Er blieb am Fenster stehen und starrte schwermütig hinaus auf den überschwenglich blühenden Kastanienbaum und den festlich schönen Bau des Bassenheimer Hofes gegenüber. Der Geist, der solche Formen schaffen konnte, der die Quadern dem Gesetz der Schwere selig entfremdete und es ihnen verlieh, daß sie Rhythmik, heitere Ordnung, schwingende Gelassenheit ausströmten, dieser Geist, — oh, dieser Geist! Er dachte nicht ganz zu Ende. Er dachte nur mit einem verzweifelten Aufwand von Pathos: Verflucht das kleine Plätzchen und die Zumutung über eine Welt zu lachen, die ich aus den Fugen reißen möchte, um sie neu aufzubauen, reinlicher, gerechter, weiser und — beseelt von dem Glauben an mich, an meines Herzens Kraft und Würdigkeit! —

Nun, da der Andrang des Blutes zum Kopfe nachließ, sammelte er sich, wandte sich ins Zimmer zurück und versuchte, sich selbst die Gründe der Erregung klar zu machen, die ihn dermaßen überwältigt hatte. Heyne war ein alter Mann, sagte er sich begütigend, der sein Leben lang in den geschützten Niederungen der Philologie gehaust und keine anderen Stürme kennen gelernt hatte, als leidige Universitätsintrigen und kleinstädtische Familienkabalen. Er war, nun auf der Höhe seiner sechzig Jahre, geläutert genug, sich über diese Anfechtungen erhaben zu fühlen, erfreute sich seines abgeklärten Zustandes, für den er Gleichnisse fand, angemessen dem Verhältnis des Gegensatzes, den er für ihn bedeutete, — ein kleines Plätzchen also, aus dem man herausguckte und lachte, — und wünschte, denen, die er liebte, die Annehmlichkeiten einer solchen Gemütsverfassung nahe zu bringen. Aller Welt gut werden, schrieb er auch wohl einmal, das sei die Basis des inneren Friedens, und dann tat er mit ein paar lächelnden Greisenworten „die Chimäre“ ab, es müßte jeder ins Große wirken. Oh, vor ein paar Jahren noch, in Wilna, da wäre sein Wort Musik für mich gewesen, dachte George, damals, als wenigstens ein Mensch, als Therese noch, das Große von mir erwartete und mich ermüdete mit ihrer Ungeduld und ihrem ungestümen Fordern. Damals, als er, sonderbar übersättigt von frühem Ruhm, bereit war auf Lorbeeren auszuruhen, die nicht erstritten, sondern, wie es ihn jetzt dünkte, tändelnd am Wege gepflückt waren. Heute aber, — man hat sich mit mir abgefunden, das ist entsetzlich! Das ist entsetzlich! hallte es in ihm wider, während er von dem selbsttätig in ihm arbeitenden Pflichtbewußtsein getrieben die zur Übersetzungsarbeit nötigen Bücher und Bogen auf dem Tisch anordnete und auf den letzten Satz im Manuskript starrte. War es ihm nicht immer als das einzig mögliche Ziel erschienen, ins Große zu wirken, — so oder so? Er hatte nie darüber nachgedacht, freilich; sein eigener Wille, so glaubte er zu erkennen, war immer abgelöst worden, in der Jugend durch den leidenschaftlichen Tätigkeitstrieb des Vaters, in dem sein eigener aufging, wie die Kohle in der Flamme, und dann durch dies zweischneidige Geschenk der Götter, durch den Ruhm in frühen Mannesjahren. Es war süß, unter den freundlichen Augen der Menschen zu leben, süß nach so bitteren Jahren, — diese wehmütige Bestätigung der Erinnerung flüsterte er sich zu, dieser Satz hob und senkte seine Flügel über der Arbeit der nächsten halben Stunde, in der er geschäftsmäßig englischen Text in deutsche Sätze umbaute, bis er die Feder hinwarf und, verzweifelt den Kopf hebend, der Frage ins Auge blickte, deren Gegenwart er in den letzten Wochen unablässig gefühlt hatte, wie die einer unsichtbaren erbarmungslosen Gottheit. Nicht länger ließ sie sich in Nebel bannen. „Was tat ich?“ schrie er auf, — vernahm die eigene Stimme unselig fremd, sah um sich und flüsterte erschrocken, — „ja, was tat ich denn, diesen Ruhm zu rechtfertigen, — ja, was baute ich denn auf diesem kolossalischen Fundament des Glücks? Mein Gott, mein Gott, — ich sollte doch ins Große wirken, — war das denn nicht dein Ruf?“

