„Spezereiwaren,“ ging es George durch den Sinn, nach dem Text der Anzeigen in der Privilegierten Mainzer Zeitung, „Puder, gedörrte Schinken, echtes Mannheimer Wasser in Krügen, veritable englische Schuhwichse in Schopfenbouteillen, vielleicht auch Genueser Sardellen oder Feigen, Krachmandeln und Traubenrosinen, alles zu haben beim Handelsmann Schreck oder bei Sebastian Martin in seinem Gewölbe am Dom …“ Oh, eine Stadt wie Mainz bot Gelegenheit Geld auszugeben! Jedenfalls sagte er höflich etwas, wie „Selbstverständlich, meine Teure“, gab das Gewünschte mit der Gebärde, als griffe er in Fortunats Säckel und schrieb sich selbst stillschweigend auch ein paar Gulden zugute für irgendein Buch, ja, in letzter Zeit häufig auch für dies oder jenes hübsche Möbel oder einen Gegenstand des Zimmerschmucks. Er hatte sich eine Liebhaberei für englisches Mahagoni und Höchster Porzellan anerzogen und gab sich selbst kaum zu, daß seine Aufmerksamkeit auf die Kunstwerke Meister Melchiors erst durch ein Gespräch mit Müller geweckt worden war, eins jener flüchtigen Gespräche anläßlich eines Zusammentreffens bei dem jungen Coudenhoven, die ihre Stoffe in Hast aus der Anschauung der nächsten Umgebung nahmen. Immerhin gab er für Bücher und Karten aus eigenen Mitteln weniger aus als je, da sein Amt ihm Gelegenheit gab, Werke von Wert und Neuerscheinungen aller Art aus dem dafür bestimmten Fonds für die Bibliothek anzuschaffen, — und war es nicht verzeihlich, daß er von dieser Freiheit ausgiebigen Gebrauch machte, mit dem Verdienst, alte Bestände aufzuforsten, zuweilen die heimliche Befriedigung langgehegter Wünsche verbindend? „Im übrigen, lieber Freund,“ hatte Therese neulich über den Teetisch hinübergesagt, — sie hatten nun endgültig diese sonderbare façon de parler angenommen, sich lieber Freund und teure Freundin zu nennen, — also: „lieber Freund, der Kurfürst von Mainz hat die Laune, sich einen Bibliothekar von mehr als europäischer Berühmtheit zu halten. Stattet er ihn nicht genügend aus, so wird er voraussetzen, daß der Bibliothekar nicht ausschließlich in seinen Geschäften aufgeht, sondern Zeit auf den eigenen Acker verwendet.“ Dies als Antwort auf laut geäußerte Selbstvorwürfe seinerseits, daß er, anstatt seinen letzten Schweißtropfen für die Bücherei zu vergießen, halbe Tage lang eigenen Arbeiten nachhing. Und sie hatte Recht, wie meist. Nur daß sie nie mehr ein Wort fand, ihn wirklich zu eigenen Arbeiten zu ermuntern, daß sie es unbewegt mit ansah, wie er übersetzte, und nur übersetzte, — oder vielleicht bisweilen ein Artikelchen schrieb, Aufsätzchen für Kalender, für Almanache, verruchtes kleines Zeug, zu dem er das Saatgut ungeschriebener großer Werke vermahlte.
Jedoch konnte er sich mit Genugtuung sagen, daß er nunmehr endlich die einzig richtige Methode gefunden habe, die Aufgaben zu meistern, die ihm von Herausgebern und Verlegern unerschöpflich gestellt wurden. Er hatte sich einen ganzen Stab von Hilfsarbeitern gebildet, er leitete die Ausführung großer Übersetzungen wie der Meister in der Werkstatt, Huber, als sein erster Adjutant, hatte einen Teil der Briefe Dupatys über Italien unter der Feder, die kleine Forkel saß mit glühendem Eifer über den Abenteuern des Mr. Keates auf den Pelews-Inseln, drei oder vier emsige Burschen, Studenten der Universität, machten Auszüge für ihn, trugen ihm Material zu.
„Da du das Honorar mit ihnen teilen mußt, eine etwas sonderbare Ökonomie“, bemerkte Therese, als das neue System ihr durch das beständige Kommen und Gehen dieser Gehilfen klar geworden war.
