„Ich bin nicht frivol. Ich bin ein Unglücklicher.“
„Und warum erzählen Sie mir das? Oh, ich verstehe. Ich scheine Ihnen stark genug, um andere zu tragen. Aber ich warne Sie, mein Freund. Ich bin weder stark noch mitleidig. Vielleicht, daß ich es einmal war. Oh, — vielleicht …“
„Warum sich immer eines kalten Herzens rühmen?“
„Werden einer Frau die Fehler des Herzens nicht leichter verziehen?“ George blieb jäh stehen.
„Du solltest in der kalten Nachtluft nicht sprechen, meine Liebe“, sagte er und zog ihren Arm durch den seinen, „der Hornung ist ein tückischer Monat für eine zarte Brust.“
Er redete hastig, sich selber unbewußt. „Huber, Sie kommen mit uns. Sie teilen unsern Abendtisch. Ich weiß, Sie haben einen neuen Akt in der Tasche, Sie brennen darauf, ihn uns mitzuteilen, wie wir es kaum erwarten können, ihn zu hören. Ist’s nicht so, Therese? Ich habe einen herrlichen Brief von Jakobi, ich muß ihn Ihnen mitteilen, er rouliert ganz auf den Begriffen des Wahren, Guten und Schönen …“
Denn dieser Huber war ein Mensch, dem man es nachsehen mußte, daß er den Inhalt seines Busens zu Tage brachte, wie das Meer Muscheln, Schätze und Leichen an den Strand schwemmt, sei dieser Strand nun inselhaft lieblich umgrünt wie das Herz einer Frau oder eingedämmt und stark wie die Brust des männlichen Freundes. Therese, meinte George zu fühlen, war ganz mit ihm einig, daß diesem Menschen geholfen werden müsse, der seine Fülle so schlecht bändigen konnte und der weder in seiner Lebensführung noch in seinen poetischen Versuchen irgendwelche Form besaß. Freilich, Therese machte absonderliche Erziehungsversuche an ihm, suchte durch Herbe und Spott zu wirken, wie ihn dünkte, belohnte zuweilen mit Lächeln und der Süße eines Augenaufschlages, wie er beobachtet zu haben meinte, aber hatte doch, dessen war er sich gewiß, nicht den richtigen Weg eingeschlagen, Wirkungen zu erreichen. Güte, Vertrauen und Hingabe waren es, die hier zu gewinnen hatten. Leise, unmerklich, mit dem magischen Flötenspiel eines freundlichen Hirten, war dieser Verirrte herauszulocken aus der Wildnis. Begann er nicht schon, den Geschmack an der wüsten Gesellschaft zu verlieren, an die er verfallen gewesen war, vermied er nicht neuerdings sein Wirtshausleben mit Schauspielern und Dichterlingen und saß Abend für Abend an Theresens Teetisch, ein schweigsamer Gast, solange anderer Besuch anwesend war, beredt, sobald man, selbdritt, das Gespräch auf ihn, auf sein Leben, seine Pläne, seine Arbeiten kommen ließ? Oh, ihn nicht verspotten, nicht an ihm zerren, ihn nicht mit ihrem raschen Witz vergrämen sollte Therese, dachte George brüderlich. Dieser da kam, um Wärme, und Rat, um Halt zu finden, und so kam er zu ihm, zu George, so war er, endlich, endlich, die in unsäglicher Einsamkeit wortlos vom Schicksal erflehte Seele, die seiner bedurfte, seiner ganz und gar. Er gab es sich selbst nicht zu, daß die eigentliche Befriedigung darin lag, vor Therese entfalten zu können, wessen er fähig war, wenn denn ein Mensch kam, der seiner bedurfte. Gab es sich nicht zu, daß er diese Rolle des Hilfreichen, Geduldigen, Unermüdlichen so eifrig spielte, damit sie erkennen sollte, er war nicht der, als den sie ihn mehr und mehr zu sehen beliebte, der unablässig Fordernde, der, dessen Liebe nichts wußte, als daß der andere ihm gehörte und ihm zu dienen hatte. Ahnte sie es, daß sein Bemühen um Fremde ein Werben um sie selber war, — ahnte sie es und ließ ihren Spott deswegen spielen, wo es sich um Huber, ihre Gleichgültigkeit, wo es sich um andere Hilfebedürftige handelte, denen er Beschäftigung vermittelte, denen seine Person, sein sanfter, tätiger Geist mählich zur wohltätigen Lebenssonne