verändert?“ fragte er Fiekchen halblaut. Hatte sie, die als Kind, ehe ihr Vater nach Mainz berufen worden war, Theresens Gespielin, die später als junges Mädchen häufig mit ihr zusammen gewesen war, dies auch bemerkt, dies, daß da eben nicht Therese saß, nicht Therese, die heitere, junge, lachende, glückliche, sondern ihr Haupt, ihr Haar, ihr Antlitz, ihr Körper, ihre Kleider, hinter denen ein fremder Wille, eine fremde Stimme, ein fremdes Gelächter gespenstisch agierten? Oh mein Gott, was sollte denn dieser betrübte, ratlos zustimmende Blick des guten Sophiechens, dies: „Ich kann mir nicht helfen, — ja, — ich finde es auch!“ Und George sagte laut, irgendeinem Schicksal, wie ihn dünkte, frech unter die Augen lachend: „Schöner geworden, nicht wahr, — schöner geworden, Mamsell Fiekchen!? Ja, ja, die Ehe tut Wunder! Die Ehe tut Wunder, guter Freund, und Sie sollten sich auch bald entschließen zu heiraten,“ wandte er sich an Huber, „ich höre, daß Sie mit der Demoiselle Stock verlobt sind. Ich lernte sie in Dresden kennen, — welch ein Mädchen, welche Qualitäten an Kopf und Herz! Sie sind sehr zu beglückwünschen, wissen Sie das auch?“
Huber, dunkel errötet, ließ einen hilflosen Blick zu Fiekchen und dann zu Therese gleiten. Diese, obschon in einem Wortgefecht mit Humboldt, schien gehört zu haben, um was es sich handelte, und rief mit einem sonderbar verächtlichen Ausdruck über den Tisch hinüber: „Du mußt einen artigen Sklaven nicht an seine Ketten gemahnen, George!“
„Oh, oh,“ stammelte Huber, verzückt lächelnd, „es ist nicht das, nicht das!“
„Rosenketten also?“
„Ja ja! ‚Da band ich sie, da band sie mich mit Rosenketten‘ …“