„Wir monologisieren da recht artig nebeneinander her“, bemerkte George trocken und fuhr fort:
„Dieser schlechte Dichter also, — ich meine den oben erwähnten Meister, — erwartet immer, daß wir selbst die Rolle zu Ende führen. Er schreibt den ersten Akt, vielleicht auch noch den zweiten, ganz selten führt er uns auf die Höhe des dritten, wie es doch unserm Freund hier mit seinen Geschöpfen nunmehr gelungen ist. Uns überlassen auf alle Fälle bleibt der Komödie Schluß, und wird das Stück dann ausgepfiffen, so macht er die Akteurs verantwortlich …“
„Warum sagst du Komödie?“ fragte Therese mit unbehaglichem Zögern.
„Du meinst, daß aus diesen Anfängen sich nur Tragödie entwickeln kann?“ fragte er auflachend zurück.
„Ich meine,“ sagte sie mit einer aufreizenden, unpersönlichen und undurchdringlichen Gelassenheit, die er nicht zu deuten wußte, „daß die tragische Muse höhere und würdigere Anforderungen stellt. Soll ich wählen zwischen Minna und Emilia, so will ich lieber mit Emilia in der Blüte meiner Jahre den Tod willkommen heißen als gleich Minna mich mit einem mittleren Glück begnügen.“
„Du vergißt, warum Emilia so sterben darf. Du mißverstehst dich selbst — und die dir zugeteilte Rolle!“
George, gleich nach diesen Worten fühlend, daß er sich von der Bitterkeit der Erinnerung hatte hinreißen lassen, wandte tödlich betroffen von der Kälte, mit der sie ihn anblickte, die Augen ab und ließ sie zur Seite gleiten mit dem Ausdruck eines, der den Boden unter sich wanken fühlt. Da war Sömmerrings breite Hand, beruhigend warm wie nur je, die ihn auf die Schulter klopfte, und des Freundes Stimme, die die Gesellschaft aufforderte, zuzugeben, daß die Forkelin wahrhaftig Recht habe und daß der Forster nichts zu tun brauche, als sein Herz zu leben, um des allgemeinsten, des innigsten Beifalls gewiß zu sein, — nun, er lächelte auch, er blickte unbefangen im Kreise herum, sah Therese ebenso unbefangen den Pflichten der Wirtin genügen, zog Huber in ein Gespräch über den Fortschritt des Dramas und die Aussichten einer Aufführung unter Iffland in Mannheim, gab Theatererinnerungen aus Berlin, Paris und Wien zum Besten, und spürte dabei unaufhörlich wie eine von neuem blutende verjährte Narbe dies entsetzte Erstaunen, weil da ein Schleier gelüftet worden war, ein Gorgonenhaupt ihn angestarrt, ein Dolch ihn bedroht hatte. — —
Da einmal erkannt worden war, worauf es ankam, war Aufschub nicht mehr Zeitverlust. Denn, nicht wahr, — das ganze Leben bis jetzt war Vorbereitung gewesen. Da George Forster denn fünfunddreißig Jahre gebraucht hatte, um einzusehen, daß er letzten Endes von niemand auf der Welt etwas zu erwarten habe, als von sich selber, daß kein Vater, kein Freund, keine Geliebte Dank wußten für Demut, Treue, rückhaltlose Hingabe, da er jetzt nach fünfunddreißig Jahren die Kraft in sich fühlte oder den Gleichmut, auf jene Bestätigung des eigenen Gemütes verzichten zu können, wie er sie bisher unablässig bebenden Herzens von der unbegrenzten Zuneigung des menschlichen Wesens gefordert hatte, das ihm jeweilig das nächste gewesen war, — da konnte er in diesem Zustand der Erkenntnis wohl ein wenig verweilen und sich sammeln, indem er sich vorsagte, das furchtbar glühende Gestirn, dessen Strahlen die Wüste erst zur Wüste machten, habe den Zenith nun überschritten und würde, mählich abwärts sinkend, bald sich mildern.
