Der Professor Wedekind, sein Glas in der Rechten, die blauen Augen in dem angenehm geröteten viereckigen Gesicht schiefgeneigten Hauptes und schwimmenden Blickes empor zu dem neuen Kronleuchter erhoben, schloß seine Tischrede: „… und da denn wir Hannoveraner und anderen Ausländer, Protestanten und anderen Ketzer, Kosmopoliten und Freigeister hier unter uns sind — ich bitte denjenigen um Verzeihung, der sich nicht zu uns zählt …“ Die alte Frau Wedekind, Madame Mère genannt, wiegte mit vorgeschobenen Lippen den hochtoupierten Kopf, machte tadelnd kleine Schnalztöne und rollte die Augen nach seitwärts zu ihrem Nachbarn, dem Professor Dorsch hin, — allein Monsieur l’Abbé schien durchaus nicht anders als angenehm berührt, saß zierlich aufgestützt da, meckerte ein wenig und spielte mit Brotkügelchen, — „da wir denn heut zum erstenmal allhier versammelt sind, wo unser großer Freund und Welteneroberer nun hoffentlich die bleibende Statt gefunden, so bitte ich die geneigte Tafelrunde einzustimmen in meinen Ruf: diese Herberge der Musen, dieser Hort der Aufklärung, — das Haus Forster vivat hoch!“

Die Gläser klangen aneinander. Wedekind, der seiner Nachbarin Therese am oberen Ende der kleinen ovalen Tafel die Hand geküßt hatte, kam nun auf halbem Wege George entgegen und ward in heller Rührung umarmt.

„Freunde, ihr wißt, daß ich mit einer schweren Zunge geschlagen bin,“ redete George, über seinen Teller gebeugt und den Fuß seines Glases drehend, als die Bewegung begeisterter Zustimmung sich gelegt hatte, „ihr seht es mir deswegen auch nach, wenn ich nicht in geziemender Ansprache danke. Aber sagen muß ich es, daß ich, — ich und mein liebes Weib, — daß wir nun nach dem ersten Jahr in Mainz das Gefühl einer Heimat in uns keimen fühlen, und mich dünkt, das liegt weniger an der Gunst des Ortes als an den freundlichen Herzen, die wir uns hier bereitet fanden. Ein stilles Glas der Freundschaft!“

Er suchte Hubers Augen, während er trank, allein Huber, in ein kicherndes Geschwätz der Forkelin verflochten, blickte nicht herüber und George fand sich alsbald ein wenig beschämt von Sömmerrings treuem Hundeblick, in dem ein stiller Vorwurf zu stehen schien. „For ever!“ rief er halblaut über den Tisch, lächelte und nickte.

„Man sollte dem Herrn Geheimenrat eine schwere Zunge gar nicht glauben!“ lispelte die kleine Madame Dieze an seiner Linken und sah demütig zu ihm auf.

George, ihr zugewandt und versichernd, freilich sei es an dem und auf dem Katheder versagten ihm gar die Worte den Gehorsam, indessen, wenn er das eine oder andere Gläschen Liebfrauenmilch getrunken habe, wie soeben …

„Ei, so würd’ ich mir an des Herrn Geheimenrats Stelle des öfteren ein Gläschen Liebfrauenmilch verschreiben! Der selige Dieze nannte das medizinieren …“

George unter solchem Geplänkel der alten Dame dachte, daß die geblümte Tapete, daß die neuen punktierten Mullgardinen samt den zwei schmalen façettierten Pfeilerspiegeln und dem kleinen Kristallkronleuchter diesem Zimmer wahrlich einen Anstrich festlicher Vornehmheit verliehen, — dachte: „Therese sieht heut abend so bleich …“ dachte, die englische Mahagonistanduhr will immer noch nicht wieder schlagen, sie muß auf der Reise gelitten haben, sie muß einen andern Platz bekommen, — dachte in irgendeinem Zusammenhang: „Unsinn, Spener wird den Vorschuß schon abgesandt haben …“ und wieder: „Therese sieht heut abend so bleich …“

„Kann ich dir etwas besorgen, meine Liebe?“ rief er, sich halb erhebend, denn er bemerkte plötzlich, daß sie suchend umhersah. Aber da stand schon Huber neben ihr, empfing lächelnd einen geflüsterten Wunsch, glitt hinaus, kehrte wieder, verbeugte sich von seinem Platz aus ein wenig, bekam ein dankbares Lächeln, — die Marie erschien, brachte der Frau Rätin das Schnupftuch, das hastig benützt wurde, — oh, darum handelte es sich! — Huber bekam einen zweiten lächelnden Blick und er, George, nun auch ein Nicken, das Tüchlein verschwand im Brustausschnitt … George nahm ein paar Schlucke, dachte erschöpft: „Sömmerring trinkt zu viel, er ist schon ganz traurig geworden,“ und fühlte seinen Geist plötzlich belebt wie von einem Sporenstich durch einen Satz über Paris, den Dorsch da unten sprach. Paris, — o, freilich wohl, Paris!

„Geht es Ihnen auch so, Freund, daß Sie meinen, leichter atmen zu können, seit die Spannung dort oben sich entladen hat?“