„Es wird sich rentieren, meine Teure“, antwortete er kurz. Es war an einem Sonntagabend, und der seltene Fall lag vor, daß keine Gäste anwesend waren. George, der das Röschen auf den Knien hatte und dem Kinde mit kleinen Muscheln Kreise und Figuren auf dem Tisch legte, fühlte in erschrockener Ratlosigkeit eine Unlust, sich auszusprechen, gleichsam das Versagen der Ausdrucksfähigkeit im Zwiegespräch. Er raffte sich auf. Dies sei eine Sache, die Zukunft habe, sagte er. In kurzer Zeit, — nun, möge es auch noch ein, zwei Jahre dauern! würde er alle jene fremdsprachigen Bücher, die er als ein redlich besorgter Volkserzieher in den Händen der Deutschen wünschen müßte, nicht mehr selbst übersetzen, sondern diese Arbeiten denen anweisen, die er der Beschädigung und der Unterstützung für würdig befunden hätte, — würde als Mittelpunkt in diesem Netz der Tätigen sitzen, alle Fäden in der Hand behalten und leiten und nicht nur des Dankes dieser wenigen, sondern vor allem der ewigen Dankbarkeit der Nationen gewiß sein, zwischen denen er Schranken einreißen, Grenzen auflösen würde. „Was ich auf diesem Wege,“ fügte er mit einem kurzen Auflachen hinzu und fuhr sich mit der Hand über die brennenden Augen, „nun ja, etwa seit fünfundzwanzig Jahren tue, seit meinem elften Lebensjahr. Indessen fehlte mir lange der Blick auf den großen Sinn der Sache, jawohl, ich ermangelte des Ausblicks.“
Er schwieg still. Nicht, als ob er eine Antwort erwartet hätte. Er war nur müde. Das Röschen schob die Muscheln hin und her, patschte darauf und warf sie zu Boden. Er hob sie geduldig auf. „Tu das nicht, Röschen, die sind von Larry“, sagte er und summte ein paar Takte vor sich hin. „Larry, Larry“, plauderte das Kind und wirtschaftete mit den runden Händchen weiter. Dann sagte es: „Der Onkel Ferdi kommt heut nicht, der Onkel Ferdi kommt heut nicht …“
„Nein, — er ist in der Favorite“, sagte Therese.
Draußen regnete es. Es war so dämmerig, daß sie kaum ihre Gesichter unterscheiden konnten. Theresens Gestalt, schon ein wenig unförmig, in dem weißen weiten Sommerkleid leuchtete regungslos in dem tiefen Stuhl am Fenster. „Und was wirst du dann tun, — wenn du nicht mehr übersetzest?“ fragte sie plötzlich leise. — — —
Er hatte sich wohl gesagt, daß ein wenig frische Luft nach Abschluß dieses heißen Arbeitstages ihm noch gut tun würde, und darum ging er hier im Staube, den die Equipagen und Chaisen der spazierenfahrenden großen Welt auf der Rheinallee aufwirbelten, ging dem fröhlichen Gedränge heimkehrender Bürger mit ihren Weibern und Kindern entgegen und sah mit trocknen entzündeten Augen auf das Bootgewimmel des abendlich belebten Stromes, in dem die Auen schwammen wie selig umbuschte Eilande, voll Gesang und Tanz. Wohl, hier ging der Hofrat Forster eiligen Schrittes durch das lustige Getümmel eines rheinischen Sommerabends, ließ seinen Schatten in den letzten schrägen Strahlen der Augustsonne seitlich zu seiner Rechten unmäßig lang hinter sich drein schleifen und zuweilen an den dicken Stämmen der alten Linden sich aufrichten, tupfte nach je ein paar Schritten seine Stirn ab, wiederholte es sich: „Ich mache mir Bewegung, dies ist gut!“ und dachte uneingestandenermaßen fortwährend Dinge wie: „Jener Mann dort vorn, — ach nein, Huber ist größer …“ oder: „Dieses Paar dort, endlich, — wieder nichts, — wo bleiben sie nur?“ so daß er bei seinem unablässigen Spähen in die von goldenem Staub erfüllte Ferne der Allee fast an Therese und Huber vorbeigelaufen wäre, die, auf dem schmalen Pfad jenseits der Baumreihe schreitend, nun stehenblieben, — das heißt, Therese blieb stehen und rief ihn an, während Huber, verstört um sich blickend, den Eindruck eines jählings erwachten Schlafwandlers machte. Therese, den langen Kaschmirschal, der sie umhüllte, ein wenig raffend, griff nach seinem Arm, sie schien keine Erklärung für sein unerwartetes Erscheinen zu wünschen, und, indem sie gemeinsam die ersten Schritte nach der Stadt zurück taten und er mit Beunruhigung das leise Beben ihres Armes empfand und Erregung aus ihrem Körper zu sich herübergeleitet fühlte, sagte sie mit einem leeren kleinen Gelächter und einem Seitenblick unter dem weit vorspringenden Rand ihres italienischen Strohhutes hervor zu Huber hin: „Da kommt mein Forster gerade zur rechten Zeit, um teilzuhaben an Ihren überraschenden Neuigkeiten, lieber Freund! Denn dies wurde doch nur zufällig mir allein anvertraut? Höre doch, Georgie …“
George, an ihr vorüberblickend, sah Huber mit einer unerklärlich verzweifelten Gebärde die Hand erheben, wollte Schweigen gebieten, unterließ es aber in dem eigenen Erschrecken über Theresens veränderte Stimme, über die ganze befremdende Art, mit der sie weniger sprach, als plapperte: „Er will sein Verlöbnis mit Dora lösen. Das arme Mädchen, wie soll sie es ertragen? Deformierte sind so empfindlich. Sie kann daran sterben. Ich denke mir, wenn so ein Brief ankommt, so ein grausamer Brief …“
„Aber ich verstehe nicht …“