wurde, um die zu kreisen neugewonnene Ordnung bedeutete? Verneinte sie diese Menschen, die ihn nicht anders wollten, wie er war, die ihn gut hießen, weil sie ihn anders wünschte und weil sie im geheimen jede seiner Äußerungen und Taten entwertet sah in dem Lichte des Verdachtes, daß alles geschah, nicht nur, um vor ihr zu bestehen, nein, um auch als der Bessere, der Größere, der von ihr Geopferte zu erscheinen? Hatte sie es erkannt, daß in diesem Zusammenhalten aller Tugenden, in der unablässigen Ausübung von Treue, Redlichkeit und Menschenliebe der letzte verzweifelte Widerstand seiner Seele sich kundgab, gegen sie, von der er sich doch abhängig wußte wie vom täglichen Brot, in der sonderbaren, scheuen und wählerischen Not seiner Sinne vor ihr so bedürftig, wie der Verschmachtende in der Wüste vor der einzigen Oase? Wußte sie es, wie verzweifelt er sich an die Bestätigung seiner selbst klammerte, die ihm von anderen ward, weil er sonst begonnen hätte, sich mit ihren, mit Theresens Augen zu sehen, als einen Würdelosen, der bettelte oder sein Recht erzwang, wo es ihm nicht frei und liebend gewährt wurde? Und wie übte er ihn aus, diesen Zwang, fragte er sich mit einiger Bitterkeit und starrte böse grübelnd zu ihr hinüber, die dort in der Schattenecke des Zimmers saß und mit diesen nie ruhenden kleinen Händen an ihrer langen Halskette zerrte und spielte, während Huber die großtönende Phraseologie seines Dramas mit gaumiger Stimme vorüberwälzte. Hieß das Zwang ausüben, zärtlichen Wünschen nicht Halt zu gebieten, wenn sie nicht auf Willkommen, nur auf — Duldung stießen?
Oh, über die beständigen Monologe, in denen er sich rechtfertigte, die stummen Auseinandersetzungen, die kein Echo hatten, — oh, über die nicht endende Apologie, dem Forum des eigenen Gewissens gegenübergestellt, das ihn anklagte, weil er Glück nur nahm und immer nur nahm! Und warum, warum blickte Huber, nun, da er geendet hatte und nach der Anstrengung des Lesens im Stuhl zusammensank, mit einem ängstlich heischenden Blick zu Therese hinüber, deren Antlitz, jetzt vorgebeugt ins Kerzenlicht, still war, als lauschte sie den letzten Versen nach? George erhob sich, mit einem überstürzten: „Vortrefflich, lieber, teurer Freund, — indessen …“ die Aufmerksamkeit an sich reißend, und, im Zimmer auf und nieder gehend, begann er eine Kritik des Gehörten zu entwickeln. Diese Auftritte, meinte er, seien vorzüglich aufgebaut, jedoch so sehr vom Gefühl überwuchert, daß der Gang der Handlung unter Blumen, — oh, und er möge nur verzeihen! — auch unter Unkraut, blühendem Unkraut verschwände, — daß — „ist’s nicht so, Therese? Nicht wahr, da sehen Sie, sie gibt mir recht!“ — nun, daß den Hörenden eine leise Ermüdung überkäme, daß seine Gedanken abschweiften, daß — redete er, verzweifelt wahrnehmend, wie Huber Therese unablässig anblickte, und wie sie ihre Augen in seinen spielen ließ — daß er, wenigstens er, nicht hätte folgen können.
„Doch ist’s nicht schön,“ sagte Therese, in diesem Augenblick ihn ansehend mit einem Ausdruck bittender Demut, der ihn rätselhaft erschütterte, — „ist’s denn nicht schön, mein Freund, des Herzens Überfluß zu sehen?“ Und, sich mit den Schultern windend, als spüre sie Schmerz oder Druck, eine Bewegung, die ihr in den letzten Monaten zur Gewohnheit geworden war, fuhr sie fort, abgerissen, verlegen sprechend: „Das Herz, — ach, nur das Herz einmal reden zu hören, George, — ein Herz zu sehen, golden, feurig — ist das nicht besser, als Kunst?“
„Aber ich rede wie ein Kind,“ sagte sie, plötzlich sehr gefaßt, stand auf und füllte die Tassen neu, — „hören Sie nicht auf mich, Huber, hören Sie auf George, — er — weiß viel besser, was not tut.“