Warum also nicht auf vierzehn Tage zu Jakobi nach Düsseldorf fahren und des Freundes wie des rheinischen Frühlings genießen? Warum nicht gegen Ende Juni für zwei Monate seinen Wohnsitz ins Rheingau verlegen, nach dem heitern Eltville, wo der von Bücherdünsten, Stubenluft und Krummsitzen erschöpfte Körper sich in gelinder durchsonnter Luft und bei regelmäßigen Bädern erholte, wirksam unterstützt durch Morikis privilegierte Blutreinigungspillen, auf deren Verabreichung Therese leidenschaftlich bestand? Warum nicht Zeit verschwenden an lange philosophische Briefe, an Gespräche, warum nicht die glücklichen Stunden wahrnehmen, die sich aus dem Aufenthalt durchreisender Freunde ergaben? Ja, wahrlich, nicht umsonst lag Mainz an der Straße nach Paris, nicht umsonst als Station der great tour an dem Wasserwege von England und den Niederlanden nach Süden, — und der Besuch von Männern wie Baggesen und dem Grafen Moltke, von Wilhelm Humboldt und Campe, von Jäger aus Mitau, konnte der nicht dafür entschädigen, daß Hof und Adel von Mainz immer noch keine Anstalten machten, in ihm den zu ehren, der er für die gebildete Welt doch war? Warum nicht genießen, — warum nicht lächeln? Mochte der Kurfürst ihm gegenüber denn immer den gnädigen Herrn herauskehren oder gelegentlich den Herrn de mauvaise grace, wie neulich, als er ihn von Düsseldorf zurückbefahl wegen einer Sitzung über die leidige Bibliotheksunterbringung, die dann gar nicht stattfand. Er fühlte sich imstande, mit den Achseln zu zucken, — was unterschied denn die Großen der Erde in seinen Augen noch von andern Lebensfaktoren? Es galt sie zu behandeln wie blinde Naturmächte, sie zu nutzen, sie einzudämmen, wenn es nottat. Oh, Frankreich hatte das als Volk jetzt eingesehen, was ihm als einzelnem auch viel zu spät ein ganzes Leben voll Enttäuschungen klargemacht hatte! „Freund, sie sind verändert, — mir ist, — vergeben Sie! — als seien Sie gealtert!“ hatte Müller bei einem zufälligen Zusammentreffen neulich gesagt, den förmlichen Ton seiner Rede jäh unterbrechend und ihn einen Augenblick mit dem schwermütigen Lächeln von einst prüfend betrachtend. Auch hier gab er nur stummes Achselzucken zur Antwort. Müller, bei dessen gefährlicher Erkrankung im Frühjahr er noch einmal die volle Macht der alten Zuneigung in der ratlosen Erschütterung der Angst um sein Leben gefühlt hatte, auch Müller war dorthin entrückt, wo sie alle nun für ihn standen, jene Gleichgültigen, von deren Affektion er seine Ruhe, sein Glück, seinen Frieden abhängig gemacht hatte. Nun, er guckte zwar nirgendwo heraus auf die Welt und lachte über sie. Aber, er rechnete mit ihr, so wie sie war. Und indem er sich stillschweigend schonungslos mit den Menschen auseinandersetzte, reinliche Scheidungen vornahm, die Nützlichkeit jeder einzelnen Beziehung abwog und das, was dann an reiner Freundschaft und geistigem Gewinn dazukam, hinnahm wie ein unerwartetes Geschenk, das keine Dauer versprach, umging er in seinem Innern doch die eine Frage, als sei sie nicht vorhanden, ja, er hütete sich so sehr den Bestand seines häuslichen Glückes anzuzweifeln, daß er sich über Tisch lieber die eingelaufenen Journale und Gazetten reichen ließ und während des Essens las, wenn er nur von ferne annehmen konnte, es lagerte irgend ein Schatten auf Theresens Stimmung. Den Zustand der Gewohnheit gegenseitiger Freundlichkeit, der Selbstverständlichkeit ihrer Fürsorge und dessen, was sie sich an Hingabe abgewinnen konnte, — oh, diesen Zustand nur um jeden Preis erhalten!
Damit er denn die Ruhe behielt, so zu arbeiten, wie es fürs erste noch nötig war, — ehe der Augenblick erschien, geeignet, um endlich mit diesem neuen gehärteten Herzen hervorzutreten und den großen Wurf zu tun. Damit er denn in täglichen kleinen Erregungen nicht die Kraft einbüßte, so gebeugten Rückens dazusitzen, wie es einstweilen sein mußte, und die Feder rascheln zu lassen, rascheln, rascheln, rascheln, auf daß nicht der spärliche Zufluß der kleinen Einnahmen versiegte, mit denen der unzureichende Strom des Gehalts ständig gespeist werden mußte, um nicht vor Quartalsschluß kläglich erschöpft zu sein! Auch war der alte Satz noch in Kraft, obschon seine Begründung geändert war, — Therese, hieß er, Therese sollte leben wie die Blumen auf dem Felde … Weil sie jung, süß und heiter war, hatte George früher inbrünstig hinzugedacht, — weil es unbequem ist, ihr über die Anwendung jedes einzelnen Guldens Rechenschaft abzulegen, dachte er jetzt im geheimen und vor sich selbst kaum eingestanden. Therese bestellte das Hauswesen mit nahezu derselben Heiterkeit wie einst in Wilna, bestellte es mit Hilfe dreier Dienstboten und war ununterbrochen in Tätigkeit, kein Zweifel. Therese bat um Geld und eilte mit Luise auf den Fruchtmarkt, ein bauchiger Marktkorb begleitete sie und ward heimgebracht beladen wie ein Kauffahrteischiff von fernen Küsten. Therese, noch in Umhang und Hut, ein wenig ermattet aussehend durch die neue Schwangerschaft, kam zu ihm herein, seufzte: „O diese Hitze, mein Freund!“ bat dann aber inständig um noch ein wenig Geld, denn da waren Rosen auf dem Markt gewesen, frühe Rosen, sie hatte nicht widerstehen können, und nun hätten sie kein Brot mehr mitbringen können und die Milch sei noch zu bezahlen und — so ein paar kleine Schulden beim Kaufmann Winterstein in der Welschnonnengasse. „Ich brauche ja die fünf Gulden natürlich nicht dafür ausschließlich, Georgie,“ sagte Therese, und ließ sich am Fenster nieder, „aber es kommen doch immer wieder Kleinigkeiten …“