„Sie haben mich wieder einmal so gründlich mißverstanden!“ Huber geriet in sanfte Erregung.
„Sie meinen, das wären keine Pfaffen? Oh, mein Freund! Ihnen fehlen da Einblicke! Das sind die Pfaffen in der Potenz!“
Mitten auf dem Fruchtmarkt blieb Huber stehen und rief mit einer beschwörenden Bewegung: „Hören Sie mich an! Lassen Sie es mich noch einmal auseinandersetzen!“
„Die Herren müssen gestatten, daß ich mich verabschiede! Ich habe Dienst.“ Hofmann schwenkte den Hut und steuerte mit großzügiger Eindeutigkeit auf ein kleines Kaffeehaus im Schatten des Domes zu. Huber redete leidenschaftlich: „Ich sprach davon, daß wir in Tagen des gestörten Gleichgewichtes leben, des gestörten Gleichgewichtes zwischen Macht und Masse. Zwischen diesen beiden Schalen der Wage hat der Geist den Ausschlag zu geben, und wir, wir freien Männer vom Geist sind es, die ebensowohl die Rechte des Volkes gegen die Machthabenden, als jene Macht der Regierenden und der Kirche gegen die unverständigen Anläufe des Pöbels in Schutz nehmen müßten …“
„Jawohl, — und Sie sprachen vom Zauber der Kirche. Fabelei, mein Lieber!“
„Lassen wir diesen Punkt. Immer, wo Macht und Masse einander glücklich und gleichmäßig durchdrangen, hat der Geist vermittelt. Es gab solche Zeiten. Ihr Niederschlag liegt in den Werken der Künste vor uns und zeugt von dem gesunden Verhältnis der Volksschichten untereinander. Ich wüßte nicht, wo das besser zu observieren wäre, als in einer Stadt wie Mainz!“
Er ließ seinen schwärmerischen Blick von dem zierlichen Tempelbau der Domprobstei zärtlich hinüberschweifen zum Dom, der rötlich angestrahlt von der sinkenden Sonne war. Sie gingen weiter. Forster, nachdem er für eine Minute die Universitätsbuchhandlung am Speisemarkt betreten hatte, fand beim Herauskommen den Freund gleichsam mit neugeschwellter Brust und bebend wie ein ungeduldiges Roß vor, seufzte ein wenig und ergab sich in die Rolle des Zuhörers. Vorüber an den Gemüse- und Blumenständen des Marktes gingen sie durch die Schuster- und Quintinsgasse zum Brand, unter den grauen und rötlichen Häusern mit den geschweiften Giebeln hin. Über den geschnitzten, messingbeschlagenen Haustüren flammten durchbohrte Herzen, glühten in Nischen hinter schmiedeeiserner Vergitterung rubinrot die Geheimnisse der ewigen Lämpchen. Goldene Heilige von aufgeregter Inbrunst rangen an den Eckhäusern in der Höhe des ersten Stockwerks Beterhände unter kleinen Schutzdächern, — da war am Brand die Maria, überschattet von der Taube des Heiligen Geistes, hingebend wie eine Leda, und doch anders, schmerzlicher, — Gottvater von oben sah so ruhevoll zu. George dachte fremd: „Dies alles ließe sich beschreiben etwa wie die Szenerie einer Südseeinsel“ und — „Wie, wenn ich nun Bilder aus den Niederlanden, aus England und Frankreich so schriebe, als stellte ich in Europa unerhörte Dinge dar, nie erblickte Wunder, — wir haben das Sehen verlernt, das ist wahr!“ und hörte währenddem Huber begeistert reden:
„Auf diesem Boden haben alle Volksschichten die Denkmäler ihres schönen und gesunden Einvernehmens hinterlassen, — in Kürze gesagt: hier hat das Volk als Begriff einer höchsten Einheit sich wundervoll und allseitig manifestiert. Fürsten und Geistlichkeit, — oder drücken wir es so aus: fürstliche Geistlichkeit, es mag seine Vorzüge haben, wenn diese beiden zusammenfallen, — Adel und Bürgertum haben in ihren Palästen und Wohnhäusern, in Kirchen und Zunfthallen, in den schönen Toren und Brunnen, in der geistvollen Anlage der Festungswerke die auf lange Zeit hinausredenden Zeugnisse für ein heiteres In- und Miteinanderwirken niedergelegt. Dies alles ist freilich Vergangenheit …“
„Sie meinen also ungefähr, es sei ein chemischer Prozeß im Gange, der die Elemente von Macht, Masse und Geist voneinander schiede und sie isolierte …“
„So daß der heutige Zustand das vergebliche Bemühen der drei Faktoren bezeichnet, sich neu zu durchdringen, — und die Irrwege des Geistes, der fortwährend Verbindungen eingeht, die das Gleichgewicht, anstatt es wieder herzustellen, nur noch mehr stören. So meine ich es!“