Oh, alter Mann auf deinem Bänkchen in der Gartenlaube! — bist du je so gerufen worden? War dir die Kindheit der Vorhof der Zucht und der Entsagung, so daß du, ein Knabe noch, geschulten Geistes und männlicher Arbeit gewöhnt dort schon standest, wo für andere die Jugend gipfelt? Wurden dir da die Tore der Welt auseinandergerissen und taumeltest du hinein in die Fülle der Erde, in das Sprachengewirr der Völker, umwirbelt vom Schall ihrer tausendfältigen Musikinstrumente, vom Staub ihrer Herden, — von ihren Gerüchen umdampft, ihrer Buntheit geblendet, von ihren Weibern verlockt, von ihren Göttern bedroht? Rollten Steppe und Strom sich auf als Teppich deiner Füße, waren die großen Städte deine Herbergen, beugte das Meer gebändigt seinen Nacken, dich sanftmütig zu tragen und dir seine Inseln zu schenken? Gingen dir Helden voran und zur Seite, dir zu zeigen, wie sie gemeistert wird, die erschreckliche, wonnevolle, bestürzende Fülle, — und mehr noch: ward es dir gegeben, die Helden zu erkennen und zu wissen, daß ihnen gefolgt werden muß? — Oh, alter Mann, — dein Ziel war stets der nächste Meilenstein! Wie solltest du die wahnsinnige Raserei der Reue kennen und verstehen, die in der Brust eines Mannes tobt, wenn er sich an den Grenzmarken der Jugend sieht und endlich wahrnimmt, daß er aus allem Reichtum, der ihm zu Füßen lag, nichts errafft hat, als die Phantome der Erinnerung? — Dies war der Zustand des Herzens, in dem George Forster sich seit einigen Monaten befand. Wie bin ich hierhergekommen, fragte er sich verzweifelt, wenn er sich Tag für Tag vor dem Chaos der Bibliothek sah, das er ordnen sollte, für dessen Unterbringung er Räume, Repositorien, ja, womöglich ein ganzes Gebäude schaffen sollte, für das er rennen und laufen, mit den Universitätsprofessoren konferieren, Sitzungen anberaumen, beim Kurfürsten antichambrieren mußte. In seiner Vorstellung war ein Berg, der aus Büchern bestand und unaufhörlich von innen heraus bücherquellend wuchs. Die Bücher rollten, rutschten, wollten ihn erdrücken, er mußte sich mit beiden Armen gegen sie stemmen, sie polterten um ihn herum nieder, wölkten den Staub von Jahrhunderten, drohten ihn mit ihrer Ausdünstung zu ersticken. Er griff hinein, blätterte Titelseiten auf, schaffte irgendwo einen kleinen freien Raum, stapelte die hier, jene dort auf, kam auf den Gedanken, daß es sich lohnen würde, doppelte Exemplare auszuscheiden, um die Menge zu verringern, suchte diese Absicht durchzuführen und geriet in einen peinlichen, nagenden Kampf mit seinen Hilfskräften, mit diesem Heer der Unverantwortlichen, der tückischen, trägen Zwerge, die ihn zwingen wollten, nichts anderes in ihnen zu sehen, als die Teile einer Maschine, die, hämisch, wie es seiner trostlosen Überreizung dünkte, die Hände ruhen ließen, wenn sein Antrieb einmal aussetzte, die schlampig arbeiteten, wieder zerstörten, wo er meinte, Grund gelegt zu haben, Verzeichnisse anfertigten, die nichts taugten, nach Hause gingen, wenn die Glocke schlug, und sich nicht weiter kümmerten …

