Sie stand neben ihm, die Hand auf seiner Schulter, er fühlte ihre Finger heiß und bebend an seinem Halse hingleiten. Den Arm um sie gelegt, von irgendeinem Triumphgefühl durchschüttert, das unvergleichlich viel stärker war als die Einsicht, es handele sich hier um die wirksame Darstellung eines lebenden Bildes oder die Vorführung einer Parabel, lächelte George in die mit dem Ausdruck seelischer Mühsal auf ihn gerichteten Augen Hubers hinein und dozierte weiter. —
„Du solltest,“ hörte er Therese nach einer halben Stunde leise und leidenschaftlich sagen, als er das Wohnzimmer noch einmal betrat, nachdem er den Gast hinausgeleitet und die Haustür hinter ihm abgeschlossen hatte, — „du solltest diesen jungen Menschen nicht so oft kommen lassen, mein Freund! Wenn nicht um deinetwillen, so seinetwegen.“
Sie stand in der Fensterecke, als sei sie dorthin geflüchtet, den Arm auf „The Resolution“ gestützt und sah ihm blaß und feindlich entgegen. Er erkannte nur, daß ein aufgeregtes Herz ihre Augen seltsam dunkel leuchten ließ, daß sie noch in diesem weichen Kleid aus maisgelbem Seidenmusseline war, das sie zum Konzert getragen hatte. Er tat ein paar Schritte auf sie zu, blieb stehen, lächelte und sagte: „Ich verstehe dich nicht.“
„Du wirst nie zu sehen lernen!“ rief sie und schlug die Hände vors Gesicht. Dann, mit jenem unerklärlich schnellen Übergang aus der Erregung in die Ruhe, in den sie ihm gegenüber jetzt so oft verfiel, sagte sie wieder ganz leise und sehr gehalten: „Du solltest ihn nicht so oft ins Haus bringen. Siehst du denn nicht den Zustand seines Herzens? Ich habe eine unselige Anziehung, ich …“
Sie stockte, blickte George, der sich ein wenig näherte und immer noch lächelte, unsicher an und vollendete hastig: „Ich habe nichts dazu getan, George, bei Gott. Aber schaffe ihn fort, — ja? Oh,“ schloß sie ein wenig pathetisch und drängte die Hände gegen seine Schultern, denn nun war er bei ihr, „George, George, liegt denn ein Fluch auf meinem Leben?“
„Du siehst Gespenster, Therese. Er ist jung, seine Schwärmerei kennt keine Grenzen. Wie dein Herz klopft!“
Und überwältigt wie von einer endlichen Erfüllung, blind, trunken, nicht fähig, diesen Blick voll Schicksalsangst, der seinem auswich, zu deuten, murmelte er, sie an sich ziehend: „Was willst du doch? Er ist gebunden und du — du bist doch mein.“
Therese, abgewendeten Antlitzes in seinen Armen hängend, die Brauen verzerrt, flüsterte: „Ja. Ich bin dein. Und ich müßte wohl noch Kinder haben …“
In dem Schweigen, das folgte, war nichts, als das unstete Flackern der beiden niedergebrannten Kerzen, das den Raum mit dem Tanz schwankender Schatten füllte.
„Sey doch jeder vergnügt, wenn er sein kleines Plätzchen gefunden hat, aus dem er in die Welt hinausgucken und über sie lachen kann“, so las George in der zierlich behäbigen Handschrift des alten Heyne, las diesen Satz zum zweitenmal, nachdem er den kurzen Brief des Schwiegervaters, datiert von einem Frühlingstag des Jahres 1789, beendigt hatte, las in der Einsamkeit seines Kabinetts, versuchte zu lächeln und fühlte sich zugleich dermaßen geschüttelt von Abwehr, Überdruß und Herzeleid, daß er das unschuldige Papier krampfhaft mit der Hand zerknitterte, es hinwarf, das Gesicht in den Händen begrub, — und dann aufsprang, um, die Hände auf dem Rücken verschränkt, im Zimmer auf und ab zu laufen. Oh, gewiß, — oh, aber ohne jeden Zweifel: er hatte sein kleines Plätzchen gefunden! Er besaß ein Weib, ein gehorsames Weib, — in zärtlichem Gehorsam ihm ergeben, war’s nicht so? — das nun, da die Stürme erster Jugend besänftigt waren, sich anschickte, in allen Stücken dem Ideal Salomonis ähnlich zu werden und das ein zweites Pfand seiner Liebe unter dem Herzen trug. Er besaß das Röschen, das ihm an den Rockschößen hing, wenn er sich nur zeigte, und das soeben — horch! — sein Stimmchen draußen mit dem Gurren der Tauben auf dem Dachfirst mischte, draußen, wo im Vorgärtchen Narzissen und Tazetten unter der Maiensonne blühten, — er besaß ein Haus und nicht nur Narzissen, Tazetten, Goldlack und dergleichen törichte Schönheit, sondern auch einen Garten vor dem Tor, wohl fünfzig Schritt im Quadrat, wo er Salat zog und Erdbeeren, von Kohl und Wurzeln ganz zu schweigen. Er besaß Malchus, den Knecht, und Mareiken, die Magd, mochten sie gleich andere Namen tragen, — besaß Tauben, auch Hühner, der Ankauf einer Ziege war geplant, — ei, hatte er nicht wahrhaftig sein kleines Plätzchen, und was hinderte ihn denn, nun, in die Welt hinauszugucken und über sie zu lachen? Klausthal, dachte er, von irgendeiner Erinnerung gestreift, — das hieße wohl, mein Klausthal gefunden haben, — indessen …