„Oh mein Freund! Du verstehst es nicht? Dieser junge Mann meint, von einer Leidenschaft zu einer anderen Frau ergriffen zu sein. Er spricht sich nicht deutlich aus. Vielleicht hat er mehr Vertrauen zu dir …“

Therese, wieder von diesem nervösen Gelächter befallen, das einem Schluchzen glich, drängte George zu einer Bank, die am Wege stand. Sie ließ sich nieder, preßte die Hand auf ihre Brust und blickte, die Augen voll Tränen, zur Stadt hinüber. George, in ratloser Verlegenheit, wandte sich an den düster dastehenden Huber und sagte sanft: „Wenn es Sie denn entlasten sollte, sich auszusprechen, Freund, so vertrauen Sie sich uns an. Sie haben an diesem Ort, ja vielleicht auf der ganzen Welt nicht Herzen, die es aufrichtiger mit Ihnen meinen, als das meine und das meines guten Weibes.“

„Sie sehen sie übermäßig exaltiert. Ihr Zustand erfordert Schonung.“ Er ließ sich neben Therese nieder, nahm ihre Hand, die ihm willenlos überlassen wurde, und blickte vorwurfsvoll zu Huber auf, — ein lebendes Bild, o gewiß, hier war zu sehen ein einiges Ehepaar, — indessen, — wovor zitterte sein Herz? Und Huber, dessen Züge zum erstenmal nicht beherrscht waren von dem Ausdruck des Heiteren, Höflichen oder auch des Harmlos-Treuherzigen, oder des Liebenswürdig-Schwärmenden, des Selig-Traurigen, — Huber, die Nasenflügel gebläht, die Lippen und das Kinn vorgeschoben, unkenntlich, er, der Sanfte, in dieser Maske des Zürnenden, dem eine unverzeihliche Schmähung das Recht auf Zorn gab, er stieß hervor: „Lasse man mich doch wenigstens mein Herz allein aus dem Staube aufheben, in den es getreten wurde! — Freundschaft, — o vorzüglich! Aber auf dem schmalen Grat, über den mein Leben jetzt führt, kann ich keine anderen Begleiter mitnehmen, als jene, die in der Luft ihren Pfad suchen, also etwa die Geister der Entschlossenheit und der Entsagung zur Rechten und zur Linken!“ Mit einer brüsken Bewegung sich abwendend, tat er ein paar Schritte, kam zurück, beugte sich zu George nieder, indem er ihm die Hand auf die Schulter legte, und flüsterte rauh: „Bruder! Die Frau, um derentwillen ich mein gutes Mädchen aufgeben wollte, ist nicht nur eines anderen Weib, sondern auch eine infame Kokette!“ Er stürzte davon.

Therese weinte jetzt recht herzlich. George, von den neugierigen Gesichtern der Vorübergehenden gepeinigt, murmelte: „Laß uns gehen!“

Sie nahm das Tuch vom Gesicht, ließ mit überströmenden Augen einen Blick unnahbarer Würde über die Gaffer gleiten, erhob sich, raffte ihren Schal und griff nach seinem Arm.

„Du hast es gesehen,“ sagte sie, von Schluchzen unterbrochen, „du hast den Zustand seines Herzens gesehen. Weißt du nun, warum ich dich bat, ihn zu entfernen? Aber du wolltest ja nicht …“

„Ich wollte nicht? Um Gottes willen, soll ich die Schuld haben an diesem désastre? Und warum weinst du dermaßen, wenn ich fragen darf?“

„George! Ich kann nicht so schnell gehen!“

Er mäßigte seinen Schritt, senkte den Kopf und fühlte eine tödliche Ermattung. Nach einer Weile sagte er:

„Wir werden diesen Menschen nicht aufgeben. Kommt er wieder zu uns, — und ich denke, er wird wiederkommen, — so steht unser Haus ihm offen.“