Während er bis in seine Träume hinein Bücher schmeckte, sah und fühlte, Handschriften und Erstdrucke und Widmungsstücke an tote Kurfürsten und Folianten und Elzevirs, — und da wälzte sich ein neuer Haufe heran, lebendig kriechend wie ein Heerwurm, die Bücher aus der Karthause, die der Kurfürst angekauft hatte, und die nun auch noch untergebracht werden mußten. Und niemand war bereit, ihm Platz einzuräumen, das Kuratorium der Professoren schien sich gegen ihn verschworen zu haben, — gegen den Ausländer und Protestanten, natürlich! Sein Vorschlag, die ehemalige Jesuitenkirche für diesen Zweck auszubauen, ward verworfen wie ein Angriff auf das Heiligtum, der Kurfürst bekannte seine Ohnmacht, Müller, wenn er sich denn einmal sprechen ließ, zuckte die Achseln, sagte: „Ja, mein teurer, lieber Freund …“ und redete vom Stein des Sisyphus. Und dieser Stein, er sank zurück auf seine Brust und war der Alp seiner Nächte. Ich kenne ihn aber, dachte er ächzend, ich kenne ihn doch seit ich lebe, diesen Alp der Bücher, oh, ich kenne ihn, seit ich so klein war und plötzlich lesen konnte und das Spielen aufhörte! Dennoch, — war es denn möglich, daß dies das Ziel und Ende gewesen war, sollte er sich darein ergeben, von diesem Gebirge täglich eine Handvoll abzutragen, sollte er zufrieden sein mit der satten Selbsttröstung, sein Bestes getan zu haben? Wer hatte denn sein Bestes getan, der nicht die Pfänder einlöste, die in der Jugend von Gott empfangen waren! Diese Pfänder, die er besaß in den unmittelbaren Erlebnissen der bunten glühenden Welt und des frühen Ruhms, sie quälten ihn auf einmal, wie Verpflichtungen, für die noch aufzukommen war. Ein berühmter Jüngling, und nur ein berühmter Jüngling, das ist wie eine schöne Tänzerin, dachte er angeekelt. Aber das leere Altern des Jünglings ist unverzeihlicher. Taube Blüten, Erlebnisse, die nicht Frucht und Leistung gezeugt hatten, — mit fünfunddreißig Jahren von den Zinsen einstmals mühelos oder zufällig erworbener Güter leben und sich nur noch mit kleinen Handfertigkeiten beschäftigen, mit Übersetzungen — (— o Therese! O jene Nacht in Wilna und das Wort, damals belächelt: „Nicht immer nur übersetzen, George …!“) — und mit dem Registrieren von Büchern, — diese Erkenntnisse, plötzlich hereingebrochen, vielleicht, weil die Öde seines Herzens nun dunkel genug war, nachdem die Hoffnung auf jenes unerhörte Einssein mit Therese, die fast zehn Jahre alles andere überschienen hatte, niedergebrannt und, wie er meinte, der dämmerhaften Dauerglut der Gemeinsamkeit gewichen war, — vielleicht auch nur, weil ihre Zeit gekommen war, weil eben entblätterte Bäume das Licht durchlassen, — diese Erkenntnisse schufen ihm eine Qual der Unrast, die ihn auf sich selbst zurückwarf, nun, nachdem er Jahre und Jahre die Magnetnadel seines Herzens hatte abweichen und auf andere Menschen weisen sehen, so daß er den Kurs auf das Zentrum der eigenen Bestimmung hatte verlieren müssen, — wenn er ihn denn je schon besessen hatte. Was Wunder denn aber, was Wunder! Oh, fürchterlichster Gang des Labyrinths, nun durchwandert, der nach zehn Jahren offenbarte, daß er nicht vorwärts, nicht etwa ins Freie, nein, daß er den unseligen Wanderer nur im Bogen zurückgeführt hatte, an jenen Ort zurück, wo die Wege der hundert Möglichkeiten abzweigten und wo der Nebel der Unschlüssigkeit hing! —

Der Kreis der Freunde an Theresens Teetisch fand den Hausherrn am Abend dieses Tages ungewöhnlich gesprächig. Huber, der den dritten Akt seines „Heimlichen Gerichts“ vorgelesen hatte und nun, geduckt dasitzend, in seiner Tasse rührte, bekam alles andere zu hören, als die Kritik, die er erwartete. „Gott ist ein schlechter Schauspieldirektor!“ rief George aus, sah Fiekchen Dieze erschrocken zusammenzucken, lächelte ihr begütigend zu, fügte ein: „Symbolisch gemeint! liebe Freundin“, und fuhr fort: „Wann gibt er denn je eine Rolle dem Richtigen? Mir zum Exempel gab er das Kostüm und die Rolle des Pioniers der Aufklärung und ich fühle nun einmal den Auftrag, sie unter allen Umständen zu Ende zu spielen. Ich spiele augenblicklich miserabel, ich weiß es, ich fühle mich der Aufgabe keineswegs gewachsen, — indessen ich habe nun einmal vor den Augen der Welt die Gestalt des Mannes zu agieren, in der die Südsee für Deutschland ein Stück Wirklichkeit geworden ist.“

„Sollten Sie da nicht ein wenig die Importance jener antipodischen Hemisphäre für Deutschland überschätzen?“ murmelte der Professor Dorsch, der im übrigen völlig durch die Betrachtung seines allerdings sehr kleinen und sehr eleganten Schnallenschuhs in Anspruch genommen zu sein schien.

„Lieber Freund, agieren Sie doch getrost den guten Forster und weiter nichts!“ warf die kleine Forkel ein und suchte vergebens einen Blick spitzbübischen Einverständnisses mit Therese auszutauschen.

„Es handelt sich hier um den Ausdruck des geistigen Wertes der Weltbefahrenheit!“ Dorsch wurde zornig angesehen und die Forkelin bekam einen mitleidigen Blick. „Ich habe also unbegrenzte Horizonte, Weltweite, Gelassenheit und was weiß ich zu verkörpern. Ich soll aus diesem Seeleninhalt heraus entsprechend handeln, wirken, schreiben. Nicht wahr?“ fragte er fast flehentlich und sah Therese langsam und nachdenklich nicken. Hastig trank er ein paar Schlucke aus seinem Teeglas, in das er nach polnischer Art einen Löffel Eingemachtes anstatt des Zuckers getan hatte. Dann fuhr er nachdenklich fort: „So hat der Meister es sich gedacht. Aber nicht nur, daß er den guten Forster, wie eine Stimme aus dem Publikum soeben richtig anmerkte, auf den heroischen Kothurn gestellt hat, anstatt ihn etwa für das sentimentalische Fach auszustatten, — Gott ist auch ein schlechter Theaterdichter!

Aber bitte, meine Teure, so zucken Sie doch nicht immerfort! Dies sind doch nicht Blasphemien, sondern die Resultate einer Auseinandersetzung mit dem Schicksal!“

„Und was ist Schicksal?“ sagte Huber leise und eindringlich, „wieviel Quellen springen auf, um im Sande zu versickern! Dürfen wir überall Anläufe zu einem Ziel, Absichten einer höheren Macht vermuten? Hieße das nicht Anmaßung? Ach, und wenn wir einmal meinen, einer eigenen großen und furchtbaren Bestimmung gewürdigt zu sein, wie bald müssen wir erkennen, daß wir — nur in die Räder eines fremden Schicksals geraten sind!“ Er blickte düster vor sich nieder.